Mein Mann ist zum Angeln gefahren, während ich meine beste Freundin besuche

Der Ehemann war zum Angeln gefahren. Die Ehefrau zur Freundin.

Als Johanna in der Küche verschwand, lag plötzlich diese seltsame, dichte Stille im Wohnzimmer. Sogar die Musik aus dem kleinen Lautsprecher wurde leiser und glitt wie Nebel davon. Karla spürte, wie die Luft schwer wurde, als würde die Zeit klebrig und dicht zwischen den Fenstern hängen.

Moritz beugte sich zu ihr. Nicht hastig gelassen, überlegt, beinahe traumwandlerisch. So wie jemand, der seine eigene Stärke kennt und jedem Atemzug ein Gewicht gibt.

Du bist ganz anders als die Frauen, die ich sonst fotografiere, flüsterte er.

Karla zuckte zusammen.
Wie meinst du das?, fragte sie, angestrengt neutral.

Er lächelte, und es war ein stilles, ernstes Lächeln.
In dir steckt so viel Stille. Aber es ist keine Leere. Es ist… ein Warten. Wie vor einem Sommergewitter.

Ihre Finger schlossen sich fester um den dünnen Stiel ihres Weinglases.
Sie reden, als würden Sie mich kennen, sagte sie leise.

Fotografen wissen immer mehr, als man glaubt, erwiderte Moritz ruhig. Wir sehen das, was andere verstecken. Manchmal sogar vor sich selbst.

Karla wandte sich ab. Etwas bitter Schmerzendes vibrierte in ihr. Sie dachte an Simon an sein beständiges, sicheres Lächeln. Wie er sie jahrelang angesehen hatte… und doch nicht wirklich sah. Wie Möbel. Praktisch, verlässlich.

Karla!, rief Johannas Stimme aus der Küche. Komm mal, ich hab was zum Nachtisch gefunden!

Viel zu schnell sprang Karla auf und verschüttete beinahe etwas von ihrem Spätburgunder.
Ich komme!, rief sie, zu eilig.

Und trotzdem spürte sie Moritz Blick nicht aufdringlich oder klebrig. Sondern ruhig. Wartend.

Am Esstisch klatschte Johanna plötzlich in die Hände:
Lasst uns spielen! Einfaches Spiel. Jeder antwortet ehrlich auf eine Frage.

Karla wurde unsicher.
Johanna, lass das

Doch!, rief sie fröhlich. Du fängst an, Karla!

Ich? Karla fühlte, wie sich Ärger in ihr regte. Was denn für eine Frage?

Johanna blinzelte ihr zu.
Bist du glücklich verheiratet?

Es wurde still. Sogar Moritz hörte auf zu lächeln.

Karla öffnete den Mund doch das gewohnte, bequeme Ja blieb wie ein Klumpen stecken.

Leere Abende. Sein Angeln. Sein müdes später. Seine Abwesenheit sogar, wenn er da war.

Ich…, sie schluckte. Ich habe mich daran gewöhnt.

Johanna sah sie aufmerksam an.
Moritz noch aufmerksamer.

Gewohnheit ist kein Glück, murmelte er.

Du hast kein Recht, zu urteilen, schnappte Karla, und bereute ihre Schärfe gleich.

Moritz nickte. Es stimmt. Entschuldigung.

Doch etwas war gesagt. Und es blieb zwischen ihnen.

Nachts fand Karla lange keinen Schlaf im fremden Gästezimmer. Das Haus von Johanna ächzte, atmete. Schritte, irgendwo hinter den Wänden. Dann nur Stille.

Plötzlich ein leises Klopfen an der Tür.

Karla…, Moritz Stimme war kaum hörbar. Ich muss mit Ihnen reden. Es ist wichtig.

Sie saß auf der Bettkante, ihre Fäuste fest im Daunendeck hänzend. Verstand und Herz waren wie aufgespalten.
Mach nicht auf! rief der Verstand.
Doch das Herz hatte längst einen Schritt gemacht.

Karla stand auf, drehte den Griff.

Sie wusste nicht, dass dies der erste Riss war in dem Leben, das sie für festgefügt hielt.

Die Tür öffnete sich lautlos. Barfuß, im dünnen Nachthemd stand sie auf der Schwelle, spürte ihr Herz rasen, als sei es viel zu groß. Moritz trat ein ohne Jacke, mit zerzaustem Haar, als hätte er ewig gezögert, ehe er anklopfte.

Wenn Sie wollen, dass ich gehe, gehe ich. Seine Stimme war sanft. Ich will Sie nicht ängstigen.

Karla schwieg. Dann trat sie zur Seite und ließ ihn eintreten.

Die Schatten machten alles unwirklich, als geschehe all dies in einem Traum, der von draußen durch die Fensterscheibe dringt.

Warum sind Sie gekommen?, fragte sie und verschränkte die Arme.

Moritz blieb an der Tür.
Sie haben heute nicht die Wahrheit gesagt.

Ich muss niemandem die Wahrheit sagen, schoss sie zurück.

Doch sich selbst schon, antwortete er leise. Als Johanna fragte… Sie sagten nicht, Sie wären glücklich. Und das war ehrlicher als jedes Ja.

Karla wandte sich ab.
Sie wissen ja nichts von meinem Leben.

Ich kenne Einsamkeit, sagte er leise. Sie sieht genauso aus.

Die Worte waren wie ein Schlag. Karla setzte sich auf die Bettkante, fühlte die jahrealte Erschöpfung in ihren Gliedern aufsteigen.

Simon und ich sind zweiundzwanzig Jahre zusammen. Er ist gut. Verlässlich. Hat mich nie angeschrien, mich nie verlassen jedenfalls nicht so, dass ich es wüsste.

Und Sie?, fragte Moritz vorsichtig.

Karla lachte schmerzlich. Ich bin Hintergrund. Angewohnheit. Bequemlichkeit. Er fährt weg und atmet durch. Ich bleibe und löse mich auf.

Schweigen breitete sich aus.

Ich will Ihr Leben nicht zerstören, sagte Moritz schließlich. Aber ich muss ehrlich sein. Sie haben in mir etwas ausgelöst. Sofort. Und wenn ich jetzt wortlos gehe dann belüge ich mich selbst.

Karla sah ihn an. Und wenn Sie bleiben, ist das Verrat.

Manchmal ist Verrat, weiterhin so zu leben, als wäre man gar nicht mehr da, antwortete Moritz.

Er trat näher. Ohne sie zu berühren. Nur ein halber Schritt blieb zwischen ihnen. Karla spürte seine Wärme, seinen Atem.

Tun Sie nichts, raunte sie. Bleiben Sie einfach.

Er setzte sich neben sie aufs Bett. Ihre Schultern berührten sich. Diese winzige Geste ließ ihre Augen brennen. Wie lange hatte sie so eine Berührung nicht gespürt?

Ich habe Angst, flüsterte sie.

Ich auch, gestand er.

Sie schloss die Augen. Ein Bild von Simon mit Angelrute, mit gewohnter Miene. Und daneben: eine Leere.

Langsam legte sie den Kopf an Moritz Schulter.
Das war ein winziger Moment, und doch gab es kein Zurück mehr.

In dieser Nacht geschah nichts Verbotenes.
Aber etwas viel Gefährlicheres das Erkennen.

Am Morgen, viel zu früh für einen Sonntag, klingelte das Handy. Karla zuckte zusammen. Simons Name auf dem Display.

Karla? Seine Stimme klang ungewohnt angespannt. Ich komme heute zurück. Das Angeln… war nichts.

Sie setzte sich auf. In ihr wurde es kalt.
Ist etwas passiert?

Ich weiß nicht, kam seine knappe Antwort. Ich will einfach… nach Hause.

Sie blieb lange sitzen, Gedanken hingen wie Nebel. Moritz Worte schwebten durch ihren Kopf. Manchmal ist Verrat, so zu tun, als ob man nicht existiert.

In der Küche wartete schon Johanna mit einer Tasse Kaffee.

Er kommt zurück?, fragte sie leise.

Karla nickte. Heute.

Johanna seufzte.
Und du?

Ich weiß es nicht, gestand Karla. Aber zum ersten Mal will ich ehrlich sein.

Moritz fuhr früh. Kein Drama, kein Versprechen. Nur ein Blick, bevor er ging:
Was auch immer du entscheidest tu es nicht aus Angst.

Die Wohnung empfing Karla mit dieser bekannten Stille. Alles wie immer die Pantoffeln am Türrahmen, das Hochzeitsfoto, die Wolldecke auf dem Sofa. Simon kam abends, wirkte noch älter als vorher.

Du bist anders, sagte er. Ist etwas passiert?

Karla zog langsam den Mantel aus.
Ja, antwortete sie. Etwas ist passiert.

Er wurde blass.
Bist du krank?

Nein. Ich bin wach geworden.

Sie setzten sich einander gegenüber. Der Tisch: eine Grenze.

Simon, sag die Wahrheit. Bist du glücklich mit mir?

Er grübelte viel zu lang.
Uns gehts doch gut, Karla. Es ist ruhig. Verlässlich.

Karla nickte. Genau das. Es ist ruhig. Aber ich kann so nicht mehr.

Er starrte sie an.
Hast du jemand anderen kennengelernt?

Sie log nicht.
Ja. Aber zwischen uns war nichts. Ich habe nur zum ersten Mal wieder gespürt, dass ich lebe.

Simon stand auf.
Also wars das? Zweiundzwanzig Jahre, einfach vorbei?

Karla erhob sich auch.
Nein. Es ist nicht vorbei. Es ist nur die Wahrheit, die wir zu lange verleugnet haben.

Er blickte sie verloren an, wie ein Kind.
Ich dachte, das reicht dir

Für mich reicht es nicht, sagte sie leise. Vielleicht hat es nie gereicht.

Sie redeten lange. Schrien, schwiegen, erinnerten sich. Am Morgen ging Simon wortlos ins Schlafzimmer. Karla blieb in der Küche.

Eine Woche später zog er aus. Ohne Drama, ohne Hass. Nur mit müder Traurigkeit.

Ein Monat verging. Karla änderte ihre Frisur, schrieb sich zu einem Malkurs an, ging öfter raus. Moritz schrieb selten. Kein Drängen, keine Ungeduld.

Eines Tages rief sie ihn an.
Ich habe mich für mich entschieden, sagte sie. Ich weiß nicht, was kommt. Aber ich will nicht mehr nur halb leben.

Er lächelte sie hörte es am Tonfall.
Dann lass uns ein ehrliches Bild machen. Ohne Filter.

Karla schloss die Augen.
Zum ersten Mal seit Langem ohne Angst.

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Homy
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Mein Mann ist zum Angeln gefahren, während ich meine beste Freundin besuche
Du kannst ihn nicht retten