Du kannst ihn nicht retten

Du kannst ihn nicht retten

Auch Lena erblickte Sebastian, allerdings nur aus der Ferne. Er schlenderte durch die Straßen von Freiburg, etwas gebeugt, was ihr seltsam vorkam. Seine Schönheit war unverändert dieselben markanten Züge, die gleiche Statur , doch von Glück war nichts zu sehen. Weder in seinem Gang noch in seinem Gesicht, noch in seinem Blick, den er scheinbar teilnahmslos durch die Stadt schweifen ließ.

Lena dachte, er sei unglücklich. Oder vielleicht wünschte sie es sich zu sehr. Unglücklich mit seiner Frau, die ihn nicht liebte.

Sie rief ihn nicht. Sie blieb stehen, bis er hinter einer Straßenecke verschwunden war, und erst dann ließ sie langsam die Luft aus den Lungen, als hätte sie zu lange den Atem angehalten.

Zurück in Hamburg war Lena beherrscht, kühl, fast streng. Sie stürzte sich in die Arbeit so wie nur diejenigen es können, die zu viel Ungesagtes in sich tragen. Nachtdienste, Spitalgänge, Leid der anderen all das übertünchte sie selbst.

Jahre vergingen.

Lena promovierte, wurde Oberärztin der Station. Die Kollegen schätzten ihre Konsequenz und ihr Wissen, die Patienten lobten ihre ruhige, konzentrierte Art.

Verheiratet war sie nie. Darüber wurde irgendwann nicht mehr gesprochen es wurde einfach hingenommen. Sie war fünfunddreißig, oft als alte Jungfer bezeichnet, aber seltsam das Wort tat ihr längst nicht mehr weh.

An einem dieser Tage führte sie wie gewohnt den Stationsrundgang mit den Assistenzärzten durch, routiniert, Fallgeschichten zeichnete sie fast automatisch auf. In einem der Zimmer hielt Lena schon beim Betreten kurz inne.

Auf dem Bett saß ein Mann. Sehr mager, eingefallene Wangen, gelbliche, trockene Haut, die Hände dünn und durchscheinend. Die Krankheit hatte alles Überflüssige fortgefegt, übrig blieb nur das Gerüst.

Lena sah ihn an und für einen Moment geriet ihre Welt ins Schwanken. Wie sie stehenblieb, war ihr selbst ein Rätsel.

Sie hätte Sebastian aus tausend anderen wiedererkannt, gleich, wie er aussah. Es war er ihre Liebe, ihre Hoffnung, ihr Schmerz. Sebastian Kohl.

Zunächst brachte sie keinen Schritt vorwärts. Sie presste die Patientenmappe fester an sich, spürte tief in ihrem Inneren einen sehr alten, leisen Schmerz auflodern.

Lena ließ sich nichts anmerken. Das hatte sie nach all den Jahren gelernt. Keine Unsicherheit, kein Flackern in der Stimme.

Sachlich fragte sie die Stationsärztin, sichtete Details wie immer.

Sebastian blickte sie so an, als sei sie eine vollkommen Fremde. Oder erkannte er sie wirklich nicht?

Das war seltsamerweise das, was am meisten schmerzte.

Er hat mich nicht erkannt, begriff Lena leise und erstaunt gekränkt. Nicht einmal erinnert.

Sie beendete den Rundgang, wie jeden anderen, nickte knapp, sprach zwei neutrale Worte zu den Kollegen und verließ das Zimmer, ohne sich umzudrehen. Im Korridor nur ein minimales Innehalten, kaum merklich verlangsamte sie den Schritt.

Erst im eigenen Büro, als die Tür abgeschlossen war, sackte sie an der Wand zu Boden. Sie weinte nicht Tränen gehörten zu einem anderen Leben. Sie hatte längst verlernt zu weinen. Es fühlte sich an, als habe eine alte, schwere Last sich auf ihre Brust gelegt.

Da war er! Ihre Liebe. Hier, jetzt. Krank. Schwer krank…

Und sie Ärztin wusste so viel besser als andere, was das bedeutet.

Sie kannte die Zeichen die Haut, die Atmung, den klammernden Griff an die Bettkante. Nun, in der Stille, war es unausweichlich.

Lena setzte sich an den Schreibtisch und schlug seine Akte auf. Fakten: Anamnese, Zahlen, Laborwerte, Aufnahmen, Daten. Seit letztem Jahr krank das stand da schwarz auf weiß. Untersuchungen erstreckten sich von da an, offenbar hatte er lange gewartet. Typisch: Arztbesuche immer hinauszögernd. Oder war es etwas anderes?

Sie las und begriff mit schmerzhafter Klarheit: Sie kannte diesen Menschen ein Leben lang aber gebraucht hat er sie nie.

Und jetzt? Jetzt war er ihr Patient. Jetzt brauchte er sie. Und in dieser Erkenntnis lag etwas gnadenlos Schlüssiges.

Lena bat ihn direkt nach dem Rundgang ins Büro. Sebastian kam langsam, beinahe leihweise nahm er jeden Schritt. Abgemagert, Schultern gesunken, Bewegungen vorsichtig so, als horche er auf jedes Zeichen seines Körpers.

Und Lena spürte mit kalter Angst: Das ist das Ende. Kein irgendwann mehr, sondern bald. Vielleicht in wenigen Wochen.

Sie kam sofort zum Punkt.

Sebastian, sagte sie ruhig, du hast mich nicht erkannt. Ich bin es Lena Schneider.

Er sah sie prüfend an, ohne große Regung. Kein Aufatmen, kein Staunen.

Lena…? Schneider…? Bist du das?, erwiderte er leise, als sei es eine vertraute Tatsache. Was machst du denn hier? Hier ist doch… gefährlich.

Selbst wenn vor ihm eine Filmdiva gesessen hätte, hätte er kaum anders reagiert. Ihm fehlte schon die Kraft zur Verwunderung. Er ließ sich ins Besucherstuhl fallen.

Sie sprachen schließlich doch nicht wie alte Klassenkameraden, sondern wie Ärztin und einer, dem das Fürchten fast schon ausgetrieben war.

Lena erklärte sachlich die Behandlungsmöglichkeiten neue Therapien, Medikamente, Chancen. Kein Wunder versprochen, stattdessen Arbeit, Geduld, Disziplin. Zeit.

Du brauchst stärkere Ernährung, Sebastian, sagte sie, und ihr Ton wurde zum ersten Mal etwas weicher. Fleisch, Fisch, Quark, Eier, Öl, Gemüse und Obst. Marie soll dir das bringen. Das ist wichtig. Warum hast du dich in solchen Zustand gebracht? Bei einer Körpergröße von eins zweiundachtzig nur neunundvierzig Kilo.

Er senkte den Blick, schwieg lange dann kam es leise, fast entschuldigend:

Das bringt doch nichts mehr, Lena.

Sie wurde aufmerksam.

Wieso denn? Was bringt nichts?

Sein Schulterzucken war erschöpft.

Marie ist gleich zu ihren Eltern, als sie von meiner Krankheit erfuhr. Die Kinder mitgenommen. Sie hatte Angst… Ich bin schon lange allein.

Die Worte lagen schwer im Raum, aber ohne Bitterkeit. Nur eine Tatsache. Er sprach sie sogar entschuldigend aus.

Lena saß ihm gegenüber und spürte, wie in ihr etwas langsam, ganz leise zerbrach kein lauter Riss, eher das Versagen einer alten, überlebten Saite.

Jetzt war alles unwiderruflich klar und furchteinflößend.

Sebastian verließ das Büro, schloss vorsichtig. Er ging zurück aufs Zimmer, Lena blieb zurück zwischen Papierbergen, Aufnahmen, Krankenakten, die plötzlich völlig an Bedeutung verloren.

Die schwere Zeit traf sie sofort. Erinnerungen überschwemmten sie: der Mai in der Altmark, der Schulhof, der Abiball, Sebastians nicht für sie bestimmter Blick und wie sie all die Jahre gelernt hatte, damit zu leben: würdevoll, nie klagend, ohne Aufbegehren. Sie hatte geglaubt, längst hinweg zu sein, die Liebe sei verblasst zu etwas Fernem, wie ein altes Foto. Aber es war nicht so.

Die Liebe flammte neu auf nicht mehr naiv, sondern erwachsen, schwer, ernst. Sie forderte nun kein verwegenes Handeln, sondern Haltung. Lena erkannte glasklar: Sie durfte jetzt nicht gleichgültig sein. Nicht als Ärztin, nicht als Frau, die nur einen Mann ihr Leben lang geliebt hatte. Ihn, der sie nun brauchte.

Sie entschied ruhig, fast nüchtern, wie sie alle wichtigen Entscheidungen ihres Lebens getroffen hatte: Sie würde alles tun, um ihn zu retten, ihr Wissen, ihre Erfahrung, ihre Kontakte nutzen. Beharrlich, aufmerksam, streng, wenn nötig unbequem. Berechtigte Hoffnung gab es: Die meisten Patienten auf ihrer Station wurden gesund, die schlechten Prognosen waren selten. Die Statistiken waren für sie diesmal nicht bloß Zahlen, sondern das Einzige, woran sie sich festhalten konnte.

Lena klappte die Akte zu, ordnete die Unterlagen und ließ schließlich zum ersten Mal seit Jahren einen Gedanken zu, nicht als Ärztin, sondern als Frau: Ich lasse dich nicht gehen. Nicht jetzt. Nicht so.

Es gibt Menschen, die können wir nicht retten. Doch das Beste, was wir tun können, ist, ihnen beizustehen mit allem, was wir sind. Darin liegt wahre Stärke und gelebte Liebe.

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Homy
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