Rache zum Abbezahlen – Ein Plan auf Raten

Rache auf Raten

Gertrud Schneider war schon immer für ihren unbändigen Wissensdurst berüchtigt. Sie liebte es, alles über jeden zu wissen, und ließ keine Gelegenheit aus, neueste Klatschgeschichten zu erhaschen. Diesmal weckte Theresa, die gerade ihre Wohnung verließ, ihr Interesse. Ohne Zeit zu verlieren, näherte sich die ältere Dame ihr mit gespielt besorgter Miene:

Na, Theresa, habt ihr euch mit Dirk gestritten?

Theresa musste sich sichtlich zusammenreißen, um nicht genervt aufzustöhnen. Sie wusste längst, dass Gertrud Schneider nicht lockerließ, bevor sie wenigstens ein winziges Stück Information bekommen hatte. Also zwang sie sich zu einem freundlichen Gesichtsausdruck und erwiderte sanft:

Ach, wie kommen Sie denn darauf, Frau Schneider? Währenddessen dachte sie: Hoffentlich verzieht sie sich bald! Gedanklich schiebe ich sie wieder in ihre Wohnung und verriegele die Tür von außen. Es gibt kein Entkommen vor ihr!

Sie versuchte, ihre Gereiztheit nicht zu zeigen, und erwiderte mit übertrieben nettem Lächeln:

Uns geht es bestens. Wir überlegen sogar, bald die Verlobung offiziell zu machen.

Gertrud hob erstaunt die Brauen, in ihrer Stimme klang ein süffisanter Unterton mit:

Tatsächlich? Merkwürdig. Als bei mir und meinem Heinz alles gut war, ist er jedenfalls nicht mit all seinen Sachen ausgezogen.

Theresas Magen zog sich zusammen. Sie ahnte, worauf die Nachbarin hinauswollte, aber sie hatte nicht vor, ihr neues Futter für ihren Tratsch zu liefern. Nach kurzer Pause antwortete sie ruhig:

Sie müssen das falsch verstanden haben. Dirk hat wohl nur den Keller ausgeräumt da hat sich so viel Kram angesammelt.

Theresa hatte es fast auf die nächste Etage geschafft, als Gertruds Stimme sie erneut erreichte. Die alte Dame gab nicht so leicht auf in ihren Augen funkelte eine derartige Schadenfreude, als hätte sie gerade ein Ass auf der Hand, das sie nun zu spielen gedenkt.

Ja klar, säuselte Gertrud nun höhnisch. Den Sperrmüll fährt man ja auch immer im Koffer und lädt ihn ins Auto. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können.

Theresa hielt auf der Treppenstufe inne, umklammerte den Griff ihrer Tasche, drehte sich aber nicht um. Sie wusste: Zeigt sie auch nur eine Spur von Ärger, fühlt sich die Nachbarin als Siegerin. Sie atmete tief durch, zwang sich zu einem betont ruhigen Gesichtsausdruck und wandte sich schließlich mit gespieltem Achselzucken um:

Sie machen es einem aber auch nicht leicht, Frau Schneider, konterte Theresa, während in ihr die Wut kochte. Ohne auf Antwort zu warten, stieg sie weiter und beschloss, sich in keine müßige Diskussion zu verwickeln. Auf Wiedersehen.

Doch so einfach gab Gertrud Schneider nicht auf. Ihre Stimme, laut und durchdringend, holte Theresa schon an der Wohnungstür ein:

Lauf nur, Mädel! schallte es hinter ihr her, offensichtlich genoss Gertrud jedes Wort. Zu spät ist es trotzdem! Den Dirk hat keine Taxe abgeholt, sondern eine schicke Blondine im BMW. Ehrlich gesagt an deren Stelle würdest du bei ihm wahrscheinlich auch alles verlieren.

Theresa schloss kurz die Augen, die Schlüssel in der Hand fest umklammert. Nicht reagieren! Jeder Kommentar und das Gerede würde noch eine halbe Stunde dauern und das Letzte, was sie jetzt wollte, war der Nachbarin neues Futter zu geben. Also riss sie sich zusammen, öffnete rasch die Wohnungstür und verschwand nach drinnen, die Tür fest hinter sich ins Schloss ziehend.

Theresa bemühte sich, die Worte von Gertrud Schneider zu ignorieren. In ihrem Kopf tauchte immer wieder die gleiche Frage auf: Was so einer einsamen alten Frau nicht alles einfällt. Vielleicht hat sie einen ZDF-Serienmarathon hinter sich und weiß schon gar nicht mehr, was Wirklichkeit ist und was nicht. Sie erinnerte sich, wie Gertrud immer alles bemerkte, an den kleinsten Details festhielt und dann direkt eine komplette Geschichte daraus strickte.

Dirk würde nie einfach so abhauen, beruhigte sich Theresa. Er liebt mich. Wir hatten gemeinsame Pläne oder nicht? Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in ihr aus, aber sie schob die düsteren Gedanken resolut beiseite. Ach Quatsch, alles nur Gerede. Wir wollten doch unsere Zukunft aufbauen

Es war ruhig in der Wohnung, doch schon in der nächsten Sekunde wurde diese Stille auf die schönste Weise unterbrochen. Wie ein weißer Schneesturm schoss Miezi, Theresas flauschige Katze, um die Ecke und stürmte lautstark auf sie zu, grün blitzende Augen und vor Aufregung zitternder Schwanz.

Miezi! rief Theresa und lächelte liebevoll, als sie die Katze hochnahm. Diese schmiegte sich sofort an ihre Besitzerin, schnurrend und neugierig mit der Nase am Kinn reibend. Hast du Hunger, meine Süße? Hat dir niemand dein Futter hingestellt?

Zärtlich fuhr Theresa ihr durch das weiche Fell und spürte, wie die Anspannung langsam wich. Miezi maunzte ungeduldig in Richtung Küche, sodass Theresa lachen musste.

Ach, jammer nicht, mein Schatz, meinte sie liebevoll und steuerte gleich zum Futterschrank. Dirk muss sich was anhören, wenn er zurückkommt. Aber jetzt wird erstmal gefüttert und dann sehen wir nach, was eigentlich los ist.

Sie setzte Miezi ab und füllte frischen Napf auf. Die Katze stürzte sich mit großem Appetit darauf und schaute zwischendurch immer wieder zu Theresa auf, vielleicht um zu prüfen, dass ihr Frauchen wirklich noch da war. Theresa hockte sich daneben und fühlte sich auf einmal wesentlich leichter. In Miezi Gegenwart erschienen ihr auch die schlimmsten Gedanken plötzlich halb so bedrohlich.

Aber da war noch diese Unruhe. Dirk hatte sich immer um die Katze gekümmert selbst wenn sie ihn manchmal nervte, vergaß er nie, ihr Futter zu geben. Manchmal füllte er den Napf sogar etwas zu voll, weil er wusste, dass hungrige Miezi nicht lockerließ.

Theresa erinnerte sich genau: Kaum kam Dirk nach Hause, schlich Miezi um seine Beine, forderte lautstark Aufmerksamkeit und insbesondere ihr Futter. Wenn sie zu lange warten musste, verwandelte sie sich in ein kleines Biest dann wurden die schwarzen Jeans in weißes Fell gehüllt, die Hausschuhe umdekoriert oder, schlimmer noch, Dirks Unterarme zerkratzt. Er lachte zwar immer darüber, aber er versuchte stets, Miezi so etwas zu ersparen.

Doch heute war alles anders. Warum hat Dirk Miezi nicht gefüttert? fragte sich Theresa. Das hat er noch nie vergessen Wieder tauchten die Worte der Nachbarin auf, und Theresa beschloss, der Sache direkt auf den Grund zu gehen.

Langsam ging sie ins Schlafzimmer und öffnete den Kleiderschrank. Ihr Herz verkrampfte sich. Regale und Stangen, sonst gut mit Dirks Sachen belegt, waren so gut wie leer. Ein paar vereinzelte Hemden hingen noch einsam an Bügeln ansonsten gähnte Leere. Theresa strich über die leeren Bügel, als könne sie die Wahrheit so abwenden. Doch die Realität war eindeutig: Die Sachen waren weg.

Ihrem Kopf schoss ein einziger Gedanke: Die Nachbarin hatte Recht. Sie schloss langsam die Schranktür und lehnte sich dagegen. Die Wohnung wirkte auf einmal fremd und bedrohlich leise. Miezi schlich satt und zufrieden zu ihr, rieb ihr Köpfchen ans Bein und schnurrte beruhigend. Doch Theresa nahm das kaum wahr ihre Gedanken kreisten nur noch um eine Frage: Wohin ist Dirk verschwunden? Und was bedeutet das alles?

Genau in diesem Moment ertönte ein Nachrichtenton am Handy. Das Geräusch war in der ungewohnten Stille fast schmerzhaft laut. Zögernd griff Theresa zum Smartphone. Display: Liebling.

Mit zitternden Fingern öffnete sie die Nachricht ein einziger Satz, der ihr den Boden unter den Füßen wegriss:

Du gehst mir nur noch auf die Nerven. Für uns ist es vorbei.

Theresa erstarrte, als hätte jemand die Zeit angehalten. Da war keine klare Gedanken mehr nur ein dröhnendes Nichts und immer wieder dieser eine Satz. Ihre Finger umklammerten das Handy, sie flüsterte fast tonlos ins Leere:

Man hätte es wenigstens persönlich sagen können

Ihre Beine fühlten sich plötzlich wie Watte an, sie sackte auf die Couch, das Handy fiel auf ein Kissen. In diesem Moment kam Miezi angesprintet, sprang mit eleganter Leichtigkeit aufs Sofa und kuschelte sich energisch auf Theresas Schoß. Mit einem energischen Stupser forderte sie, gestreichelt zu werden nach dem Motto: Jetzt bin ich dran!

Ein bitteres Lächeln huschte über Theresas Gesicht da waren Tränen, aber auch ein Hauch von Trost in Miezis Nähe. Sie hielt die Katze fest an sich, das Gesicht im weichen Fell vergraben. Normalerweise mochte Miezi das eigentlich nicht und sträubte sich sofort, doch diesmal blieb sie ruhig, schnurrte und schmiegte sich dichter, als wüsste sie, dass ihr Frauchen gerade Trost brauchte.

Theresa strich ihr sanft über das Fell, und mit jedem Schnurren spürte sie, wie die Kälte in ihr ein klitzekleines bisschen wärmer wurde. Die Tränen kamen nun doch, aber Theresa ließ sie zu. Sie hielt ihre Katze fest im Arm und wisperte leise:

Und was machen wir jetzt, Miezi?

Die Katze schnurrte bloß, als wollte sie sagen: Ich bin da. Es wird schon alles gut.

**********************

Ein Jahr später.

Theresa sitzt im Wohnzimmer, in warme Decke gehüllt. Vor ihr dampft eine Tasse Kräutertee, auf ihrem Schoß ruht ein aufgeschlagenes Buch ein Versuch, sich von der Stille des Abends abzulenken, die ihr in letzter Zeit oft aufs Gemüt schlägt. Die Wanduhr zeigt Punkt elf Uhr. Normalerweise wäre sie um diese Zeit bereits im Bett morgen ist schließlich Arbeit und das Aufstehen fällt nicht leicht.

Gerade da schrillt plötzlich das Telefon. Der Ton reißt sie unsanft aus ihren Gedanken. Missmutig blickt sie zum Handy auf dem kleinen Tisch.

Wer kann das denn jetzt sein? fragt sie sich. Um diese Zeit ruft doch kein Mensch mehr an.

Doch es klingelt immer weiter. Kurze, unnachgiebige Töne, die keinerlei Rücksicht auf Anstand nehmen. Theresa spürt, wie in ihr Ärger hochkocht jemand hat ganz offenbar keinen Respekt vor anderen und deren Ruhezeiten.

Na gut, ich geh ran, murmelt sie und greift zum Handy. Vielleicht ist es ja doch etwas Wichtiges

Rasch nimmt sie ab und sagt kühl:

Hallo?

Theresa, hi! Lange nicht mehr gehört, klingt es aus dem Hörer.

Für einen Moment bleibt ihr Herz stehen, dann rast es. Diese Stimme. Dirk. Derjenige, der sie vor einem Jahr aus ihrem Leben radiert hat, ohne Erklärung, ohne Abschied, nur mit einer SMS.

Sie ballt die Faust um das Handy, kämpft gegen die Emotionen an. Gedanken schießen durch ihren Kopf: Wieso meldet er sich? Was will er? Warum gerade jetzt? Doch sie fragt nur zurückhaltend:

Was willst du?

Ihre Stimme klingt nüchtern, distanziert so hat sie es geübt, ein ganzes Jahr lang. Die alte Wut, der Schmerz, all die Fassungslosigkeit alles scheint wieder da, als hätte die Zeit nichts gebracht. Aber nach außen zeigt sich nichts davon.

Was willst du von mir? fragt sie noch einmal, ohne Gefühlsregung. Keine Schwäche, keine alte Zuneigung. Nur kühle Höflichkeit.

Eine Pause am anderen Ende, als ob Dirk nach Worten sucht, einen einstudierten Text im Kopf. Dann klingt seine Stimme weich, leicht schuldbewusst, und es zieht Theresa innerlich zusammen:

Weißt du, ich hab viel nachgedacht Ich war damals echt daneben. Ich will mich nicht rausreden, aber es gab große Probleme wollte dich da nicht mit reinziehen. Dramatische Pause. Er wartet, dass Theresa nachhakt, dass sie sich sorgt. Nichts kommt, also spricht er weiter: Und ich hab dich nie aufgehört zu lieben. Inzwischen ist alles wieder gut und ich wünschte, wir könnten von vorne anfangen.

Theresa schloss die Augen und ein bitteres Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Probleme Sie wusste nur zu gut, welche Probleme ihn damals zum Verschwinden brachten. Es waren keine existenziellen Krisen es war schlicht der Drang, jemanden Besseren zu finden: Sie hatte ihn damals zufällig mit einer anderen Frau in einem feinen Restaurant gesehen, hübsch, elegant, perfekt gestylt. Dirk hatte schuldbewusst weggeblickt, als sie vorbeiging.

Theresa wollte das nicht ansprechen nein, sie wollte ihn nicht wissen lassen, wie viel sie eigentlich wusste. Stattdessen fragte sie nachdenklich:

Bist du eigentlich sicher, dass ich immer noch alleine bin?

Ihre Stimme war ruhig, fast gleichgültig aber in ihr brodelten die Gedanken. Sie stellte sich vor, wie Dirk jetzt vor dem Telefon zögert, über ihre Worte nachdenkt. Und ob ihm bewusst wird, dass sie vielleicht einen anderen hat, dass er vielleicht zu spät dran ist?

Sie ließ sich Zeit, genoss die Stille, in der zum ersten Mal die Macht nicht bei ihm lag. Damals war er einfach ohne Gespräch gegangen, jetzt meldet er sich, redet von Liebe und Bereuen

Du liebst mich doch auch, du bist doch mit keinem anderen zusammen! Dirk sprach so überzeugt, dass Theresa beinahe lachen musste. Seine Worte sollten wie eine Tatsache klingen, als hielte er es für ausgeschlossen, dass sich irgendetwas geändert haben könnte in diesem Jahr.

Was für ein Selbstvertrauen, entgegnete Theresa sarkastisch und war schon bereit, aufzulegen und das Kapitel endlich endgültig zu schließen. Doch plötzlich hatte sie eine Idee spontan, aber warm, fast befreiend.

Sie zögerte dann klangen ihre Worte geschäftsmäßig:

Weißt du was, wir können nochmal ganz von vorne anfangen.

Dirk schwieg, als könne er seinen Ohren nicht trauen, dann stieß er aufgeregt hervor:

Wirklich? Du willst es versuchen?

Theresa blinzelte aus dem Fenster in die dunkle Nacht, Stimme nun ganz sachlich:

Aber diesmal richtig: Restaurantbesuche, Blumen, Geschenke alles so, wie es sein sollte. Ich will sicher sein, dass es dir ernst ist. Und wenn in einem Monat alles passt, können wir gern zusammenziehen. Okay?

Kurze Stille. Theresa spürte förmlich, wie Dirk abwägt ob sich die Mühe lohnt, ob er überhaupt wirklich bereit ist. Er schluckte, dann antwortete er hastig:

Klar! Du wirst schon sehen, ich werde dich glücklich machen!

Sein Ton war so begeistert, dass Theresa schmunzeln musste.

Mal sehen, dachte sie, wie lange er das durchhält. Spätestens nach einem Monat hat er ohnehin die Nase voll.

Natürlich hatte sie nicht vor, ihm wirklich eine zweite Chance zu geben. Es war ein Test ein Abschluss, eine Klarstellung, ein letzter Akt, um das Kapitel endgültig zu beenden. Danach gäbe es keine offenen Fragen mehr, kein Was wäre, wenn.

Gut, sagte sie mit ruhiger Stimme, treffen wir uns morgen um sieben, dort, wo wir unser erstes Date hatten. Erinnerst du dich?

Ja, natürlich! Ich bin pünktlich. Und Theresa, du glaubst nicht, wie sehr ich mich freue

Sie brach ab, legte auf und atmete tief durch. Wieder herrschte Ruhe in der Wohnung diesmal war diese Stille jedoch nicht bedrückend, sondern stärkend. Zum ersten Mal seit langem lächelte sie echt, überzeugend. Morgen beginnt das letzte Kapitel dieser Geschichte und diesmal ist sie nicht mehr das Opfer, sondern die, die alles in der Hand hält.

*************************

Dirk gab sich alle Mühe, perfekt zu wirken. Jeden Tag zwang er sich zu Aktivitäten, die er sonst belächelt hatte. Er kaufte teure Blumensträuße, reservierte Tische in angesagten Restaurants, hörte Theresas endlose Gespräch über Bilder bei Ausstellungseröffnungen artig zu. Innerlich schüttelte er zwar oft den Kopf, wenn sie wieder Theater- oder Parkbesuche vorschlug, aber er lächelte tapfer und stimmte allem zu.

Es ist ja nur ein Monat, versprach er sich selbst immer wieder. Dann ist wieder alles beim Alten.

Das Geld zerrann ihm dabei förmlich durch die Finger. Dirk rechnete die Ausgaben im Kopf zusammen und verzog das Gesicht: das ging ganz schön ins Geld. Aber er redete sich ein: Das ist eine Investition in die Zukunft sie soll merken, dass er heute ein anderer ist, dass er wirklich ernst machen will. Danach würde er sich schon etwas einfallen lassen, um langsam das Ganze wieder zu beenden.

Er ertrug ihre Vorlieben, ihre Eigenarten, ihre Planungen für die Zukunft all das nahm er in Kauf, während er innerlich gegen die Wände lief.

Wie lange will sie noch über Vorhänge reden? fragte er sich, während Theresa wieder tapfer Dekokataloge durchblätterte. Als würde es wirklich ernst werden mit uns beiden.

Aber er sagte nur freundlich: Natürlich, lass uns die schönsten aussuchen.

Und so kam schließlich der Monat an sein Ende. Heute das letzte Treffen vor dem offiziellen Zusammenziehen. Dirk blickte auf der Kalender, den heutigen Tag hatte er mit rotem Filzstift eingerahmt. Er spürte ein seltsames Gemisch aus Erleichterung und Unruhe. Einerseits erleichtert: Bald kann er entspannen, wieder er selbst sein. Andererseits: Was ist, wenn Theresa Verdacht geschöpft hat?

Er hatte auf diesen Tag gewartet nicht aus Liebe, eher aus Bequemlichkeit. Keine Lust mehr auf das ganze Theater, auf die Show, alles nur, weil ihm sein Single-Leben irgendwann auch zu stressig wurde. Nach ein paar Monaten würde er weitersehen aber nicht mit Theresa, sondern vielleicht mit einem besseren Fang.

Mal ein wenig zusammenwohnen, dachte er, während er seinen Schlips band, aber nur, bis ich Besseres gefunden habe. Lange halte ich die Theresa eh nicht mehr aus.

Er schaute auf die Uhr: Zeit, loszugehen. In der Jackentasche steckte ein kleiner Samtbeutel mit einem Ring. Natürlich kein echter Verlobungsring ein Modeschmuck fürs Drama.

Ich mache auf große Gefühle, malte er sich aus. Sie wird weich, plant Hochzeit, und ich halte die Augen offen.

Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel, ein Griff durch die Haare und ab ins Treppenhaus. Heute ändert sich alles

********************

Dirk sitzt am Tisch im kleinen Café, da, wo sie vor einem Monat ihren Neustart vereinbart hatten. Er ist extra früh gekommen, extra einen Tisch am Fenster gewählt, damit er Theresa sofort sehen kann. In der Hand der Samtbeutel für den Schein-Verlobungsring, daneben auf dem Stuhl ein riesiger Rosenstrauß für den maximalen Effekt.

Doch die Minuten ziehen sich. Theresa ist längst überfällig. Dirk wird zunehmend ungeduldig und schaut immer wieder zur Tür.

Was ist da los? grummelt er innerlich. Sie wollte doch unbedingt dieses Treffen

Er greift zum Handy, wählt ihre Nummer. Wieder nur Freizeichen, niemand antwortet. Er schreibt eine Nachricht, dann noch eine keine Reaktion.

Erst nach einer halben Stunde vibrat sein Handy: eine Nachricht. Hastig öffnet er sie, hofft zumindest auf eine Ausrede, aber liest nur:

Du hast mich enttäuscht. Du bist nicht mehr der Dirk, der du einmal warst. Leb wohl.

Dirk kocht vor Wut eine heiße, blendende Welle. Ohne zu überlegen, schleudert er das Handy auf den Marmorboden, der Bildschirm splittert. Er springt auf, packt den Blumenstrauß und stopft ihn mit einem heftigen Ruck in den nächstgelegenen Abfalleimer. Die Rosen, eben noch prächtig, hängen gedemütigt zwischen Pappbechern und Zeitungen.

Wie kann sie es wagen?! schreit er laut gar nicht merkend, dass die Leute ringsum ihn anstarren. Aber das ist ihm egal. Er hatte alles geplant, wochenlang investiert und jetzt wirft Theresa alles hin, lässt ihn stehen, ohne eine einzige Gelegenheit sich zu erklären.

Währenddessen stand Theresa ein paar Meter entfernt hinter einem alten Kastanienbaum und beobachtete alles: wie Dirk nervös auf die Uhr blickt, wie er sie anruft, wie er in Rage Blumen und Handy wegwirft. Sie lächelte nicht hämisch, sondern erleichtert.

Der letzte Monat hatte ihr viel klargemacht. Am Anfang wollte sie wirklich nur testen, wie ernst es ihm ist. Doch schnell merkte sie, dass die alten Lügen weiterliefen: sein aufgesetztes Lächeln, genervtes Augenrollen bei allem, das ihr wichtig war. Gestern Abend hatte sie ihn dabei belauscht, wie er mit einem Freund telefonierte und aus seinen Worten war sonnenklar: das alles war nur Übergang, ein Spiel, bis etwas Besseres kommt.

Das tat weh doch gleichzeitig war da endlich Gewissheit. Sie wollte nicht mehr der Ersatz sein. Ihr war klar: Ihre Zeit ist ihr zu schade für jemanden, der ihr Herz nicht verdient.

So beschloss sie, Dirk die gleiche Lektion zu erteilen, die er ihr vor einem Jahr erteilt hatte: warten lassen, hoffen lassen und dann eiskalt den Boden unter den Füßen wegreißen.

Als Dirk schließlich wütend das Café verlässt, fühlt Theresa keinen triumphierenden Zorn. Nur Erleichterung ein Kapitel ist abgeschlossen.

Man sagt nicht umsonst: Rache ist ein kaltes Gericht, denkt sie, als sie sich langsam von dem Baum abwendet. Jetzt beginnt für sie ein neues Leben ohne Lügen, ohne Trug und vor allem ohne jemanden, der gar nicht weiß, was er an ihr hatte.

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Homy
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