DIE BRAUT

BRAUT
Ich, Johannes, habe eines Abends erlebt, wie mein Verlobter mit verzerrtem, wutverzerrtem Gesicht unsere kleine Dackeldame Marlies schlug nur weil sie aus Versehen mit ihrer schmutzigen Pfote auf seine weißen Sneaker getreten ist. Blitze wollte dazwischengehen, doch bekam prompt einen Schlag mit der schweren Lederleine ab. Erst in diesem Moment wurde mir endgültig klar, warum meine Katzen und Hunde Frederik überhaupt nicht ausstehen.

Nachdenklich saß ich am Fenster meines Apartments in Hamburg. Es war ein kalter Winterabend, die Lichter brannten in den Fenstern der umliegenden Häuser, doch mir war egal, ob es draußen hell oder dunkel war. Ich hatte genug, worüber ich nachgrübeln musste.

Eigentlich hatte ich alles: eine schöne Wohnung, einen guten Job als Notfallsanitäter in einer Hamburger Klinik und doch wollte es mit der Liebe einfach nicht klappen. Die Zeit schien gegen mich zu arbeiten, alle Freunde aus der Schulzeit waren längst verheiratet und hatten Familien gegründet, nur ich blieb allein zurück.

Musste ich ein gar nicht so unattraktiver und recht kluger Kerl wirklich den Rest meines Lebens als Junggeselle verbringen? Was fehlte mir eigentlich? Immer wieder schaute ich auf meine felligen Freunde, die sich um mich scharten ihre Blicke voller Zuneigung. Wohl niemand in meinem Umfeld konnte mich so verstehen wie meine Tiere.

Meine Eltern waren früh verstorben, nach und nach, und so landete ich bei meiner Oma auf dem Land. Dort entschied ich mich, etwas Sinnhaftes zu tun: Ich wollte unbedingt Arzt werden. Nach dem Abi bewarb ich mich an der Charité, doch der Numerus Clausus war unerbittlich. So verdingte ich mich zunächst als Rettungssanitäter, arbeite heute im Schichtdienst, rund um die Uhr.

Meine Oma, die mich vergötterte, zog sich schon vor Jahren ins Elternhaus im Alten Land zurück, damit ich in Hamburg meine eigenen Wege gehen konnte. Doch das Glück in der Liebe blieb aus.

Schon als Kind träumte ich von einem Hund und einer Katze. Damals bei meinen Eltern war das undenkbar, denn meine Mutter hatte eine schwere Tierhaarallergie. Ich weiß es noch wie gestern: Da brachte ich strahlend einen Fundkater heim, schon am selben Tag erlitt meine Mutter einen schlimmen Asthmaanfall. Der Kater Moses zog dann zu Oma aufs Land.

Als meine Eltern nicht mehr da waren, fand ich am Müllcontainer einen verhungerten Kater, Ludwig. Um einen Hund kämpfte ich monatelang, doch Oma wollte keine Verantwortung für einen Welpen übernehmen.

Heute habe ich statt einer festen Partnerschaft fünf treue Haustiere. Ohne sie, da bin ich sicher, hätte mein Leben keinen Halt. Mischlingshündin Blitze fand ich als frierendes, verlaustes Bündel vor dem Edeka. Immer wieder wurde sie von mürrischen Türstehern des Ladens verscheucht, bis ich sie, eiskalt und bibbernd, in meine Tasche steckte und mitnahm.

Sie war energiegeladen und wild, weshalb sie schnell zu Blitze wurde. Mit Ludwig verstand sie sich auf Anhieb.

Doch das Schicksal bescherte mir bald noch mehr Tiere. Die kleine Dackeldame Marlies zurückgelassen von Nachbarn, die in eine neue Wohnung mit Parkett zogen Hauptsache, der Hund machte keine Flecken auf den neuen Boden. Im tiefsten Winter stand sie nun schluchzend vorm Haus, wo ich sie dann aufnahm und langsam gesund pflegte.

Marlies hatte es mit den Ohren also bekam sie im Winter stets Omas besticktes Wolltuch umgebunden. Sie stolzierte darin mit ihrem gewissenhaften, ernsten Dackelblick umher, wie eine feine, kleine alte Dame.

Die Katze Frau Doktor tauchte eines Morgens im Hausflur auf. Noch vor Dienstbeginn hörte ich jämmerliches Miauen, da rollte ein klitschnasses, tiefgefrorenes und hungriges Wollknäuel direkt vor meine Schuhe. Ich ließ sie ins Warme, gab ihr belegte Brote mit Käse und Salami und schrieb einen Zettel an die Hauswand: Bitte, die Katze nicht rauswerfen! Ich hole sie nach Schichtende ab Grüße, Johannes aus Whg 12.

Zuhause taufte ich sie spontan auf den Namen Frau Doktor, zu meinem eigenen Erstaunen hörte sie direkt darauf. Sie war groß, resolut und setzte sofort neue Hygieneregeln im Haushalt fest der Rest der Bande gehorchte auf Pfotenschnips.

Das jüngste Teammitglied war der kleine, zurückhaltende Kater Max, den ich im Schanzenpark vor zwei Krähen rettete. Er blieb stets freundlich zu allen und schien einfach nur glücklich, ein sicheres Zuhause zu haben.

Alle fünf Marlies, Blitze, Ludwig, Frau Doktor und Max lebten friedlich zusammen, achteten aufeinander und waren der Sinn meines Lebens geworden. Doch ich wusste, dass nicht jeder Beziehungskandidat diese Minifamilie akzeptieren würde. Auch meine Oma warnte mich mit einem leisen Seufzen:

Ach Johannes, überleg doch, das sind zwei Hunde und drei Katzen Das ist nicht für jeden was! Die jungen Frauen heute wollen keine Umstände.

Dann ist sie eben nicht die Richtige für mich, Oma.

Genauso kam es. Meine erste Beziehung mit Katharina ging nach sechs Monaten in die Brüche Tiere waren ihr ein Graus. Darüber war ich ehrlich gesagt nicht sehr traurig.

Dann kam Frederik in mein Leben: der perfekte Schwiegersohn-Typ, sportlich, charmant, sogar Landesmeister im Schwimmen. Anfangs, als alles noch frisch war, half er mir manchmal sogar beim Spaziergang mit Blitze und Marlies. Doch nach und nach begannen die Tiere, ihm aus dem Weg zu gehen; Blitze knurrte offen, Marlies versteckte sich bei mir, und die Katzen hielten Abstand. Frau Doktor fauchte, wenn er zu nahekam.

Eines Tages sah ich gerade aus der Küche auf den Balkon getreten wie dieser vermeintlich freundliche Frederik mit bösem Gesicht Marlies trat, weil sie seine Schuhe beschmutzt hatte. Blitze stürzte dazwischen und wurde brutal mit der Leine geschlagen.

Ich stürmte hinaus, entriss ihm die Leinen und schlug sie ihm auf seine Hand. Da verstand ich, warum meine Tiere ihn mit Argwohn behandelten.

Aua, Johannes! Spinnst du?!

Ach, das tut weh? Und meinen Tieren nicht? Wie kannst du es wagen, sie zu schlagen? Wer schlägt Tiere, schlägt auch Menschen!

Ach, die hopsen halt überall rum Sollens lernen!

Verschwinde. Und komm nie wieder.

Gute Idee. Ich will eh nicht in diesem Zoo leben, grölte er und verließ lachend den Hof.

Wochenlang gingen mir seine Worte nicht aus dem Kopf. Wieder einmal war ich gescheitert und ich musste mir eingestehen, dass ich ihn nie richtig gekannt hatte, mich von oberflächlicher Freundlichkeit hatte täuschen lassen.

Ein Jahr verging. Ich war drauf und dran, das Alleinsein zu akzeptieren. Da begegnete ich, eher zufällig, Dr. Alexander Jäger, einem stillen Orthopäden mit trockenem Humor. Wir lernten uns bei einem Nachteinsatz kennen, brachten einen Unfallpatienten in die Klinik, und bei einem gemeinsamen Kaffee nach der Schicht spürte ich etwas, das ich immer für Unsinn gehalten hatte: Liebe auf den ersten Blick.

Es dauerte nicht lange, bis Alexander meine Nummer auftat und mich am nächsten Abend anrief. Wir gingen aus, redeten viel, lachten viel weniger doch zwischen uns war sofort Vertrautheit. Ich ließ ihn in mein Herz, war aber zugleich vorsichtig. Sollte ich ihm wirklich von meinen tierischen Mitbewohnern erzählen?

Halbes Jahr verging, ich lernte seine Schwester Claudia und deren Mann kennen, wir fuhren in die Rhön zu Alexanders Eltern. Doch er war nie bei mir zuhause gewesen. Meine Ausreden angeblich kranke Verwandte, renovierende Nachbarn begannen langsam auffällig zu werden.

Schließlich entschied ich: Ich bringe alle Tiere vorübergehend zu Oma aufs Land. Die kannte sie eh, und sie würden es mir nicht übelnehmen. Oma war wenig begeistert:

Johannes, du kannst eine Beziehung nicht auf Lügen aufbauen.

Oma, ich halte das sonst nicht aus. Ich liebe ihn so sehr aber ohne meine Tiere wäre ich auch unglücklich.

Na gut, aber dann komm jeden Tag vorbei.

So schlich ich jeden Tag hinaus zu meiner Bande. Alexander stellte keine weiteren Fragen. Bald machte er mir einen Antrag, steckte einen schlichten Silberring mit kleinem Amethyst an meinen Finger.

Ich bin leider nicht reich an Mitgift, witzelte ich.

Die Hochzeitsvorbereitungen begannen; der Stress nahm zu. Nach einem langen Dienst mussten Alexander und ich noch Gästelisten durchgehen, das Menü im Restaurant abstimmen und mein Hochzeitsoutfit aussuchen. Nachmittags saßen wir endlich im Wohnzimmer, tranken Kaffee, als Alexander den Müll rausbringen wollte und Katzenfutterverpackungen entdeckte.

Woher kommen die denn?

Ach das erzähle ich dir später, wich ich aus.

In dem Moment lies Oma aus Versehen beim Einlass des Postboten kurz Haustür und Gartentor offen und ehe sie sich versah, waren Blitze, Marlies, Frau Doktor, Ludwig und Max in den Schnee entwischt. Komischerweise versammelten sie sich kurz am Straßenrand und trabten dann zielbewusst Richtung meiner Wohnung.

Passanten staunten nicht schlecht, als das tierische Quintett geschlossen die Fußgängerampel überquerte. Blitze vorneweg, Marlies im Tuch daneben, ganz hinten tapste Frau Doktor aufmerksam hinterdrein.

Plötzlich hörte Alexander Kratzen und wildes Bellen und Miauen an der Tür da standen sie, meine Bande, naiv, voller Liebe, pitschnass vom Schnee im Hausflur.

Was ist denn das für eine Mannschaft?

Ich ließ mich, beschämt und mit Tränen in den Augen, auf die Schuhbank fallen.

Johannes sind das ALLE DEINE?

Ja sie waren nur ein paar Tage bei Oma.

Blitze und Marlies bellten Alexander an, Frau Doktor fauchte beleidigt.

Eben hast du noch gesagt, du hast keine Mitgift mitgebracht, lächelte Alexander schief, nahm seine Jacke, ging wortlos hinaus, setzte sich ins Auto und fuhr davon.

Verzweifelt drückte ich meine Fellfreunde an mich, voller Schuldgefühle. Offenbar würde es keine Hochzeit geben ich hatte etwas zu verbergen versucht, was ich hätte offenbaren müssen. Noch nie hatte ich mich so elend gefühlt.

Stunden später klingelte es. Alexander stand grinsend an der Tür voll bepackt mit Säcken hochwertigstem Tierfutter. Er stellte alles ab, sagte Bin gleich zurück, und kehrte dann Überraschung! mit einer eigenen kleinen Dackeldame im roten Mantel zurück.

Das ist meine Nika. Und das ist Mira, meine Katze sie wohnten bei Claudia. Nehmen wir die beiden in eure Truppe auf?

Heute, Jahre später, sitzen Alexandra und ich oft zusammen auf dem Sofa umringt von Katzen und Hunden und einer zufriedenen Oma und können über alles lachen. Ich weiß jetzt: Wer mich liebt, liebt auch meine Tiere. Und das ist ein Geschenk, das mehr wert ist als jede Mitgift.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: