Opa ist nicht mehr da
Hannah kam gerade erst von einer weiteren Dienstreise zurück. Sie hatte ihre Schuhe noch nicht ausgezogen, den Koffer nicht ausgepackt, da klingelte schon das Telefon ihre Mutter, Ute Becker.
Ihre Stimme klang aufgeregt, doch ich schenkte dem keine große Beachtung. Vielleicht war ich einfach zu müde.
Hannah, mein Schatz, bist du schon zuhause?
Hallo Mama. Ja, bin endlich angekommen. Hab gerade erst die Wohnung aufgeschlossen. Was gibts denn? Ist etwas passiert?
Es ist gut… Gut, dass du da bist.
Ich spürte sofort, dass meine Mutter etwas sagen wollte, es sich aber nicht traute. Vielleicht wusste sie nicht, wie sie anfangen sollte, oder zögerte aus anderen Gründen.
Bestimmt hat sie wieder den neuesten Tratsch aus der Nachbarschaft, den sie mir unbedingt erzählen will…, dachte ich, wollte aber ehrlich gesagt gerade von nichts hören.
Am liebsten wäre ich einfach ins Bett gefallen, um endlich richtig zu schlafen im Nachtzug hatte ich kaum ein Auge zugemacht.
Im Nachbarabteil war eine Gruppe junger Leute, die den ganzen Abend über Wein getrunken hatten und nach Mitternacht ein richtiges Konzert mit Gitarre veranstalteten.
Und sie sangen auch von mir, sozusagen…
Es standen Birnbaum und Apfelbaum,
Am Flusse Nebel, kühl und stumm.
Dort trat heraus die Hannah,
Vom hohen Ufer, ganz herum…
Hätte ich bessere Laune gehabt, hätte ich wohl geschmunzelt. Aber in diesem Moment dachte ich nur, hoffentlich reißen deren Gitarrensaiten. Taten sie natürlich nicht.
Mama, lass mich kurz ein wenig ausruhen und frisch machen, dann rufe ich dich an und wir reden in Ruhe, ja?
Ich fürchte, das wird nicht möglich sein, seufzte meine Mutter.
Wie meinst du das? Was geht nicht?
Erst jetzt bemerkte ich, wie eigenartig sie klang.
Ruhen wird wohl nichts.
Wieso denn nicht? Ich war doch auf Geschäftsreise, habe ein Recht auf eine Pause. Es kommt niemand vorbei und ich will auch zu niemandem. Oder weiß ich etwas nicht? Du überfällst mich doch hoffentlich nicht plötzlich ohne Meldung?
Hannah, Opa ist nicht mehr…
Mir wurde schlagartig eiskalt. Ich presste das Telefon an mein Ohr, setzte mich langsam auf das Sofa und konnte es kaum glauben.
Seine Nachbarin, Frau Maria Feldmann, hat heute Morgen angerufen. Sie wollte ihm Milch bringen, aber da lag er schon… auf der Türschwelle, das Herz umklammernd, und atmete nicht mehr. Wahrscheinlich lag er da die ganze Nacht. Wir müssen ins Dorf, um Opa zu beerdigen. Die Nachbarn helfen, falls etwas ist. Hörst du mich, Hannah?
Ich war so erschüttert, dass ich kaum etwas sagen konnte. Ein leises Hm brachte ich aber doch hervor.
Frau Feldmann hat die anderen Verwandten informiert, aber die weigerten sich direkt zu kommen. Sie sagten, wenn er ihnen ein Erbe hinterlassen hätte, würden sie es vielleicht überlegen, aber so? Wozu Zeit und Geld verschwenden? Sein altes Haus will eh niemand…, Ute Becker machte eine kurze Pause und sprach dann weiter:
Ehrlich gesagt, ich habe auch keine Lust, ins Dorf zu fahren, zumal er selbst einmal meinte, dass ich seinen Hof nie mehr betreten soll. Auch nicht zur Beerdigung. Und weißt du noch, ich habe es ihm schriftlich zugesagt kein Problem, ich bleibe fort. Bleibt also nur noch du. Du fährst doch nach Bayernhausen, Hannah? Begleitest du den Alten auf seinem letzten Weg?
Meine Mutter schwieg. Ich schwieg auch und blickte zur Kommode, wo Opas Brief lag.
Der letzte Brief, abgeschickt vor einem Monat, laut Poststempel. Ich hatte ihn nicht geschafft abzuholen, da ich wieder einmal dienstlich unterwegs war. Das war nun schon meine dritte Dienstreise in diesem halben Jahr.
Meine Firma hatte gerade eine neue Niederlassung in Frankfurt eröffnet, und ich war die Einzige, die sie ständig schickten. Die anderen hatten entweder gesundheitliche Probleme, kleine Kinder oder sonst was. Nur ich die Sorglose…
Hannah, meine Mutter rief nochmals an. Es wäre doch peinlich, wenn die Nachbarn denken, dass wir Opa völlig vergessen haben. Er war manchmal schwierig, ja. Aber eben ein Mensch. Und du hattest doch immer ein gutes Verhältnis zu ihm. Was sage ich also Frau Feldmann?
Ja, Mama. Natürlich fahre ich. Aber…
Ich stand auf, nahm den Brief von Opa in die Hand, betrachtete ihn und legte ihn wieder ab.
Mama, wie konnte das passieren? Ihm ging es doch gut. Als ich zu Weihnachten da war, sah er fit aus, hat sich nicht beklagt.
Was weiß ich, mein Schatz…, murmelte sie. Er war halt kein Junger mehr. Die meisten Männer erleben nicht mal die Rente, und dein Opa war fast 80. Da darf man nicht klagen. Möge er in Frieden ruhen.
Ich war wie benommen. Ich hatte Opa sehr lieb, wahrscheinlich war ich die Einzige, die noch Kontakt zu ihm hielt. Die übrigen Verwandten sprachen seit Jahren nicht mehr mit ihm, auch meine Mutter nicht.
Mit ihr war das verständlich zwischen ihr und Opa herrschte seit Jahren Kälte. Opa konnte ihr nie verzeihen, dass mein Vater, ihr Mann, so früh gestorben war. Er gab ihr die Schuld daran: Sie hätte ihn mit Insistieren und Arbeit so sehr gedrängt, bis er vorzeitig aus dem Leben schied und, wie sie selber sagte, zu den Männern gehörte, die das Rentenalter nicht erreichen.
Tatsächlich hatte sie ihm früher geraten, den Job zu wechseln und dann immer wieder auf Montage geschickt. Er war ja Lehrer, hätte gemütlich unterrichten können, aber der Hausausbau, ein Wochenendhaus und ein besseres Leben waren ihr wichtiger. So fuhr Papa oft monatelang weg, brachte Geld und Geschenke bis er plötzlich nicht mehr zurückkam. Das Herz gab nach.
Wie Opa auf der Beerdigung geheult hatte… Niemandem wünsche ich, sowas zu sehen. Aber alle konnten sein Leid fühlen denn Eltern sollten ihre Kinder nicht begraben müssen, sagt man nicht umsonst.
Nach dem Begräbnis brach der Kontakt zwischen Opa und meiner Mutter ab.
Bitte sehr, wie du willst!, hatte sie damals gesagt. Und ich bin an gar nichts schuld. Ein Mann muss Geld heimbringen. Für was ist er denn sonst da? Und dass er Herzprobleme hatte, hat er mir nie gesagt.
Ich glaube, Opa musste sich damals schwer beherrschen, ihr kein Holzscheit an den Kopf zu werfen.
Jedenfalls blieb mir der Kontakt zu Opa; wir schrieben uns Briefe. Opa war strikt gegen alles moderne kein Telefon, kein Handy, kein Computer. Briefe oder nichts!
Deshalb hielten ihn viele für sonderbar oder gar nicht ganz knusper. Auch im Dorf tuschelten die Rentnerinnen:
Verrückt geworden, ist doch klar: Erst stirbt die Frau, dann der Sohn. Da kann man schon den Verstand verlieren…
Im letzten Monat seines Lebens war das Dorf ganz sicher, dass Opa langsam verrückt wurde: Er sprach ständig aber nicht mit Nachbarn oder sich selbst. Mit einer Katze.
Klingt harmlos, aber: Niemand hat diese Katze je gesehen.
Nach dem Gespräch mit Mama ließ ich mein Handy aufs Bett fallen, starrte eine Weile ins Leere und weinte schließlich.
Ich wollte Opa diesen Sommer besuchen, doch hatte es wieder nicht geschafft. Erst die eine Dienstreise, dann die nächste. Der Chef war verrückt geworden und auf jede Beschwerde kam nur ein Lächeln:
Rein rechtlich ist das erlaubt, Frau Becker. Und wenn es Ihnen nicht passt, können Sie ja kündigen. Aber finden Sie mal einen Job mit so einem Gehalt!
Das Gehalt war gut, ja. Vielleicht ertrug ich deshalb alles und hoffte, dass diese Reisen irgendwann enden würden und ich mein gewohntes Leben zurückbekäme.
Im Grunde aber störte es mich, wie wenig Rücksicht auf Menschen dort genommen wurde als hätte niemand ein Privatleben oder könnte auch mal einfach müde sein.
*****
Am Friedhof nahm alles seinen Lauf. Nach einer Gedenkminute und dem letzten Nagel im schlichten Sarg ließen die Männer ihn langsam ins Grab. Nur noch ein Klumpen Erde obendrauf, die frischen Blumen, die Kränze Ist das jetzt alles?, ging es mir durch den Kopf. Opa war da und jetzt ist er einfach weg…
Noch stand ein Leichenschmaus an, bei dem sicher viel Korn ausgeschenkt und Reden gehalten wurden.
Wahrscheinlich würde Opa durch diese Erinnerungen irgendwie weiterleben nicht auf seine alte Art, sondern nur noch in den Gedanken und Herzen derjenigen, die ihn kannten.
Als der Schnaps und die Speisen aufgebraucht waren, verabschiedeten sich die Dorfbewohner. Wer nach Hause, wer in den Laden.
Schließlich war ich alleine. So allein wie selten in meinem Leben.
Zu spät… Ich hab ihn nicht mehr gesehen, bevor er für immer fort ist, seufzte ich.
Um mir die Zeit zu vertreiben, machte ich mich ans Werk. Erst alles durchlüften, dann den alten Dielenboden wischen, Staub abwischen, Spinnweben kehren, Reste vom Essen im Kühlschrank verstauen.
Die Luft war wieder klar. Das Haus solide, geräumig und, ja, spartanisch eingerichtet wirkte trotz allem gemütlich.
Abends schaute ich hinaus: Der Garten ordentlich, aber die Beete noch leer. Opa hatte dieses Jahr offenbar nichts mehr gepflanzt. Vielleicht hat er es geahnt? Im Garten blühten Apfelbäume, Johannisbeeren und Himbeeren. Opa hat nie ein Stück Land brach liegen lassen.
Wer kümmert sich jetzt darum?, fragte ich mich.
Ich setzte mich unter den alten Apfelbaum, rief meine Mutter an und erzählte von der Beerdigung.
Gut gemacht, Hannah. Was er auch war, er war ein Mensch.
Ganz normal war er, Mama. Es war nur zu viel Leid in seinem Leben. Und auf dich brauchst du nicht mehr böse sein. Er hat Papa eben geliebt, und da sind ihm manche Worte rausgerutscht.
Lass gut sein, Hannah…, seufzte sie. Ich bin ihm nicht böse. Sag mal, wann kommst du zurück? Morgen? Heute vielleicht? Ist doch unheimlich, ganz allein so?
Nein, ich bleibe noch. Habe im Betrieb frei genommen. Möchte das Landleben bisschen genießen und die Ruhe. Und in neun Tagen ist ja auch nochmal ein Gedenken. Kommst du nicht her?
Ach Kind, ach wo, das ist zu weit. Und außerdem jetzt ist Gartensaison!
Schon klar. Ich wollte dich nur erinnern, dass hier auch Papas Grab ist. Du warst nie dort. Nie, seit wir ihn beerdigten.
Ich wollte ihn in der Stadt beerdigen lassen, aber Opa wollte das nicht. Ach, Hannah, mein Lieblingskrimi fängt an, ich muss los! Ruf an, ja?
Selbst in schwersten Momenten fand meine Mutter einen Grund aufzulegen.
Ich ließ Wasser aus Omas Teedose ziehen Johannisbeer, Minze, Melisse. Trank und ging zu Bett.
Vor dem Einschlafen holte ich Opas Brief aus der Tasche. Ich hatte ihn ja schon gelesen, aber es blieb seltsam.
Normalerweise schrieb Opa von sich doch diesmal erzählte er nur von einer Katze.
Welcher Katze? Opa war nie tierlieb. Hatte nie Tiere gehabt.
Ich las noch einmal:
Stell dir vor, mein Mädel, der Schwarzi liebt tatsächlich Milch! Sie sagen ja, erwachsen Katzen sollten das nicht, aber Schwarzi hat gestern fast einen halben Liter weggeschlabbert. Muss morgen Frau Feldmann nochmal fragen, ob sie Milch bringt. Sie wird sich wundern. Sonst reicht mir doch ein Liter die Woche. Aber jetzt… Ach, sie bekommt ihr Geld, keine Sorge. Schwarzi ist immer hungrig. Nur: Er versteckt sich noch vor mir, hab ihn nur flüchtig gesehen, ein schwarzer Schatten beim Schuppen. Tags, nachts nirgends zu finden. Fühle seinen Blick hinter mir, Katzenblick. Hoffe so sehr, du kommst bald. Vielleicht kannst du ihn einfangen… Oder wir beide zusammen. Ich glaube, Menschen haben ihn sehr enttäuscht, deshalb meidet er sie. Aber: Ich warte auf dich, mein Kind…
Das war nur ein Ausschnitt aus Opas Schilderungen seiner Freundschaft mit Schwarzi.
Aber: Es gab überhaupt keinen Kater. Ich hatte nichts gefunden, keinen Kater im Haus, im Garten, nirgends. Und ich war schon einige Tage da. Einen Kater hätte man doch gesehen…
Gut, diesen beobachtenden Blick hatte ich heute aber tatsächlich gespürt.
Muss Frau Feldmann morgen fragen, was mit diesem Schwarzi ist…
*****
Ich wachte im Morgengrauen auf. Die ersten Sonnenstrahlen schielten durchs Fenster, draußen zwitscherten Spatzen, Hähne krähte aus allen Höfen. Ein ganz normales DorfMorgen.
Ich öffnete das Fenster, betrachtete die Landschaft gewohnt und doch fremd. Erinnerte mich an Kindertage, als ich bei Opa in den Ferien war, wie wir für die Spatzen Nistkästen bauten.
Ich wollte ja Frau Feldmann fragen…
Welcher Kater denn?, wunderte sie sich.
Ich weiß auch nicht…, gestand ich. Schwarzi heißt er. In Opas letztem Brief gings nur um ihn.
Ach so, schlug sie sich an die Stirn. Vor ungefähr einem Monat fing er an, mit irgendeinem Kater zu reden. Ich lief oft vorbei, hab ihn gesehen da redete er und bat ihn, sich zu zeigen. Ich schaute über den Zaun, aber da war niemand. Es wiederholte sich, fast täglich. Er erzählte ihm sein Leben, von seiner Frau und deinem Vater Gott hab sie selig. Immer nannte er ihn Schwarzi. Ich habe nie einen Kater gesehen. Ich komme ja oft vorbei: Mal bring ich Milch, mal Gebäck nie ein Tier gesehen. Wenn ich ihn mal gefangen hab, zeige ich ihn dir, sagte er immer. Ich glaube, Opa ist eben… eigen geworden im Alter. Wenn ein Kater da gewesen wäre, hätte ihn sicher jemand bemerkt, meinst du nicht?
Eigentlich schon… Vielleicht war es doch so, wie er schrieb ein schwer zu fangender Kater. Oder wir wissen irgendetwas nicht. Gab es hier im Dorf schwarze Kater?
Das ist es ja: Keiner hat einen schwarzen Kater! Keine Katze ist verschwunden.
Ich ging zurück in den Garten. Ich begann, alles in Ordnung zu bringen, und dachte unentwegt an den Kater, der im Brief vorkam aber nie zu sehen war.
Schon komisch, wenn er da war, wo ist er jetzt?
Während ich Unkraut jätete, beobachtete mich tatsächlich ein schwarzer Kater.
Er hatte mich längst bemerkt und von allen Menschen, die in letzter Zeit im Hof gewesen waren, zog es ihn am meisten zu mir hin. Da war etwas Vertrautes…
Vielleicht erinnerte ich ihn einfach zu sehr an Opa, der ihm in den letzten Wochen Milch, Wurst und Fleischbällchen gegeben hatte.
Zeigen wollte Sich Schwarzi noch nicht, er beobachtete nur, vorsichtig.
Opa hatte recht: Der Kater fürchtete Menschen und versteckte sich.
Er war einst als Katzenkind geschlagen worden, später warfen Kinder oder Erwachsene mit Stöcken und Steinen nach ihm.
So vagabundierte er von Dorf zu Dorf, in Hoffnung, irgendwo eine Heimat zu finden.
Bei Opa fühlte er sich das erste Mal nicht bedroht. Sein Blick war freundlich, die Stimme angenehm. Er hörte stundenlang zu, wenn Opa ihm sein Herz ausschüttete am Apfelbaum oder bei der Gartenarbeit.
Erst jetzt bedauerte Schwarzi, dass er dem alten Mann nie näher gekommen war. Schon, als er sich das endlich getraut hätte, war es zu spät.
Als Opa starb, spürte Schwarzi sofort den Duft des Todes. Er sprang zur Tür, aber die war zu; zu den Fenstern, aber auch die waren zu. Die Nacht über saß er fröstelnd auf der Stufe und winselte leise.
Nun beobachtete er aber mich, die aus der Stadt kam, und er spürte, dass ich ein gutes Herz hatte wie Opa.
Vielleicht würde ich ihm helfen…
Nur zeigen wollte er sich noch nicht so recht.
Er verlor durch all die schlechten Erfahrungen nicht gern die Vorsicht.
Doch zu den neun Tagen nach der Beerdigung passierte es: Ich bemerkte plötzlich einen schwarzen Kater im Dickicht.
Gerade als die Zeremonie vorbei war, viele Menschen fort waren und ich auf dem Hof stand, sah ich ihn.
Na, du bist also Schwarzi!, rief ich erfreut. Opa hat also doch die Wahrheit geschrieben. Komm, lass dich mal sehen!
Aber kaum bewegte ich mich auf ihn zu, huschte Schwarzi sofort davon und tauchte unter.
Ach, so schüchtern bist du! Mir läuft die Zeit davon… Ich muss doch morgen wieder zurück und du zeigst dich nicht einmal. Hab keine Angst, ich bin ganz harmlos. Ich würde dich gern kennenlernen.
Diesen Monolog hörte Maria Feldmann, die mir gerade ein paar Piroggen mitbrachte. Damit ich wenigstens etwas zum Mitnehmen hätte alles andere hatten die Leute beim Leichenschmaus verputzt.
Sie spähte durchs Gartentor und sah mich aber keinen Kater.
Was ist denn los?, murmelte sie, schnell zurück in ihr Häuschen. Erst der Opa, jetzt sie beide reden sie mit unsichtbaren Katzen. Gibts dafür irgendeine neue Krankheit?!
Am Nachmittag zogen dunkle Wolken auf, es wurde unheimlich still, nur Hühner lärmten noch bei Frau Feldmann, manchmal rollte irgendwo Donner ein Unwetter braute sich zusammen.
Da kommt was, murmelte ich, sah zum Himmel. Ein Sturm, bestimmt.
Und wirklich: Minuten später pfiff Wind, Regen prasselte los. Die ersten Tropfen fielen, kaum hatte ich es gedacht.
Ich rief Schwarzi in den Hausflur, doch er zeigte sich nicht.
In der Zeit saß der Kater in seinem Unterschlupf, eng an die Erde gedrückt, und lauschte den Donnerschlägen. Er hatte Angst. Große Angst sogar mehr als vor Menschen.
*****
Der Regen trommelte auf das Dach, wurde mal schwächer, mal stärker. Inzwischen war es draußen stockfinster, ich lag im Bett, konnte aber nicht einschlafen.
Dann ein mächtiger Donnerschlag!
Ich schoss aus dem Bett, blickte zum Fenster. Nie hatte ich so lauten Donner gehört.
Blitze flackerten vor den Scheiben, warfen weißes Licht ins Zimmer. Die Vorhänge wehten im Wind die Fenster standen offen.
Ich wollte gerade aufstehen, sie zu schließen, da bemerkte ich plötzlich zwei glühende Augen im Fenster.
Oh Gott…, keuchte ich, rutschte zum Kopfende.
Im nächsten Moment kam etwas Schwarzes, Nasses hereingeschossen, raste am Bett vorbei unter den Schrank, dann unter das Bett.
Spätestens jetzt wusste ich: Das war Schwarzi.
Und richtig: Als ich unters Bett lugte, hockte dort ein zitternder, pitschnasser schwarzer Kater. Der aus dem Garten.
Mit viel Geduld lockte ich ihn hervor, rubbelte ihn trocken, nahm ihn mit zu mir ins Bett. Während draußen das Unwetter tobte, wärmten wir uns gegenseitig.
Plötzlich war all der Krawall und Lärm nur noch halb so schlimm.
*****
Morgens weckte mich ein Kratzen jemand wollte die Fenster öffnen.
Natürlich Schwarzi.
Durch die Vorhänge fiel Sonnenlicht, der Regen war vorbei.
Wohin willst du, mein Freund?, fragte ich und lächelte ihn an.
Schwarzi blieb stehen, blickte zurück ein Blick, als würde er sich für die gestrige Schwäche entschuldigen.
Miau, machte er, kratzte an der Scheibe. Er wollte hinaus.
Nicht ohne Frühstück, Schwarzi, erklärte ich. Danach kannst du entscheiden: Bleibst du bei mir oder hier? Ich glaube, Opa wollte, dass ich dich mitnehme. Ich will das auch. Aber du entscheidest.
Nachdem er gefressen hatte, ließ ich ihn raus und begann zu packen. Ein paar Stunden blieben mir noch.
Als ich dann mit Reisetasche aus der Tür trat, saß Schwarzi schon wartend auf der Stufe. Er stand auf, blickte mich an, schmiegte sich um meine Beine.
Keine Frage mehr er wollte mit in die Stadt. Erstens, weil ich ihn nicht gebissen hatte. Zweitens, weil er sich bei mir wohl fühlte. Und dank mir hatte er sich nicht nur vor dem Gewitter überwunden, sondern auch vor den Menschen…
Und jetzt war er es leid, sich immer zu verstecken. Er wollte einfach nur ein ganz normaler Wohnungskater sein.
Bravo, lachte ich. Ich habe es geahnt!
Als Frau Feldmann mich mit Schwarzi im Arm sah (ich brachte ihr den Hausschlüssel), war sie richtig baff.
Wer ist das denn? Der Kater?
Ja, der. Also keine Sorge mit Opa war alles in Ordnung. Der Kater war nur sehr scheu. Menschen mochte er nicht. Das Gewitter war noch schlimmer als Menschen. Aber jetzt gehts ihm gut.
Na ja… Ich hatte wirklich schon Angst, Opa wäre übergeschnappt. Aber es war nur der Kater. Du kommst doch wieder her, oder?
Natürlich. Wir Schwarzi und ich werden wiederkommen. Wie oft, weiß ich nicht, aber wir kommen.
Sehr gut. Nimm noch was mit, sie reichte mir eine Tüte mit Piroggen.
Danke für alles, Frau Feldmann.
Als ich im Bus saß, schaute ich in den Himmel. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, im Wolkenbild Opas Gesicht zu sehen.
Und sogar Schwarzi, der auf meinem Schoß saß, streckte sich zum Fenster und sah zum Himmel.
Sein Blick war freundlich, fast als zwinkerte er uns zu.
Dann fuhr der Bus ab und das Wolkenbild verschwand. Aber selbst wenn wir uns das eingebildet haben: Es spielt keine Rolle.
Denn wir beide wussten, dass Opa nicht einfach verschwunden war. Er lebte weiter in unseren Gedanken, in unseren Herzen. Wo auch immer er jetzt war… Opa hätte sich gefreut, dass ich und sein mysteriöser schwarzer Kater Freundschaft geschlossen haben.





