Vor langer Zeit, in einer der vielen kleinen Städte Deutschlands, wo die Straßen noch von alten Laternen beleuchtet wurden, saßen zwei Freundinnen in einer der gemütlichen Wohnungen, die so typisch waren für die Region. Der Tee in der Kanne war längst kalt geworden, eine bittere, dunkle Masse, während die Brotscheiben auf dem Teller hart waren und der Käse eine wachsartige Kruste trug.
Er hat sich eine neue Stereoanlage gekauft, flüsterte Lena, ohne ihre Haltung zu ändern. Eine teure. Und ich spare von meinem Gehalt für eine neue Waschmaschine, weil unsere heult wie eine Sirene. Er sagte: Du schätzt Investitionen in Kunst nicht. In Kunst, Vera Hörst du?
Die beiden sahen sich seit drei Jahren nur selten Lenas Mann ließ sie kaum allein ausgehen, und er mochte ihre Freundinnen nicht. Doch diesmal hatte er die Hand gegen sie erhoben, und sein Verbot hatte nicht gegolten.
Um ihre Freundin von den düsteren Gedanken abzulenken, schlug Vera vor: Lena, soll ich dir eine alte Liebesgeschichte erzählen? Ich habe einmal wahre Treue gesehen.
Lena nickte teilnahmslos. Erzähl. Aber bitte keine kitschigen Märchen über Prinzen. Mir ist schon schlecht genug.
Vera stand auf, ging zum Herd und drehte die Flamme unter dem Teekessel auf. Das leise Zischen des Gases füllte die Pause.
Keine Prinzen, Liebes, das habe ich selbst miterlebt, lächelte Vera. Es geht nicht einmal um Menschen. Damals arbeitete ich in einem Lager in einem Industriegebiet. Solche Orte, du kennst sie, kommen ohne Wachhunde nicht aus. Einmal wurden uns zwei Welpen zugeschleppt: ein rundlicher, schwarzer Bär namens Bello und ein rostrotes Mädchen Füchsin. Sie wuchsen untrennbar auf. Bello war ein lebhafter Raufbold, Füchsin still, klug, mit Augen wie eine alte Frau, die alles versteht. Alle mochten die Welpen, verwöhnten sie.
Vera machte eine Pause. Als sie sah, dass Lena sie nun ansah wenn auch mit einem abwesenden Blick , fuhr sie fort:
Dann geschah das Unglück. Füchsin geriet unter die Räder eines Lieferwagens. Der Fahrer hatte sie nicht gesehen. Wir dachten, sie würde es nicht überleben, aber Straßenhunde sind zäh. Doch laufen konnte sie nicht mehr richtig, schleppte die Hinterbeine hinterher. Sie verstand alles es brach einem das Herz.
Das arme Ding seufzte Lena.
Aber weißt du was? Vera lächelte. Sie gab nicht auf. Sie wurde unsere beste Wächterin! Kaum betrat ein Fremder das Gelände, schlug sie Alarm mit ihrem schrillen Bellen. Und Bello stürmte mit den anderen dorthin, wohin Füchsin wies. Ein perfektes Team.
Veras Gesicht wurde ernst. Dann wurde Füchsin geschlechtsreif, und bald versammelten sich die Streuner der Gegend. Eine Horde hungriger, frecher Rüden. Sie quälten sie Füchsin konnte nicht fliehen, nicht kämpfen. Sie kroch, winselte, versteckte sich an unseren Beinen. Wir verscheuchten die Rüden, aber sie gaben nicht auf.
Lena erstarrte. Und Bello? Wo war Bello?
Bello Vera seufzte. Er war zunächst verwirrt. Rannte herum, bellte, aber wagte nicht, sich der Meute zu stellen. Instinkte, Gerüche alles verwirrte ihn. Doch dann verschwanden die beiden. Drei Tage später kehrten sie zurück. Und Bello war nicht wiederzuerkennen. Er ging voran, gebückt, das Fell gesträubt, mit einem tiefen Knurren in der Kehle. Füchsin folgte. Wenn sich ein anderer Rüde ihr näherte, wurde Bello zum Orkan. Er stürzte sich mit einer Wut auf sie, als wolle er sie alle zerreißen. Er hatte VERSTANDEN. Dass er sie beschützen musste.
Lenas Finger krümmten sich, Tränen stiegen auf doch diesmal andere.
Wir dachten, das sei das Ende. Welpen? Undenkbar Doch einen Monat später war Füchsin rund. Und Bello, stell dir vor, wich nicht von ihrer Seite. Brachte ihr das beste Futter, leckte sie, schlief neben ihr, den Kopf an ihre Flanke gelegt. So viel Fürsorge, so viel Zärtlichkeit Wir fütterten sie alle besonders, sorgten uns. Vor allem die Frauen.
Vera wandte sich ab, ihre Stimme zitterte. Die Geburt begann an einem heißen Tag. Wir bemerkten es nicht sofort. Bello schlug Alarm. Er heulte nicht. Er stieß einen seltsamen, herzzerreißenden Schrei aus, rannte zwischen unseren Beinen hin und her, biss uns in die Hosenbeine und zerrte uns zu der Stelle, wo Füchsin sich unter der alten Veranda verkrochen hatte. Doch es war zu spät Sie starb konnte nicht gebären.
Das Ticken der Wanduhr hallte laut in der Stille.
Wir wickelten sie in eine alte Jacke begruben sie hinter der Garage. Bello mussten wir im Lager einsperren. Er raste, kratzte an der Tür, heulte Dieses Heulen es verfolgt mich manchmal noch im Traum. Als wir ihn freiließen, durchsuchte er das ganze Gelände, schnüffelte in jeder Ecke Suchte sie. Am Abend war er fort. Er ging und kam nicht zurück.
Vera wischte sich die Augen. Lena saß reglos da, die Hände gefaltet.
Mein Gott flüsterte sie. Das ist Liebe. Und Maxim und ich zwei Fremde, die sich eine Wohnung teilen. Wir bemerken einander kaum. Nur um uns zu streiten. Sonst existieren wir in parallelen Welten.
Vielleicht nur eine Krise? Am Anfang warst du doch so verliebt.
Es war nie gut, Vera. Schon am ersten Tag stritten wir uns um jeden Unsinn. Ich wollte unbedingt heiraten, also schleppte ich Maxim zum Standesamt. Dachte nicht, dass ich alles allein tragen müsste. Jetzt zahle ich den Preis. Gut, ich gehe. Danke.
***
Nach diesem Abend sprachen die Freundinnen monatelang kaum. Arbeit, Pflichten. Und sie hatten sich an die seltenen Treffen gewöhnt. Ab und zu tauchten kurze Nachrichten auf: Hallo, wie gehts? Gut. Und dir? Auch.
Dann, an einem grauen Herbstabend, schrieb Lena: Vera, hast du Lust auf Tee? Ich bringe Kuchen. Zwei Stunden später stand sie in der Tür. Hinter ihr ein großer Mann mit einem ruhigen, etwas schüchternen Gesicht.
Vera, das ist Stefan, stellte Lena vor, und ihre Augen leuchteten wie nie zuvor. Wir heiraten bald.
Vera, verblüfft, ließ sie ein. Beim Tee überzeugte Stefan durch seine stille, sichere Art. Er gab Lena die Tasse, sah sie an und das sagte alles.
Als Stefan auf den Balkon trat, starrte Vera ihre Freundin an.
Und? Wo hast du ihn gefunden? Was ist mit Maxim?
Lena lächelte ihr neues, glückliches Lächeln.
Weißt du, nachdem ich von dir ging, weinte ich den ganzen Weg. Aber nicht wegen Maxim. Wegen Bello und Füchsin. Weil ich die einfache Wahrheit über meine sogenannte Ehe sah, in der mich nie jemand geliebt hat. Ich verdiente Besseres. Treue. Fürsorge. Wenn schon Hunde das können Kurz gesagt, am nächsten Morgen packte ich meine Sachen und ging.
Und Maxim?
Er hat es wohl erst nicht bemerkt, dann war er froh. Auch er wusste längst, dass wir nicht zusammengehörten. Ich suchte niemanden, wollte erst mal allein leben. Stefan traf ich vor dem Gericht. Stolperte buchstäblich über ihn. Ich war nervös, fast in Tränen, und er fragte: Geht es Ihnen gut? Später stellte sich heraus, dass auch er gerade seine Freiheit bekam. Wir redeten gingen Kaffee trinken. Und nun ja. Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. Bald kommt das Baby.
Du bist schnell, Mama, grinste Vera.
Ja, ich selbst bin überrascht. Aber weißt du, mit ihm ist es so schön. Endlich verstehe ich, was es heißt, Teil von etwas Ganzem zu sein. Beschützt. Geliebt. Siehst du das nicht?
Vera betrachtete ihre Freundin, nickte und lächelte durch die aufsteigenden Tränen.




