Ein Traum wird wahr

Ein seltsamer Traum auf der Fahrt

Sonja betrat die U-Bahn in Frankfurt, ließ sich in einen freien Sitz fallen und ließ ihren Blick musternd über die Mitreisenden gleiten so, wie ihre Freundinnen immer sagten, mit dem Blick einer Wölfin. Sonja hatte die Augen geschlossen und fragte sich in einer Mischung aus Neugier und Gleichgültigkeit, warum ihr Blick wohl so bezeichnet wurde.

Was soll das überhaupt heißen, Blick einer Wölfin? Dachte Sonja. Natürlich prüfte sie die Menschen. Irgendwie taten das doch alle. Nur warum Wölfin was, schaute sie etwa irgendwie hungrig oder überheblich, oder einfach nur spöttisch? Ihre Freundinnen hatten es ihr nie erklären können.

Zurückbleiben, bitte. Die Türen schließen gleich…

Sonja öffnete einen Spalt breit die Augen, als wäre sie halb noch in einer anderen Welt und beobachtete, wer zustieg. Dann ließ sie die Lider wieder sinken.

Wie lernen eigentlich Freundinnen im Zug jemanden kennen? Warum sehe ich nie jemanden, der es wert ist?

Sonjas Station wurde angekündigt. Sie stellte ihren inneren Kompass scharf, öffnete die Augen, erhob sich und schritt hinaus. Die Luft roch ein bisschen nach Winter und alten Geschichten.

Draußen am Bahnhofsplatz leuchteten die Laternen eigenartig wie Tautropfen auf fremden Wiesen. Die Bushaltestelle war leer. Wahrscheinlich war der Bus gerade erst weg, dachte Sonja im Gehen und beschloss, zu Fuß den Weg nach Hause anzutreten.

Fräulein, Ihr Schnürsenkel ist offen! holte sie ein Mann so um die vierzig ein, zeigte unbekümmert auf ihre Füße.

Tatsächlich, der Schnürsenkel hing lose. Sonja ging in die Hocke, um ihn zu binden, spürte den Mann neben sich und wusste, gleich würde ein Gespräch beginnen. Kaum stand sie wieder gerade, begann er freundlich zu philosophieren:

Tja, Schnürsenkel… Sind sie offen, stolpert man, sie werden schmutzig, und dann noch der Ärger beim Binden!

Sonja schmunzelte. Wo sollte hier Dreck herkommen, es war trocken und sauber, aber sie sagte höflich: Danke fürs Bescheid sagen.

Sie setzte sich wieder in Bewegung, der Mann an ihrer Seite.

Darf ich Sie ein Stück begleiten? Mein Name ist übrigens Matthias.

Gerne. Ich heiße Sonja.

Sonja wusste, dass aus ihnen nichts werden würde sie hatte eine ganz andere Vorstellung von ihrem Traummann. Aber ihre Freundinnen sagten immer, beim Kennenlernen müsse es kein Feuerwerk geben. Wer weiß, vielleicht überraschte Matthias ja mit Charme.

Sie sprachen über das Wetter, Immobilien und die Preise für Apfelkuchen in der City. Es war ehrlich gesagt langweilig. An einer Ecke verabschiedete sie sich freundlich und bog zu einem Haus ab, dessen Türcode sie kannte.

Danke, Matthias. Ich bin zu Hause.

Könnten wir vielleicht Nummern austauschen, vielleicht trinken wir mal einen Kaffee zusammen?

Sonja notierte ihm tatsächlich ihre echte Nummer. Im Notfall konnte sie ja einfach nicht antworten. Nachdem Matthias gegangen war, wartete sie ein paar Minuten im Hausflur, bevor sie die frische Luft wieder begrüßte und zu ihrer eigenen Wohnung ging.

Daheim erwartete sie ihre Mutter, schon leicht verschwommen hinter einer dampfenden Kanne Tee.

Da ist meine Sonja! Komm rein, zieh dich aus. Wir haben Gäste erinnerst du dich an Tante Brigitte aus dem Chor? Das ist ihr Sohn, Tobias.

Sonja begrüßte Tobias freundlich. Er hatte die sonderbare Aura eines Mannes, der weder zu viel noch zu wenig sagt. Sie versuchte den Blick ihrer Mutter zu erhaschen, doch die schaute bewusst an ihr vorbei.

Tante Brigitte erzählte und schwärmte von ihrem Sohn, während Sonja mit Tee und einem riesigen Stück Schwarzwälder Kirschtorte abgespeist wurde. Tobias schwieg, Sonja spürte, wie sich eine seltsame Stille zwischen ihnen aufbaute.

Endlich sagte sie: Tobias, wollen wir ein bisschen spazieren gehen? Vielleicht haben unsere Mütter was zu bereden.

Gerne!

Draußen auf einer Bank in der wohlig-vertrauten Monotonie eines deutschen Winters versuchte Sonja, ein Gespräch zu führen. Tobias antwortete knapp, stellte keine Gegenfragen. Nach fünfzehn Minuten Stille schlug sie vor, zurückzugehen.

Kaum zurück, verkündete Tante Brigitte: Tobias möchte dich nächsten Samstag um drei Uhr zu einem Date einladen. Was meinst du, Sonja?

Sonja verschluckte sich fast am Tee und nickte, zu verwirrt, um zu widersprechen. Tobias und Brigitte verabschiedeten sich.

Kaum war die Tür zu, fragte Sonja: Mama, was war das?

Ach, wir wünschen uns Enkel. Ich stelle dir alle freien Söhne meiner Freundinnen vor, du undankbares Kind!

Mama, wenigstens eine Vorwarnung hätte ich mir gewünscht…, Sonja entgegnete lieber sanftmütig, Streit lag heute nicht in der Luft.

Aber ihre Mutter ließ nicht locker. Warum gefällt dir denn keiner? Auch Tobias nicht?

Mama, wie sollen wir leben? Er sagt ja kaum etwas. Jeder lebt dann für sich. Was ist das für eine Beziehung?

Schließlich seufzte ihre Mutter: Geh wenigstens zum Date. Vielleicht ist er nur wegen seiner Mutter so stumm.

Sonja versprach es. Wohl mehr ihrer Mutter als sich selbst.

Das Date mit Tobias war ein Trauerspiel. Er fragte gleich zu Beginn: Fahren wir zu mir?

Wie bitte? Sonja war baff.

Na ja, ich dachte, du hast schon länger keinen Freund mehr, kicherte Tobias plump. Sonja lief rot an.

Ich geh nicht mit. Sie drehte sich um, stieg in die U-Bahn und wartete vergebens darauf, dass Tobias ihr nachlief und sagte, es sei doch nur ein Spaß gewesen.

Wieso nur? Über Gleiches zieht Gleiches hatte sie nachgedacht aber es kam ihr alles absurd vor.

Aus! Keine Männer mehr. Einfach mein Leben leben!

Der Winter rauschte vorbei, Weihnachten und Silvester näherten sich im schwankenden Choral der Stadt.

Wirst du an Weihnachten wahrsagen? fragte ihre Kollegin vorwitzig.

Nicht mein Ding, winkte Sonja ab.

Ach, doch! Wegen deinem Zukünftigen. Gehört dazu!

Sonja lachte nur. Doch in der Nacht trieb die Neugier sie dann doch: Fragte ihre Mutter nach alten Ritualen und bekam eine ungewöhnliche Antwort.

Einfach eine tiefe Schüssel Wasser unter das Bett, dann eine Lineale als Brücke drüber ohne dass sie das Wasser berührt! Vor dem Schlafen sagst du: Mein Zukünftiger, bring mich über die Brücke.

Und, weiter?

Nichts weiter. Einschlafen.

Du hast nie in einen Spiegel geschaut?

Oh nein, vor Spiegeln hatte ich Angst.

Sonja hielt das für logisch. Sie legte die Schüssel unters Bett, die Lineale darüber und sprach die Formel.

Sonja fiel in einen tiefen Traum. Am Morgen war das Haus leer, alle verschwunden, niemand hatte sie geweckt. Sie war zu spät dran für die Arbeit, aber ein Kunde rief an, sie solle schnell einen Vertrag abholen. Grund genug, zu spät zu kommen.

Abends fragte die Mutter: Und, hast du deinen Zukünftigen gesehen?

Weißt du, ich war in der Wüste, es war heiß, überall Sand, dann kam ein alter Bus, ein Fahrer saß drin ich stieg ein, bekam Wasser, dann fuhren wir los…

Ein Busfahrer also? Ach Sonja, ein Millionär wäre besser gewesen!

Mama, Hauptsache, er ist nett! Außerdem dachte ich gestern vor dem Einschlafen daran, meine Fahrpraxis zu verbessern. Nächstes Mal denke ich an Millionäre!

Die beiden lachten.

Sonja vergaß den Traum. Ihr Leben zog weiter; die Mutter gab die Verkupplungsversuche auf.

Ich nehme im Mai Urlaub, erzählte eine Kollegin bei Kaffee.

Ach, ich auch! Sollen wir zusammen verreisen?

Wohin? Im Mai ist es doch überall noch kalt…

Ans Meer vielleicht Ägypten?

Ich war da schon, ein bisschen fad.

Hast du denn eine Nilfahrt gemacht?

Nein.

Dann planen wir einfach: ein paar Tage Meer, dann eine Tour zu den Sehenswürdigkeiten!

Warum nicht, dachte Sonja. Sie planten.

Sonja liebte das Reisen. Am Tag des Fluges war sie nervös und glücklich. Doch am Flughafen in Hurghada vergaßen sie plötzlich, einen Transfer zu buchen.

Kein Problem, winkte Sonja ab, doch als wildfremde Männer ihnen die Koffer aus den Händen rissen und arabisch schnatterten, wurde sie nervös.

Halt durch, flüsterte Sonja, doch ihr Herz flatterte.

Da entdeckte sie einen Mann, offenbar ein anderer Europäer, der zu einem Auto eilte.

Los! sagte Sonja. Sie liefen.

Bitte warten Sie! Nehmen Sie uns zum Hotel mit! rief Sonja erschrocken, ohne sich zu wundern, wie sie plötzlich neben ihm stand.

Er starrte sie und ihre Kollegin an, versuchte auf Englisch zu reden. Da öffnete sich die Fahrertür ein junger Mann stieg aus.

Ich bezahle alles, was Sie wollen, brachte Sonja hervor, haben Sie Wasser?

Der Fahrer mit überraschend klarem Deutsch lächelte und hielt ihr eine Wasserflasche hin. Steigen Sie ein, wir klären das unterwegs. Stehen können wir hier nicht lange, ordnete er an.

Danach war alles seltsam und traumhaft: Der Fahrer setzte den anderen Fahrgast ab, danach sie und ihre Kollegin. Sonja traute ihren Augen kaum es war derselbe Mann aus dem Weihnachtstraum!

Er gefiel ihr. Sie versuchte, ihm Geld zu geben, er lehnte ab und bat um ein Treffen. Ein Date folgte, dann noch eins, schließlich reiste er ein Stück mit ihnen. Am Ende des Urlaubs machte er Sonja einen Heiratsantrag. Und diesmal sagte sie ja.

Stellt euch vor, erzählte Sonja später, wenn wir damals ein Taxi bestellt hätten oder den Mann verpasst hätten dann hätte ich meinen Mann nie getroffen!

Ach Sonja, meinten ihre Freundinnen, es war eben Schicksal. Gegen das Schicksal kann man nichts tun.

Und Sonja lächelte im warmen, seltsamen Licht eines deutschen Tages, während irgendwo eine Wölfin träumte.

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Homy
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