Oma Sonja, der kleine Garten und große Tränen: Eine Mutter-Tochter-Geschichte über Abschied, Neuanfang und das Versprechen, immer füreinander da zu sein

30. Juni

Liebes Tagebuch,

heute war wieder einer dieser Tage, an denen ich mich frage, wie lange das hier noch so weitergehen wird. Mama hat sich zu mir gehockt, mir sanft die Hand genommen und mit ernster Stimme gesagt: Liebste Anneliese, ich bitte dich, wir müssen jetzt erstmal hier bleiben. Bald, das verspreche ich, wird alles besser und dann fahren wir zurück in die Stadt nach München.

Ich schaute Mama an, ohne ein Wort zu sagen.

Anneliese, hast du mich verstanden? Hörst du mir zu? fragte sie und schüttelte mich leicht an den Schultern.

Ja, Mama, ich höre.

Warum sagst du dann nichts?, wurde sie ungeduldig. Ich sah es an ihren Augen.

Ich überlege nur, Mama, antwortete ich leise.

Sie sah sich im alten Wohnzimmer um. Sieh mal, wie viele Bücher hier sind, Anneliese. Früher habe ich stundenlang gelesen als ich klein war Das war meine Welt.

Mama müssen wir hier lange bleiben?

Sie seufzte. Ich weiß es nicht, Liebling. Wir bleiben erstmal hier. Es ist wichtig.

Ich verstand schon, was passiert war. Papa war weg, einfach abgehauen. Und Mama dachte wohl, ich bekäme nichts davon mit, dabei weiß ich längst Bescheid. Wir haben unsere Wohnung in der Leopoldstraße untervermietet, um noch ein bisschen Geld zu haben der Euro wird auch nicht mehr. Also bleiben wir jetzt im Häuschen meiner Oma in einem Dorf bei Rosenheim.

Morgen früh fährt Mama zur Arbeit sie hat was in der Stadt gefunden, hilft beim Bäcker aus. Tante Katharina kommt dann zu mir und schaut nach dem Rechten. Am Wochenende, sagt Mama, gehen wir zusammen zur Mangfall schwimmen.

Plötzlich legte Mama ihr Gesicht in die Hände. Manchmal denke ich, der ganze Kummer ist zu viel für sie.

Es tut mir leid, es tut mir so leid, mein Schatz

Ich wollte sie trösten. Mama, wein nicht. Ich weiß doch, dass Papa uns verlassen hat. Dass wir jetzt allein sind und du dachtest, es wäre die beste Lösung, in Omas Haus zu ziehen. Und die Wohnung in München an Fremde zu vermieten.

Ich werde brav sein, Mama. Ich verspreche es. Ich warte einfach auf dich und lese meine Bücher. Und außerdem ist ja noch Tante Katharina da Wir schaffen das. Und im Herbst gehe ich sowieso in die Schule gibt es denn hier überhaupt eine?

Nein, mein Herz. Früher gab es im Dorf eine kleine Schule, jetzt nicht mehr Aber keine Sorge, im September ziehen wir zurück nach München, wo du in die erste Klasse gehst. Bis dahin finde ich eine bessere Arbeit.

Sie erzählte mir dann, wie sie als Kind mit ihrer Großmutter, der alten Oma Sophie, hier Ferien verbrachte. Sie war die Beste, Anneliese. Weißt du, ich hatte nicht wirklich eine Mutter

Wie meinst du das, Mama?

Nun, meine Mutter Helga bekam mich sehr jung. Mit Papa lief es nicht, er ist nach Hamburg gezogen und hat dort neu angefangen. Helga hat mich bei Oma abgegeben und ist zurück nach München. Glück gesucht und es gefunden Sie hat dann nochmal geheiratet, zwei weitere Kinder bekommen. Mich hat sie nur ab und zu mal angerufen, zu Geburtstagen oder so. Und als mein Bruder krank war, hat sie ihn zu Oma gebracht wegen der frischen Luft. Aber sie hat sogar ihren Kindern nicht gesagt, dass ich ihre Tochter bin

Oma Sophie wollte damals, dass Helga mir ein Abschlusskleid kauft. Aber Helga hat Oma damals angeschrien, sie habe keine Zeit für so einen Quatsch.

Lass sie selbst für ihr Kleid arbeiten!, hat sie gesagt und ist abgehauen.

Dann hat Oma sie rausgeschmissen. Sowas wie ein Zuhause hatte ich eigentlich nur bei Oma Sophie Sie war meine richtige Mama. Als ich sie verlor, ist meine Welt zusammengebrochen.

An diesem Abend saßen Mama und ich lange auf der alten Holzbank vor Omas Haus, während über Rosenheim die Sonne unterging.

Seitdem hat sich vieles geändert. Ich blieb alleine zu Hause, während Mama arbeitete. Tante Katharina brachte mir manchmal frische Brötchen vorbei und schaute nach mir. Ich las meinen Puppen Greta und Bär Bruno Geschichten vor, weil ich jetzt schon selber Buchstaben kann.

Manchmal weinte ich, still und heimlich, damit Mama nichts merkt. Abends aber war alles gut, wenn sie wieder da war.

Doch dann kam ein Tag, da blieb Mama aus. Draußen wurde es dunkel, ich zündete die Stehlampe im Wohnzimmer an und zog die Vorhänge zu. Greta, Bruno, keine Angst”, flüsterte ich meinen Puppen zu. Vielleicht, dachte ich, sollte ich zur S-Bahn-Station laufen und Mama abholen. Aber ich kannte den Weg nicht richtig nicht, dass wir uns verpassen.

In meinem Kopf kamen schlimme Gedanken vielleicht vergisst Mama mich auch, so wie ihre Mutter sie. Vielleicht kommt sie niemals wieder. Vielleicht bin ich dann ganz allein in dem Haus

Ich fing an zu weinen, diesmal laut. Schluchzend schlief ich auf dem Stuhl neben dem Fenster ein.

Mitten in der Nacht hörte ich Schritte im Flur. Mein Herz hämmerte. Vielleicht war es eine Ratte oder Oma Helga, meine fremde Oma, die ich nie gesehen habe, die uns jetzt aus dem Haus werfen will? Ich vergrub mich tiefer ins Kissen.

Die Tür sprang auf, Licht fiel herein.

Mama! Ich stürzte mich auf sie, der Stuhl kippte um.

Mama umarmte mich fest. Mein Schatz! Ich hab doch so Angst um dich gehabt. Der letzte Zug ging weg vor meiner Nase, ich musste vom nächsten Dorf zu Fuß durch den dunklen Wald laufen Ich hatte Angst, Anneliese, so große Angst! Aber vor allem Angst, dass du denkst, ich hätte dich verlassen.

Da habe ich Mama angelogen. Ich sagte: Niemals, Mama, ich hab nie so was gedacht. Du würdest mich nie verlassen, das weiß ich. Dabei hatte ich genau das gedacht aber ich wollte ihr keine Sorgen machen.

In diesem Sommer blieben wir beide im alten Haus bis Ende August. Dann zogen wir zurück in unsere Wohnung in München und ich kam in die Schule. Mama bekam endlich eine feste Stelle.

Irgendwann meldete Papa sich und wollte, dass ich am Wochenende zu ihm komme. Anfangs habe ich mich gefreut, aber bald schon merkte ich, dass es keinen Spaß machte. Er brachte mich ins Einkaufszentrum, setzte mich in den Kinderbereich und telefonierte dann stundenlang nebenan. Ich saß auf der Bank und schaute den kleinen Kindern zu. Irgendwann sagte ich zu Mama: Für Papa bin ich so wie du für Oma Helga Eigentlich braucht er mich gar nicht.

Papa stritt sich dann mit Mama, schrie, sie wolle mich ihm wegnehmen. Ich habe dann einmal gesagt: Papa, ich bin kein kleines Kind mehr. Du brauchst mich nicht im Spielzimmer abgeben und ich mag keine Pommes mehr. Ich bin jetzt groß. Und als du uns verließest, war ich oft allein. Letztens bist du später gekommen und Mama lief durch den dunklen Wald zu mir zurück. Sie hatte Angst vor den Wölfen und ich war alleine zu Hause

Das war meine zweite kleine Lüge. Von den Wölfen. Es gab natürlich keine. Papa sagte erstmal nichts. Dann, Wochen später, nahm er mich endlich ins Kino mit. Nur wir beide.

Jetzt freue ich mich, ihn zu sehen.

Sophie, bist du damals wirklich vor Wölfen geflohen?, fragte Papa scherzend Mama.

Natürlich, antwortete Mama ohne mit der Wimper zu zucken.

Mama und Papa redeten später noch lange im Flur. Irgendwann ging Papas Zug. Na dann geh zu Fuß, hier gibts keine Wölfe, sagte Mama augenzwinkernd und machte die Tür zu.

In dieser Nacht fragte ich Mama leise: Wollte Papa zurückkommen?

Ja

Kannst du ihm vergeben?

Mama schwieg.

Mama, das musst du selbst wissen, aber ich liebe euch beide

Ich weiß, Anneliese, mein Kind.

Aber dich am allermeisten. Du bist die mutigste Mama der Welt, bist für mich durch den Wald gelaufen sogar vor den Wölfen hast du dich nicht gefürchtet.

Die Jahre vergingen. Heute ziehe ich mein Hochzeitskleid an.

Mama ich muss dir was gestehen.

Erzähl.

Damals als du im Wald warst Ich habe geglaubt, du lässt mich jetzt allein. Wie Oma Helga es mit dir gemacht hat

Mama nahm mich in den Arm. Meine Kleine das könnte ich dir nie antun.

Tränen liefen, wir hielten uns fest. Wir sind zusammen. Immer. Mama und ich.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Oma Sonja, der kleine Garten und große Tränen: Eine Mutter-Tochter-Geschichte über Abschied, Neuanfang und das Versprechen, immer füreinander da zu sein
Ein anderes Leben – Deine zweite Chance