Mama, ich kann einfach nicht mehr, verstehst du das? flüsterte Friederike und klemmte das Handy zwischen Ohr und Schulter, während sie versuchte, ihren schlafenden Sohn behutsam ins Bettchen zu legen. Er schläft jetzt schon die dritte Nacht nicht.
Mir ist so schwindelig, dass ich Angst habe, ihn fallen zu lassen. Bitte, komm doch wenigstens für ein paar Stunden, ich will einfach nur etwas schlafen.
Friederike, fang bloß nicht damit an, schoss ihre Mutter zurück. Du bist nicht die Erste, die ein Kind bekommen hat, und wirst auch nicht die Letzte sein. Alle Babys schlafen schlecht, das ist völlig normal.
Wir haben euch damals ganz ohne Windeln und Waschmaschinen großgezogen, und wir habens auch geschafft.
Was haben Windeln jetzt damit zu tun, Mama? Ich bitte dich doch einfach nur um Hilfe. Du bist doch schon in Rente, du hast doch Zeit.
In Rente bin ich, damit ich endlich mal mein Leben genießen kann, meine Liebe. Dein Vater und ich, wir haben unser Soll erfüllt. Uns hat damals niemand geholfen, Omas kamen höchstens mal zu Feiertagen vorbei.
Ihr habt das Kind bekommen, also kümmert euch auch selbst. Das ist eure Entscheidung. Leg ihn ins Bett und ruh dich auch aus, ganz einfach.
So, jetzt fängt meine Serie an. Wir hören uns morgen.
In der Leitung nur noch das tutende Freizeichen.
***
Friederike und Patrick waren zwei Jahre zusammen, dann hatten sie heimlich auf dem Standesamt geheiratet, kein Geld für eine große Feier ausgeben wollen, und eine kleine Wohnung am Rand von Hamburg gemietet. Schon kurz nach der Hochzeit wurde Friederike schwanger.
Glaubst du, sie freuen sich? fragte Friederike und streichelte ihren immer noch flachen Bauch. Es sind doch für beide Familien die ersten Enkelkinder. Ich bin Mamas Einzige, und du bist bei deinen Eltern auch der einzige Sohn.
Patrick lächelte und zog sie in den Arm:
Klar werden sie sich freuen, Fritzi. Komm, lass uns was essen, morgen sagen wirs ihnen.
Am nächsten Morgen fuhren sie zuerst zu Friederikes Eltern.
Mama, Papa, wir haben Neuigkeiten, Friederike strahlte. Ihr werdet bald Großeltern. Ein Enkel oder eine Enkelin kommt!
Die Mutter zuckte mit den Schultern.
Na, war doch absehbar. So was passiert eben irgendwann.
Hauptsache, Friederike, du bekommst ordentlich Elterngeld. Du arbeitest ja bis kurz vor der Geburt, oder?
Wahrscheinlich Friederike stutzte. Und freut ihr euch gar nicht?
Warum nicht? Doch, doch, brummte der Vater und schaute dabei nicht vom Fernseher auf. Aber die Zeiten sind halt schwierig.
Habt ihr euch schon was aufgebaut? Die Wohnung ist gemietet, das Auto abbezahlt?
Naja, wird schon. Wo ein Kind ist, findet sich auch ne Lösung.
Patricks Eltern reagierten ähnlich. Die Schwiegermutter, Helga, musterte Friederike eingehend.
Schwangerschaft ist keine Krankheit, sagte sie bestimmt. Verwöhnt das Kind bloß nicht, Patrick hing uns als Kind auch ständig am Rockzipfel.
Aber na gut, Glückwunsch. Wir sind mal gespannt.
Friederike glaubte damals, es läge am Alter, an der alten Schule. Vielleicht können die einfach nicht vor Freude aufspringen, passiert. Hauptsache, sie sind nicht dagegen, oder?
***
Die Vorbereitungen für das Baby liefen auf Hochtouren. Patrick erledigte jedes Nebenjob-Angebot, kam abends todmüde nach Hause, brachte aber jedes Mal neue Windeln oder ein Strampler mit. Die Eltern mischten auch mit.
Mit deinem Vater hab ich gesprochen, verkündete Friederikes Mutter am Telefon. Wir kaufen euch ein Kinderbett. Aber ganz einfach, aus Holz.
Kein Schnickschnack, daraus wächst der doch eh in zwei Jahren raus.
Danke, Mama! freute sich Friederike von Herzen.
Eine Woche später rief die Schwiegermutter an:
Friederike, ich war gerade im Laden, hab euch was besorgt. Kommt doch mal kurz vorbei.
Als sie mit Patrick zu Helga fuhr, stand im Flur auf der Kommode ein quietschblauer Plastik-Nachttopf. Einfaches, billiges Modell.
Da, sagte die Schwiegermutter stolz. Praktisch und robust, gefällt mir.
Friederike blinzelte irritiert zu Patrick. Der zuckte nur die Schultern.
Äh danke, Helga. Aber wir brauchen sowas doch frühestens in sieben, acht Monaten. Und jetzt vielleicht eher was für die ersten Wochen? Einen Strampler oder ein Schlafsäckchen?
Für den ersten Kram habt ihr doch euren eigenen Geschmack, winkte Helga ab. Aber der Topf wird auf jeden Fall gebraucht. Warum warten?
Auf dem Heimweg hielt Friederike es nicht mehr aus:
Patrick, ist das ein Scherz? Ein Nachttopf für ein Neugeborenes? Meint sie das ernst?
Ach Fritzi, so ist sie halt. Pragmatikerin. Alles ins Haus. Reg dich nicht auf, Hauptsache das Bettchen ist da.
***
Die Entlassung aus dem Krankenhaus war kurz und sachlich. Die Eltern kamen vorbei, überreichten Blumen und posierten für ein Foto mit dem Klinikgebäude im Hintergrund. Tom schniefte in seinem Tragebeutel.
Oh, was für eine Nase, warf Friederikes Mutter einen flüchtigen Blick. So, ihr könnt ja fahren, wir müssen noch auf den Schrebergarten, die Gurken warten nicht.
Kommt ihr nicht wenigstens auf einen Tee mit nach oben? fragte Friederike leise und drückte das Baby an sich. Tom mal richtig anschauen?
Friederike, wir sehen ihn doch noch oft genug, warf Helga ein. Ihr müsst euch erst mal aneinander gewöhnen. Wir würden nur stören. Ruht euch aus.
Und sie fuhren. Friederike stand im Hauseingang und sah den Autos hinterher, als hätte man sie auf einer einsamen Insel ausgesetzt.
Die ersten zwei Wochen zogen wie im Nebel vorbei. Tom verwechselte Tag und Nacht, Patrick ging morgens um sieben und kam abends um neun zurück.
Friederike rannte nur noch im Kreis: Wäsche, Bügeln, Stillen, Versuch, überhaupt mal zu kochen.
Ihr Rücken tat dauernd weh, im Spiegel blickte ihr eine blasse Frau mit tiefen Ringen unter den Augen entgegen.
Die Mütter riefen zweimal die Woche an.
Hallo, wie gehts? Und wie gehts Tom? fragte Helga.
Schwer, Helga. Sein Bäuchlein tut weh, er schreit nur noch. Ich schlafe fast gar nicht mehr.
Tja, Muttersein ist kein Zuckerschlecken, Liebes. Da musst du durch. Halte nur deinen Rhythmus ein. Muss jetzt los, hab einen Friseurtermin.
Ihre eigene Mutter war nicht anders:
Alles klar bei euch? Na super! Dann bis bald. Wir müssen in den Garten.
***
Samstag war es endlich so weit. Patrick, zum ersten Mal in der Woche, blieb zuhause. Er nahm Tom auf den Arm, Friederike konnte zum ersten Mal seit Wochen baden.
Im warmen Wasser weinte sie einfach. Vor Erschöpfung. Allen Freundinnen wurde in den ersten Monaten, teils sogar Jahren, geholfen, und bei ihr? Warum bloß?
Sie kam raus und tappte ins Schlafzimmer. Ihr Mann folgte ihr.
Fritzi, ich hab nachgedacht Lass uns morgen beide Mütter einladen. Wir reden mal offen miteinander. Vielleicht verstehen sie gar nicht, wie schwer das alles ist?
Ich hab mit Mama schon gesprochen, Patrick. Sie meinte nur: Ihr habt das Kind bekommen, also kümmert euch.
Aber vielleicht, wenn wir sie gemeinsam bitten. Es geht doch nicht um Geschenke, sondern um Hilfe
Friederike überlegte und nickte. Sie zog sich um und rief zuerst ihre Mutter, dann Helga an.
Das Sonntagsessen war angespannt. Friederike hatte einen Apfelkuchen gebacken, obwohl ihre Hände vor Müdigkeit zitterten.
Beide Mütter kamen gleichzeitig, brachten je vier Äpfel mit, als hätten sie sich abgesprochen.
Mensch, hier ists jetzt aber eng geworden, bemerkte Friederikes Mutter und sah sich um. Fritzi, hast du schon mal wieder Staub gewischt auf dem Schrank?
Mama, ich komm nicht dazu, ich schlaf nicht mal vier Stunden pro Nacht.
Schlechte Zeitplanung, stellte Helga fest. Patrick, warum hilfst du deiner Frau eigentlich nicht mehr?
Ich arbeite, Mama. Auf zwei Jobs, falls du das vergessen hast. Um die Miete und unsere kleine Familie zu versorgen.
Jeder arbeitet, zuckte die Schwiegermutter mit den Schultern. Nun? Warum habt ihr uns eingeladen?
Friederike atmete tief durch, legte die Hände auf den Tisch.
Mamas, wir brauchen wirklich Unterstützung. Keine Geschenke, keine Geldscheine sondern echte Hilfe. Bitte, macht zusammen einen Plan.
Jede von euch kommt zweimal die Woche für zwei Stunden. Geht mit Tom spazieren, und ich nutze die Zeit zum Schlafen oder Haushalt machen.
Wir sind wirklich am Limit.
Die Omas schauten sich an.
Friederike, begann ihre Mutter als Erste. Das hatten wir schon. Ich hab meine Pflicht erfüllt.
Ich habe dich großgezogen Anfang der Neunziger, als es nichts zu essen gab und die Waschmaschine kaputt war. Mir hat auch keiner geholfen!
Wieso soll ich jetzt auf alles verzichten? Ich habe Schwimmen, Freundinnen, Kleingarten…
Aber es ist doch dein Enkel! Der einzige! rief Friederike aus. Willst du ihn wirklich gar nicht kennenlernen, ihn aufwachsen sehen?
Wir sehen ihn später, wenn er sprechen kann und wir mit ihm was anfangen können, warf Helga ein. Jetzt? Jetzt schreit er nur und braucht Windeln.
Ihr seid die Eltern, das ist eure Aufgabe. Wir haben unsere Kinder selber großgezogen, Hilfe hatten wir keine.
Also, nur weil es euch damals schlecht ging, soll ich jetzt auch leiden? Ist das Familien-Tradition? Das Staffelholz der Überforderung?
Werd nicht frech, sagte ihre Mutter kühl. Wir haben das Gitterbett gekauft, ja? Zur Geburt waren wir da, ja? Was willst du denn noch? Sollen wir jetzt bei euch einziehen?
Ich will, dass ihr Omas seid!
Patrick legte beruhigend die Hand auf ihre Schulter.
Mama, Tante Helga, meint ihr das wirklich ernst? Seid ihr wirklich so gleichgültig? Wir sind doch Familie…
Patrick, bleib sachlich, Helga stand auf. Wir lieben euch. Aber unser Leben ist eben auch unser Leben.
Ihr wolltet erwachsen sein jetzt seid es. Wenn wirklich ein Notfall ist, ruft an. Sonst, müsst ihr das schaffen.
So, Gabi, wir müssen, der Bus fährt bald.
Mutter und Schwiegermutter gingen. Friederike ließ sich auf den Stuhl fallen und starrte den unberührten Kuchen an.
Fritzi… Patrick setzte sich zu ihr. Lass es gut sein. Wir schaffen das.
Ja. Es hallte leer in ihr. Weißt du, was das Traurigste ist? Eines Tages werden sie alt. Sie werden Hilfe brauchen beim Waschen, beim Arzt, beim Einsamsein. Und weißt du, was ich dann sage? Hab meine Pflicht erfüllt, Sohn großgezogen, jetzt ist Schwimmen dran.
Wir werden nicht so wie sie, sagte Patrick fest. Niemals.
***
Die Monate vergingen. Tom lernte krabbeln und machte seine ersten Schritte. Friederike rief ihre Mutter nicht mehr an, um sich zu beklagen.
Sie rief irgendwann überhaupt nicht mehr von sich aus an. Die Gespräche verliefen nüchtern:
Alles gut?
Ja.
Und Tom?
Wächst.
Na dann, tschüss.
Bis dann.
Als Tom eineinhalb war, klingelte an einem Samstagmorgen Friederikes Mutter durch.
Fritzi, wir haben überlegt Vielleicht bringt ihr Tom mal fürs Wochenende vorbei? Wir sind auf dem Land, schönes Wetter, frische Luft
Friederike schaute zu Tom, der gerade eine Bausteinturm baute.
Nein, Mama. Wir bringen ihn nicht.
Warum denn nicht? Wir haben ihn so vermisst.
Vermisst? Friederike lachte bitter. Weißt du, wann er schläft, was er gern isst, welche Geschichte er abends hören will?
Du hast ihn das letzte Mal gesehen, als wir mal kurz vorbeigekommen sind vor drei Monaten.
Wir sind schließlich selber Eltern, wir schaffen das schon!
Nein, Mama, ihr schafft das nicht. Ihr habt uns anderthalb Jahre lang eingeredet, dass ein Kind eine Aufgabe ist.
Wir kümmern uns. Es ist unser Sohn. Und ihr? Genießt eure wohlverdiente Rente. Machts euch schön.
Friederike legte auf und setzte sich zu ihrem Sohn. Was man sät, das erntet man alles seine Ordnung.
***
Jetzt sind Friederikes und Patricks Eltern beleidigt: Warum dürfen wir den Enkel nicht sehen? Jetzt wäre er doch spannend, eigenständig, bald Schulkind!
Doch Friederike und Patrick sehen das anders. Ihr Sohn ist ihre Verantwortung und die geben sie nicht mehr aus der Hand.





