Na, Streberin, hat dir dein Abitur mit Auszeichnung geholfen? Schau mal, was aus uns geworden ist und wie armselig du aussiehst. Auf dem Klassentreffen stichelten die ehemaligen Mitschüler gegen das stille Mädchen, als hätten sie erwartet, sie sei immer noch so leise und folgsam.
Doch was sie dann tat, versetzte alle in ungläubiges Staunen.
Die schwere Glastür des Restaurants Zur Aussicht schwebte lautlos auf. Eine kleine Gestalt stand für einen Moment am Eingang, während ihre Silhouette von draußen leuchtete, als wäre sie aus Dunst geformt. Anna trat ein; in der Luft schwammen Düfte von Bratwurst, Edelseifen und Riesling, musikalische Schnipsel wirbelten wie bunte Seifenblasen durch den überfüllten Raum.
Fünfzehn Jahre nach dem Abitur.
Anna war nicht hier, weil sie Sehnsucht hatte. Sie wollte ein altes Kapitel endgültig zuschlagen und die Menschen betrachten, mit denen sie einst in surrealen Träumen nebeneinandersaß.
Sie zog an ihrem schlichten moosgrünen Leinenkleid, das in seltsamen Wellen um ihre Knie tanzte, und schwebte auf einen freien Platz am Tisch zu.
Ach guck an, wer da kommt!, rief mit goldschimmernder Stimme Julia, einst die strahlende Schönheit der Klasse, heute in feuerrotem Seidenkleid, das irrlichternd im Lampenlicht glomm.
Julia fixierte Anna von oben bis unten ihr Blick wirkte wie ein Spiegel ohne Reflexion.
Anna? Die hätten wir heute ja am wenigsten erwartet, murmelte Thomas, ehemals Sportskanone, heute verwaschen, als trüge er das Doppelte an Jahren und die Erinnerungen eines anderen.
Anna grüßte sanft und setzte sich, ihre Bewegungen lagen irgendwo zwischen Echo und Melodie.
Am Tisch sprudelten Worte wie Sektperlen: Ein Wettstreit um teure Audis, neue Eigentumswohnungen in München, Urlaube auf Mallorca. Alles vermischte sich: Stimmen, Lachen, Geschichten, als träumte der Raum von sich selbst.
Anna hörte nur zu, verschmolz mit dem Wasserglas in ihrer Hand. Die Zitrone darin war wie ein schwimmendes Auge.
Und, Anna, was machst du jetzt?, rief Julia plötzlich mit Tonfall so schrill, als würde ein Wecker rückwärts ticken.
Die Gespräche brachen ab. Die Blicke richteten sich wie Lavendelfelder auf sie.
Julia lächelte wie ein Kätzchen.
Wir haben gerade an die Schulzeit gedacht. Du warst immer das kluge Mädchen mit dem Wind aus Büchern im Haar.
Sie lehnte sich vor, ihre Stimme tropfte wie Honig.
Und? Hat dir das irgendwas gebracht?
Ein paar am Tisch kicherten, als spielten sie unsichtbare Instrumente.
Bestimmt arbeitest du irgendwo für kleines Geld. Im Archiv oder in einer alten Bibliothek!, höhnte Julia. Leises Lachen, Thomas schmetterte ein dröhnendes Wisst ihr noch, wie wir sie nannten? Vogelscheuche!
Der Spott tanzte durch den Raum, Anna jedoch blieb unbewegt als wäre sie aus Luft und Nacht gemacht.
Früher hatten solche Worte sie getroffen. Sie, die in alten Pullovern ihres Bruders steckte, riesige Brillen trug und fast unsichtbar durch Flure glitt. Sie half den anderen bei Aufsätzen, ließ abschreiben und rettete ganze Klasse durch die Prüfungen.
Im Gegenzug: nur Spott und Spiegelscherben.
Jetzt stellte sie das Glas hin. Ihr Blick ruhte auf Julia ruhig, fast durchsichtig. Die anderen lebten noch immer in diesem fernen Sommer, deren Schatten sie nicht bemerkten.
Und niemand ahnte, wer Anna in den letzten Jahren geworden war.
Anna wollte gerade aufstehen, da trat ein Mann im dunklen Anzug zum Tisch, irgendwie aus Nebel gewoben.
Er sah aus, als hätte er etwas verloren oder gefunden.
Entschuldigung könnte ich kurz stören? Seine Stimme klang wie ein ferner Gong und richtete sich an Anna.
Der Tisch verstummte.
Meine Frau schaut jeden Abend Ihre Sendung, murmelte er und hielt verlegen sein Handy hoch. Sie hat Sie gleich erkannt und hätte so gern ein Foto.
Anna lächelte es war ein Lächeln, das keinen Namen hatte.
Natürlich, sehr gern.
Das Foto entstand in einem Flackern, als ob die Zeit für einen Herzschlag stillstand. Der Mann bedankte sich und glitt zurück zu seinem Schattenplätzchen.
Betretene Stille. Julias Miene erstarrte.
Warte mal Du bist… wer denn eigentlich?
Anna wandte ihr den ruhigen Traum-Blick zu.
Ich bin Journalistin, antwortete sie.
Thomas wiegte ab: Heutzutage sind doch alle irgendwo im Internet Journalisten…
Anna schüttelte sacht den Kopf.
Ich arbeite beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Mache eine Sendung für Investigativrecherchen.
Julia zog ihr Handy hervor, die Finger tasteten, als suchten sie einen verborgenen Knopf in einem Zauberkoffer.
Dann wechselte ihr Gesicht als würde das Licht im Raum plötzlich anders fallen. Auf dem Display: Annas Bild aus den Nachrichten, darunter der Titel in schwarzen Lettern.
Anna Feldmann Journalistin, deren Recherchen Dutzende große Korruptionsfälle aufklärten.
Das Handy sank wie ein Stein ins Wasser.
Das bist du? hauchte Julia.
Anna nickte: Ich hab es nicht durch Beziehungen geschafft. Nicht durch Vitamin B. Nur durch Lernen und viel Arbeit.
Sie schloss einen Moment lang die Augen und sah die Vergangenheit wie einen verwitterten Bahnsteig.
Keiner am Tisch lachte mehr.
Anna nahm ihre Tasche, richtete das Kleid, sagte: Schön, euch gesehen zu haben und verließ das Lokal so leise, wie sie gekommen war.




