Dieses Ereignis ereignete sich in einer westdeutschen Grundschule im Jahr 1986. Die einzigen Zeugen waren Achtjährige, und niemand sprach je darüber deshalb wurde die Geschichte nie öffentlich bekannt. Selbst die Eltern, die vermutlich erfuhren, was genau passiert war, machten der Lehrerin keinerlei Vorwürfe. Niemand.
Ich selbst habe davon von der Lehrerin persönlich erfahren. Sie wurde ihr ganzes Leben lang von Reue und Schuldgefühlen geplagt, weil sie damals einem Schüler gegenüber zu hart durchgegriffen hatte.
Die Situation war tatsächlich heikel, und ehrlich gesagt weiß ich selbst heute nicht, wie ich darüber denken soll.
Vielleicht hilft es, wenn ich mir alles von der Seele schreibe
In eine Kleinstadt am Rande des Ruhrgebiets war durch das Referendariat eine junge Grundschullehrerin gekommen. Sie war eigentlich noch selbst ein halbes Kind erst 22 Jahre alt, keinerlei Erfahrung. Sie wollte ihren ersten eigenen Klassenverband bekommen und allen auf fachlicher wie zwischenmenschlicher Ebene beweisen, dass sie etwas kann.
Und man muss sagen: Es lief gar nicht schlecht für sie. Die Kinder, die ihr zugeteilt worden waren, waren nach strenger Auswahl in die Klasse gekommen (denn es gab außerdem Parallelklassen mit Schwerpunkten), die Leistungen begeisterten sowohl Eltern als auch Schulleitung. Auch mit der Disziplin gab es keine ernsthaften Probleme.
Aber unter 35 Schülerinnen und Schülern finden sich natürlich immer ein paar, die die Belastbarkeit einer jungen Lehrerin austesten wollen. Anna-Luise Schramm so möchte ich sie hier nennen hatte solche Kinder ebenfalls in ihrer Klasse. Doch es gelang ihr ziemlich gut, das Vertrauen zu gewinnen, Interesse zu wecken und die Kinder sogar fürs Gemeinschaftsleben zu begeistern. Alle bis auf einen
Paul wuchs in einer Ein-Eltern-Familie auf. Seine Mutter kümmerte sich kaum um ihn: Hauptsache, satt und sauber. So entwickelte sich der Junge wie ein Löwenzahn auf einer Wiese ganz auf sich allein gestellt, ohne echtes Interesse oder Fähigkeiten, vernünftig mit anderen Kindern oder mit Erwachsenen zu kommunizieren.
Anna-Luise versuchte auf jede erdenkliche Weise, einen Zugang zu Paul zu finden, aber alles blieb erfolglos. Er tat stets das Gegenteil von dem, was man ihm sagte. Er hockte manchmal den ganzen Unterricht unter der Bank und zog Grimassen, sodass die Mitschüler lachten. Mit Vorliebe fluchte er laut und offensichtlich, beschimpfte und provozierte besonders die Mädchen, bis sie weinten. Sogar auf dem Schulhof rauchte er was sich nicht mal die älteren Jahrgänge trauten.
Und wenn ihn jemand ermahnte, stellte sich Paul ganz cool vor alle und sagte schamlos:
Was willst du überhaupt machen?
Aber das Schlimmste war: Er spuckte!
Es gab keinen in der Klasse, den er nicht mindestens einmal angesabbert hatte. Mit geradezu genüsslicher Freude sammelte er Speichel im Mund und traf sein jeweiliges Opfer mit einem lauten Spuckstrahl
Ekelhaft das ist noch milde ausgedrückt.
So oft Anna-Luise auch versuchte, mit Paul darüber zu reden, ihm zu erklären, wie abstoßend und respektlos das sei nichts half. Sein ungezügeltes Spucken nahm sogar noch zu.
Schließlich wandte sich Anna-Luise an seine Mutter. Normalerweise verzichtete sie auf solch private Probleme, aber jetzt wusste sie keinen Ausweg mehr.
Bitte, sprechen Sie mit Ihrem Sohn. Er hört mich nicht. Er hat schon alle bespuckt, die nur in seine Nähe kommen. Vermutlich bin ich die Nächste, bei der er es versucht.
Die Mutter versprach, sich darum zu kümmern und prügelte Paul mit dem Kochlöffel durch die Wohnung. Er kam am nächsten Tag mit Hämatomen und hasserfüllten Blicken zur Schule.
An diesem Tag weitete er sein Revier noch aus: Auf dem Flur zwischen den Klassen spuckte er während der Pause wild in alle Richtungen, zuerst heimlich auf Mitschüler anderer Klassen, dann zunehmend offen.
Offenbar fand er abweichendes Verhalten richtig spannend das Entsetzen und die Tränen auf den Gesichtern der anderen Kindern schienen ihm Befriedigung zu bereiten. Warum er sogar auf ältere Mitschüler spuckte, blieb unverständlich; so klein, schmächtig und außerhalb jeder Vernunft, schien er seinen Schutzinstinkt komplett verloren zu haben.
Natürlich wurde er von Älteren mehrmals erwischt, ziemlich verprügelt, verwarnt und dann wieder laufen gelassen. Paul rannte jedes Mal einige Meter davon und rief dann die schlimmsten Schimpfwörter hinterher.
Kurz gesagt: Der Junge raubte allen den letzten Nerv. Höhepunkt war sein besonderer Treffer: Er spuckte einer beliebten Geografielehrerin, Frau Wernicke, direkt auf den Kopf. Er hatte wohl nicht gesehen, wen er erwischte, weil er sich auf einen Absatz der Treppe gestellt hatte, um von oben seine Spuckangriffe zu starten.
Die Lehrerin selbst bemerkte gar nichts dafür sahen einige Zehntklässler den Vorfall deutlich. Sie erzählten es Frau Wernicke und kümmerten sich anschließend sehr beherzt um Paul, der daraufhin mit Schürfwunden ins Krankenzimmer gebracht werden musste.
Frau Schramm, das geht so nicht weiter, sagte die alte Schulschwester, nachdem Paul wieder zurück in den Klassenraum geflohen war, da muss was getan werden.
Ich habe alles versucht. Er reagiert auf nichts im Gegenteil, es wird nur schlimmer antwortete Anna-Luise.
Solche Kinder, meinte die Schulschwester, verstehen nur eine Sprache.
Soll ich ihn also etwa auch anspucken, damit er versteht, wie widerlich das ist? platzte Anna-Luise voller Frust heraus.
Ich weiß es auch nicht
Das Gespräch war vorbei, aber dieser Gedanke ließ Anna-Luise nicht mehr los.
Nach der Prügelei war Paul einige Zeit ruhig, aber bald begann alles wieder von vorn.
An einem Tag hatte ein Mädchen eine echte Lena Geburtstag. Sie hatte Schokolade für alle mitgebracht und wurde von Mitschülern und Lehrerin gefeiert. Und genau in diesem Moment spuckte Paul der kleinen Lena direkt ins Gesicht. Sie begann sofort zu weinen und Paul wartete nur darauf, mit triumphierendem Blick:
Und, was tust du jetzt?
Jetzt riss Anna-Luise der Geduldsfaden.
Sie rief Paul nach vorne, schloss wortlos von innen die Zimmertür, ließ ihren Blick fest durch den Raum schweifen und sagte mit klarer Stimme:
Es stehen jetzt bitte alle auf, die Paul schon einmal angespuckt hat.
Alle standen auf. Fast die ganze Klasse.
Wir haben Paul oft gesagt, wie ekelhaft und verletzend das ist. Aber er versteht es nicht. Deshalb werden wir es ihm jetzt gemeinsam zeigen.
Die Kinder blickten gespannt zur Lehrerin, über dreißig gespannte Gesichter.
Ich erlaube euch, heute einmal eine wirklich unschöne Sache zu tun. Wohlerzogene Menschen machen das nie. Aber uns bleibt keine andere Wahl. Geht jetzt bitte nacheinander zu Paul und spuckt ihn an. So wird er vielleicht endlich verstehen, wie schrecklich sein Verhalten ist.
Die Kinder bewegten sich wie auf Kommando auf Paul zu. Niemand sprach, Paul versuchte zur Tür zu fliehen, doch die war ja verschlossen. Die Mitschüler drängten ihn in die Ecke beim Waschbecken und begannen, ihn nacheinander anzuspucken. Manche machten dies mit einer Art Genugtuung, andere ganz zaghaft und voller Unbehagen doch fast alle beteiligten sich. Erst die einen, dann die anderen. Alle ganz still, konzentriert, sogar ernst.
Nur ab und zu hörte man Pauls jämmerliches Wimmern.
Als die Kinder wieder an ihren Plätzen saßen, war der Anblick kaum zu ertragen
Wie ein Kind aussieht, das von dreißig Menschen angespuckt wird, kann sich jeder selbst vorstellen.
Paul saß auf dem Boden und umklammerte seinen Kopf, die Augen niedergeschlagen, Tränen liefen in Strömen über sein Gesicht.
Anna-Luise ließ ihren Blick lange durch die Klasse schweifen. Beklemmende Stille.
Ich weiß nicht, wie es euch geht. Aber ich schäme mich. Für mich, für ihn, für uns alle.
Die Kinder blickten weg.
Merkt euch diesen Tag, sagte Anna-Luise ruhig. Beleidigt nie mehr einen Menschen, nicht mit Worten, nicht mit Taten. Ihr habt gesehen, wohin das führen kann.
Sie öffnete die Tür. Paul rannte auf wackeligen Beinen hinaus.
Ich werde euch nicht sagen, dass ihr dies geheim halten müsst. Ich bin mir sicher, ihr wisst selbst warum. Geht jetzt.
Paul tauchte den Rest des Tages nicht wieder auf.
Auch am nächsten Tag kam er nicht zur Schule.
Anna-Luise machte sich auf den Weg zu Pauls Zuhause. Sie erwartete unangenehme Gespräche mit der Mutter, doch die wusste von nichts.
Er ist wie ausgewechselt, entschuldigte sich die Mutter, er weint ständig und will nicht mehr zur Schule gehen.
Darf ich mit ihm reden?, fragte Anna-Luise.
Die Mutter winkte sie herein.
Als Paul Anna-Luise sah, verkroch er sich unter der Bettdecke.
Ich weiß, das war schlimm, sagte Anna-Luise und strich ihm übers Haar. Und jetzt hast du Angst, dass alle über dich lachen. Aber du bist doch kein Feigling, oder? Vielleicht lachen sie aber sie werden dich nicht umbringen.
Er antwortete nicht.
Willst du in eine andere Klasse wechseln? Vielleicht finden die Kinder dort es gut, wenn du sie anspuckst.
Paul schoss unter der Decke hervor, die Augen tränennass:
Ich spuck nie wieder! Nie wieder! rief er aufgelöst, Ich will nicht wechseln
Na prima. Die anderen machen sich Sorgen um dich.
Paul sah weg.
Anna-Luise wuschelte ihm durchs Haar:
Dann sehen wir uns morgen in der Schule, ja?
Ja, murmelte Paul leise.
Als Paul in die Klasse zurückkam, behandelte ihn jeder, als wäre nie etwas gewesen.
Von da an hat niemand, wirklich niemand mehr in dieser Klasse gespuckt.
Später in den älteren Klassen bemerkten alle Lehrer, wie harmonisch diese Klasse war.
Die halten zusammen wie Pech und Schwefel, sagten manche.
Oder sie verbindet ein dunkles Geheimnis, scherzten andere, als wüssten sie mehr.
Vielleicht hätte Anna-Luise noch etwas dazu gesagt aber sie wurde bald an eine andere Schule nach Köln versetzt und kam nie zurück.
Jahrelang ließ die Geschichte sie nicht los, und sie machte sich Vorwürfe, dass sie durch eine unbedachte Entscheidung die Kinderseelen verletzt haben könnte.
Schließlich riet ich ihr selbst, sich zu erkundigen, wie es Paul später ergangen sei.
Sie befolgte meinen Rat.
Sie erfuhr: Als Paul in der sechsten Klasse war, heiratete seine Mutter einen Bundeswehr-Offizier. Dieser setzte durch, dass Paul aufs Internat eines Kadettenkorps wechselte, half bei der Aufnahme.
Heute ist der frühere Störenfried etwa 45 Jahre alt und Offizier.
Er hält nach wie vor Kontakt zu vielen seiner alten Klassenkameraden und taucht manchmal zu Klassentreffen auf.
Und noch etwas: Die Geschichte von Pauls Erziehung wird bei keinem einzigen Treffen je erwähnt. Nicht einmal im Spaß. Wahrscheinlich erinnert sich auch kaum noch jemand daran.
Heute, nach all den Jahren, denke ich daran zurück und weiß: Manche Situationen verlangen mehr Mitgefühl und Geduld, als man in der Hitze des Gefechts aufbringen kann. Ich habe gelernt, dass Autorität nie Demütigung bedeuten darf. Egal, wie schwierig ein Kind ist es bleibt immer ein Kind.



