Liebes Tagebuch,
Neulich habe ich mit meiner langjährigen Freundin Ingrid alle Details besprochen, und wir haben beschlossen, zusammenzuziehen. Warum eigentlich nicht? Wir haben so viele Vorteile darin gesehen:
Wir sind beide alleinstehend. Mit sechzig Jahren ist es nicht mehr so einfach, einen Mann kennenzulernen, und falls es doch noch passiert, könnten wir immer eine Lösung für die Wohnsituation finden. Unsere Kinder und Enkel leben weit weg. Die Verwandten wären bestimmt froh, wenn ihre Omas sich nicht langweilen oder vereinsamen. Früher, als wir jung waren, haben wir schon einmal zusammen in einer Wohnung in München gewohnt. Damals hatte ich ein kleines Kind, aber trotzdem haben wir es geschafft, uns zu arrangieren, auch wenn unsere Charaktere manchmal aneinandergeraten sind. Uns wäre sicher nicht langweilig geworden. Wir haben immer gemeinsam geputzt, gekocht und ein kleines Kulturprogramm geplant, damit wir nicht ständig nur zu Hause sitzen.
Und dann dieser finanzielle Aspekt: Unsere Ausgaben würden wir teilen, und dazu kämen noch die Mieteinnahmen für meine Wohnung. Das hätte sich wirklich gelohnt! Die volle Betreuung wäre auch da wenn eine von uns krank wird, ist sofort jemand da.
Eigentlich gab es nur Vorteile am gemeinsamen Wohnen!
Doch dann kam die Realität.
Die erste Diskussion fing schon bei der Wahl der passenden Wohnung an. Jeder von uns wollte am liebsten in ihrer eigenen bleiben, und wir beide hatten gute Argumente. Ich war bereit, meine Wohnung in Nürnberg aufzugeben, wollte aber nicht, dass Ingrid denkt, ich würde ihr immer nachgeben.
Der nächste Streitpunkt war die Menge an Sachen. Als ich schließlich nachgegeben habe und meine Sachen zu ihr brachte, störte sie sich auf einmal daran, dass ich zu viel mitgebracht hatte. Es war einfach kein Platz für alles. Wegwerfen oder da lassen wollte ich es aber auch nicht man weiß ja nie, was für Mieter später einziehen.
Schlussendlich haben wir einen Garagenplatz gemietet und dort Geschirr und diverse Haushaltsgegenstände untergebracht. Bald hatten wir Mieter für meine Wohnung gefunden und damit ging das Abenteuer los. Anfangs hatte ich das Gefühl, Ingrid würde ständig meine Interessen übergehen. Ich fühlte mich wie ein Gast bei ihr, aber irgendwann versuchte ich, loszulassen.
Das Zusammenleben hat nicht funktioniert, denn es gab kein Gleichgewicht. Sie war es gewohnt, die Putzmittel an einem bestimmten Platz zu lagern, ich an einem anderen. Ständig musste ich mich nach ihr richten, weil es einfach ihre Wohnung war.
Dann bemerkten wir, dass wir verschiedene Vorlieben beim Essen hatten. Auch hier hielt ich mich zurück, vertraute ihren Gewohnheiten bis ich meine eigenen Vorlieben vergaß. Schon bald fiel noch eine kleine Eigenart auf: Ich bin sehr empfindlich beim Schlafen, brauche Ruhe und Dunkelheit, während Ingrid eingeschlafen ist, indem sie den Fernseher laufen ließ. Die Geräusche störten mich, nicht einmal Ohrenstöpsel halfen immer.
Mit der Zeit überwogen die Nachteile die Vorteile. Wir versuchten, sie auszuhalten und Kompromisse zu finden. Aber irgendwann war bei uns beiden das Fass voll: Ich hatte das Gefühl, Ingrid war einfach nur noch genervt, wenn sie mich sah. Ich tat alles, um ihren Ansprüchen zu genügen, aber irgendetwas passte nicht.
Irgendwann brach sie den Kontakt ab; ein Tag, dann noch einer, dann eine Woche Ich fragte mich ständig, was ich falsch gemacht hatte. Am Ende hielt ich es nicht mehr aus und fing einfach an zu weinen, direkt vor ihr. Ingrid fing auch an zu weinen und gestand, sie wisse gar nicht genau, warum sie so gereizt sei. Und da begriff ich: Manchmal muss jeder seinen eigenen Raum, seine eigenen Regeln, sein eigenes Zuhause haben. Lieber öfter treffen, als täglich aufeinanderzusitzen.
Wir haben den Mietvertrag gekündigt, und auf einmal war unsere Freundschaft wie neu. Daraus habe ich gelernt: Selbst die besten Freunde brauchen manchmal gesunden Abstand, damit die Beziehung nicht darunter leidet.





