Echte Frau
Veronika, wo bist du denn schon wieder?! Bring mal die Essiggurken! Muss ich noch ewig auf dich warten?!
Spätestens an der Tonlage war klar: Johannes hatte das Warten satt. Aber Veronika war beschäftigt. Sie widmete sich gerade voller Konzentration ihrem linken Auge, manchmal hörte sie auf, mit der sündhaft teuren, neuen Mascara die Wimpern zu tuschen, einfach um das Ergebnis zu bewundern. Ihr rechtes Auge, von Mascara, Eyeliner und Lidschatten, die ihre Freundin Britta als nur für den Opernball gemacht bezeichnet hatte, war nun fast doppelt so groß wie normal etwas unheimlich zwar, aber aufhören käme für Veronika natürlich nicht in Frage.
Zeit, auf die Gurken in der Badewanne zu schauen, hatte sie jetzt nicht.
Das Ganze war noch gar nicht so lange her. Vor einer Woche etwa hatte Johannes, ihr Mann, der heute am Herd hantierte und Gläser mit Gurken für den Winter einkochte, plötzlich aus dem Nichts seinen Wunsch geäußert:
Ich will, dass du endlich eine richtige Frau wirst!
Und drückte ihr prompt seine sorgfältig angesparte Sparkassenkarte in die Hand.
Veronika war sprachlos. Das war zu wenig gesagt.
Ihr erster Impuls: natürlich Streit lostreten! Typisch! Wenn Johannes so viel Geld angespart hatte, ohne dass es ihr auffiel, dann hat er vielleicht nicht nur sein Gehalt nicht ganz abgegeben… und wer weiß, was noch! Da schießen einem tausend Gedanken durch den Kopf wie soll man da ruhig bleiben?
Aber dann kam schon der nächste Gedanke. Und bevor sie überhaupt den Mund aufmachen konnte, plumpste sie auf den Küchenstuhl und vergass den halbfertigen Gulasch, der auf dem Herd überkochte.
Was soll das heißen eine richtige Frau?!
Das war… Mannomann, das war was! Am liebsten hätte sie geschrieen oder gleich das teure Kaffeeservice zerschmissen, das ihre Schwiegermutter ihr erst neulich geschenkt hatte und das sie sich nie hätte leisten können. Das Service war kostbar davon hatte sie nur zu träumen gewagt. Und dann bekommt sie es einfach geschenkt! Und Britta, als Veronika sich mit Tränen in den Augen über die Teller beugte, lachte nur:
Ach, Veronika! Was bist du denn für ein Trotzköpfchen! Du kriegst von mir, was immer du willst. Hauptsache, ihr seid glücklich!
Die Gründe dafür hat ihr gegenüber nie erklärt. Sie umarmte Veronika, dann ihren Sohn Johannes, knutschte noch mal die Enkel, und war dann auch schon wieder weg. Lange bleiben mochte sie nie zu Hause gabs schließlich immer was zu tun.
Veronika hatte nie widersprochen. Sie brachte die Kinder am Wochenende zu ihrer Schwiegermutter und bemühte sich, dass sie schön brav waren. Immer wieder überlegte sie sich, womit sie dieser Frau, die sie ohne Gemecker in die Familie aufgenommen hatte, eine Freude machen könnte.
Richtig: Grund zum Meckern hätte es gegeben. Schon die Verwandten gaben sich in der Sache Mühe, also was sollte sie schon von einer Frau erwarten, die sie vor der Hochzeit nur ein einziges Mal gesehen hatte? Damals hatte Johannes sie und ihren Sohn zum Kennenlernen mitgenommen. Veronika hatte sich kaum getraut, auszusteigen mal das schlafende Kind angeschaut, mal Johannes gefragt:
Muss ich da wirklich rein? Was soll ich sagen? Was sagt sie zu mir? Sie wirft uns eh raus!
Quatsch, wie kommst du darauf?! hat Johannes gestaunt.
Na, als ich meinen Lukas geboren hab, hat mich meine eigene Tante rausgeworfen. Meinte, ich sei jetzt nicht mehr ihre Familie, sowas Schandhaftes! Und du tust so, als würde deine Mutter mich mit offenen Armen aufnehmen noch dazu mit Kind?! Du bist ja naiv, Johannes! So läuft das nicht!
Mach dir erstmal kein Kopf! Vielleicht überrascht sie dich ja.
Überraschen wollte Veronika aber nicht. Aber zurückfahren ging auch nicht, also schnappte sie den schlafenden Jungen und lief Johannes achtsam hinterher.
Olga, Johannes Mutter, staunte Veronika tatsächlich. Begrüßte sie eher distanziert, musterte die Schwiegertochter, dann aber streckte sie die Arme aus:
Gib her! Ich bring den Kleinen in mein Bett. Arme Wurst, die Reise war sicher anstrengend
Und Veronika, warum auch immer, gab ihr ihren Sohn. Der protestierte nicht einmal, schmiegte sich an Oma, die ihm leise vorsang, und schlief selig wieder ein.
Lukas nannte Olga sofort Oma, als er das Wort kannte und für Veronika war damit alles klar.
Veronika hatte ihren Sohn früh bekommen mit gerade mal 18. Wer sein Vater war, wusste das ganze Dorf. Und natürlich wurde getratscht: würde Dennis, der Schwerenöter, Veronika heiraten oder sie wie so viele andere einfach sitzen lassen? Sein Ruf war grauenhaft und Veronika wusste das nur zu gut. Deshalb hielt sie sich so weit wie möglich von ihm fern.
Aber Dennis war zäh und hatte die richtigen Worte und zur Not andere Methoden. Das Resultat? Der Rest kannst du dir denken. Nur Veronika schwieg nicht.
Auf dem Heimweg aus der Stadt, wo sie die Tante besucht hatte, wurde es später, als gedacht. Mit Ach und Krach kam sie nur bis ins Nachbardorf. Weiter fahren wollte der Busfahrer nicht.
Du glaubst doch nicht, dass ich für dich den Bus länger fahre?! Lauf doch, regnet ja nicht, so ein Spaziergang tut gut. Ich muss nach Hause!
Was sollte Veronika machen? Also lief sie los.
Dennis alter Golf hielt ein paar Kilometer vor dem Dorf.
Veronika, warum so spät, mutterseelenallein? Steig ein, ich fahr dich!
Lass mal, Dennis, danke! Ich laufe lieber!
Aber da wars schon zu spät
Zuhause angekommen, mit zerrissenem Kleid, Tränen, ging sie erst gar nicht ins Haus zu ihrer kranken Mutter, sondern in die Waschküche und schrubbte sich bis in den Morgen, in der Hoffnung, die Spuren von Dennis Übergriffen wegzuwaschen. Sie fluchte, weinte und wollte nur, dass ihre Mutter bitte niemals etwas erfährt. Der Arzt hatte ihr klar gemacht: Das Herz der Mama hält nichts mehr aus Schock wäre tödlich.
Sie müssen alles vermeiden, was sie aufregt haben Sie mich verstanden?
Und wie sie das hatte! Die Mutter war ihr einziger Mensch auf der Welt. Die Tante zählte nicht damals wusste Veronika das nur nicht und buckelte für sie in der Annahme, Verwandte seien zum Helfen da.
Die Mutter starb, ohne je von Veronikas Not zu erfahren, als sie im fünften Monat schwanger war. Ganz ruhig im Schlaf. Zurück blieb Veronika. Ganz allein.
Die Tante distanzierte sich postwendend:
Komme mir bloß nicht an! Selbst schuld! Hättest halt zum Dorfpolizisten gehen sollen, dann wärst du jetzt schon ehrlich verheiratet! Du bist mir jetzt nur noch Last. Ich will damit nichts zu tun haben!
Veronika, völlig fertig, verstand erst nach Tagen, dass sie nun wirklich niemanden mehr hatte. Also ging sie zum Dorfsheriff.
Veronika, warum hast du denn nix gesagt?! Der Polizist schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Dem werd ichs zeigen!
Dennis landete im Knast.
Mit Veronika redete dann das halbe Dorf. Da kamen so einige Kinder zusammen, die Dennis als Vater hatten. Sieben insgesamt! Die meisten Mütter schwiegen zunächst, dann packten sie aus.
Dennis Mutter verfluchte Veronika nach dem Urteil vor versammeltem Dorf, wünschte ihrem Kind, es solle krank oder gar nicht erst geboren werden.
Aber das Dorf hielt zu Veronika. Noch in der gleichen Nacht bekamen die Dennisens die Zäune mit Teer eingeschmiert und mussten wenig später buchstäblich das Weite suchen.
Veronika brachte termingerecht einen gesunden, kräftigen Jungen auf die Welt ein echter Nachkomme der Familie Stark, kein bisschen Dennis. Nase und Ohren wie der verstorbene Vater, dunkelbraune Kirschaugen und Löckchen wie von der Großmutter.
Nachbarn halfen, seis mit Babyklamotten, seis mit einem Kinderbettchen. Das Geld ihrer Mutter nutzte sie sparsam, wohl wissend: Ein Kind zu bekommen ist leicht, aber alleine großziehen das ist eine andere Hausnummer.
Kaum hatte Veronika sich halbwegs sortiert, tauchte ihre Tante wieder auf. Diesmal samt Onkeln, Brüder der verstorbenen Mutter, die sie bis dahin nie gesehen hatte.
Du, Veronika du musst ausziehen unser Elternhaus, wir wollens verkaufen. Deine Mutter durfte bleiben, solange sie lebte. Das ist vorbei.
Und wohin jetzt mit mir?
Überleg du mal. Einen Anteil bekommst du ja, aber was du damit machst, ist dein Problem.
Veronika grübelte. Im Dorf war mit dem bisschen Geld nichts zu reißen, also wohl in die Stadt? Aber dort kannte sie niemanden und Hilfe würde sie da auch keine bekommen. Die Tante schielte nur schief zum Babybett und murmelte etwas von nicht kriegen müssen
Das ließ Veronika aber an sich abprallen. Ihre Entscheidung! Den Jungen würde sie nicht hergeben!
Kaum waren die Verwandten abgezogen, flossen die Tränen. Abschied vom Elternhaus sowas tut weh.
Während sie noch trauerte, verbreitete die Nachbarschaft schon das Neueste, was sie von der Tante erfahren hatte. Einige waren sauer auf die Verwandten, andere verstanden Veronikas Entscheidungen nicht. Aber immerhin: Der Dorfsheriff klopfte bald an der Tür.
Veronika, da verkauft eine Frau im Nachbardorf ein halbes Haus. Allein ist ihr das alles zu viel. Ich kenne sie, sie ist in Ordnung. Soll ich dich am Wochenende mal hinfahren?
Das wäre fantastisch! Veronika hätte ihn fast umarmt!
Na, prima! Und wie gehts dem Kleinen?
Wird ein richtiger Wonneproppen!
Im Nachbardorf fand sie sofort einen Draht zu Frau Schröder, der Hauseigentümerin.
Hab keine Angst, Veronika. Ich bin ganz unkompliziert. Wenn du dich benimmst und mitten in der Nacht keine Krach veranstaltest, kommen wir gut aus. Ich helf dir auch mit dem Kind zum Einkaufen oder falls du mal arbeiten musst. Aber nicht, wenn du dir einen schönen Tag machen willst!
Gibts hier eigentlich Arbeit? Ich könnte etwas brauchen.
Klar. Meine Freundin sucht eine Verkäuferin. Ich könnte ein gutes Wort einlegen!
Na, dann: her damit! Ein echter Glückstag!
Und so lernte Veronika im Laden Johannes kennen, der seiner Mutter im Haus helfen wollte und losgeschickt wurde, um noch etwas einzukaufen.
Veronika packte ihm die Einkäufe und merkte gar nicht, wie sie gleich alles erzählte, von Lukas, von Frau Schröder, die für den Liebsten wie eine Oma war. Sonst nie gesprächig, aber bei Johannes redete sie und redete.
Er hörte ruhig zu und verabschiedete sich schließlich längst wusste er, dass diese Frau ihn nicht wieder loslassen würde.
Allerdings dauerte es eine Weile, bis Johannes wiederkam. Wie sollte er erzählen, dass seine frühere Frau verschwunden war und er alleinerziehender Vater von zwei kleinen Jungs war? Seine Mutter war mit dem pflegebedürftigen Vater beschäftigt, also hing alles an ihm. Wegen der Kinder war er überfordert, denn sie weinten oft abends nach einer Mutter, an die sie sich kaum erinnerten oder gar nicht kannten.
Johannes wusste nicht, wie er das alles Veronika mitteilen sollte. Also schlich er um den Laden herum, aber reinzugehen wagte er nicht.
Nur: Veronika hatte ihn auch nicht vergessen. Sie hatte sich schon bei Frau Schröder nach ihm erkundigt und wusste längst Bescheid, als er nochmal auftauchte.
Wie alt ist denn dein Ältester? überraschte sie ihn.
Wird in ein paar Tagen drei.
Und der Jüngste?
Ein Jahr.
Wie mein Lukas.
Vero
Stell mich deinen Jungs vor. Und dann sehen wir weiter.
So fing alles an.
Die Hochzeit war fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ganz bescheiden, nur die Familie. Danach fuhren sie mit den Kindern das erste Mal im Leben ans Meer. Veronika war so glücklich wie die Kinder sie war ja nie rausgekommen aus ihrem kleinen Umkreis.
Endlich eine richtige Familie, ein Mann, Kinder Glück pur.
Nur: Dieses Glück musste verteidigt werden. Erst steckte sie fast zwei Monate mit dem kranken Ältesten im Krankenhaus, dann stand plötzlich die Mutter der Jungs vor der Tür und wollte sie zurück. Da zeigte Veronika, was in ihr steckt: Sie knickte nicht ein, fuhr ins Heimatdorf, holte den Rat aus erster Hand beim Dorfsheriff, kämpfte sich durch Ämter, damit sie nun auch auf dem Papier Mutter der beiden war.
Die Ex verschwand wieder, bevor das Gericht endgültig entschied. Die Schwiegermutter fiel Veronika nach der Sitzung um den Hals:
Jetzt bin ich wirklich beruhigt um die Jungs!
Die Zeit verging, die Kinder wuchsen, Veronika blieb wie immer ein bisschen schüchtern, sehr still, ihr Lächeln hatte immer was Sanftes. Aber alle im Dorf wussten: Sie mag wie eine Schmusekatze wirken, aber wehe, jemand rührt ihre Familie an dann kann sie zur Löwin werden.
Und jetzt? Sie soll keine Frau sein?
Die Nacht nach der Sache mit der Sparkassenkarte schlief sie nicht. Wand sich im Bett, stand immer wieder auf und betrachtete sich im Licht der Nachttischlampe, drehte und wendete sich von allen Seiten und verstand nicht, was an ihr nicht stimmte. Ihren Mann wollte sie nicht fragen; sie war eingeschnappt. Am nächsten Morgen, die Kinder in Kita und Schule, machte sie sich auf den Weg zu Britta.
Britta, was soll ich jetzt machen?!
Britta war auch ein bisschen aus einer anderen Welt. Sie beschloss, Frauenzeitschriften müssten her irgendwer muss ja schließlich wissen, wie Echte Frauen ticken! Also plünderte sie ihr Zeitschriftenregal und nach einer halben Stunde wussten sie: Eine echte Frau muss richtig essen, sich angemessen kleiden, richtig schminken kurz: alles auf die perfekte Art machen, sonst ist sie keine Frau, sondern irgendwas mit Schleife dran. Und bei Veronika war nicht mal die Schleife vorhanden!
Veronika kaufte sich keine Schleife, aber sie fuhr mit Britta in die Stadt, kaufte ein gutes Make-up, ein schönes Nachthemd und umwerfende Schuhe, die sie zu Hause lieber in der Schachtel ließ bloß, damit die Kinder sie nicht ruinieren.
Nur: Johannes schien ihre Mühe gar nicht zu würdigen.
Sie war gerade fast fertig mit dem Lidschatten, als die Badezimmertür aufflog, und sie sich voller Schwung den Pinsel ins Auge stach! In dem Moment war Veronika sich sicher: Echte Frau werden will sie nicht mehr.
Veronika, was machst du da?! Johannes war sofort alarmiert, als er sie auf einem Bein hopsend mit tränenden Augen sah.
Das ist alles deine Schuld! fauchte sie ihn an, während sie versuchte, nicht noch mehr von dem aufwendigen Make-up im Gesicht und Bad zu verschmieren, Du willst eine Frau?! Was bin ich denn dann, bitteschön?!
Johannes begriff jetzt, was los war, umarmte sie und beendete so ihr Herumgehopse.
Jetzt komm mal runter! Lass mich dir helfen.
Sanft, liebevoll wusch er ihr das Gesicht ab und redete dabei auf sie ein:
Ich bin ja wirklich nicht der Hellste, aber du bist auch nicht besser. Du weißt doch, dass ich kein großer Redner bin. Hättest ja mal fragen können, was ich meinte stattdessen gleich eingeschnappt!
Warum hast du mir dann das Geld gegeben und mich so runtergeputzt, dass ich angeblich keine Frau bin?
Genau deswegen! Du hast dir nie irgendwas gegönnt, alles immer nur für die Kinder oder mich ausgegeben, selbst meine Mutter verwöhnst du. Aber an dich denkst du nie! Ist doch kein Zustand! Ich wollte, dass du dir mal was leistest, wie andere Frauen, die mal shoppen gehen und sich was gönnen.
Jetzt war Veronika nicht mehr zu halten sie lachte so laut, dass es fast zu viel wurde. Die Kinder, die nicht gleich kapierten, ob Mama lacht oder weint, machten erst mal einen Riesentumult, den sie erst mal wieder beruhigen mussten.
Abends, als die Kinder im Bett waren, trat Veronika auf die Terrasse, hob das abgeschminkte Gesicht zum Himmel und lächelte leise über das Chaos, das der Tag ihr gebracht hatte.
So, die letzten schlafen! rief Johannes, setzte sich neben sie auf die Stufen.
Gut zugedeckt?
Klar doch! Die Gurken werden spitze!
Das will ich hoffen! Ich werde sie bald dringend brauchen! grinste Veronika und legte seine Hand auf ihren Bauch.
Ehrlich? Und du sagst nichts?! rief Johannes überrascht und schlang den Arm um sie.
Wann denn? Du und deine Gurken, immer was los! Zeit für mich bleibt da kaum!
Sie wollte noch einen Spruch machen, aber ihr Mann zog sie an sich und küsste sie damit sie nie vergisst, was eine Frau nie vergessen sollte.
Ganz nah, da wo das Herz schlägt. Ein bisschen schräg genau da, wo die Seele leben darf.




