Der Bumerang

Bumerang

Was hast du meinem Freund erzählt? schrie Annika ins Telefon. So laut, dass ich das Handy vom Ohr wegziehen musste.

Ich? Gar nichts, erwiderte ich ruhig.

Lüg doch nicht!

Ein ganzer Schwall von Vorwürfen prasselte auf mich herab. Ich sah verwundert auf mein Handy und beendete das Gespräch. Sie rief sofort zurück, aber ich nahm nicht ab. Ich frage mich: Wer tut sich freiwillig unnötige Beleidigungen an?

Wer hat dich angerufen? fragte mein Bruder Jonas.

Annika. Offensichtlich gibt es Stress mit Paul. Irgendwie hat sie auch mich da mit reingezogen.

Ich stellte mich ans Fenster.

Jonas, was soll ich denn Paul gesagt haben? Ich habe ihn seit seiner Geburtstagsfeier nicht mehr gesehen. Und selbst da habe ich mich kaum mit ihm unterhalten…

Jonas zuckte mit den Schultern.

Keine Ahnung, worauf sie hinauswill.

Unsere Mutter kam in die Küche.

Na ihr zwei, habt ihr was gegessen? Was steht heute bei euch an? fragte sie.

Bei mir läuft alles wie immer: Musikschule und dann Nachhilfe für die Abi-Vorbereitung, sagte ich.

Und bei mir auch, meldete sich Jonas. Vielleicht schaue ich noch kurz bei Paul vorbei, warf er mir einen verschwörerischen Blick zu.

Wie schnell ihr groß geworden seid! seufzte Mama. Als hätte ich euch gestern erst aus der Klinik geholt, schon steht ihr vor dem Abi und denkt über Studiengänge nach…

Dafür hast du jetzt Zeit für dich, lachte Jonas. Keine endlosen Kinderbespaßungen mehr, keine Fahrdienste zu Sportvereinen.

Mama winkte ab.

Bald kommen eh die Enkel, dann ist das bisschen Freizeit auch wieder vorbei.

………………………….

Den ganzen Tag nagte die Ungewissheit an mir. Was hätte ich bloß zu Paul gesagt haben können und wann?

Abends brachte Jonas Licht ins Dunkel, nachdem er wie angekündigt bei seinem Kumpel gewesen war.

Stell dir vor, alles nur wegen deiner Nachricht, die du mir gestern geschrieben hast, eröffnete er feierlich.

Welche Nachricht? Ich verstand nur Bahnhof.

Spiel dich nicht so unwissend! Du hast mir gestern getextet, in welchem Café ihr seid, dass Annika nach Hause geht, du jetzt auch aufbrichst und…

Na und?

Wir waren doch abends noch zusammen in der Kneipe! Ich hab Paul dann gesagt, dass euer Mädelsabend vorbei ist und er ist sofort zu Annika gelaufen, wollte sie wahrscheinlich noch abpassen, ihr Gute Nacht sagen oder sie küssen. Bei den beiden ist ja immer alles so romantisch… war.

Und?

Sie war trotzdem erst zwei Stunden später daheim. Hat behauptet, sie sei spazieren gewesen.

Nachdenklich betrachtete ich Jonas.

Aha… Jetzt ergibt alles Sinn.

Sie hatte wohl ein Treffen mit jemand anderem, oder? fragte Jonas.

Sieht stark danach aus, nickte ich.

Und dabei tun die immer so verliebt… Du hast nichts falsch gemacht, im Gegenteil. Es ist total richtig, dass du mir Bescheid gibst, wo du bist. Mach das ruhig weiter.

Natürlich bin ich nicht schuld! Das war ihr Fehler. Sie hätte ja wenigstens erwähnen können, dass sie nach unserer Verabredung noch wen trifft… Andererseits hätte ich dir trotzdem geschrieben, dass der Abend vorbei ist. Sie hätte sich einfach ein anderes Zeitfenster für ihr heimliches Treffen suchen müssen.

…………………………

Nach dieser Geschichte war Annika beleidigt auf mich. Vermutlich glaubt sie bis heute, ich hätte das absichtlich gemacht, dabei hab ich einfach immer Jonas gesagt, wo ich bin. Für mich war klar: Mein Bruder holt mich nach der Probe oft ab, dann laufe ich nicht allein durch die Stadt.

Ich machte ein paar Versuche, mich mit Annika zu versöhnen, aber sie blockte ab. Wie sich später herausstellte, hatte sie wirklich einen anderen getroffen und Paul machte nach eigenen Recherchen Schluss.

Tja, wenn sie nicht will, kann ichs auch nicht ändern, dachte ich.

Dieses Ende ließ mich meine Pläne überdenken. Statt, wie mit Annika besprochen, in Freiburg zu studieren, habe ich mich für Berlin entschieden. Und zwar für ein ganz anderes Fach das, was mir tatsächlich gefiel, nicht den faulen Kompromiss, den wir zusammen ausgesucht hatten.

Und ich wurde angenommen.

………………………..

Leonie, wie kannst du nur? Mama war nervös. Du willst wirklich allein in einer ganz neuen Stadt wohnen, auch noch im Studentenwohnheim? Bist du sicher mit Berlin?

Es wird schon alles klappen, Mama, ehrlich, versuchte ich, sie zu beruhigen.

Klar wird alles klappen! Papa klopfte mir auf die Schulter. Stell dir mal vor, was unsere Tochter schon alles allein auf die Beine gestellt hat: Fach und Uni selbst ausgesucht, sich selbst beworben, Aufnahme geschafft!

Mir war halt immer wohler, wenn Jonas und du euch gegenseitig begleitet habt, seufzte Mama.

Irgendwann beginnt eben Leonies eigenes Leben, warf Papa ein.

Schon klar… Weißt du noch, Tante Marlene? Die mit der Tochter in deinem Alter, deren Mann immer im Ausland war?

Vage, antwortete ich, aber in Wahrheit hatte ich kein genaues Bild vor Augen.

Sie sind gerade zurück nach Berlin gezogen, wo du auch wohnst. Soll ich ihr schreiben? Vielleicht kannst du am Anfang bei ihnen wohnen oder zumindest mal vorbeischauen. Sie ist doch meine Cousine.

Mama, nein! Ich schüttelte energisch den Kopf. Das ist doch unangenehm für beide Seiten.

Oder willst du dir nicht doch lieber ein kleines Zimmer außerhalb suchen? Dann unterstützen wir dich nach Kräften, fragte Mama wieder.

Es geht schon, Mama. Die Mieten in Berlin sind teuer. Studentenwohnheim ist schon okay viele andere schaffen das auch. Da komm ich auch zurecht!

…………………………..

Sebastian lehnte am Fenster seines Büros und beobachtete das Treiben der Studierenden unten auf dem Campus.

Na, wie siehts aus, Stefan? Frische Erstis am Start? fragte Sebastian seinen Kollegen.

Aber klar doch. Jede Menge.

Hast du schon die hübschesten angequatscht? Sebastian lachte. Na los, erzähl schon!

Vielleicht… Stefan grinste. Würdest du regelmäßig arbeiten kommen, hättest du mehr Kandidatinnen.

Ach, jetzt werde ich ausgelacht! Ich bin halt nur aufm Papier hier… Und? Hast du bei den Mädels gelandet?

Nö. Einige haben einen Freund, bei anderen hab ich wohl keinen guten Eindruck hinterlassen.

Interessant… Zeigst du mir die, die dich abblitzen ließen? Vielleicht klappt’s ja bei mir, ha!

Stefan schüttelte schmunzelnd den Kopf:

Sebastian, du bist einfach unverbesserlich. Du willst dich besser fühlen als ich und dabei noch ein bisschen Chaos ins Leben der Mädchen bringen?

Klar! Die sollen ruhig mal lernen, was sie an ihren aktuellen Freunden haben oder auch nicht. Und was die anderen betrifft… Ich will dich übertreffen.

Ich geh mal weiterarbeiten, Stefan zog sich zurück. Mittags quatschen wir weiter.

…………………….

Beim Mittagessen setzte sich Sebastian mit Stefan in der Mensa ans Fenster.

Na, rück schon raus, forderte Sebastian ihn auf, und Stefan begann, über verschiedene Studentinnen zu plaudern.

Da ging die Tür, und ich entdeckte ein Mädchen, das praktisch über den Boden zu schweben schien so schön fand ich sie.

Wer ist das? fragte Sebastian.

Das… das ist Leonie, kam es zögernd von Stefan.

Sein Tonfall war anders als sonst Sebastian musterte ihn neugierig.

Bist du etwa in sie verliebt? witzelte er. Keine Antwort. Und? Hat sie Interesse?

Sie gefällt mir wirklich sehr. Aber… naja. Sie hat abgelehnt. Ich glaube, sie steht auf andere Typen oder sie ist einfach sehr ehrgeizig.

Und? Hast du nachgehakt, woher sie kommt, wer ihre Eltern sind, wie sie wohnt?

Sie wohnt im Wohnheim.

Im Wohnheim?! Und hat dich trotzdem abblitzen lassen? Weiß sie überhaupt, dass du genug Kohle hast und… sie dir ein bisschen Nachhilfe bei den Prüfungen besorgen könntest?

Geld interessiert sie nicht. Sie macht alles selbst. Ist ganz auf ihren eigenen Weg fixiert.

Sebastian verstummte. Er starrte auf Leonie, als ob sie ein Rätsel sei.

Wetten, dass sie am Ende meine Freundin wird? fragte Sebastian.

Lass sie bitte einfach in Ruhe! platzte Stefan heraus.

Schon gut, schon gut… Sebastian grinste. Er war längst fest entschlossen, sein Glück zu versuchen.

………………….

Leonie schlenderte langsam zum Wohnheim zurück. Eigentlich gefiel ihr das Studentenleben: klar, das Zimmer teilte sie mit zwei anderen, sie musste selbst kochen, und Bad und Toilette waren auf dem Gang aber schließlich war sie in Berlin, an ihrer Wunschuni. Ihr Ziel: Stipendium abräumen, vielleicht bald eine Stelle als Tutorin bekommen.

Hey, Süße!

Ein Typ in schmuddeligen Klamotten packte sie am Handgelenk.

Komm mit!

Überrumpelt ließ sie sich ein Stück mitziehen, obwohl sie sich wehrte.

Lass mich! Ihr Protest war kaum mehr als ein Flüstern.

Der Typ lachte nur und zog sie weiter.

Ist alles in Ordnung? fragte plötzlich ein anderer junger Mann, der sich ihnen in den Weg stellte.

Nein! Ich kenn den Typen gar nicht!

Meine Frau, lass uns in Ruhe, knurrte der erste.

Womit willst du das beweisen? fragte der zweite ruhig.

Der andere stockte, ließ locker Leonie riss sich los und rannte Richtung Wohnheim.

Wie blöd bin ich eigentlich? Jonas sagt immer, ich soll Pfefferspray mitnehmen!, schoss es ihr durch den Kopf.

Pfefferspray hätte auch nicht geholfen, hörte sie neben sich. Ihr Retter lief neben ihr.

Leonie blieb stehen und sah sich um.

Alles wieder in Ordnung, lächelte er. Soll ich dich noch ein Stück begleiten?

Ja, danke, stimmte sie zu.

Gibts vielleicht auch einen Tee? fragte er schmunzelnd.

Klar.

Dann lass uns doch schnell ins Café, es gibt hier ein ganz Nettes in der Nähe.

Leonie nickte.

Wie heißt du eigentlich? Ich bin Sebastian.

Leonie.

Freut mich.

…………………….

Die Zeit verging. Leonie und Sebastian wurden ein Paar jedenfalls dachte sie, es sei ernst. Sie träumte davon, ihn im Sommer den Eltern vorzustellen, vielleicht sogar zu heiraten.

Igitt, wer kocht hier Buchweizen? Kaum war Leonie ins Zimmer gekommen, schlug ihr der Geruch entgegen. Komisch, war mir noch nie aufgefallen, dachte sie.

Wenns dir nicht passt, mach einen Schwangerschaftstest, meinte ihre Mitbewohnerin.

Wieso das denn? fragte Leonie.

Wenn dir Gerüche plötzlich mies vorkommen, ist meist was im Busch entweder du bist schwanger oder du drehst durch. Testen ist einfacher.

Leonie warf ihrer Mitbewohnerin einen missmutigen Blick zu und ging an die frische Luft.

………………….

Wenig später saß Leonie mit Sebastian zusammen.

Also, so ist es jetzt. Eigentlich dachten wir, das käme später…, fing Leonie vorsichtig an. Sie fühlte sich mies so als müsste sie Sebastian zu ihrer Freude zwingen.

Ach was! Und wie weit? fragte Sebastian. Schon lange?

Elfte Woche, murmelte sie verlegen. Mit all dem Lärm um Studium und Liebe war ihr Körpergefühl komplett auf der Strecke geblieben.

Na dann prima! Was sagt die Ärztin?

Alles gut soweit…

Dann machen wirs so: Ich fahr jetzt zwei Wochen auf Geschäftsreise. Danach ziehst du endgültig zu mir. Einverstanden?

Ja! Für Leonie war das pure Glück.

Spitze!

Doch zwei Wochen später kam alles anders: Sebastian rief an. Er habe es sich überlegt, das Kind sei vermutlich nicht von ihm, und sie solle ihn einfach vergessen. Als sie ihn suchen wollte, erfuhr sie, dass er längst umgezogen und die Nummer gewechselt hatte.

…………………..

Was machst du jetzt? fragte ihre Mitbewohnerin im Flur. Die beiden warteten auf den Beginn einer Vorlesung.

Keine Ahnung… ich nehme wohl ein Urlaubssemester. Mir bleibt nix anderes übrig. Ich geh heute ins Prüfungsamt und frage nach, zuckte Leonie mit den Schultern.

Es gäbe ja noch andere Möglichkeiten… Die Mitbewohnerin sah sie vielsagend an.

Nein, schüttelte Leonie entschlossen den Kopf. Erstens ist es sowieso zu spät, und zweitens könnte ich nie tun, was du andeutest.

Da klingelte es zum Unterricht. Leonie griff nach der Tasche und wollte mit hinein.

Hi! Ein Typ, der sich am Anfang sehr aufdringlich um sie bemüht hatte, kam auf sie zu.

Hallo, grüßte sie zurück, während sie fieberhaft nach seinem Namen suchte.

Und, wie gehts? fragte er.

Geht so, antwortete sie.

Geht so? Du bist schwanger, wurdest sitzen gelassen und nennst das geht so? Er grinste fies.

Woher weißt du das?

Ich kenne Sebastian.

Ach so. Der Name fiel ihr wieder ein: Stefan.

Weißt du, irgendwie freuts mich sogar! Erst großes Lernen vorspielen, und Sebastian musste einmal den Helden spielen, schon hattest du ihn. Und jetzt das Kind wunderbar! Jetzt wirst du an deinem Fehler immer erinnert. Haha! Stefan lachte schadenfroh. Übrigens wars mein Plan: Ich hab Sebastian extra neugierig auf dich gemacht. So hast dus verdient.

Willst du dich rächen an jeder, die dir einen Korb gibt, oder was? Bist du noch ganz sauber? Ich stürzte davon, doch er packte mich am Arm.

Warte, das ist noch nicht alles! Sebastian hat kürzlich geheiratet, rief Stefan triumphierend. Eine, die genauso naiv ist wie du.

Niemals! entfuhr mir.

Hier, sieh selbst, hielt er mir das Handy vors Gesicht. Auf dem Bildschirm: Hochzeitsfotos. Ganz klar, Sebastian und irgendein Mädchen…

Stefan lachte höhnisch. Ich fühlte mich völlig am Boden und bereute, dass ich nicht eine andere Uni gewählt hatte.

Die Eltern haben Geld. Den wird er auch noch ausnehmen und verlassen, orakelte Stefan.

Da fasste ich mich.

Interessiert mich nicht. Euch beiden wird das Leben schon die Quittung geben für das, was ihr getan habt.

Ja, ja, träum weiter!

Ich wandte mich ab.

…………………..

Weil ich mich zu gar nichts mehr aufraffen konnte, blieb ich nur noch im Wohnheim.

Leonie, das geht so nicht, sagten meine Mitbewohnerinnen. Du musst weiter machen.

Ich nickte.

Ja, klar. Aber wie soll ich nach so etwas Menschen noch trauen?

Du musst wieder essen, zur Uni gehen. Für das Baby, damit du das Jahr noch schaffst. Los jetzt, Kopf hoch!

Ich wusste, sie hatten recht, aber die Kraft fehlte.

Ich kann einfach nicht.

Sie schauten sich an.

Du hast gesagt, Sebastian ist jetzt verheiratet… Vielleicht solltest du seine Frau suchen und ihr sagen, dass du sein Kind bekommst…, warf eine von ihnen ein.

Ich seufzte.

Sie ist bestimmt verliebt in ihn. Sie würde mir sowieso nicht glauben. Und wozu? Mir bringt das gar nichts.

Wie du meinst. Gehst du wenigstens heute zur Vorlesung?

Nein, lasst mich einfach.

Meine Mitbewohnerinnen gingen ich zückte das Handy, suchte nach ihrem Profil, legte das Telefon dann aber erneut weg und machte mich doch zur Uni auf.

………………….

Wie ich die Prüfungen noch geschafft habe, weiß ich nicht.

Nicht schlecht, Schwesterherz! Jonas half mir, Koffer und Taschen aus dem Wohnheim zu zerren. Und das alles, ohne den Eltern was zu sagen… Wie die wohl reagieren?

Jonas, mir selbst ist schon mulmig dabei, aber so ist das Leben nun mal. Ich sehe auch Vorteile: Ich hab mein erstes Kind mit 19. Das heißt: Wenn ich beruflich Fuß fasse, brauche ich mich um eine Schwangerschaft keine Sorgen mehr machen, mein Kind wird schon groß sein und nicht mehr ständig krank und es werden garantiert keine Typen mehr an mich geraten, die nicht wirklich zu mir passen!

Jonas musste lachen.

Bleib so optimistisch, Leonie. Es wird schon alles gut. Ich unterstütze dich immer.

………………………..

Daheim angekommen staunten wir nicht schlecht: Tante Marlene samt Mann waren zu Besuch die Eltern vertagten deshalb ernste Gespräche.

Seht, unsere Tochter hat kürzlich geheiratet, schwärmte Tante Marlene und reichte mir ihr Handy mit Hochzeitsfotos. Ich überflog die Bilder und dann erstarrte ich: Immer wieder tauchte Sebastian auf.

Das gibts doch nicht! Sebastian hat tatsächlich meine entfernte Cousine geheiratet!

Mal sehen, wie lange das gutgeht, meinte ihr Mann trocken. Der hat nicht aus Liebe geheiratet. Wahrscheinlich will er sich an unserem Vermögen bereichern, aber das wird ihm nicht gelingen.

Ich musste schmunzeln. Noch wusste ich nicht, ob ich mit meinem Wissen irgendwas anfange. Aber eines ist klar: Für alles, was man im Leben tut ob Gutes oder Schlechtes , bekommt man irgendwann die Quittung zurück.

So habe ich gelernt, dass Ehrlichkeit und Selbstachtung wichtiger sind als vermeintliche Freundschaften. Und dass am Ende immer das Leben entscheidet, wer was verdient.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Der Bumerang
„Ich verlasse dich“, gestand der Ehemann schuldbewusst – doch zu seinem Erstaunen lachte seine Frau nur Irina hatte ihre Freundin Sabine, die nach der Scheidung sagte: „Ich war zwanzig Jahre lang mit einem Geist verheiratet.“ Damals klang das wie eine Übertreibung. Doch als Andreas zum wiederholten Mal den Hochzeitstag vergaß, aber dafür den Geburtstag der Nachbarin aus dem Erdgeschoss wusste, als er Irinas neue Frisur übersah, aber die „stylische“ Frisur der Verkäuferin im Supermarkt lobte, und als sie auf den Familienfotos der letzten Jahre nebeneinander wie zufällige Fahrgäste im Bus aussahen – da begriff Irina, dass Sabine recht hatte. Neben ihr lebte ein Mensch, der nur körperlich präsent war, aber emotional verschwunden. Einer, der das Bett mit ihr teilte, aber nicht ihr Leben. Einer, der sie Ehefrau nannte, aber sie wie eine Mitbewohnerin in einer Berliner Altbau-WG behandelte – freundlich, doch distanziert. Das Schlimmste aber war: Irina selbst war zu einem Schatten geworden. Sie erwartete vom Zusammenleben nichts mehr als die gemeinsame Wohnung und den Haushalt. Bis zu jenem Tag, als er diese entscheidende Worte sprach. „Ich verlasse dich“, sagte Andreas, den Blick scheu gesenkt. Irina lachte unerwartet. Nicht laut – erschöpft. All die Jahre war sie… wie soll man es ausdrücken… sein Kummerkasten. Bei Problemen – zu Irina. Bei Krankheit – zu Irina. Wenn die Kumpel seine Genialität nicht verstanden – wieder zur verlässlichen Irina. „Echt jetzt?“, fragte sie, ohne einen Schluck vom Abendtee zu lassen. „Und zu wem gehst du?“ Andreas zappelte verlegen. Achtundvierzig, aber so rot wie ein Teenager beim ersten Date. „Zu Lena. Sie versteht meine kreative Seite.“ Oh wow! Kreative Seite! Bei einem Sanitärinstallateur aus dem Bezirksamt! Gut, vor zwei Jahren hatte er eine Gitarre gekauft und mühte sich tapfer mit drei Akkorden. Irina stellte die Tasse ab und betrachtete ihren Mann. Glatze, Bierbauch, stets ein mürrisches Gesicht. Wo war nur der junge Mann von damals geblieben? „Verstehe. Und wie teilen wir die Wohnung?“ „Irina…“, er war verblüfft von ihrer Sachlichkeit. „Bist du etwa nicht traurig?“ „Warum?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe längst begriffen, dass ich mit einem Mitbewohner zusammenlebe. Ehrlich, ich bin neugierig – wie du ohne mich klarkommst. Wer wäscht künftig deine Socken? Wer kauft die Blutdrucktabletten?“ Andreas starrte sie an. Er hatte mit Tränen, Dramen, Versuchen ihn aufzuhalten gerechnet und bekam stattdessen eine nüchterne Abwicklung der Hausangelegenheiten. „Lena…“, begann er unsicher. „Wie alt ist sie?“ Irina unterbrach ihn. „Bestimmt jung und sieht gut aus? Will sicher nicht heiraten, oder? Wozu auch ein Ehemann, wenn ein Lover zur Unterhaltung reicht.“ Andreas wurde blass: Woher weiß sie das mit dem Alter? Irina erhob sich und begann das Geschirr zu sammeln. „Morgen nach der Arbeit holst du deine Sachen ab. Abgemacht?“ Sie ging in die Küche, Kaffee-Tassen spülend, eine Melodie summend. Zum ersten Mal seit Jahren – fröhlich summend! Andreas blieb mitten in der Küche stehen, wie ein Schauspieler, dem der Text fehlt. Er war überzeugt: Nur eine Pause vom Familienleben. Ein kleiner Urlaub. Er mietete eine Einzimmerwohnung gleich gegenüber von Lena (praktisch!) und reichte eilig die Scheidung ein – aus Angst, es sich doch anders zu überlegen. „Sind die Papiere fertig?“ rief er Irina jede Woche an. „Ich… also… habe jetzt eine Wohnung gemietet.“ „Na dann, viel Erfolg“, antwortete sie gelassen. „Mach einfach weiter.“ Was soll man auch sagen? Zwanzig Jahre Ehe lassen sich in ein paar Monaten abwickeln, wenn man will. Auch Irina war aktiv. Zum ersten Mal seit Jahren tat sie, was sie wollte. Sie hatte plötzlich jede Menge freie Zeit. Sie meldete sich im Fitnessstudio an. Kaufte sich ein neues Kleid. Färbte sich die Haare von „praktisch“ braun zu feurig rot. Ihr Mann fand immer, Rot stünde ihr nicht. „Irina, bist du verrückt?“, staunte Sabine. „Er kommt zurück! Die kommen immer zurück – nach einem halben Jahr oder Jahr!“ „Soll er bleiben, wo er ist“, antwortete Irina und betrachtete sich im Spiegel. Was hielt sie überhaupt die letzten Jahre zusammen? Haushalt? Rechnungen? Ein Bett, in dem sie Rücken an Rücken einschliefen? Die Liebe war verdunstet, wie Wasser im alten Topf. Erst Tropfen für Tropfen – als er die Frisur nicht bemerkte. Dann ein Rinnsal – als er sie mit anderen Frauen verglich. Und am Ende – einfach restlos verdampft. Andreas genoss seine Freiheit! Lena war ganz anders als Irina. Sie nörgelte nicht, wenn die Socken herumlagen, verlangte keine Hilfe beim Putzen, erinnerte nicht an Arzttermine. „Andreas, du bist ja so interessant!“, schwärmte sie und legte den Arm um seinen Hals. „Erzähl noch von deiner Arbeit! Darf ich deine Hemden tragen? So romantisch!“ Er fühlte sich wie ein Held im französischen Liebesfilm. Junge Geliebte, eigene Wohnung, keine Verpflichtungen. Was für ein Leben! „Bist du frei?“, fragte Lena. „Frei wie der Wind!“, lachte er. Nach drei Monaten begann Andreas zu vermissen. Nicht Irina – nein! Die Stabilität. Lena war wundervoll, aber unberechenbar. Manchmal verschwand sie übers Wochenende, dann brauchte sie „Zeit zum Nachdenken.“ Und – kochen konnte sie gar nicht. „Als Kreative habe ich keine Zeit für Kochtöpfe!“ Essens-Lieferdienst war hilfreich, aber immer öfter sehnte sich Andreas nach Irinas hausgemachten Maultaschen. Bis Silvester hatte Lena einen neuen „Plan“: Sie wollte Influencerin werden. „Andreas, Liebling“, schnurrte sie, „ich brauche eine Profikamera. Und Licht. Die Wohnung ist zu dunkel fürs Livestreamen!“ Das Geld wurde immer knapper – zwei Wohnungen, Restaurants, Geschenke. Lena verlangte immer mehr. Doch der wahre Schicksalsschlag kam im März. Etwas, womit niemand gerechnet hätte. Bei Andreas wurde eine unheilbare Krankheit diagnostiziert. Späte Phase. Die Ärzte sprachen vorsichtig: ein Jahr, vielleicht zwei – wenn er Glück hat. Er saß im Sprechzimmer und hörte von Chemotherapie, Operationen, Prognosen. Die Worte hingen wie Rauch. „Sie brauchen Unterstützung von Ihren Liebsten“, riet der Arzt. „Sie schaffen das nicht allein.“ Liebste? Da war Lena. Die schöne, junge Lena, die an seiner Seite strahlte und von Kreativität schwärmte. Er ging zu ihr. Die Hände zitterten – aus Angst und Wut. „Lena, ich muss dir was sagen.“ „Andreas, warte!“ – sie sauste im Bademantel aus dem Bad, die Haare nass. „Nicht anschauen! Ich seh schrecklich aus!“ Schrecklich? Er hätte jetzt lieber ihre Maske aufsetzen sollen… „Lena, setz dich bitte. Es ist ernst.“ Sie setzte sich vorsichtig hin, mit erwartungsvollem Blick – auf einen Ring? Einen Antrag? „Ich habe Krebs. Die Ärzte sagen, es bleibt wenig Zeit.“ Das Lächeln verschwand. „Was?! Wie bitte?! Und Behandlung? Operation?“ „Ich werde es versuchen. Aber es gibt keine Garantie.“ Lena wurde blasser, lief herum, setzte sich wieder. „Andreas, das ist furchtbar“, ihre Stimme zitterte – jedoch nicht aus Mitgefühl. „Was bedeutet das für uns?“ „Ich weiß nicht“, sagte er leise. „Ich dachte, wir schaffen das gemeinsam…“ „Gemeinsam?!“ Sie sprang auf, der Bademantel rutschte fast. „Andreas, ich kann nicht! Ich bin jung! Ich will leben, nicht Pflege leisten!“ „Lena…“ „Nein!“ Sie fuchtelte mit den Armen wie ein Vogel. „Ich bin keine Krankenschwester! Ich hab Pläne, Träume! Wovon soll ich jetzt leben?!“ Andreas merkte: Sie verließ ihn nicht. Sie hatte nie geliebt. Für sie war er – eine Ressource. Geld, Unterhaltung, Sicherheit. Doch ein kranker Mann – das ist ein Minus, kein Plus. „Andreas, es tut mir leid“, Tränen liefen, aber für sie. „Ich kann das nicht. Bitte versteh mich. Ich pack das nicht.“ „Du wirst es schaffen“, sagte er ruhig. „Aber ohne mich.“ Er zog sich an und ging. Sie hielt ihn nicht auf. Sie weinte ins Telefon: „Stell dir vor, was er mir zumutet!“ Andreas blieb allein. Ganz allein. In der Mietwohnung, mit seinen Untersuchungsberichten und einer Flasche Whisky. Im November stand Andreas vor Irinas Tür. Blasser, die Haare nachgewachsen. Ein Apothekerbeutel aus der Klinik in der Hand. „Irina, darf ich reinkommen?“ Sie antwortete nicht sofort. Sie sah ihn durch die Tür wie einen Fremden. Im Grunde war er auch fremd – vielleicht der Mann, der er früher hätte sein können. „Komm rein.“ Er setzte sich an denselben Tisch, wo er damals die Scheidung verkündet hatte. Doch diesmal sprach er andere Worte: „Lena ist sofort weggegangen, als sie von der Diagnose hörte. Sie hat nicht einmal die Operation abgewartet.“ Keine Vorwürfe. Nur Feststellung. „Sie meinte, sie sei zu jung für das Witwendasein.“ „Verstehe“, sagte Irina, Tee aufbrühend. Ruhig, sachlich. Sie stellte eine Tasse vor ihn. „Was willst du, Andreas?“ „Ich habe erkannt…“, er stockte. „Die Monate allein, mit der Krankheit… Ich hab kapiert, wie glücklich man ist, wenn eine richtige Frau an der Seite ist. Nicht eine Geliebte zum Spaß, sondern eine Ehefrau.“ „Und?“ „Ich will um Verzeihung bitten. Nicht, damit wir wieder zusammenkommen. Einfach nur um Vergebung.“ Irina nickte: „Gut. Ich verzeihe dir.“ „Und…“, Andreas schluckte. „Vielleicht kannst du mich manchmal besuchen? Ich erwarte nichts – aber die Einsamkeit macht mir Angst.“ Irina trank Tee. Schweigend. „Andreas, weißt du noch, was du vor einem Jahr gesagt hast? Dass ich uninteressant bin, dass die Jugend vorbei ist, dass du dich neben mir wie ein alter Mann fühlst.“ „Irina…“ „Warte.“ Sie hob die Hand. „Und weißt du noch, wie du meintest, Männer in unserem Alter brauchen Abwechslung?“ Er senkte den Blick. „Nun“, sagte Irina und stand auf, „Auch ich brauche Abwechslung. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren lebe ich nur für mich. Und weißt du? Das gefällt mir.“ „Aber ich bin krank.“ „Andreas.“, Ihre Stimme war leise, aber fest. „Du hast mich verlassen, als du gesund und stark warst. Du hast Jugend und Leidenschaft bevorzugt – vor Liebe und Treue. Und jetzt, schwach und krank, erwartest du, dass ich dich pflege?“ „Irina, bitte.“ „Ich finde dir einen guten Arzt. Ich gebe dir die Nummer der Sozialstation. Aber dein Leben werde ich nicht leben.“ Sie begleitete ihn zur Tür. „Ich bin nicht grausam, Andreas. Ich weiß nur endlich: Mitgefühl heißt nicht, sich selbst erneut zu opfern.“ Durch das Fenster sah sie ihm nach, wie er langsam über den Hof ging. Erstmals seit einem Jahr spürte sie weder Schmerz noch Schuld. Nur große Erleichterung.