Ich verlasse dich, sagte mein Mann mit schuldvollem Ton. Zu seiner Überraschung lachte meine Frau nur müde auf.
Meine Frau, Johanna, hatte eine Freundin namens Heike. Nach deren Scheidung meinte sie: Ich war zwanzig Jahre mit einem Geist verheiratet. Damals hielt ich das für eine Übertreibung.
Doch als ich, Matthias, wieder einmal den Hochzeitstag vergaß, wohingegen ich mich an den Geburtstag der Nachbarin von unten genau erinnerte; als ich den neuen Haarschnitt meiner Frau gar nicht wahrnahm, dafür aber sofort die modische Frisur der Kassiererin lobte; und als wir auf den letzten Familienfotos nur nebeneinander standen und so aussahen, als wären wir zufällige Mitreisende in der U-Bahn begriff Johanna: Heike hatte recht.
Da war ein Mensch, der körperlich anwesend war, aber emotional verschwunden. Der mit dir das Bett teilte, aber nicht das Leben. Der dich Frau nannte, aber dich behandelte wie eine Mitmieterin in einer Wohngemeinschaft höflich, aber distanziert.
Das Schlimmste war: Auch Johanna selbst war zur Schattenfigur geworden. Erwartete vom Eheleben nur noch Alltägliches und gemeinsamen Haushalt, nichts weiter.
Bis zu jenem Tag, als ich diesen folgenschweren Satz aussprach.
Ich verlasse dich, murmelte ich, Matthias, und wich dabei ihrem Blick aus.
Johanna musste unerwartet lachen. Nicht laut, sondern erschöpft.
All die Jahre war sie wie soll ich sagen mein Kummerkasten gewesen. Bei Problemen zu Johanna. Wenn ich krank war zu Johanna. Wenn die Kollegen mich nicht verstanden wieder zur verlässlichen Johanna.
Wirklich? fragte sie und nippte weiter am Abendtee. Und zu wem gehst du jetzt?
Mir wurde es sichtlich unbehaglich. Achtundvierzig Jahre und rot wie ein Schüler beim ersten Rendezvous.
Zu Sabine. Sie versteht meinen kreativen Charakter.
Ach, kreativer Charakter! Ich, der Installateur im Stadtwerk! Gut, vor zwei Jahren hatte ich eine Gitarre gekauft drei Akkorde konnte ich bis heute gerade so spielen.
Johanna stellte die Teetasse weg und sah mich an. Lichter werdendes Haar, Bierbauch, immer ein missmutiges Gesicht. Wo war der Mann geblieben, den sie einst geheiratet hatte?
Verstehe. Und wie teilen wir die Wohnung?
Johanna … Mein sachlicher Ton irritierte mich. Du bist gar nicht traurig?
Wozu? Sie zuckte die Schultern. Ich habe längst eingesehen, dass ich mit einem Mitbewohner lebe. Ganz ehrlich, ich bin schon gespannt, wie du ohne mich zurechtkommst. Wer wäscht dir die Socken? Wer besorgt die Blutdrucktabletten?
Ich war sprachlos. Erwartet hatte ich Tränen, Drama, Bitten, mich zu behalten und bekam stattdessen einen nüchternen Haushaltsplan.
Sabine, begann ich zögernd.
Wie alt ist sie? unterbrach Johanna. Jung und attraktiv, nehme ich an. Und heiraten will sie sicher nicht, oder? Wozu auch, wenn sie einen Mann zum Zeitvertreib haben kann.
Mir wurde blass: Woher wusste sie das?
Johanna stand schon auf und begann, den Tisch abzuräumen.
Hol morgen nach Feierabend deine Sachen ab, einverstanden?
Sie ging in die Küche und fing zum ersten Mal seit Jahren an, eine Melodie zu pfeifen.
Ich blieb einfach stehen mitten in der Küche und fühlte mich wie ein Schauspieler ohne Text auf der Bühne.
Anfangs dachte ich, das wäre nur ein kleine Pause im Eheleben wie Urlaub.
Ich mietete eine Einzimmerwohnung direkt gegenüber von Sabine praktisch! und reichte hastig die Scheidung ein, als wolle ich mich selbst am Umentscheiden hindern.
Sind die Papiere fertig? rief ich Johanna jede Woche an. Ich habe jetzt eine Wohnung gemietet.
Sehr gut, antwortete sie gelassen. Mach weiter so.
Was soll ich noch sagen? Zwei Jahrzehnte Ehe kann man in ein paar Monaten auflösen, wenn man sich anstrengt.
Auch Johanna saß nicht tatenlos herum. Sie tat zum ersten Mal seit Jahren, worauf sie Lust hatte. Schließlich hatte sie nun genug Zeit.
Sie meldete sich im Fitnessstudio an. Sie kaufte sich ein neues Kleid. Färbte ihr Haar vom praktischen Braun zu Kupferrot. Ich hatte immer behauptet, Rot stehe ihr nicht.
Johanna, bist du verrückt? wunderte sich ihre Freundin Heike. Er kommt zurück! Die Männer kommen doch alle nach einem halben Jahr zurück.
Ich möchte gar nicht, dass er zurückkommt, antwortete Johanna und betrachtete ihr Spiegelbild.
Was hatte uns die letzten Jahre noch verbunden? Der Haushalt? Die gemeinsamen Rechnungen? Ein Bett, in dem wir Rücken an Rücken lagen?
Die Liebe war langsam versickert wie Wasser in einem alten Topf. Erst Tropfen für Tropfen wenn ich ihre Frisuren nicht mehr bemerkte. Dann ein Rinnsal als ich sie mit anderen Frauen verglich. Und am Ende verdampfte sie restlos.
Ich genoss meine Freiheit!
Sabine war völlig anders als Johanna. Sie mäkelte nie wegen meiner herumliegenden Socken, forderte keine Hilfe beim Putzen, erinnerte mich nicht an Arzttermine.
Matthias, du bist so interessant! sagte sie mit leuchtenden Augen und schmiegte sich an mich. Erzähl mir mehr von deiner Arbeit! Darf ich mal dein Hemd anziehen? Wie romantisch!
Ich fühlte mich wie der Held in einem französischen Film. Junge Geliebte, eigene Wohnung, keine Verpflichtungen. Herrlich!
Bist du frei? fragte Sabine.
Frei wie der Wind! lachte ich.
Nach drei Monaten vermisste ich langsam etwas. Nicht Johanna natürlich nicht! Aber die Gewohnheit vielleicht. Sabine war aufregend, aber unberechenbar. Mal verschwand sie für das Wochenende mit ihren Freundinnen, mal meinte sie plötzlich, sie müsse über die Beziehung nachdenken.
Außerdem war sie kulinarisch völlig unbegabt. Ich bin kreativ, für Töpfe fehlt mir die Zeit!
Die Essenslieferdienste waren zwar praktisch, aber ich ertappte mich immer häufiger bei der Sehnsucht nach Johannas selbstgemachten Maultaschen.
Zu Weihnachten hatte Sabine plötzlich ein Projekt. Influencerin wollte sie werden.
Matthias, Liebling, schnurrte sie, ich brauche eine Profi-Kamera. Und Licht. Und eigentlich ist die Wohnung zu dunkel für meine Videos.
Das Geld wurde knapp zwei Wohnungen, Restaurantbesuche, Geschenke. Aber Sabine verlangte immer mehr.
Den wahren Schlag versetzte das Schicksal im März.
Im März passierte etwas völlig Unerwartetes.
Bei mir wurde eine unheilbare Krankheit festgestellt. Spätstadium. Die Ärzte redeten vorsichtig: ein Jahr, vielleicht zwei wenn es gut läuft.
Ich saß beim Arzt, hörte von Chemotherapie, Operationen, Prognosen. Die Worte schwebten wie Zigarettenrauch in der Luft.
Sie brauchen die Unterstützung Ihrer Lieben, sagte der Arzt. Allein ist das schwer durchzustehen.
Lieben? Da war Sabine. Hübsch, jung, strahlte an meiner Seite im Restaurant und schnurrte etwas von meiner kreativen Ader.
Ich fuhr zu ihr nach Hause. Die Hände zitterten ob vor Angst oder Wut, wusste ich nicht.
Sabine, ich muss dir etwas sagen.
Matthias, sie flitzte im Bademantel aus dem Bad, das Gesicht voll Maske, warte kurz! Nicht anschauen, ich schau furchtbar aus!
Furchtbar? Sie sollte mal meine Befunde sehen!
Sabine, es ist ernst.
Sie hockte sich an den Rand des Sofas, mit erwartungsvoller Miene. Geschenk? Heiratsantrag?
Ich habe Krebs. Die Ärzte sagen, es bleibt wenig Zeit.
Ihr Lächeln schmolz dahin wie Eis in der Sonne.
Was?! Wie geht das? Und die Behandlung? Operation?
Wir versuchen es. Garantien gibt es keine.
Sabine wurde blass. Lief durch die Wohnung. Setzte sich wieder.
Matthias, das ist schrecklich, Ihre Stimme Zittern, doch nicht vor Mitgefühl. Was bedeutet das für uns?
Weiß ich nicht, flüsterte ich. Ich dachte, wir gehen da gemeinsam durch…
Gemeinsam?! Sie sprang ruckartig auf, der Bademantel glich einem Flügelpaar. Matthias, ich kann nicht! Ich bin noch jung! Ich will leben, nicht dein Pfleger werden!
Sabine.
Nein! Sie fuchtelte wie eine verängstigte Amsel. Ich habe meine eigenen Pläne! Mein Leben steht erst am Anfang! Wovon soll ich leben?
Und mir wurde klar: Sabine verließ mich nicht, sie hatte mich nie geliebt.
Für sie war ich nur eine Quelle. Von Geld, Unterhaltung, Sicherheit. Ein kranker Mann das ist ein Minus.
Matthias, es tut mir leid Tränen liefen bereits. Verstehst du das nicht? Ich schaffe das nicht!
Du schaffst es, sagte ich ruhig. Nur ohne mich.
Ich ging. Sie hielt mich nicht zurück. Sie rief ihre Freundin an und schluchzte durchs Telefon: Kannst du dir vorstellen, was er mir zumutet?!
Ich war allein. Ganz allein. In der Mietwohnung, mit den Laborergebnissen und einer Flasche Whisky.
Im November stand ich vor Johannas Tür.
Ich war abgemagert, mit längeren Haaren. In der Hand eine Tüte aus der Krankenhausapotheke.
Johanna, kann ich rein?
Sie antwortete nicht gleich, sah mich durch die Tür an: fremd. Irgendwie stimmte das ich war ein anderer, einer, der den Wert der Familie erst durch Krankheit verstand.
Komm rein.
Ich setzte mich an jenen Tisch, an dem ich einst die Scheidung ankündigte. Doch diesmal sagte ich etwas anderes:
Sabine ist sofort weg, als sie von der Diagnose erfuhr. Nicht mal die Operation hat sie abgewartet. Die Stimme ohne Groll. Nur Feststellung. Sie meinte, für eine Witwenrolle sei sie zu jung.
Verstehe, Johanna goss Tee ein. Sehr ruhig.
Sie stellte mir eine Tasse hin.
Was willst du, Matthias?
Ich habe begriffen, ich stockte. Nach all den Monaten allein mit der Krankheit wie viel Glück das war, eine echte Frau an der Seite zu haben. Keine Geliebte zum Zeitvertreib, eine Frau.
Und?
Ich will nicht zurück, nein. Ich will um Vergebung bitten.
Johanna nickte:
Gut. Ich vergebe dir.
Und vielleicht könntest du mich gelegentlich besuchen? Ich verlange nichts. Es ist nur schwer, ganz allein zu sein.
Johanna trank Tee und schwieg lange.
Matthias, erinnerst du dich, was du mir vor einem Jahr gesagt hast? Dass ich langweilig geworden bin, meine Jugend vorbei sei, und du dich bei mir alt fühlst.
Johanna.
Warte. Sie hob die Hand. Du sagtest, Männer in unserem Alter brauchen neue Reize.
Ich senkte meinen Blick.
Weißt du , Johanna stand auf, ich brauche die auch. Nach zwanzig Jahren lebe ich zum ersten Mal für mich. Und es gefällt mir.
Aber ich bin krank …
Matthias. Ihre Stimme war leise, aber bestimmt. Damals warst du gesund, jung, stark. Du wolltest Jugend und Leidenschaft statt Liebe und Treue. Jetzt, wo du schwach und krank bist, erwartest du, dass ich deine Pflegerin werde?
Johanna, bitte.
Ich suche dir einen guten Arzt. Gebe dir die Nummer vom Sozialdienst. Aber ich werde nicht dein Leben leben.
Sie begleitete mich zur Tür.
Ich bin nicht grausam, Matthias. Ich habe einfach begriffen: Mitleid ist kein Grund, sich selbst zu opfern nicht nochmal.
Durchs Fenster sah sie zu, wie ich langsam den Hof entlangging.
Erstmals seit einem Jahr fühlte sie keinen Schmerz, keine Schuld. Nur eine seltsame Erleichterung.





