Gerade als ich mich mühsam mit meinen Einkäufen in die Wohnung schleppte, fiel mir im Flur eine fremde Jacke auf, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich stand einige Sekunden verdattert in der Tür, die Tüten noch in der Hand, und versuchte mich zu erinnern, ob mein Mann angekündigt hatte, Besuch zu erwarten. Hatte ich was verpasst? Wohl kaum.
Aus dem Wohnzimmer hörte ich Stimmen.
Leise stellte ich die Einkaufstüten ab und schlich neugierig Richtung Wohnzimmer. Unterwegs fiel mir auf, dass der Küchentisch ungewohnt aufgeräumt war und dort eine hübsche, ungeöffnete Packung Bahlsen-Kekse thronteso etwas würden wir sonst nie kaufen.
Kaum trat ich ins Wohnzimmer, verstummte das Gespräch schlagartig.
Mein Mann und seine Mutter saßen artig nebeneinander auf dem Sofa, und daneben eine fremde Frau, etwa Mitte fünfzig, kurzes Haar, mit einer dieser Ich-weiß-alles-besser-Mienen.
Ach, du bist schon zurück, meinte meine Schwiegermutter, als wäre das so selbstverständlich wie der Berliner Regen.
Ich sah meinen Mann scharf an.
Was ist denn hier los?
Er stand etwas unbeholfen auf.
Wir äh unterhalten uns nur.
Mein Blick wanderte zurück zu der Frau.
Und wer ist sie?
Meine Schwiegermutter war schneller mit der Antwort als mein Mann.
Das ist Ursula. Sie wird uns etwas unterstützen.
Mein Herz machte einen kleinen Schalensprung.
Womit soll sie uns bitte unterstützen?
Ursula lächelte höflich, aber in dem Lächeln lag so viel Gleichgültigkeit wie in einer deutschen Großstadt-U-Bahn.
Ein bisschen mehr Ordnung in den Alltag bringen, sagte sie.
Ich starrte sie, dann meine Schwiegermutter an.
Wie bitte?
Die Schwiegermutter beugte sich nach vorn.
Weißt du, Stefan ist in letzter Zeit sehr erschöpft. Er arbeitet viel. Und dusie legte eine bedeutungsschwangere Pause einschaffst es ja auch nicht immer, alles im Griff zu behalten.
Ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf und sah auf meinen Mann.
Der studierte offenbar die Maserung des Parketts.
Also habt ihr eine Frau geholt, die mir jetzt erklärt, wie ich meinen Haushalt führe?
Ursula hob hastig beschwichtigend die Hände.
Nein, nein ich bin Familienberaterin. Manchmal helfe ich Paaren dabei, den Tagesablauf etwas besser zu strukturieren.
In meinem Inneren rang sich ein Gefühl zwischen Lachen und Platzen um die Vorherrschaft.
Ohne mich vorher zu fragen?
Die Schwiegermutter seufzte, als säße sie im Bundestag.
Wenn wir dich fragen würden, würdest du natürlich nie zustimmen.
Mein Blick fiel auf einen kleinen Notizblock, der auf dem Sofatisch lag. Offen.
Auf der Seite stand in sauberer Schreibschrift:
Hausregeln
Daneben lag ein Kuli.
Das ist doch nicht euer Ernst, oder?, fragte ich.
Ursula wollte mit ruhiger Stimme antworten:
Manchmal hilft es Familien, klare Regeln miteinander zu haben.
Ich nahm den Block hoch und las den ersten Punkt:
Putz- und Ordnungsplan.
Darunter:
Keine Spontankäufe mehr.
Mein Blick wanderte unweigerlich zu meinen Einkaufstüten im Flur.
Dann wieder zu meinem Mann.
War das jetzt deine Idee?
Er hob zögerlich den Kopf.
Ich dachte, es könnte uns helfen.
Eine Stille breitete sich im Raum aus, die man sonst nur aus deutschen Arztpraxen kennt.
Manchmal ist nicht fremde Einmischung das Schmerzlichstesondern dass der eigene Partner sie zulässt.
Ich klappte das Notizbuch zu und legte es bestimmend auf den Tisch zurück.
Gut, sagte ich fast zu gelassen.
Alle schauten irritiert.
Wenn wir schon Regeln aufstellen: Ich habe auch eine.
Die Schwiegermutter strahlte mich an, als hätte sie gerade das DFB-Pokalfinale gewonnen.
Siehst du, war doch gar nicht so schwer.
Ich erwiderte ihren Blick trocken:
Regel Nummer Eins: Es wird niemand Fremdes in meine Wohnung eingeladen, um mich zu begutachten.
Dann schaute ich meinen Mann an.
Regel Nummer Zwei: Wenn du ein Problem mit mir hast, sag es mir.
Ursula schwieg.
Die Schwiegermutter sah plötzlich so unsicher aus wie eine Deutsche im Smalltalk.
Und die dritte?, fragte sie leise.
Ich griff zum Kuli, schrieb einen Satz auf und drehte das Notizbuch zu ihnen:
Wer ein Problem mit diesen Regeln hat, darf sich gerne verabschieden.
Und zum ersten Mal, seit ich heimkam, hatte wirklich niemand mehr etwas zu sagen.
Ich frage mich nur:
Wenn die Familie eine Beraterin anschleppt, damit sie dich verbessertist das Fürsorge, oder einfach eine elegante Art zu sagen, dass du nicht genügst?




