Die Waise „Ach so? Koffer gepackt und ab dafür!?“ Marina stand im Türrahmen, die Hände in die Seiten gestemmt. Der Bademantel spannte, das Gesicht gezeichnet von unvorteilhaften roten Flecken. „Verstehst du überhaupt, was ich alles für dich getan habe? Ich habe dich aus dem Heim geholt, als deine Mutter im Nebel verschwunden und Oma verstorben ist!“ Viktoria stopfte stumm ihre Jeans in den alten Rucksack. Der Reißverschluss klemmte und das nervte sie mehr als Marinas Gemeckere. „Hab ich darum gebeten, gerettet zu werden?“, murmelte das Mädchen, das endlich den Reißverschluss bezwang. „Du hast mich nur aufgenommen, um vor der ganzen Verwandtschaft die Wohltäterin zu spielen. Damit alle sagen: Schaut mal, wie heldenhaft die Marina ist, sie hat eine Waise aufgenommen.“ „Wie kannst du nur so frech sein!“, Marina trat in das Zimmer. „Wir wollten an Himmelfahrt zu Freunden, Grillen, bisschen abschalten. Und du? Ziehst schon wieder so’n Flunsch? Wieder alles falsch hier?“ „Mir ist nicht ‚falsch‘, Marina. Ich will nur nicht deine… trinkfreudigen Freunde sehen. Ich hab morgen einen Test, muss lernen.“ „Test!“, rief die Tante und schwang energisch die Arme, fast gegen die niedrige Lampe. „Guckt euch die Streberin an! Ohne mich würdest du im Heim noch Fußböden schrubben und dünnen Brei löffeln! Ich bin deine gesetzliche Vormundin, ich hafte für dich!“ Viktoria drehte sich abrupt. „Dann lehn doch ab. Ruf direkt jetzt beim Jugendamt an und sag: ‚Nehmt sie, ich schaff das nicht.‘ Na trau dich – wird ja wohl nur das Image beschädigen?“ „Ach du…“, Marina rang kurz nach Luft. „Stellst du mir etwa jetzt Bedingungen?! Ich geb dich liebend gern ab! Morgen reiche ich die Papiere ein. Ich hab die Nase voll, du bist undankbar und großkotzig! Dann leb, wie du willst, such nach deiner tollen Mama, die sich sieben Jahre nicht gemeldet hat!“ „Vielleicht verzichte ich ja auch freiwillig auf euch!“, fauchte Viktoria. „Denkst du, ich hab’s hier so viel besser? Ich leb lieber im Heim als mit dir!“ Marina erstarrte, den Mund halb offen. Im Flur klapperten schwere Schritte – Jens, Viktorias Vater, kam aus der Küche. Seit er letzten Sommer aus der JVA zurück war, lebte er als Mitbewohner ohne Rechte oder Job in der Wohnung. „Warum schreit ihr?“, knurrte er und rieb sich das unrasiert Kinn. „Wenn die Nachbarn gleich die Polizei holen…“ „Halt du dich da raus!“, fuhr Marina ihn an. „Toll – Vater des Jahres! Deine Tochter kommt ins Heim, aber du hast nur Angst vorm Nachbarn.“ Viktoria blickte ihren Vater an und ihr wurde übel. Sie erinnerte sich: mit drei wurde er abgeführt, die Mutter ging nur „eben Brot holen“ und tauchte nach einer Woche – und dann nie wieder – auf. Alles fing an, als Viktoria aus der Klinik kam. Die Mutter, jung und ständig auf Achse, warf nur einen knappen Blick aufs Bündel. „Mama, bleib bitte mal kurz mit ihr – ich muss weg“, sagte sie zur Großmutter – und verschwand zu einem Date. Das „kurz“ zog sich dreizehn Jahre. Oma war eine Frau alter Schule. Sie verzog Viktoria nicht, kaufte weder Übermaß an Spielzeug noch Süßes, aber spürte, wenn das Kind Hunger oder Kopfweh hatte. Nachdem der Vater weggesperrt und die Mutter verschollen war, sammelte Oma kommentarlos Unterlagen. „Manchmal“, erklärte sie beim Haarebürsten, „müssen Menschen erst merken, was sie verloren haben. Bis dahin – sind wir zusammen.“ Mit sechs, zum Schulbeginn, wurde es bürokratisch schwierig – Mutter endgültig verschwunden. Oma kämpfte sich durchs Behördengestrüpp, entzog den Eltern das Sorgerecht. „Das ist hart“, seufzte sie zur Nachbarin, während Viktoria im Sandkasten spielte. „Das eigene Kind entrechten… aber sonst kriegt das Mädchen weder Corona-Impfung noch einen Schulplatz.“ Viktoria bekam alles mit. Sie war der Mutter nicht böse – sie wusste noch nicht, wie man hasst. Die Mutter war wie eine Figur aus einem alten Trickfilm: irgendwo da, aber der Plot ist weg. Sechs Jahre gute Noten, Oma stolz. Dann… Im Herbst kam der Vater aus dem Knast. Oma nahm ihn aus Mitleid auf, obwohl es zwischen den beiden nie klappte. Nach einem halben Jahr starb sie nach schwerer Krankheit, im Krankenhaus, in das Viktoria nicht durfte. Das Mädchen wartete stundenlang mit einer Tüte Apfelsinen, die sie nie übergeben konnte. Als der Arzt nur nickte, kam kein Weinen. Zu wenig Gefühl – zu viel Leere. Beerdigung, organisiert von Marina, der leiblichen Tante. Sie gab sich Mühe: lauter schluchzen als alle, Tücher richten, Anteilnahme möglichst würdevoll entgegennehmen, als hätte sie mindestens den Lebenssinn verloren. „Wir lassen dich nicht allein“, raunte sie Viktoria während des Leichenschmauses zu. „Mit Jens ist ja eh Hopfen und Malz verloren, der ist nach dem Knast nur noch wie’n Kind. Ich aber, ich bin doch Blutlinie! Wir machen die vorläufige Vormundschaft, du wohnst bei uns, Omas Wohnung bleibt erstmal zu – wegen der Nebenkosten.“ Viktoria ahnte nicht, dass „zu“ hieß: „still weitervermieten, Cash einsacken.“ Sie wollte einfach nur ihre Ruhe. *** Das Leben bei Marina hatte wenig von „heile Familie, glückliche Kinder“. Die Tante wohnte in einer Dreizimmerwohnung mit dem Ehemann, der die Nichte überhaupt nicht ausstehen konnte. Viktoria bekam das Durchgangszimmer mit Klappsofa. „Hast du abgewaschen?“, fragte Marina, als sie mit Gummihandschuhen am Türstock lehnt. „Ja“, brummte Viktoria, ohne den Geschichtsband aus der Hand zu legen. „Und die Pfanne? Die sollte man einweichen, sag ich immer! Du bist hier nicht Gast, Vika! Wir sind Familie, da hat jeder Aufgaben. Ich schufte im Büro, dein Vater liegt nur rum – bring wenigstens du mal was!“ Ihr Vater lag tatsächlich meist nur da. Streit suchte er nicht, er war einfach weg. Manchmal versuchte er Smalltalk: „Und Schule?“ „Gut.“ „Na, lern was.“ Ende. Viktoria merkte: Vater ist’s so egal wie der Mutter, irgendwo verschwunden. Er sorgte sich mehr um Rauchwaren von Marina oder die Crime-Reportage im TV. Über Monate sammelte sich Spannung. Marina wurde zankiger, maulte über Essen, Klamotten, das teure Leben mit Teenie. „Weißt du, was so Schuhe für Jugendliche jetzt kosten?! Der Fuß wächst wie Unkraut! Das Pflegegeld ist’n Witz! Von meinem Geld zahl ich dazu! Und Dankbarkeit? Null! Die guckt immer nur grimmig!“ Viktoria hörte alles durch die dünne Wand. Sie wusste vom Pflegegeld, sie wusste: Omas Wohnung wird gewinnbringend vermietet. Aber ein Wort, und Marina bekam hysterische Anfälle. *** Der große Krach kam an Himmelfahrt: „Ich hab gesagt: du fährst mit zur Datscha von den Pietschs!“, kreischte Marina. „Schick aussehen – du ziehst das blaue Kleid an!“ „Ich fahr nicht mit“, sagte Viktoria ruhig. „Ich muss für die Matheprüfung lernen. Hab Rückstand, war im März krank.“ „Mathe kann warten!“, quietschte Marina. „Du versaust mir den Ruf! Die Leute fragen dauernd: Wo ist denn eure Viktoria, so menschenscheu? Denken sicher, wir mausern dich hier nur ab!“ „Ist das etwa nicht so?“, Viktoria hob den Blick. „Seit einem halben Jahr hab ich nur ein Paar Turnschuhe, zwei Nummern zu groß. Und die Miete von Omas Wohnung – wo landet das eigentlich?“ Marina wurde fahl. „Wie kannst du nur… das Geld ist für deine Zukunft! Die Wohnung – was hast du damit zu tun?!“ Viktoria stand auf. „Ich bleib hier. Und das Kleid kneift eh. Es passt nicht mehr.“ Marina eskalierte. „Pack dein Zeug!“, schrie sie, warf die Tasche hin. „Ich ruf das Jugendamt, sollen dich holen – mal sehen, ob du dann noch nach der Wohnung fragst!“ „Mach nur“, Viktoria packte Hefte zusammen. „Lieber das, als dein endloses Gejammer darüber, wie teuer ich bin…“ Jens kam heraus. „Marina, reicht jetzt. Wohin will sie denn abends?“ „Halts Maul!“, schnauzte sie. „Du bist genauso’n Schmarotzer! Deine Tochter ist wie die Mutter – eingebildet!“ Viktoria zog die Jacke an, griff zum Rucksack. „Ich geh jetzt“, sagte sie fest. „Dann geh doch!“, schrie die Tante, stieß sie raus, schlug die Tür zu. Viktoria lief nicht ins Heim, sondern zum nahegelegenen Haus, zur alten Freundin der Oma, Frau Ilse. Ilse war streng, arbeitete früher beim Jugendamt und kannte die Gesetze besser als Marina ihre Kochrezepte. „Um Himmels willen, Viktoria? Um die Uhrzeit?“, öffnete Ilse in gestricktem Schultertuch. „Marina hat mich rausgeworfen“, sagte das Mädchen. „Kann ich bitte hier schlafen? Ich geh morgen selbst zum Jugendamt.“ Ilse musterte sie – blasses Gesicht, abgewetzter Rucksack, ausgetretene Chucks. „Komm erstmal rein. Wir reden…“ Am Küchentisch schilderte Viktoria alles: Wohnung, Geld, der schweigende Vater, Marinas Gemeinheiten. Ilse hörte schweigend zu. „Also wird die Wohnung vermietet?“, fragte sie. „Und was für Unterlagen hat sie zur Vormundschaft?“ „Nur vorläufige. Sie sagt immer, sie macht das offiziell, aber verschiebt’s immer.“ „Klar“, nickte Ilse. „Weil bei dauerhafter Vormundschaft sind die Behörden kontrolliger. Vorläufig ist sie die große Retterin.“ Sie strich Viktoria übers Haar. „Pass auf: Wir gehen morgen nicht zum Jugendamt. Wir fahren. Ich kenne jemanden in der Jugendstaatsanwaltschaft – die regelt das. Die Wohnung gehört dir, das weiß ich ganz genau. Und Marina soll damit aufhören!“ *** Mittags kam die Tante angetrabt. „Geben Sie mir das Mädchen zurück!“, polterte sie durchs ganze Treppenhaus. „Viktoria, komm raus, ich war wütend, war doch nicht so gemeint! Wir sind doch Familie!“ Ilse öffnete auf Kette. „Familie, ja? Jetzt fällt dir das ein. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders!“ „Welche Staatsanwaltschaft?“, Marina erstarrte. „Die, die jetzt prüft, wie rechtmäßig es ist, eine Wohnung zu vermieten, die einem Mündel gehört, ohne das Jugendamt einzuschalten. Und ob das Pflegegeld korrekt verwendet wurde.“ „Unverschämtheit… wir haben alles für das Kind getan, vom eigenen Geld…“ „Red dich nicht raus. Viktoria kehrt nicht zurück. Entweder du räumst die Wohnung oder du bekommst doppelten Ärger.“ „Oma hat Viktoria die Wohnung vererbt! Und du hast dich an ihrem Besitz bedient!“ Marina keifte noch, schrie Drohungen und rüttelte an der Tür, doch Viktoria ignorierte sie. *** Marina verlor die Vormundschaft mit Schande. Die Mieter aus Omas Wohnung wurden gekündigt. Jens fürchtete die Verantwortung, fand schnell einen Job auf dem Bau und verschwand aus der Stadt – schickte Viktoria noch eine SMS: „Ist besser so.“ Ilse durfte aus Altersgründen keine Vormundschaft übernehmen. Viktoria kam ins Kinderheim – und war erleichtert. Ilse besuchte sie oft, neue Freundinnen tauchten auf, die Schule lief besser, ihre Seele kam zur Ruhe. Viktoria fand endlich ein bisschen Frieden.

Waisenkind

Ach ja? Sachen gepackt und willst abhauen?

Karin stand in der Tür zum Zimmer, die Hände in die Seiten gestemmt. Ihr Morgenmantel spannte über dem Bauch, das Gesicht übersät von unschönen roten Flecken.

Verstehst du überhaupt, was ich alles für dich getan habe? Ich hab dich aus dem Heim geholt, als deine Mutter im Nebel verschwand und die Oma gestorben ist!

Saskia stopfte weiter die Jeans in den alten Rucksack, ohne sich umzudrehen. Der Reißverschluss klemmte, das nervte sie mehr als das Gekreische der Tante.

Hab ich dich etwa gebeten, mich zu retten? antwortete das Mädchen leise, als sie endlich mit dem Verschluss fertig war. Du hast mich genommen, um dich vor der Familie als Wohltäterin aufzuspielen.

So, als wollten alle sehen, wie heldenhaft Karin ist, weil sie ein Waisenkind bei sich aufgenommen hat.

Was fällt dir eigentlich ein, so mit mir zu reden! Karin trat ins Zimmer. Wir wollten über Pfingsten zu Freunden fahren, Grillen, uns erholen. Und du machst wieder ein Theater! Immer passt dir was nicht, oder?

Mir passt es nicht, Karin. Ich will einfach nicht deine trink… äh, fröhlichen Freunde sehen.

Ich habe morgen eine Matheklausur, ich muss lernen.

Klausur!, rief die Tante und ruderte mit den Armen, fast hätte sie die niedrige Deckenlampe erwischt. Guck dir dieses Musterkind an! Wenn nicht ich, würdest du jetzt im Heim Kittel tragen und dünnen Grießbrei essen! Ich habe das Sorgerecht für dich übernommen, ich hafte für dich vor dem Gesetz!

Saskia drehte sich scharf um.

Dann gib doch ab! Direkt jetzt! Ruf beim Jugendamt an und sag: Holen Sie sie, ich schaffs nicht. Traust du dich nicht? Schlechter Ruf?

Karin war für einen Moment sprachlos vor Wut. Jetzt stellst du mir Bedingungen? Ich bin froh, wenn du weg bist! Ich geb die Papiere morgen ab. Ich hab die Nase voll! Einzig Eigensinn, keine Dankbarkeit. Such doch deine Mutter, die seit sieben Jahren nicht nach dir fragt!

Vielleicht geb ich euch ja auf!, schrie Saskia. Glaubst du ich genieße das hier? Das Heim ist mir lieber als das mit euch!

Karin erstarrte, der Mund hing seltsam offen. Im Flur waren schwere Schritte zu hören Jens, Saskias Vater, der im letzten Sommer aus der Haft entlassen worden war und seitdem arbeitslos und ohne Sorgerecht bei ihnen wohnte, trat aus der Küche.

Was ist denn hier los? krächzte er, während er sich übers stoppelige Kinn rieb, Gleich rufen die Nachbarn die Polizei.

Du hältst mal schön den Mund!, bellte Karin. Vater des Jahres. Deine Tochter soll ins Heim und du sorgst dich um die Nachbarn.

Saskia war übel, als sie den Vater ansah.

Sie erinnerte sich, wie sie mit drei Jahren zusehen musste, wie er in Handschellen abgeführt wurde. Die Mutter hatte damals nur die Tür zugemacht und war angeblich Brot holen gegangen, kam dann aber erst eine Woche später zurück, nur um dann ganz zu verschwinden.

Alles begann, als Saskia aus dem Krankenhaus nach Hause kam. Ihre Mutter, jung und immer in Eile, warf nur einen flüchtigen Blick auf das Bündel.

Mama, pass mal kurz auf sie auf, ich muss noch weg, hatte sie zur eigenen Mutter gesagt und war zu einem Rendezvous entschwunden.

Ihr Wegbleiben zog sich 13 Jahre hin. Die Großmutter war eine Frau von altem Schrot und Korn. Keine Kulleraugen und Kuscheltiere im Übermaß, aber immer wusste sie, wann Saskia Hunger hatte oder Kopfweh bekam.

Als der Vater abgeholt wurde und die Mutter auf der Suche nach dem besseren Leben verschwand, schüttelte die Oma nur den Kopf und fing an, Unterlagen zu sammeln.

Siehst du, Saski, sagte sie beim Haare bürsten, manche Menschen brauchen Zeit, um zu merken, was sie verloren haben. Bis sie das kapieren, bleiben wir zusammen.

Mit sechs musste Saskia zur Schule, die Mutter galt nun endgültig als verschwunden.

Die Oma schlug sich durch den Papier-Dschungel, um den Eltern die Rechte entziehen zu lassen.

Ist hart, berichtete sie Nachbarin Helga, während Saskia im Sandkasten spielte, die eigene Tochter zu entmündigen Aber wenn ichs nicht tu, sieht Saskia keinen Arzt und keine Schule von innen.

Saskia bekam das alles mit, war aber nie böse auf die Mutter sie wusste noch nichts von Hass. Die Mutter war wie eine Figur aus einem alten Märchen: man wusste, es gab sie, aber die Handlung war vergessen.

Sechs Schuljahre schloss Saskia mit Bestnoten ab. Die Oma war stolz und platzierte das Zeugnis sichtbar im Regal. Und dann

Im Herbst kam der Vater aus dem Gefängnis. Die Oma nahm ihn auf, obwohl Saskia wusste, dass sie sich nie verstanden.

Ein halbes Jahr später starb die Oma; es dauerte lang, im Krankenhaus, wo Saskia nicht rein durfte.

Sie saß auf einem Plastikstuhl mit einer Tüte Orangen, die sie nie abgeben konnte.

Als der Arzt kam und nur nickte, weinte Saskia nicht. Zu unfassbar alles.

Die Beerdigung organisierte Karin, die Schwester des Vaters. Sie war aufgesetzt in ihrer Trauer, verbiss sich ins Taschentuch und nahm alle Beileidsbekundungen an, als hätte sie mindestens den Sinn des Lebens verloren.

Wir lassen dich nicht im Stich, flüsterte sie Saskia beim Leichenschmaus zu, während sie einen Extra-Stück Kuchen auf ihren Teller schob. Von Jens ist nichts zu erwarten, der ist nach dem Knast selbst wie ein Kind. Aber ich, ich bin Familie.

Wir übernehmen vorerst die Fürsorge. Die Wohnung der Oma schließen wir vorerst, damit keine Schulden auflaufen.

Saskia wusste da noch nicht, dass schließen bedeutete, das Appartement heimlich an Bekannte zu vermieten und das Geld einzustreichen. Sie wollte nur Ruhe.

***

Das Leben bei Karin sah ganz anders aus als auf den Bildern von glücklichen Familien.

Die Tante wohnte mit ihrem Ehemann in einer Dreizimmerwohnung dem Schwager war Saskia von Anfang an ein Dorn im Auge.

Saskia schlief im Durchgangszimmer auf einem alten Sofa.

Hast du das Geschirr gespült? Karin spähte ins Zimmer, zog die Gummihandschuhe aus.

Ja, antwortete Saskia, ohne vom Geschichtsbuch aufzuschauen.

Und die Pfanne? Die muss man gleich einweichen, das hab ich gesagt.

Du bist hier kein Gast, wir sind eine Familie jeder packt mit an. Ich schufte den ganzen Tag, dein Vater liegt faul rum, zumindest kannst du nützlich sein!

Tatsächlich lag der Vater meist nutzlos da. Streit gab es selten, Gespräche fast nie.

Manchmal versuchte er ein paar Worte:

Und, wie läufts in der Schule?

Geht so.

Naja, Lernen ist wichtig, Saskia. Mach was draus.

Mehr Austausch gab es nicht.

Saskia merkte: Ihr Vater kümmerte sich um sie nicht einen Deut mehr als die Mutter, die irgendwo spurlos war.

Wichtiger waren ihm Zigarettengeld von Karin oder die Kriminalnachrichten im Fernsehen.

Die Spannungen erhöhten sich mit jedem Monat. Karin warf Saskia vor, für Essen, Klamotten, ja überhaupt für ihre Existenz zu viel zu kosten.

Weißt du, was Schuhe für Teenager kosten?!, klagte sie am Telefon einer Freundin. Die wachsen wie verrückt! Geld vom Amt reicht nie, und ich schieß noch was dazu! Dankbar ist die nicht. Guckt immer so. Schrecklich.

Saskia hörte das alles durch die dünne Tür. Sie wusste: Ihre Tante bekam Pflegegeld und kassierte die Miete der Oma-Wohnung. Darüber zu reden, war nutzlos Karin drehte sofort durch.

***
Der große Krach kam an Pfingsten:

Ich hab gesagt: Du kommst mit zu den Schulzes aufs Land!, brüllte die Tante. Du ziehst das blaue Kleid an, wir müssen gute Figur machen.

Ich fahr nicht mit, entgegnete Saskia ruhig. Ich muss für die Matheprüfung lernen ich hab durch meine Krankheit im März Stoff verpasst.

Mathe kann warten!, fauchte Karin. Du machst meinen Ruf kaputt! Immer fragen die Leute: Wo ist Saskia, warum ist sie so komisch? Die denken, wir behandeln dich schlecht!

Ist es nicht so?, Saskia hob den Blick. In sechs Monaten hast du mir nur ein Paar Turnschuhe gekauft zwei Nummern zu groß. Und die Miete für Omas Wohnung, wo bleibt die eigentlich?

Karin wurde blass.

Wie kannst du nur Das spar ich alles für deine Zukunft! Und was hast du schon mit der Oma zu tun?

Saskia stand auf.

Ich fahr nicht mit und ziehe das blöde Kleid nicht an. Es passt eh nicht mehr.

Karin tobte.

Pack deine Sachen!, schrie sie und warf wütend Saskias Tasche zu. Ich ruf sofort das Jugendamt. Mal sehen, wie du dann über die Wohnung redest!

Ruf doch an, Saskia ordnete ruhig ihre Hefte. Lieber Heim als dein Gejammer übers Geld

Jens trat auf den Flur.

Karin, komm runter. Wohin soll sie jetzt gehen?

Halt die Klappe!, die Tante herrschte ihn an. Du bist auch nur ein Schmarotzer. Die Tochter ganz wie ihre Mutter. Eingebildet und stur.

Saskia trat in den Flur. Sie war wirklich bereit zu gehen. Ihr Plan stand.

Ich gehe, sagte sie und zog die Jacke an.

Dann verschwinde!, kreischte Karin, schob sie raus auf den Hausflur und schlug die Tür hinter ihr zu.

Saskia ging nicht zum Heim, sondern in die Nachbarschaft zu Frau Dr. Heinke, der alten Freundin und Kollegin der Oma.

Frau Dr. Heinke war eine Respektsperson, frühere Amtsleiterin im Bildungsbereich und kannte die Gesetze besser als Karin Kochrezepte.

Um Himmels willen Saskia, warum so spät? Frau Dr. Heinke öffnete, eine Wollschal um die Schultern.

Karin will mich loswerden, sagte Saskia knapp. Darf ich bei Ihnen schlafen? Morgen geh ich selbst zum Jugendamt.

Frau Dr. Heinke musterte das blasse Gesicht, das alte Gepäck und die ausgetretenen Turnschuhe.

Komm rein, Liebes. Wir besprechen das bei Tee.

Bei Tee erzählte Saskia alles: von der Wohnung, dem Geld und der Untätigkeit des Vaters, während Karin sie schikanierte.

Frau Dr. Heinke hörte schweigend zu.

Also, die Wohnung wird vermietet? Welche Papiere hat Karin für die Fürsorge?

Nur vorläufige. Sie sagt immer, bald wirds fest, aber schiebt es immer auf.

Klar beim endgültigen Sorgerecht sind die Kontrollen schärfer, nickte Frau Dr. Heinke. Mit der vorläufigen glaubt sie, dem Staat noch einen Gefallen zu tun.

Merk dir, Saskia: Morgen gehen wir nicht zum Jugendamt, sondern gleich zu einer früheren Schülerin von mir in der Staatsanwaltschaft. Die macht Jugendangelegenheiten. Und die Wohnung gehört dir ich habe das Testament selbst gesehen. Karin verheimlicht das.

***
Gegen Mittag kam die Tante angerannt.

Gebt mir das Mädchen zurück!, kreischte sie im Hausflur. Saskia, komm raus! Ich habs nicht so gemeint. Wir sind doch Familie!

Frau Dr. Heinke öffnete die Tür, ließ aber die Kette dran.

Du redest von Familie? Da fällt dir plötzlich viel ein. Aber für die Staatsanwaltschaft sieht das anders aus!

Welche Staatsanwaltschaft?, stutzte Karin.

Die, die gerade prüft, wie du das Eigentum der Minderjährigen vermietest. Ohne Genehmigung vom Amt. Und zweckfremde Verwendung von Pflegegeld.

Aber wir haben alles für sie ausgegeben! Ich Ich wollte doch nur das Beste!

Schweig!, schnitt Frau Dr. Heinke ihr das Wort ab. Saskia kommt nicht zurück. Ich nehme sie zu mir, und die Mieter kommen raus sonst gibts Ärger.

Die Oma hat Saskia die Wohnung vererbt! Du hast dich nur an Eigentum eines Waisenkindes bedient!

Karin motzte, drohte, versuchte sogar die Kette zu öffnen aber Saskia kam nicht mehr zu ihr.

***

Karin wurde beschämt entmündigt. Die Mieter mussten Oma’s Wohnung räumen.

Jens, von der Verantwortung verschreckt, zog eilig auf einen Baujob in eine andere Stadt und schickte Saskia nur noch eine kurze Nachricht:

Das ist für alle das Beste.

Frau Dr. Heinke durfte aus Altersgründen kein Vormund werden. Saskia kam ins Heim und fand es gar nicht so schlecht.

Frau Dr. Heinke besuchte sie regelmäßig, und Saskia fand Freundinnen.

In der Schule klappte es wieder, die Seele kam zur Ruhe. Saskia hatte jetzt ein sicheres Leben.

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Homy
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Die Waise „Ach so? Koffer gepackt und ab dafür!?“ Marina stand im Türrahmen, die Hände in die Seiten gestemmt. Der Bademantel spannte, das Gesicht gezeichnet von unvorteilhaften roten Flecken. „Verstehst du überhaupt, was ich alles für dich getan habe? Ich habe dich aus dem Heim geholt, als deine Mutter im Nebel verschwunden und Oma verstorben ist!“ Viktoria stopfte stumm ihre Jeans in den alten Rucksack. Der Reißverschluss klemmte und das nervte sie mehr als Marinas Gemeckere. „Hab ich darum gebeten, gerettet zu werden?“, murmelte das Mädchen, das endlich den Reißverschluss bezwang. „Du hast mich nur aufgenommen, um vor der ganzen Verwandtschaft die Wohltäterin zu spielen. Damit alle sagen: Schaut mal, wie heldenhaft die Marina ist, sie hat eine Waise aufgenommen.“ „Wie kannst du nur so frech sein!“, Marina trat in das Zimmer. „Wir wollten an Himmelfahrt zu Freunden, Grillen, bisschen abschalten. Und du? Ziehst schon wieder so’n Flunsch? Wieder alles falsch hier?“ „Mir ist nicht ‚falsch‘, Marina. Ich will nur nicht deine… trinkfreudigen Freunde sehen. Ich hab morgen einen Test, muss lernen.“ „Test!“, rief die Tante und schwang energisch die Arme, fast gegen die niedrige Lampe. „Guckt euch die Streberin an! Ohne mich würdest du im Heim noch Fußböden schrubben und dünnen Brei löffeln! Ich bin deine gesetzliche Vormundin, ich hafte für dich!“ Viktoria drehte sich abrupt. „Dann lehn doch ab. Ruf direkt jetzt beim Jugendamt an und sag: ‚Nehmt sie, ich schaff das nicht.‘ Na trau dich – wird ja wohl nur das Image beschädigen?“ „Ach du…“, Marina rang kurz nach Luft. „Stellst du mir etwa jetzt Bedingungen?! Ich geb dich liebend gern ab! Morgen reiche ich die Papiere ein. Ich hab die Nase voll, du bist undankbar und großkotzig! Dann leb, wie du willst, such nach deiner tollen Mama, die sich sieben Jahre nicht gemeldet hat!“ „Vielleicht verzichte ich ja auch freiwillig auf euch!“, fauchte Viktoria. „Denkst du, ich hab’s hier so viel besser? Ich leb lieber im Heim als mit dir!“ Marina erstarrte, den Mund halb offen. Im Flur klapperten schwere Schritte – Jens, Viktorias Vater, kam aus der Küche. Seit er letzten Sommer aus der JVA zurück war, lebte er als Mitbewohner ohne Rechte oder Job in der Wohnung. „Warum schreit ihr?“, knurrte er und rieb sich das unrasiert Kinn. „Wenn die Nachbarn gleich die Polizei holen…“ „Halt du dich da raus!“, fuhr Marina ihn an. „Toll – Vater des Jahres! Deine Tochter kommt ins Heim, aber du hast nur Angst vorm Nachbarn.“ Viktoria blickte ihren Vater an und ihr wurde übel. Sie erinnerte sich: mit drei wurde er abgeführt, die Mutter ging nur „eben Brot holen“ und tauchte nach einer Woche – und dann nie wieder – auf. Alles fing an, als Viktoria aus der Klinik kam. Die Mutter, jung und ständig auf Achse, warf nur einen knappen Blick aufs Bündel. „Mama, bleib bitte mal kurz mit ihr – ich muss weg“, sagte sie zur Großmutter – und verschwand zu einem Date. Das „kurz“ zog sich dreizehn Jahre. Oma war eine Frau alter Schule. Sie verzog Viktoria nicht, kaufte weder Übermaß an Spielzeug noch Süßes, aber spürte, wenn das Kind Hunger oder Kopfweh hatte. Nachdem der Vater weggesperrt und die Mutter verschollen war, sammelte Oma kommentarlos Unterlagen. „Manchmal“, erklärte sie beim Haarebürsten, „müssen Menschen erst merken, was sie verloren haben. Bis dahin – sind wir zusammen.“ Mit sechs, zum Schulbeginn, wurde es bürokratisch schwierig – Mutter endgültig verschwunden. Oma kämpfte sich durchs Behördengestrüpp, entzog den Eltern das Sorgerecht. „Das ist hart“, seufzte sie zur Nachbarin, während Viktoria im Sandkasten spielte. „Das eigene Kind entrechten… aber sonst kriegt das Mädchen weder Corona-Impfung noch einen Schulplatz.“ Viktoria bekam alles mit. Sie war der Mutter nicht böse – sie wusste noch nicht, wie man hasst. Die Mutter war wie eine Figur aus einem alten Trickfilm: irgendwo da, aber der Plot ist weg. Sechs Jahre gute Noten, Oma stolz. Dann… Im Herbst kam der Vater aus dem Knast. Oma nahm ihn aus Mitleid auf, obwohl es zwischen den beiden nie klappte. Nach einem halben Jahr starb sie nach schwerer Krankheit, im Krankenhaus, in das Viktoria nicht durfte. Das Mädchen wartete stundenlang mit einer Tüte Apfelsinen, die sie nie übergeben konnte. Als der Arzt nur nickte, kam kein Weinen. Zu wenig Gefühl – zu viel Leere. Beerdigung, organisiert von Marina, der leiblichen Tante. Sie gab sich Mühe: lauter schluchzen als alle, Tücher richten, Anteilnahme möglichst würdevoll entgegennehmen, als hätte sie mindestens den Lebenssinn verloren. „Wir lassen dich nicht allein“, raunte sie Viktoria während des Leichenschmauses zu. „Mit Jens ist ja eh Hopfen und Malz verloren, der ist nach dem Knast nur noch wie’n Kind. Ich aber, ich bin doch Blutlinie! Wir machen die vorläufige Vormundschaft, du wohnst bei uns, Omas Wohnung bleibt erstmal zu – wegen der Nebenkosten.“ Viktoria ahnte nicht, dass „zu“ hieß: „still weitervermieten, Cash einsacken.“ Sie wollte einfach nur ihre Ruhe. *** Das Leben bei Marina hatte wenig von „heile Familie, glückliche Kinder“. Die Tante wohnte in einer Dreizimmerwohnung mit dem Ehemann, der die Nichte überhaupt nicht ausstehen konnte. Viktoria bekam das Durchgangszimmer mit Klappsofa. „Hast du abgewaschen?“, fragte Marina, als sie mit Gummihandschuhen am Türstock lehnt. „Ja“, brummte Viktoria, ohne den Geschichtsband aus der Hand zu legen. „Und die Pfanne? Die sollte man einweichen, sag ich immer! Du bist hier nicht Gast, Vika! Wir sind Familie, da hat jeder Aufgaben. Ich schufte im Büro, dein Vater liegt nur rum – bring wenigstens du mal was!“ Ihr Vater lag tatsächlich meist nur da. Streit suchte er nicht, er war einfach weg. Manchmal versuchte er Smalltalk: „Und Schule?“ „Gut.“ „Na, lern was.“ Ende. Viktoria merkte: Vater ist’s so egal wie der Mutter, irgendwo verschwunden. Er sorgte sich mehr um Rauchwaren von Marina oder die Crime-Reportage im TV. Über Monate sammelte sich Spannung. Marina wurde zankiger, maulte über Essen, Klamotten, das teure Leben mit Teenie. „Weißt du, was so Schuhe für Jugendliche jetzt kosten?! Der Fuß wächst wie Unkraut! Das Pflegegeld ist’n Witz! Von meinem Geld zahl ich dazu! Und Dankbarkeit? Null! Die guckt immer nur grimmig!“ Viktoria hörte alles durch die dünne Wand. Sie wusste vom Pflegegeld, sie wusste: Omas Wohnung wird gewinnbringend vermietet. Aber ein Wort, und Marina bekam hysterische Anfälle. *** Der große Krach kam an Himmelfahrt: „Ich hab gesagt: du fährst mit zur Datscha von den Pietschs!“, kreischte Marina. „Schick aussehen – du ziehst das blaue Kleid an!“ „Ich fahr nicht mit“, sagte Viktoria ruhig. „Ich muss für die Matheprüfung lernen. Hab Rückstand, war im März krank.“ „Mathe kann warten!“, quietschte Marina. „Du versaust mir den Ruf! Die Leute fragen dauernd: Wo ist denn eure Viktoria, so menschenscheu? Denken sicher, wir mausern dich hier nur ab!“ „Ist das etwa nicht so?“, Viktoria hob den Blick. „Seit einem halben Jahr hab ich nur ein Paar Turnschuhe, zwei Nummern zu groß. Und die Miete von Omas Wohnung – wo landet das eigentlich?“ Marina wurde fahl. „Wie kannst du nur… das Geld ist für deine Zukunft! Die Wohnung – was hast du damit zu tun?!“ Viktoria stand auf. „Ich bleib hier. Und das Kleid kneift eh. Es passt nicht mehr.“ Marina eskalierte. „Pack dein Zeug!“, schrie sie, warf die Tasche hin. „Ich ruf das Jugendamt, sollen dich holen – mal sehen, ob du dann noch nach der Wohnung fragst!“ „Mach nur“, Viktoria packte Hefte zusammen. „Lieber das, als dein endloses Gejammer darüber, wie teuer ich bin…“ Jens kam heraus. „Marina, reicht jetzt. Wohin will sie denn abends?“ „Halts Maul!“, schnauzte sie. „Du bist genauso’n Schmarotzer! Deine Tochter ist wie die Mutter – eingebildet!“ Viktoria zog die Jacke an, griff zum Rucksack. „Ich geh jetzt“, sagte sie fest. „Dann geh doch!“, schrie die Tante, stieß sie raus, schlug die Tür zu. Viktoria lief nicht ins Heim, sondern zum nahegelegenen Haus, zur alten Freundin der Oma, Frau Ilse. Ilse war streng, arbeitete früher beim Jugendamt und kannte die Gesetze besser als Marina ihre Kochrezepte. „Um Himmels willen, Viktoria? Um die Uhrzeit?“, öffnete Ilse in gestricktem Schultertuch. „Marina hat mich rausgeworfen“, sagte das Mädchen. „Kann ich bitte hier schlafen? Ich geh morgen selbst zum Jugendamt.“ Ilse musterte sie – blasses Gesicht, abgewetzter Rucksack, ausgetretene Chucks. „Komm erstmal rein. Wir reden…“ Am Küchentisch schilderte Viktoria alles: Wohnung, Geld, der schweigende Vater, Marinas Gemeinheiten. Ilse hörte schweigend zu. „Also wird die Wohnung vermietet?“, fragte sie. „Und was für Unterlagen hat sie zur Vormundschaft?“ „Nur vorläufige. Sie sagt immer, sie macht das offiziell, aber verschiebt’s immer.“ „Klar“, nickte Ilse. „Weil bei dauerhafter Vormundschaft sind die Behörden kontrolliger. Vorläufig ist sie die große Retterin.“ Sie strich Viktoria übers Haar. „Pass auf: Wir gehen morgen nicht zum Jugendamt. Wir fahren. Ich kenne jemanden in der Jugendstaatsanwaltschaft – die regelt das. Die Wohnung gehört dir, das weiß ich ganz genau. Und Marina soll damit aufhören!“ *** Mittags kam die Tante angetrabt. „Geben Sie mir das Mädchen zurück!“, polterte sie durchs ganze Treppenhaus. „Viktoria, komm raus, ich war wütend, war doch nicht so gemeint! Wir sind doch Familie!“ Ilse öffnete auf Kette. „Familie, ja? Jetzt fällt dir das ein. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders!“ „Welche Staatsanwaltschaft?“, Marina erstarrte. „Die, die jetzt prüft, wie rechtmäßig es ist, eine Wohnung zu vermieten, die einem Mündel gehört, ohne das Jugendamt einzuschalten. Und ob das Pflegegeld korrekt verwendet wurde.“ „Unverschämtheit… wir haben alles für das Kind getan, vom eigenen Geld…“ „Red dich nicht raus. Viktoria kehrt nicht zurück. Entweder du räumst die Wohnung oder du bekommst doppelten Ärger.“ „Oma hat Viktoria die Wohnung vererbt! Und du hast dich an ihrem Besitz bedient!“ Marina keifte noch, schrie Drohungen und rüttelte an der Tür, doch Viktoria ignorierte sie. *** Marina verlor die Vormundschaft mit Schande. Die Mieter aus Omas Wohnung wurden gekündigt. Jens fürchtete die Verantwortung, fand schnell einen Job auf dem Bau und verschwand aus der Stadt – schickte Viktoria noch eine SMS: „Ist besser so.“ Ilse durfte aus Altersgründen keine Vormundschaft übernehmen. Viktoria kam ins Kinderheim – und war erleichtert. Ilse besuchte sie oft, neue Freundinnen tauchten auf, die Schule lief besser, ihre Seele kam zur Ruhe. Viktoria fand endlich ein bisschen Frieden.
Erwachsene Kinder fordern die Aufteilung unserer großzügigen Dreizimmerwohnung – doch mein Mann und ich fanden eine ganz eigene Lösung für unser Zuhause