In einer Nacht, in der die Uhren seltsam rückwärts liefen und die Straßen von Regensburg aus blauem Licht glommen, begegnete Lorelei und Sebastian sich zufällig. Lorelei war geschäftlich in einer fremden Stadt und spürte, wie die Realität zwischen den Kopfsteinpflastersteinen floss. Obwohl Sebastian zwölf Jahre älter war und manchmal wie ein Schatten durch die Gassen huschte, verliebten sie sich. Oft reiste Sebastian durch den Nebel nach Loreleis Stadt, um sie zu sehen. Nach drei mondlosen Monaten hielt er, inmitten eines Regenschauers, um ihre Hand an er versprach, ein sorgsamer Mann zu sein und sich um jedes ihrer Bedürfnisse zu kümmern. Loreleis Eltern und ihr Bruder protestierten lauthals wegen des Altersunterschiedes; doch Lorelei folgte einer Melodie, die nur sie hören konnte, und zog zu Sebastian.
Kurze Zeit später spazierten sie Hand in Hand ins Standesamt, wo ihre Ehe wie ein Vogel in einem Käfig eingetragen wurde. Sebastian, stets in maßgeschneiderter Jacke, war finanziell abgesichert, er arbeitete in einer angesehenen Münchner Firma und betrieb nebenher einen florierenden Lebensmittelmarktin dem das Obst immer wie gemalte Kugeln aussah. Sein altes Einzimmerapartment in Augsburg vermietete er für einen stetigen Strom von Euros, ein Luftzug, der durch ihr gemeinsames Leben wehte. Mit seinem Wohlstand kaufte Sebastian eine neue Wohnung mit zwei Zimmern; seine gläserne Luxuskarosse glitt durch die nächtlichen Straßen, als fahre sie auf Wolken.
Acht Jahre später trat Lorelei, mit einer Tasche voll unverständlicher Prüfungsergebnisse, aus der Universität. Sebastian zauberte einen Job für sie bei einem Bekannten herbei, dessen Firma irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit lag. Ihr Leben wirkte harmonisch, abgesehen davon, dass Loreleis Eltern ihr nie verziehen hatten; sie sprachen kein Wort mehr mit ihr und verwandelten sich bei Begegnungen in durchsichtige Silhouetten. Ihre Freunde erzählten, dass ihr Bruder, Klaus, inzwischen geheiratet hatte, mit den Eltern in einem märchenhaften Haus lebte und finanziell erfolgreich war. Klaus reiste regelmäßig in ferne Länder und wechselte sein Auto, als seien die Modelle bloß Spielzeuge.
Vor einigen Wochen rief Loreleis Mutter sie an, ihre Worte schwebten wie Nebel durch das Telefon. In einem Gespräch voller halber Sätze deutete die Mutter an, Lorelei solle Klaus finanziell helfenvielleicht die Euros für ein Apartment schicken, vielleicht nur ein großzügiges Bündel Geld. Lorelei solle sich das Geld von Sebastian leihen, um wieder mit ihrer Familie vereint zu sein, sagte die Mutter, mit der Stimme eines Traumvogels. Doch Lorelei zögerte; Klaus hatte nie Initiative gezeigt, und sie lebte bereits seit acht Jahren ohne Unterstützung, zufrieden in ihrer neuen Wirklichkeit. Also lehnte Lorelei die Bitte ab.
Die Familie reagierte wie aus dem Nichts plötzlich mit Frost; sie erklärten, die Türen des Hauses würden für immer geschlossen bleiben, so wie Türen aus Papier im Wind verwehen. Lorelei aber blieb standhaft, schaute zurück und spürte, dass ihre Gegenwart federleicht und voller Farben war und sie glücklich war, die Nebel der Vergangenheit hinter sich zu lassen.





