Ich werde dich für immer lieben.

Ich werde dich immer lieben.

Mit taumelnden Schritten schleppte sich Mathilde durch den Hausflur und stützte sich mit bebenden Händen an der rauen Wand ab. Ihr Kopf drehte sich so sehr, dass vor ihren Augen schwarze Flecken tanzten. Panisch suchte sie in ihrer alten Handtasche nach dem Schlüsselbund, während sie sich innerlich für ihre Panikattacke beim Arzt verfluchte. Als könnte man anders reagieren…

Dr. Katharina Junghans hatte die MRT-Bilder wortlos auf den Schreibtisch gelegt. Ihre Stimme klang ruhig, beinahe resigniert:
Frau Mathilde Stein, die Lage ist ernst. Es handelt sich um ein Aneurysma. Die Gefäßwand ist so dünn wie ein Hauch, stellen Sie sich einen Luftballon kurz vor dem Platzen vor. Jede Aufregung, jeder Druckanstieg… Sie brauchen dringend eine OP. Auf einen Platz aus der Krankenkassen-Rationierung zu hoffen, ist russisches Roulette. Niemand weiß, wie viel Zeit Sie noch haben.

Und wenn ich privat bezahle? hatte Mathilde stockend hervorgebracht und sich dabei verzweifelt am Lederriemen der Tasche festgekrallt.

Die Zahl, die die Ärztin nannte 34.000 Euro war wie ein endgültiges Urteil. Niemals in ihrem Leben hätte Mathilde das aufbringen können. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie in Armut abgerutscht, verschuldet, mit dem Hungerlohn einer Bibliothekarin. Sie hätte ihre Niere verkaufen können, und selbst das hätte nicht gereicht.

Warten Sie auf einen Anruf wegen eines Kassenplatzes, sagte Dr. Junghans freundlich, aber bestimmt. Und versuchen Sie, sich zu schonen. Absolute Ruhe.

Welche Ruhe denn?! hätte Mathilde am liebsten geschrien. Doch sie nickte nur und verließ die Praxis, die Knie weich, das Herz schwer.

Jetzt, angelehnt an die Wohnungstür ihres Onkels Willi, versuchte sie, wieder zu Atem zu kommen. Diese Wohnung ihr Erbe. Onkel Willi, ein verschrobener Einzelgänger, der Bruder ihres Vaters, hatte ihr nach seinem leisen Tod eine Drei-Zimmer-Wohnung in einem alten Nachkriegshaus in München hinterlassen, vollgestellt mit Kram. Für Sammler ein Paradies, für sie ein weiteres Problem.

Ich muss das alles sortieren, dachte sie, während sie durch die überfüllten Zimmer ging. Etwas verkaufen. Vielleicht den alten Buffetschrank, die Sekretäre… Wenigstens für die erste Anzahlung an die Klinik.

Der Gedanke, bloß still zu sitzen und darauf zu warten, dass der Ballon im Kopf platzt, machte Mathilde wahnsinnig. Sie brauchte eine Aufgabe. Irgendeine. Hauptsache, nicht denken.

Sie begann mit dem Schreibtisch im Wohnzimmer. Massives Eichenholz, die Schubladen bis oben hin mit Papieren vollgestopft. Mathilde griff sich eine Mülltüte. Quittungen aus den 90er Jahren? Weg. Alte Stromrechnungen? In die Tonne. Gebrauchsanleitungen für inzwischen verschrottete Staubsauger und Bügeleisen? Brauchte kein Mensch mehr.

Mechanisch arbeitete sie sich durch das Papiermeer, ohne einen klaren Gedanken zu fassen. Nach und nach ließ der Schmerz im Kopf nach. Im untersten Fach, tief unter vergilbten Süddeutsche Zeitung-Ausgaben, spürte sie plötzlich etwas Hartes. Eine alte, abgegriffene Schnellheftermappe, abgespannt mit ausgeblichenen Bändchen.

Neugier überwog Apathie. Sie knotete die Bänder auf. Drinnen lag ordentlich eine Sammlung von Briefen, ohne Umschläge, nur beschriebene Seiten. Die Schrift gerade, männlich, vertraut von Onkel Willi.

Mathilde zog das oberste Blatt hervor.

Liebe Lieselotte,
es sind nun drei Monate vergangen, seit du weg bist. Ich kann mich nicht daran gewöhnen. Heute war ich wieder in der Universität, alles erinnerte mich an dich. Leere. Ich Dummkopf, ich Tölpel. Hätte dich niemals nach dem Streit gehen lassen dürfen. Ich weiß nicht, wo du steckst. Deine Nachbarin sagte nur, ihr wäret fort mehr nicht. Ich schreibe dir ins Leere, doch ich kann nicht anders. Es hält mich am Leben.
Dein Willi

Mathilde blieb stehen. Onkel Willi, der für sie immer ein spröder, weltferner Kauz gewesen war… solche Sehnsucht, solche Zärtlichkeit. Sie las noch einen Brief. Und noch einen. Alle stammten aus 1972. Immer wieder die Geschichte: Begegnung, Verliebtheit, ein bitterer Streit (er hatte sich nicht getraut, um ihre Hand beim Vater anzuhalten, aus Angst vor Verantwortung). Lieselotte zog mit der Familie ins Ungewisse. Willi kannte keine Adresse, schrieb Briefe ins Nichts. Immerzu schwor er ewige Treue.

Lieselotte, ich werde dich suchen. Wenn ich dich nie finde ich werde mein Leben lang nur dich lieben.

Offenbar hatte er Wort gehalten. Alter Junggeselle, einsames Ende.

Tränen liefen Mathilde die Wangen hinunter. Ihr tat dieser Mensch unendlich leid. Plötzlich, aus dieser Trauer, wuchs ein beinahe irrsinniger Gedanke: Vielleicht lebt sie ja noch? Sie musste sie finden. Ihr erzählen, dass sie nie vergessen wurde, immer geliebt ein konkretes Ziel, das ihren eigenen Schrecken für einen Moment verdrängte. Vielleicht war das die Chance, altes Unrecht zu heilen.

Die Gedanken liefen heiß. Keine Adresse. Kein Nachname nur ein Lieselotte G. in der Signatur eines Fotos im Album. Sie las die Briefe erneut. In einem stand:
Weißt du noch, wie wir im Park am Jugendzentrum spazierten? Immer lachtest du über die steinernen Löwen an deinem Hauseingang in der Blumenstraße.

Blumenstraße. Jugendzentrum. Mathilde zückte das Smartphone, suchte alte Hausbilder aus München. Typische Nachkriegsbauten mit Stuck-Löwen an den Eingängen. Immerhin aber sie brauchte einen Namen.

Das Fotoalbum fand sie im Nachtschrank. Dort: ein junger Willi, hellblond, offenherzig. Immer wieder auch dieses Mädchen: dunkle Zöpfe, große leuchtende Augen. Auf der Rückseite eines Gruppenfotos mit Kugelschreiber: Gruppe 3b, TU München, 1971. Lieselotte G., Willi, Uli.

Lieselotte G. nur ein Buchstabe als Nachname, aber ein Anfang.

Jetzt begann digitale Detektivarbeit. Sie suchte auf Alumni-Listen, in Foren, in den gebührenpflichtigen Archiven der sozialen Netzwerke. Lieselotte, G., Geburtsjahre 195052, München. Hinweise auf Mädchen-Namen verglichen.

Und Glückstreffer! Im Alumni-Forum der TU München:
Meine Mutter Lieselotte Gerlach hat 1973 den Abendkurs abgeschlossen

Gerlach. Lieselotte Gerlach. Und jetzt hieß sie nach der Hochzeit Lieselotte Weber.

Mathilde googelte Lieselotte Weber München. Treffer: ein Artikel in der Lokalzeitung zum Weltfrauentag, mit Foto. Eine alte Dame, graues Haar, strenge Miene und doch kluge, freundliche Augen. Und im Familienalbum: Lieselotte als Studentin. Die gleiche Klarheit im Blick. Dieselbe Frau.

Im Artikel stand: Lieselotte Weber lebt im Dorf Sonnenfeld bei München und engagiert sich im Seniorenrat.

Das Herz schlug Mathilde bis zum Hals. Eine Adresse! Sie rief im Gemeindeamt an, gab sich als Sozialarbeiterin aus. Die nette Beamtin nannte ihr Straße und Hausnummer.

Mathilde erinnerte sich nur verschwommen, wie sie sich beeilte, einen Beutel mit den Briefen und etwas Wasser packte, dann zum ZOB rannte und den nächsten Regionalbus nahm. Die Fahrt zog sich endlos. Immer wieder schossen ihr Fragen durch den Kopf: Was, wenn die Frau sie abweist? Für eine Betrügerin hält?

Sonnenfeld empfing sie still, mit dem Duft von Apfelblüten. Das richtige Haus, grün gestrichen, Rosenbögen im Vorgarten. Mathilde atmete tief, ihre Knie zitterten, als sie endlich den Klingelknopf drückte.

Lieselotte Weber öffnete die Tür. Sie wirkte älter und zerbrechlicher als auf dem Foto.

Ja? Ihre Stimme war vorsichtig, gespannt.

Sind Sie Frau Lieselotte Weber?, fragte Mathilde, die Stimme verriet sie.

Ja. Und Sie sind?

Ich heiße Mathilde. Ich bin die Nichte von Wilhelm Stein.

Der Effekt war augenblicklich: Lieselottes Finger verkrampften sich um den Türgriff, ihr Gesicht verzerrte sich vor Schmerz und Schock.

Wilhelm? Ein Flüstern, kaum hörbar. Welcher Wilhelm?

Wilhelm Stein. Mein Onkel. Er ist vor einem Monat gestorben.

Wie unter Hypnose trat Lieselotte einen Schritt zurück und bedeutete ihr, einzutreten. Der Flur duftete nach Blumen, das Haus war still. Lieselotte ließ sich in einen Sessel sinken, die Hände zitterten.

Gestorben Sie starrte ins Leere. Ich habe manchmal die Anzeigen gelesen… ob er noch lebt, mein Willi…

Er hat Sie nie vergessen, sagte Mathilde tief bewegt.

Lieselotte warf ihr einen prüfenden, fast zornigen Blick zu:
Woher wollen Sie das wissen?

Ich habe das hier gefunden. Mathilde zog die Schnellheftermappe aus der Tasche und reichte sie hin. Er hat Ihnen geschrieben. Immer wieder. All die Jahre. Die Briefe lagen in seinem Schreibtisch.

Lieselotte nahm die Mappe fast ehrfürchtig an sich, öffnete, las das oberste Blatt. Erst stumm, dann rollten Tränen über ihre Wange, doch sie wischte sie nicht weg.

Dummkopf, armer Junge… Wozu? Sich so zu quälen

Er hat Sie geliebt, flüsterte Mathilde. Er war sein Leben lang allein.

Ich weiß es. Vor fünfzehn Jahren habe ich durch Zufall eine alte Freundin von ihm getroffen. Sie erzählte, dass er unverheiratet blieb, allein lebte. Ich… ich habe mich nie getraut, zu ihm zu fahren. Es war mir peinlich. Ich hatte Angst.

Pech gehabt? Mathilde verstand nicht.

Ich bin damals weggegangen. Weil ich dachte, er liebt mich nicht, will keine Familie. Und ich ich war schwanger, Mathilde.

Alles in Mathilde erstarrte.

Was?

Ja. Im zweiten Monat. Ich wusste nicht, wie ich es ihm sagen sollte. Nach unserem Streit hatte ich Angst, er läuft weg. Also lief ich zuerst. Mit meinen Eltern. Unser Sohn ist bei mir geboren.

Ein Moment des Schweigens alles stand still. Mathilde war kreidebleich.

Mein Onkel hat einen Sohn?, brachte sie hervor.

Lieselotte nickte, blickte ins Fenster.

Alexander ist ein wunderbarer Mensch geworden. Ich habe später geheiratet. Mein Mann Klaus wusste alles, hat mich und mein Kind angenommen wie eigene. Ein großartiger Mensch, ich bin ihm ewig dankbar. Er hat Sascha adoptiert, wie einen leiblichen Sohn. Aber Willi Willi war immer hier. Sie legte die Hand aufs Herz. Ich habe ihn nie vergessen. Und Alex weiß, wer sein leiblicher Vater ist.

Mathilde konnte kaum denken. Sie hatte tatsächlich einen Bruder. Einen echten Blutsverwandten.

A Alexander wo lebt er?

Er ist Gefäßchirurg, sagte Lieselotte mit Stolz und gleichzeitig Wehmut. Leiter einer eigenen Klinik in München: Klinikum Artis sicher schon mal gehört?

Sie hielt plötzlich inne, ihre Augen wurden wie die einer Mutter, die ein Kind durchschaut.

Kind, du bist ganz blass. Gehts dir schlecht? Bist du krank?

Dieses einfache, mitfühlende Kind tat so gut, dass Mathilde in Tränen ausbrach. Eigentlich wollte sie schweigen, doch nun sprudelte alles aus ihr heraus. Die Schwindel, die entsetzliche Diagnose, die unerschwinglichen Kosten, die endlose Angst vor dem Warten auf eine Krankenkassen-Bewilligung.

Lieselotte hörte aufmerksam zu, ihr Gesicht wurde immer entschlossener. Sie stand auf, griff zum Haustelefon und wählte eine Nummer.

Sascha, bitte komm sofort vorbei. Ja, alles ist gut. Aber hier ist ein Wunder passiert. Ein echtes Wunder. Komm, mein Junge. Du musst deine Schwester treffen.

Eineinhalb Stunden später öffnete sich die Tür. Ein hochgewachsener, schlanker Mann Anfang fünfzig trat ein, teurer, unauffälliger Anzug, die gleichen durchdringenden grauen Augen wie Onkel Willi auf den alten Fotos, das Haar dunkelblond, leicht ergraut.

Was ist los, Mama? Seine Stimme war ruhig, aber voller Sorge. Als er Mathilde sah, blieb sein Blick an ihr hängen.

Alexander, das ist Mathilde. Mathilde ist die Tochter deines Onkels deine Cousine.

Alexander erstarrte. Sein Blick glitt über Mathildes blasses, aufgewühltes Gesicht, die Mappe mit Briefen, seine Mutter.

Mein Vater war Wilhelm Stein? Er sprach langsam, als würde er jedes Wort abwägen.

Mathilde nickte. Ich habe Fotos von ihm.

Sie reichte ihm das Handy mit den Albumfotos. Alexander schaute sich jedes Bild lange an; sein Gesicht blieb ausdruckslos, nur die Kiefermuskeln arbeiteten.

Er war also immer allein? Seine Stimme war ganz leise.

Ja, flüsterte Mathilde.

Er sah sie an, seine Augen schwer und forschend.

Mama hat mir gesagt, es geht dir gesundheitlich schlecht.

Mathilde nickte, ihr wurde flau vor Angst. Lieselotte erzählte die ganze medizinische Geschichte in aller Kürze.

Hast du Befunde, Aufnahmen? fragte Alexander, nun ganz Arzt.

Mathilde reichte die Mappe mit den Berichten. Alexander trat zum Fenster und studierte alles sorgfältig. Schweigend betrachtete er jedes Blatt. Schließlich legte er ab.

Du musst dringend operiert werden. Warten wäre tödlich ganz klar.

Ich weiß, aber… das Geld…, wandte Mathilde ein, während ihr Gesicht glühte.

Alexander sah sie ernst an, dann wich die Strenge aus seinem Blick und machte einer sanften, fast väterlichen Wärme Platz.

Mathilde, hör mir zu: Ich habe eine Klinik, ich habe Geld, und von jetzt an bist du Familie. Für Familie stelle ich keine Rechnung. Verstanden?

Mathilde konnte nur nicken Worte waren unmöglich, die Tränen liefen von ganz allein. Mehr als nur Glück es war Rettung, die aus der Vergangenheit kam, aus einer Liebe, die fünfzig Jahre lang überdauerte.

Lieselotte zog sie an sich, umarmte sie fest.

Alles wird gut, mein Kind. Dann wandte sie sich an ihren Sohn: Alex, du bringst Mathilde nach der OP zu uns nach Hause? Ich werde mich kümmern.

Sicher, Mama, antwortete Alexander mit einem Lächeln, das so viel Erleichterung und Herzlichkeit zeigte, dass Mathilde spürte, wie sie jetzt dazugehörte.

Und als sie die beiden ansah den strengen Bruder, die alte Dame, deren uralte Traurigkeit sich endlich löste , fühlte Mathilde, wie die Angst wich. Dafür war da jetzt eine neue Zuversicht: Sie war nicht mehr allein. Ihr Leben es begann jetzt.

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Homy
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