Ich habe meine Frau nie geliebt, obwohl ich es ihr hundertmal gesagt habe – schuld daran war sie nicht, denn unser Leben war gut

Ich habe meine Frau nie geliebt, obwohl ich es ihr schon unzählige Male gestanden hatte. Es war keinesfalls ihre Schuld unser Leben verlief angenehm. Sie war niemals streitsüchtig oder vorwurfsvoll, im Gegenteil, immer freundlich und zärtlich. Doch fehlte in unserer Beziehung jegliche Spur von Liebe. Teller, Tassen, Messer, Gabeln alles stand ordentlich in den Regalen wie Zeugen einer gewissen Leere.

Jede Nacht legte ich mich mit dem Gedanken schlafen, endlich von ihr fortzugehen. Jeden Tag erwachte ich mit dem selben Wunsch: die Frau zu finden, die mein Herz wirklich berühren könnte.

Aber würde mir das gelingen? Bei Helene fühlte ich mich sicher. Neben ihrer ausgezeichneten Hausführung besaß meine Frau eine solch umwerfende Schönheit, dass alle Freunde mir noch heute heimlich darum beneiden. Keiner versteht, wie ein so gewöhnlicher Mann wie ich das Glück hatte, mit ihr zusammenzukommen. Ich weiß selbst nicht, was sie an mir gefunden hat.

Ich bin ein Durchschnittstyp, der in einer Menge unerkannt untertauchen könnte. Aber sie liebt… Es erscheint mir unbegreiflich.

Helenes Liebe und Hingabe ließen mich keine Ruhe finden. Ihre Schönheit noch weniger. Mir war völlig klar: Kaum würde ich unseren gemeinsamen Altbau in Berlin-Friedenau verlassen und alles beenden, stünde bestimmt sofort ein neuer Bewerber vor ihrer Tür. Sicher ein erfolgreicherer und attraktiverer Mann.

Wenn ich mir vorstelle, dass ein anderer seine Arme um ihre Schultern legt, verliere ich fast den Verstand. Helene war meine auch wenn ich nie wirklich etwas für sie empfunden habe. Eigentlich war ich nur deshalb mit ihr zusammengezogen, weil es mir schmeichelte, eine so eindrucksvolle Frau an meiner Seite zu wissen.

Aber kann man ein ganzes Leben ohne Liebe verbringen? Ich redete mir ein, es schaffen zu können, doch das war ein Irrtum. Der Duft von frischem Kaffee, Brot, das Klirren des Geschirrs stets erinnerte mich alles an etwas, das fehlte.

Morgen musst du es ihr sagen, dachte ich endlich und fiel in einen seltsamen Schlaf, in dem Tischdecken flogen und Töpfe Schritte tanzten.

Beim Frühstück, zwischen Brötchen und Marmelade, nahm ich meinen Mut zusammen:

Helene, setz dich bitte. Ich muss mit dir reden.

Sie lächelte mich rätselhaft an. Ich höre dir zu, mein Lieber.

Stell dir vor: Wir trennen uns voneinander, leben in verschiedenen Bezirken Berlins.

Sie lachte auf, als hätte ich einen absurden Witz gemacht. Was ist das? Ein seltsames Ratespiel?

Hör bitte bis zum Ende zu. Es ist wichtig.

Na schön, ich stelle es mir vor.

Sag ehrlich: Wenn ich eines Tages gehe… glaubst du, du würdest jemand anderen finden?

Karl, was ist los? Warum solltest du überhaupt gehen?

Weil ich dich nicht liebe. Noch nie geliebt habe.

Stille. Dann ein ungläubiges Lachen. Du machst Witze. Das verstehe ich nicht…

Ich möchte wegziehen, aber es tut weh, mir vorzustellen, dass jemand anderes dich berühren könnte.

Helene schwieg eine ganze Weile, dann sagte sie leise: Einen besseren als dich werde ich ohnehin nicht finden. Du kannst also ruhig gehen, ohne Angst, dass ich je mit jemand anderem sein werde.

Versprichst du das?

Natürlich, sagte Helene. Ihre Stimme war feierlich wie das Läuten alter Turmglocken.

Aber… wohin soll ich überhaupt gehen?

Hast du denn keinen Platz?

Nein, wir sind doch immer zusammen gewesen. Wahrscheinlich verbringen wir eben unser Leben gemeinsam bis zum Ende, murmelte ich traurig.

Mach dir keine Sorgen. Nach der Scheidung verkaufen wir die Wohnung, teilen das Geld, jeder zieht in seine Ein-Zimmer-Wohnung. So machen wirs, sagte Helene und schmierte Butter auf ihr Brötchen.

Wirklich? Ich hätte nicht gedacht, dass du mir so helfen würdest. Warum?

Weil ich dich liebe. Wer liebt, hält nicht fest, sondern lässt los.

Monate vergingen und tatsächlich wir wurden geschieden. Ein paar Wochen später hörte ich, dass Helene längst einen anderen Mann an ihrer Seite hatte. Die Wohnung, die sie vom Großvater in Charlottenburg geerbt hatte, teilte sie natürlich nicht.

Da saß ich nun, ohne alles einsam wie ein einzelner Hering auf einem Berliner Biertisch. Wie soll man danach noch Frauen vertrauen? Ich weiß es nicht…

Was denkt ihr über Karl?

Diese Erzählung wurzelt in einer wahren Begebenheit, die uns von einem Leser anvertraut wurde. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Namen oder Orten ist zufällig. Die Fotos im Artikel dienen ausschließlich als Illustration.

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Homy
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Ich habe meine Frau nie geliebt, obwohl ich es ihr hundertmal gesagt habe – schuld daran war sie nicht, denn unser Leben war gut
Ich bereue nichts