Schon vom ersten Moment an, als ich Stefans jüngeren Bruder, David, begegnete, spürte ich instinktiv, dass er nicht zu den Menschen gehörte, mit denen ich auf Anhieb auskäme. Jetzt hat sich mein Gefühl als richtig erwiesen, und es fällt mir immer schwerer, meinem Mann zu erklären, dass sein Bruder längst kein Kind mehr ist und Verantwortung für sein Leben übernehmen muss. David ist bereits 26 Jahre alt nun wäre es höchste Zeit, Erwachsen zu werden und auf eigenen Beinen zu stehen.
Die Familie wurde früh von einer Tragödie getroffen: Stefans Vater verstarb, als mein Mann erst 14 war und David gerade elf. Drei Jahre später kam auch die Mutter der Brüder bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Von einem Tag auf den anderen musste mein Mann alle seine persönlichen Träume begraben, schmiss die Schule und arbeitete fortan in einer Bäckerei in München, um seinen Bruder zu ernähren. Diese Aufopferung und Stärke in so jungen Jahren verdient tiefen Respekt doch David entwickelte stattdessen einen Anspruch auf die Hilfe seines Bruders, als wäre sie selbstverständlich.
Als ich David zum ersten Mal sah, stieß mir seine Art bitter auf. Er wirkte überheblich, nie dankbar, sondern selbstverständlich davon ausgehend, dass Stefan für ihn alles regelt, ohne je etwas zurückzugeben. Seine ständiges Auftauchen in unserem Leben, die Unlust, sich eine geregelte Arbeit in München zu suchen, das ewige Jobhopping all das ließ meinen Ärger nur wachsen.
Obwohl David längst erwachsen ist, zeigt er keine Motivation, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Die Stellen, die er annimmt, gibt er schnell wieder auf; von Beständigkeit keine Spur. Mein Mann verteidigt seinen Bruder immerzu, verspricht, David bemühe sich sehr um Arbeit, alles würde sich bald ordnen. Aber ich sehe, dass es leere Versprechungen sind. David tut nichts, um seine Situation wirklich nachhaltig zu ändern. Das belastet unsere Familie enorm. Stefans Aufmerksamkeit ist ständig zwischen unserem kleinen Sohn und seinem Bruder aufgerieben für unsere eigene Familie bleibt immer weniger übrig.
Ich will meine Ehe nicht an dieser ständigen Belastung zerbrechen lassen. Doch das Verhalten von David, seine Verantwortungslosigkeit und die damit verbundenen Sorgen greifen tief in unser Familienleben ein. Ich hoffe so sehr, dass Stefan begreift, wie sehr uns all das schadet, und einen Weg findet, damit wir endlich ein unbeschwertes, gemeinsames Leben führen können.





