– Darf ich vorstellen, das ist meine Ex-Frau, – sagte der Ehemann ruhig. Doch mit so einer Reaktion von Gabi hatte er nicht gerechnet.

Das ist meine Ex-Frau, sagte ihr Mann ruhig. Doch mit so einer Reaktion von Greta hatte er nicht gerechnet.

Greta kam vierzig Minuten früher als sonst nach Hause. Der Chef hatte sie einfach eher gehen lassen.

Sie öffnete die Tür, zog die schweren Stiefel aus der eine ging mit Mühe, der andere erst beim dritten Versuch. Dann hängte sie den Mantel an die Garderobe und ging in die Küche. Sie brauchte einen Tee. Still sollte es sein, keine Fragen, niemand um sie herum zumindest für zwanzig Minuten.

Aber statt Stille saß dort eine fremde Frau.

Elegant, im dunkelblauen Blazer, der Schnitt: Ich achte auf mich. Sie saß an Gretas Küchentisch und trank Tee aus ihrem Lieblingsbecher.

Greta blieb im Türrahmen stehen.

Martin stand am Herd und rührte ganz gelassen in einem Topf.

Ah, Greta, du bist schon da. Er drehte sich kurz um und lächelte ganz ruhig. Das ist Ingrid. Meine Ex-Frau. Lern sie kennen.

Ex-Frau.

Greta betrachtete diese Ingrid.

Guten Tag, sagte die Fremde. Ohne Unsicherheit, als wäre sie hier zu Hause und Greta nur kurz hereingeschneit.

Hallo, antwortete Greta.

Das wars. Keine weiteren Worte.

Greta eilte zum Kühlschrank, holte sich Wasser, goss sich ein Glas ein, trank es in einem Zug leer und stellte das Glas zurück ins Regal. Noch einmal blickte sie zu Ingrid. Dann zu Martin.

Zwanzig Jahre lang hatte Martin nie erwähnt, dass er noch Kontakt zu ihr hielt. Über ihn war kaum gesprochen worden. Zwei, drei Bemerkungen in all den Jahren, von Wegen: Lange vorbei, Wir sind im Guten auseinander, Keine Kinder gehabt.

Und jetzt saß sie da.

Trank Tee. Aus dem Becher mit den blauen Blumen.

Greta dachte beinahe: Hätte ich doch bei Porzellan-Heinemann dickere, schwerere Tassen gewählt. Die haben nicht umsonst ein paar Euro mehr gekostet.

Ingrid blieb noch etwa eineinhalb Stunden an diesem Abend.

Greta verbrachte die ganze Zeit im Wohnzimmer. Angeblich las sie. In Wahrheit saß sie mit dem Buch auf den Knien und hörte, wie die beiden sich in der Küche leise unterhielten. Von den Worten verstand sie nichts, nur die Stimmen waren zu hören. Martins Ton war etwas heller, aufmerksam, Ingrids Stimme ruhig, unaufgeregt, als spräche sie ihr ganzes Leben nichts als klare, knappe Sätze. Gerade diese Ruhe machte Greta mürbe.

Dann fiel die Wohnungstür. Martin kam herein und schaute ins Zimmer:

Sie ist weg.

Gut, sagte Greta knapp.

Sie hat ein paar Probleme gerade. Wir mussten uns austauschen.

Ich verstehe.

Er nickte, ohne ein weiteres Wort und verschwand in der Küche, um das Geschirr zu spülen. Greta legte das Buch beiseite.

In dieser Nacht konnte sie nicht schlafen. Sie lag da und dachte zwanzig Jahre Ehe. Und von der Ex-Frau war kaum je die Rede gewesen.

Und jetzt war sie plötzlich da. Im Blazer.

Am nächsten Tag rief Martin sie an. Greta sah zufällig den Display er hatte das Handy auf dem Nachttisch liegen lassen, als er ins Bad ging. Ingrid. Kein Nachname, kein Hinweis, nichts. Die Nummer war längst gespeichert.

Greta ging weg vom Tisch, stellte in der Küche den Wasserkocher an.

Die Gespräche häuften sich. Nicht, dass er direkt vor ihr telefonierte, nein Martin ging dann immer ins andere Zimmer, sprach leise und nie lange. Aber Greta bemerkte es. Sie merkte, wie er zum Telefon griff, diskret hinter sich die Tür schloss. Merkte, wie er nach solchen Gesprächen nachdenklicher wurde, auf dem Sofa saß und in die Leere blickte.

Einmal konnte sie nicht mehr an sich halten.

Mit ihr gesprochen?

Ja, sagte Martin schlicht. Ohne Reue. Ohne sich zu erklären.

Wird das jetzt öfter passieren?

Er sah sie an, aufmerksam, mit dem Blick eines Menschen, der etwas sagen muss, aber nicht weiß, wie.

Greta, sie steckt in Schwierigkeiten. Ich kann sie nicht einfach ignorieren.

Welche Schwierigkeiten?

Pause.

Darf ich nicht sagen. Es ist nicht meine Geschichte.

Nicht meine Geschichte. Drei Worte, so viel Bedeutung darin, dass Greta nicht mehr nachfragte. Sie ging und spülte das restliche Geschirr. Hinter dem Plätschern des Wassers ließen sich Gespräche einfach umgehen.

Dann kam Samstag. Martin kündigte an, er müsse etwas erledigen. Er war nach drei Stunden wieder zurück. Keine Erklärungen. Greta fragte nicht. Sie aßen zu Abend, schauten eine Serie, gingen schlafen.

Eines Abends hörte sie einen Gesprächsfetzen. Martin stand im Flur und telefonierte. Er dachte, sie wäre im Bad, aber sie war schon draußen, stand hinter der angelehnten Schlafzimmertür und konnte nicht rechtzeitig gehen.

Ich kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen, sagte er leise, aber deutlich. Ich habe Familie.

Greta lauschte nicht weiter. Sie ging ins Schlafzimmer.

Ich habe Familie.

Das kann man verschieden begreifen. Im Guten. Im Schlechten. Oder wie es eben das Herz und die Fantasie in so einer Lage zulassen.

Greta hatte von beidem zu viel.

Den Rest des Abends schwieg sie. Martin fragte, ob alles in Ordnung sei. Sie sagte, ja, sei nur müde.

Mittwoch blieb ihr Blick lange an einem Foto an der Kommode hängen. Sie und Martin, aufgenommen an der Ostsee, vor drei Jahren. Er lacht, sie blinzelt in die Sonne. Ein schönes Bild. Damals hatte Greta zum ersten Mal seit vielen Jahren gespürt: Das hier ist echt. Nicht mehr Bruchstücke, sondern verlässliches, echtes Leben.

Sie rückte den Fotorahmen zurecht. Kaum einen Millimeter. Und zweifelte: Vielleicht war das alles doch eine Einbildung?

Die nächsten Tage verliefen in einer watteweichen Ruhe. Martin war wie immer aufmerksam, ruhig, zuverlässig, verschwand nicht. Natürlich telefonierte er. Aber Greta schaute nicht mehr, mit wem. Sie wusste es inzwischen.

Morgens kochte er Kaffee für beide. Fragte, wie sie geschlafen hätte. Sie antwortete. Er nickte.

Es gibt diese Stille, bei der zwei Menschen ruhig beieinander sind, und alles ist gut. Und es gibt eine andere Stille, die immer etwas sagt. Leise, als Hintergrundrauschen, wie ein Radio im Nachbarzimmer man versteht die Worte nicht, fühlt aber die Unruhe.

Diese Stille war bei ihnen am Frühstückstisch.

Einmal rief Greta ihre Freundin an. Nicht um zu erzählen, einfach, um zu reden. Die Freundin redete über dies und das, über den Schrebergarten, die Enkel und irgendeine Nachbarin mit einem ungezogenen Hund. Greta hörte zu, gab zustimmende Laute von sich, wurde fast ruhig. Dann fragte die Freundin: Und bei dir? Greta sagte: Alles bestens. Und musste plötzlich lachen.

Der Freundin erzählte sie nichts.

Sobald man erzählt, muss man es sich eingestehen, muss es benennen. Davor fürchtete sie sich.

Vielleicht war ja alles doch nur Einbildung?

Ingrid rief selbst an.

Martin war gerade einkaufen, er hatte gesagt, er sei in zwanzig Minuten zurück. Auf dem Display erschien eine unbekannte Nummer. Greta nahm ab, ganz automatisch.

Greta Mertens? Die Stimme, unverkennbar.

Ja.

Hier ist Ingrid. Entschuldigen Sie die Störung. Ich würde gerne mit Ihnen sprechen. Persönlich, wenn Sie es erlauben.

Greta schwieg einen Moment.

In Ordnung.

Sie verabredeten sich für übermorgen, elf Uhr, Café am U-Bahnhof. Ingrid sagte danke und legte auf.

Greta saß mit dem Telefon in der Hand. Da war es also. Keine Einbildung.

Martin erzählte sie nichts. Wozu? Er würde es erfahren, wenns soweit war. Falls nicht, wars auch egal. So war das eben.

Im Café war Greta fünf Minuten früher da, bestellte sich einen Americano, saß und starrte zur Tür.

Ingrid kam pünktlich um elf. Dunkelblauer Blazer, der gleiche oder zumindest ganz ähnlich. Gepflegte Frisur, kein Hauch Hektik. Sie entdeckte Greta, nickte, setzte sich, winkte der Bedienung, bestellte einen Tee. Legte die Hände auf den Tisch.

Beide schwiegen. Zehn Sekunden vielleicht. Kein peinliches Schweigen eher ein Sammeln der Gedanken.

Ich weiß, was Sie über mich denken, sagte Ingrid. Und Sie haben vermutlich Recht.

Greta schwieg. Sie wartete.

Martin hat einen Sohn. Lukas. Er ist vierunddreißig. Ingrid blickte direkt, wich nicht zurück. Er lebt in Köln. Seit acht Jahren.

Damit hatte Greta nicht gerechnet.

Keine Kinder, das hatte Martin immer gesagt. Nur einmal. Kinder gab es nicht.

Gab es doch.

Martin wusste lange nichts von ihm, fuhr Ingrid fort, ganz ruhig. Ich bin damals gegangen, als ich schwanger war. Habe es ihm nicht gesagt. Mein Fehler. Warum, will ich gar nicht erklären das spielt heute keine Rolle mehr. Wichtig ist anderes.

Sie nahm die Teetasse, trank einen Schluck, stellte sie ab.

Vor drei Wochen hatte Lukas einen Autounfall. Schwer. Er lebt, aber braucht eine Wirbelsäulenoperation. Sehr teuer. Die Kasse übernimmt einen Teil. Den Rest müssen wir irgendwie zahlen.

Greta betrachtete ihre Hände, diesen festen Blick, diese Stärke. Sie fragte sich, wie sie so ruhig bleiben konnte. All das erzählen, ohne zu wanken.

Dann sah sie, wie Ingrid ihre Tasse ein Stück fester umklammerte.

Einfach eine Mutter, deren Sohn im Krankenhaus, weit weg, liegt.

Ich bin zu Martin gefahren, sagte Ingrid, weil ich niemand sonst habe. So viel Geld habe ich nicht. Lukas auch nicht. Ich wusste nicht, ob er mich überhaupt empfangen würde. Aber er hat.

Schweigen.

Warum bringen Sie das mir bei? fragte Greta, leise, ohne Zorn.

Ingrid schaute sie direkt an.

Weil Sie ein Recht darauf haben, es zu wissen. Das ist Ihr Zuhause. Ihr Mann. Martin wollte es Ihnen selbst sagen, aber ich habe gebeten, es Ihnen selbst erklären zu dürfen. So schien es mir richtig.

Greta nickte.

Draußen nieselte feiner Novemberregen. Im Café war es warm und duftete nach Kaffee und Gebäck. Am Nachbartisch erklärte eine Frau am Telefon den Weg. Ganz normaler Tag.

Im Inneren von Greta aber wurde alles neu aufgestellt. Alles war da nur eben anders.

Wie viel braucht ihr? fragte sie.

Ingrid nannte die Summe. Greta verzog keine Miene. Sie nickte nur, als nehme sie es zur Kenntnis.

Und wann ist die Operation?

Der Chirurg sagt, besser heute als morgen. Spätestens in einem Monat.

Greta trank ihren Kaffee aus, stellte die Tasse ab, schaute durch die Fenster auf den nassen Asphalt.

So also.

Kein Liebesdrama. Kein kann dich nicht vergessen. Nicht das, was sie drei Wochen lang nachts in Panik erwartet hatte. Es geht um einen Sohn. Vierunddreißig Jahre alt.

Eigentlich, dachte sie, wäre das fast komisch. Aber eben nur fast.

Greta zog den Mantel an und stand auf. Ingrid blickte sie von unten an, ruhig, aber mit Spannung.

Ich melde mich morgen bei Ihnen, sagte Greta. Dann ging sie.

Draußen blieb sie kurz unter der Markise stehen. Sie holte das Handy hervor, wählte Martins Nummer.

Bist du zuhause? fragte sie, als er abhob.

Ja. Wo bist du?

Ich bin unterwegs. Wir müssen reden.

Pause.

Du hast Ingrid getroffen?

Ja.

Schweigen.

Greta.

Zu Hause reden wir, sagte sie gefasst.

Martin öffnete ihr die Tür, bevor sie klingeln konnte. Offensichtlich wartete er, war unruhig. Das war ungewöhnlich Martin konnte seine Nerven meist sehr gut verbergen.

Warum hast du mir nichts von deinem Sohn gesagt? Greta sprach zur Wand, ohne sich vom Herd abzuwenden.

Ich habe selbst erst vor drei Wochen davon erfahren. Als sie plötzlich vor der Tür stand.

Greta wandte sich zu ihm um. Sie schaute lange.

Du wusstest es wirklich gar nicht?

Wirklich nicht. Sie ist einfach gegangen und jetzt kam sie und hat es mir gesagt.

Bist du böse? fragte Martin.

Greta überlegte.

Nein, sagte sie dann. Aber wir hätten viel früher reden müssen.

Er nickte. Ohne Widerspruch.

Ich weiß.

Sie überwiesen das Geld.

Die Operation gelang.

Martin erfuhr es am Freitagmorgen Ingrid rief an. Er ging hinaus in den Flur, sprach nicht lange, kam zurück, setzte sich, schwieg einen Moment.

Alles gut, sagte er. Lukas ist über den Berg.

Greta nickte. Goss ihm Kaffee ein.

Sie schwiegen miteinander aber diesmal war es ein anderes Schweigen.

Ein paar Tage später rief Ingrid an, fragte um Erlaubnis, noch einmal vorbeizukommen. Greta sagte, sie solle ruhig kommen.

Ingrid kam an einem Dienstag nachmittags. Kein Blazer diesmal, sondern ein schlichter grauer Pullover. Sie sah verändert aus: weniger von diesem anstrengenden Gleichmut, der Greta beim ersten Mal so irritiert hatte. Vielleicht Erschöpfung. Vielleicht Erleichterung. Vielleicht beides zugleich.

Sie saßen zu dritt in der Küche, tranken Tee. Aus den Bechern mit den blauen Blumen, andere hatte Greta nie gekauft.

Ich dachte, Sie werden mich hassen, sagte Ingrid, leise, den Blick fest in der Tasse. Ehrlich, ich hätte es an Ihrer Stelle getan.

Greta überlegte einen Moment.

Die Vergangenheit können wir nicht ändern, sagte sie. Aber wir können uns heute anständig verhalten.

Ingrid hob den Blick. Etwas änderte sich in ihren Augen.

Danke, sagte sie nur.

Sonst sprachen sie nichts Bedeutendes mehr. Sie tranken den Tee aus, sprachen über Belangloses das Wetter, den Weg, wie lang der Flug nach Berlin dauert. Ingrid verabschiedete sich.

Martin blickte lange auf die geschlossene Tür. Dann wandte er sich zu Greta, sah sie an still, mit diesem aufmerksamen Blick, den man für etwas reserviert, das man so eben ganz neu erkannt hat.

Greta, sagte er.

Was ist?

Er schwieg einen Moment.

Du bist ungewöhnlich. Und wunderbar, sagte er.

Greta stand auf, räumte die Tassen weg, drehte den Wasserhahn auf. Draußen wurde es langsam dunkel. Auf der Fensterbank stand ein kleiner Kaktus im orangefarbenen Topf, den sie kürzlich gekauft und völlig vergessen hatte zu gießen.

Ich muss ihn unbedingt nochmal gießen, dachte Greta.

Und musste, ganz leise, lächeln.

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Homy
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– Darf ich vorstellen, das ist meine Ex-Frau, – sagte der Ehemann ruhig. Doch mit so einer Reaktion von Gabi hatte er nicht gerechnet.
Sie meldete ihren Mann nie bei sich an – nach dem Gespräch ging er zur Arbeit und kehrte nie zurück