11. Dezember 2025
Oft frage ich mich, wie sich mein Leben so entwickelt hat. Mit Anfang dreißig, als ich längst meinen eigenen Weg eingeschlagen hatte, traf ich meinen späteren Ehepartner, Sebastian Müller. Zuvor hatte ich einige Partnerschaften, doch keine hielt lange. Zwischen meinem 26. und 30. Lebensjahr war ich vollkommen auf mich allein gestellt, arbeitete pausenlos häufig bis spät in die Nacht nur um genügend Euro zu verdienen, damit ich mir endlich eine Eigentumswohnung in München kaufen konnte. Als ich dieses Ziel erreichte, war das Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit überwältigend. Zwei Jahre danach trat Sebastian in mein Leben.
Es war nie diese leidenschaftliche, alles verzehrende Liebe, wie man sie aus Romanen kennt. Mit über dreißig sucht man nicht mehr nach Abenteuern, sondern nach Stabilität und Gelassenheit nach einem Menschen, der keine zusätzlichen Probleme mitbringt. Sebastian passte genau in dieses Bild: ausgeglichen, respektvoll, nie übertrieben fröhlich. Dass er keine eigene Wohnung besaß, war zwar nicht ideal, aber ich war nie kleinlich. Ich ließ ihn bei mir wohnen, und er schien mit allem zufrieden zu sein.
Nicht jeder Mann begegnet einer Frau, die bereits eine eigene Wohnung besitzt. Keine Miete zahlen, einfach entspannt leben, solange die Beziehung hält so vergingen sieben Jahre. Kinder hatten wir keine, wir waren beide beruflich stark eingespannt.
Sebastian arbeitete den ganzen Tag und kam abends meist nur zum Schlafen nach Hause. Kinder? Der Gedanke war da, aber wir schoben ihn immer wieder auf. Heutzutage ist es ja keine Seltenheit mehr, mit fünfzig noch Eltern zu werden, solange das Einkommen stimmt.
Letzte Woche saßen wir gemütlich beim Frühstück, als Sebastian plötzlich fragte: Wann meldest du mich eigentlich bei dir an? Er meinte, er müsse sich bei seiner Mutter abmelden, damit sie weniger für Strom und Wasser zahlt. Sieben Jahre wohnt er schon bei mir. Ich sagte ihm, dass ich das niemals tun würde. Wir leben nicht lange genug zusammen, als dass ich ihn anmelden würde. Warum sollte ich?
Meine Wohnung gehört mir allein ich entscheide, wen ich anmelde und wen nicht. Das ist meine Angelegenheit. Sebastian hätte sich auch eine eigene Wohnung kaufen können. Sein Gehalt war solide, was er damit gemacht hat, weiß ich nicht vielleicht gespart, vielleicht ausgegeben. Das war mir immer gleichgültig. Wir haben unser Geld für gemeinsame Ausgaben zusammengelegt, den Rest hat jeder für sich behalten.
Nach unserem Gespräch ging Sebastian zur Arbeit und kam abends nicht zurück. Am nächsten Morgen erhielt ich eine SMS: Er reicht die Scheidung ein, weil ich ihm angeblich nicht vertraue. Das wars dann mit den Neuigkeiten. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass er diesen Schritt wirklich gegangen ist. Es geht nicht um Vertrauen. Das Leben ist voller Überraschungen, niemand kann versprechen, für immer zusammenzubleiben. Mein Zuhause teile ich mit niemandem. Ich habe hart dafür gearbeitet, es gehört mir. Und wenn Sebastian nur deshalb bei mir war, lasse ich ihn jetzt ziehen.





