Unsere Freunde kamen zu Besuch ins Dorf und waren gekränkt, weil wir sie nicht mit Rindfleisch bewirtet haben

Warum sollte man aufs Land ziehen wollen? Gerade jetzt, wo alle versuchen, in der Stadt Fuß zu fassen und wir machen das Gegenteil. Was spricht denn fürs Landleben? Ich verstehe das wirklich nicht. Im Sommer ist es herrlich, aber im Winter? Da ist doch tote Hose.

Meine Freundin, Annemarie, hat tagelang alles versucht, um uns diese Idee auszureden. Das hat meinen Mann Matthias und mich ziemlich verärgert. Es kam mir vor, als sollten wir nur nach ihrer Pfeife tanzen.

Nach fast einem Jahr voller Sucherei fanden wir dennoch ein hübsches Fachwerkhaus und zogen um. Annemarie rief fast täglich an und fragte höhnisch, ob ich schon eine Arbeitsstelle gefunden hätte, obwohl sie genau wusste, dass ich im Homeoffice tätig bin. Ständig kam dann noch die Frage: Und, ist das Internet dort so schlecht?

Im Oktober kam Annemarie uns schließlich besuchen. Über ein Jahr war da schon vergangen, seitdem wir aufs Land gezogen waren. Widerwillig schlenderte sie durch unseren Garten und verbrachte ansonsten die ganze Zeit drinnen, trank mit ihrem Mann Uwe Bier und schaute Fußball, zwei Tage lang.

Trotz Besuch mussten Matthias und ich weiter unsere Kellerregale einräumen und Kompott einkochen. Am dritten Tag packten Annemarie und Uwe spätabends ihre Sachen sie wollten mit dem Bus zurück. Ein Abschiedsgeschenk gab es nicht von uns. Doch meine Freundin bat plötzlich darum, ob ich ihnen nicht einen Sack Kartoffeln und Äpfel mitgeben könnte.

Ich hätte ja auf direktem Weg alles schnell aus dem Keller geholt, aber beide wollten mit Kater nicht auch noch in den Keller steigen. Ich übergab ihnen einen Sack und ein paar Eimer. Sie meckerten ein wenig über den Zustand und gingen die Äpfel selbst aufsammeln. Ich wunderte mich schon, wie sie das alles im Bus transportieren wollten, aber als ich sah, dass Uwe mit Matthias lange redete, begriff ich: Sie wollten, dass Matthias sie fährt.

Drei Stunden Hin- und Rückweg bis in die Stadt! Matthias checkte schnell die Lage und meinte, er habe schon ein Bier auf Autofahren fällt aus. Also zogen sie mit Sack und Pack allein los. Für ein paar Jahre hörten wir nichts mehr von ihnen, außer ein paar Telefonaten aber zu Besuch kamen sie nie wieder. Ich frage mich, ob das nachtragend ist, aber ich finde inzwischen, es ist eher angenehm so.

Doch dann, Ende November, standen sie plötzlich wieder vor unserer Tür ohne Vorwarnung. Eine Überraschung, wohl gedacht als nette Geste. Sie kamen übers Wochenende, aber es passte ganz schlecht, ich hatte die ganze Woche mit Bestellungen fürs neue Jahr zu kämpfen. Drei Rinder wurden an dem Tag noch vorbereitet. Überraschung hin oder her, sie waren da.

Ich deckte so schnell wie möglich den Tisch. Während Annemarie und Uwe aßen, hetzten Matthias und ich weiter durch Hof und Küche. Wenigstens boten sie an, beim Rupfen der Hühner zu helfen aber sie hatten noch nie ein Huhn gerupft und so war das weniger Hilfe als gedacht.

Unsere Hühner waren längst verkauft und reserviert. Nur für uns und unsere Eltern hatten wir noch geschlachtet, weil Neujahr vor der Tür stand. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass es nicht rund läuft. Ich bot ihnen eine Gans an aber sie müssten sie selbst rupfen. Machen wir morgen, hieß es.

Am nächsten Morgen war dann Ruhe. Diesmal hatten sie das eigene Auto genommen und kauften sich eine bei einem Nachbarn. Bevor sie abfuhren, schenkte ich ihnen noch allerlei Gemüse und Sauergemüse aus unseren Vorräten. Sie füllten den Kofferraum voll. Ich gönne es ihnen, schließlich haben wir noch für Jahre genug.

Doch dann kam Annemarie mit einer neuen Bitte: Habt ihr nicht noch ein bisschen Rindfleisch übrig?

Ich lehnte ab. Wir hatten tatsächlich keines mehr über. Erst werden die Bestellungen bedient, dann wird geschlachtet. Wir müssen von etwas leben zudem gibt es Eltern, Geschwister, Familie.

Vermutlich sind sie jetzt beleidigt. Annemarie hat sich jedenfalls seitdem nicht mehr gemeldet. Eine gemeinsame Bekannte meinte neulich am Telefon, wir seien geizig: Die fahren ins Dorf und gehen ohne Fleisch wieder. Vielleicht hat sie damit recht aber ich finde, man muss auch mal an sich denken.

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Homy
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Unsere Freunde kamen zu Besuch ins Dorf und waren gekränkt, weil wir sie nicht mit Rindfleisch bewirtet haben
Ich heiße Patricia, bin 49 Jahre alt und arbeite seit 20 Jahren als Nachtschwester im Städtischen Klinikum – ich habe schon alles erlebt.