Als ich und Wilhelm vor fünfzehn Jahren heirateten, machte mir meine Schwiegermutter gleich zu Beginn klar, dass wir niemals Freundinnen werden würden. Wir gaben uns das Jawort, aber Kinder blieben uns lange Zeit verwehrt. Zehn Jahre voller Hoffnung und Warten vergingen bis wir schließlich vom Schicksal beschenkt wurden: Ein Sohn und eine Tochter wurden uns geboren.
In all den Jahren unseres gemeinsamen Lebens hatte Wilhelm eine solide Stellung inne. Er war Geschäftsführer in einer großen Münchner Firma. Das ermöglichte es mir, meine Elternzeit für die Kinder voll auszukosten. Es passte alles gut zusammen.
Meine Mutter lebte weit weg in Hamburg. Sie konnte mir nicht zur Seite stehen. Doch die Haltung meiner Schwiegermutter mir gegenüber änderte sich nie, nicht ein einziges Mal in diesen fünfzehn Jahren. In ihren Augen war ich eine einfache Bäuerin, die ihrem Sohn den Kopf verdreht hatte; sie selbst hätte sich eine vermeintlich bessere Frau für ihn gewünscht. Trotzdem hatte Wilhelm sich aus freien Stücken für mich entschieden.
Mein scheinbar glückliches Leben zerbrach in einem einzigen Moment.
Eines Nachmittags kam ich mit den Kindern von unserem Spaziergang zurück nach Hause. Mein Blick fiel auf einen Zettel, achtlos auf dem Nachttisch abgelegt. Während ich noch nicht verstand, ahnte ich bereits, dass Wilhelms Sachen verschwunden waren. Auf dem Papier stand hastig geschrieben: Vergib mir bitte, aber ich habe mich in eine andere verliebt. Du sollst mich nicht suchen. Ich weiß, du bist stark und wirst das schaffen… Glaub mir, es ist besser so.
Sofort griff ich zum Telefon, wollte Wilhelm anrufen doch da war nur Schweigen. Er hob nicht mehr ab. Von einer Sekunde auf die andere war er aus unserem Leben verschwunden und ließ mich mit den Kindern allein zurück. Ich wusste nichts: kein wohin, kein mit wem.
Mit schwerem Herzen rief ich meine Schwiegermutter an.
Das ist einzig und allein deine Schuld, sagte sie mit fester Stimme fast triumphierend. Ich habe schon immer gewusst, dass es so enden würde. Was hast du denn erwartet?
Verzweiflung übermannte mich. Was hatte ich falsch gemacht? Warum war das passiert? Es fiel mir schwer, diese Frage zu ertragen, noch schwerer aber, an die Zukunft zu denken. Wilhelm hatte uns keinen einzigen Euro dagelassen. Ich hatte praktisch kein Geld, um für unseren Lebensunterhalt zu sorgen.
Einen Job konnte ich noch nicht annehmen wer sollte auf die Kinder aufpassen? Dann erinnerte ich mich an die Zeit, als ich freiberuflich wissenschaftliche Arbeiten geschrieben hatte. Das hielt uns knapp über Wasser; für weitere sechs Monate vielleicht. Während dieser Zeit blieb jede Nachricht von meinem Mann aus.
***
Eines Abends im Oktober, als das Laub gelb und rot auf den Bürgersteigen lag, klingelte es spät an unserer Haustür. Ich vermutete den Nachbarn. Doch als ich öffnete, stand meine Schwiegermutter weinend auf der Schwelle. Sie trat ein und brach sogleich in Tränen aus.
Wilhelms junge Geliebte hatte ihn hinters Licht geführt eine Betrügerin, die ihn und seine neue Familie um alles gebracht hatte. Jetzt kamen sie kaum noch über die Runden. Meine Schwiegermutter flehte mich an, bei uns bleiben zu dürfen.
Nun stand ich vor einer schweren Entscheidung: Vergesse ich, was geschehen ist, und reiche ihr die Hand? Oder tue ich das gleiche, was sie und Wilhelm mir angetan hatten und schließe meine Tür für immer?





