Stell dir vor: Ich parke das Auto kurz nach 21 Uhr vor dem Büro und wundere mich schon, warum Michaels Wagen noch auf dem Parkplatz steht. Er hatte mir vor über einer Stunde geschrieben, dass er auf dem Heimweg ist.
Zuerst sehe ich sein Auto. Dann sehe ich ihn. Und erst danach bemerke ich die Frau an seiner Seite.
Ich bleibe an meinem Wagen stehen und beobachte die beiden, wie sie nebeneinander am offenen Kofferraum stehen, er hält eine kleine Geschenk-Tüte in der Hand. Sie lacht nervös, als hätte sie gerade einen peinlichen Fauxpas gemacht, und er schaut so aus, als ob er sich jetzt schon Ausreden überlegt, noch bevor er überhaupt merkt, dass ich da bin.
Ich mache zwei Schritte auf sie zu.
Interessant, sage ich ganz ruhig. Ich dachte, du wärst längst zu Hause.
Er dreht sich abrupt zu mir um. In seinen Augen für den einen Moment dieser Blick der Blick eines Menschen, der völlig auf dem falschen Fuß erwischt wurde.
Die Frau an seiner Seite erstarrt regelrecht.
Was machst du hier?, fragt er.
Ich grinse leise.
Das ist mein Büro. Ich könnte dich eher fragen, was du noch hier machst.
Sie sieht mich verwirrt an und schaut dann zu ihm. Sie weiß offensichtlich nicht, wer ich bin.
Ähm, beginnt sie. Ich dachte, dass
Er unterbricht sie schnell.
Das ist nur eine Kollegin.
Kollegin.
Das Wort klingt so leer, dass ich fast lachen muss. Ich schaue auf die Geschenktüte in seiner Hand.
Eine Kollegin, der du abends Geschenke auf dem Parkplatz übergibst?
Die Frau nimmt langsam ihre Hand vom Kofferraum.
Vielleicht sollte ich lieber gehen, sagt sie leise.
Nein, sage ich. Eigentlich solltest du bleiben.
Er macht einen Schritt in meine Richtung.
Wir können doch später zu Hause reden.
Nein. Ich schüttle den Kopf. Wir reden jetzt und hier.
Die Straßenlaternen werfen ihr Licht auf den nassen Asphalt, der Wind treibt kleine Pfützen über den Parkplatz. Komischerweise ist alles ziemlich ruhig in diesem Moment.
Wie lange schon?, frage ich.
Er schweigt.
Die Frau blickt abwechselnd zu mir und zu ihm. Dann sagt sie plötzlich:
Er hat mir gesagt, ihr seid getrennt.
Stille.
Ich sehe ihm direkt in die Augen.
Getrennt?
Er fährt sich mit der Hand durch die Haare.
Es ist kompliziert.
Nein, sage ich leise. Eigentlich ist es ganz einfach.
Die Frau wird blass.
Ich wusste nichts davon
Ich glaube dir, antworte ich.
Und das tue ich wirklich. Die Art, wie sie ihn gerade anschaut das ist der gleiche Blick, mit dem ich früher alles geglaubt hätte.
Er meinte, ihr seid schon lange durch, flüstert sie.
Ich drehe mich zu ihm.
Also hast du mir schon ein neues Leben unterschoben?
Er seufzt schwer.
Ich wollte nicht, dass es so läuft.
Aber so ist es nun mal, sage ich leise.
Die Frau klammert sich an ihre Geschenk-Tüte.
Ich gehe jetzt, sagt sie.
Nein, wiederhole ich. Du solltest etwas erfahren, finde ich.
Ich sehe sie an, ganz ruhig.
Wir sind nicht getrennt. Wir sind seit acht Jahren verheiratet. Bis heute Abend ist er jeden Tag nach Hause gekommen.
Ihr Gesichtsausdruck verändert sich komplett. Sie stellt die Tüte langsam auf die Motorhaube.
Du hast, beginnt sie.
Ich weiß, was ich gesagt habe, unterbricht er sie.
Aber es ist zu spät.
Sie geht einen Schritt zurück.
Also bin ich?
Belogen worden, sage ich leise.
Sie schaut ihn an, als würde sie plötzlich jemand völlig Fremdes erkennen.
Ich will da nicht mehr mitmachen.
Sie dreht sich, läuft zu ihrem Auto.
Er macht noch eine Bewegung, als wolle er sie aufhalten.
Warte.
Nein, sagt sie. Du wartest.
Wenige Sekunden später verlässt ihr Auto den Parkplatz.
Nun stehen wir zwei allein da.
Er schaut mich an.
Wir können das regeln.
Dieser Satz ist vermutlich der traurigste, den man hören kann, nachdem alles ans Licht gekommen ist.
Ich schüttle den Kopf.
Manches kann man nicht reparieren.
Er kommt noch einen Schritt näher.
Ich will dich nicht verlieren.
Ich sehe auf sein Auto, die Geschenktüte und den leeren Parkplatz.
Ich glaube, das ist längst passiert.
Ich nehme die Tüte, reiche sie ihm zurück und wende mich meinem eigenen Wagen zu.
Gerade als ich aufschließe, sagt er leise hinter mir:
Wars das jetzt wirklich?
Ich halte kurz inne.
Und dann drehe ich mich um.
Nein. Das ist der Moment, in dem ich endlich die Wahrheit sehe.
Ich steige ins Auto und fahre los.
Und jetzt frage ich mich wirklich: Wenn ich fünf Minuten später angekommen wäre würde ich dann immer noch in dieser Lüge leben, die er Ehe genannt hat?





