In unserem Dorf nannte man meine Oma Marlene die „Geizige“. Während andere Omas den Nachbarskindern reife Kirschen einfach so schenkten, hielt Oma Marlene ihr Gartentor stets verschlossen.

In unserem Dorf nannte man meine Großmutter Gertrud die Sparsame. Während andere Omas den Nachbarskindern reife Kirschen schenkten, hielt Oma Gertrud ihr Gartentor stets verschlossen.

Möchtest du Beeren? fragte sie, während sie sich auf ihre alte Hacke stützte. Dort hinter dem Haus wuchert das Unkraut. Wenn du ein paar Reihen ziehst, bekommst du ein Körbchen voll.

Wir Kinder hatten einen Heidenrespekt vor ihr. Sie trug immer eine saubere, aber sorgfältig geflickte Schürze, und ihr Blick war messerscharf als könnte sie dich direkt durchschauen, samt deiner Faulheit.

Meine Mutter seufzte manchmal: Ach Mama, kannst du dem Kind nicht einfach mal einen Apfel gönnen? Es sind doch nicht mehr die Hungerjahre. Doch Oma schürzte nur die Lippen: Gebe ich ihm heute einen Apfel für seine schönen Augen, dann will er morgen wohl gleich, dass ihm der Himmel zu Füßen fällt. Soll er lernen, wie viel Süßes wert ist.

Wir wurden älter. Ich zog nach München, auf der Suche nach dem leichten Leben. Großraumbüros, Kaffee im Pappbecher, Kredite für das neueste Handy… Das Leben wurde zu einem endlosen Rennen nach Dingen, die schneller an Wert verloren, als ich sie abbezahlen konnte.

Und dann fiel alles auseinander. Die Firma ging pleite, die Mietwohnung in Schwabing war plötzlich zu teuer, und die Freunde verschwanden, sobald ich kein Geld mehr für Biergärten hatte. Gebrochen und leer kehrte ich nach Hause zurück.

Oma empfing mich an der Tür. Keine Umarmung, kein Mitleid. Sie reichte mir einfach ihre alte Sense.

Das Gras im Garten steht bis zur Hüfte. Wenn du nicht mähst, gibt es kein Mittagessen.

Ich war wütend. Ich, der studierte Mann, sollte mit der Sense in der Sonne schuften für einen Teller Suppe? Aber der Hunger war stärker als der Stolz. Nach einer Woche waren meine Hände voller Schwielen, aber in meinem Kopf war wieder Platz. Zum ersten Mal seit Jahren schlief ich tief und fest.

Oma Gertrud starb still, als der Herbst schon nah war. Beim Ausräumen ihrer alten Truhe hoffte ich, einen Schatz zu finden vielleicht Gold, vielleicht ein Sparbuch. Doch ganz unten, unter bestickten Leinentüchern, lag ein unscheinbarer Leinensack. Er war schwer.

Ich öffnete den festen Knoten. Kein Geld darin. Es war Saatgut.

Hunderte kleiner Tütchen, alle mit ihrer klaren Schrift beschriftet: Tomaten fleischig, Gurken robust gegen Trockenheit, Blumen für die Freude. Obenauf ein Zettel:

Mein Junge, Geld ist Papier, das verbrennt. Dinge sind Staub, der zerfällt. Was wirklich dir gehört, ist das, was du mit den eigenen Händen anbaust und der Erde zurückgibst. Bitte das Schicksal nicht um Süßes lerne, es selber zu schaffen. Solange du Samen hast und Kraft in den Händen, wirst du nie arm sein. Ernähre dich und dann den, der schwächer ist.

Ich stand mitten in der alten Stube und weinte. Sie war nicht geizig gewesen. Sie war die Einzige, die mir Unabhängigkeit beibrachte.

Heute lebe ich in der Stadt. Doch auf meinem Balkon stehen statt Gerümpel Kästen mit Setzlingen. Mein Sohn murrt, weil ich ihn bitte, beim Gießen zu helfen, statt zur Spielekonsole zu rennen.

Willst du ins Kino? frage ich ihn. Dann hilf mir erst, die Blumen umzupflanzen. Die Welt schenkt dir nichts umsonst, mein Junge. Aber sie ist großzügig, wenn du keine Angst hast, dir die Hände schmutzig zu machen.

Ich sehe sein missmutiges Gesicht und lächle. Ich weiß, dass er mir eines Tages dafür danken wird. So wie ich jeden Abend meiner sparsamen Oma danke.

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Homy
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In unserem Dorf nannte man meine Oma Marlene die „Geizige“. Während andere Omas den Nachbarskindern reife Kirschen einfach so schenkten, hielt Oma Marlene ihr Gartentor stets verschlossen.
Brütende Henne