Brütende Henne

Ach schau mal, schau mal, Annemarie, wer da kommt? Deine große Liebe!
Annemarie saß mit Kolleginnen am Tisch und aß zu Mittag. Als sie Marthas Worte hörte, drehte sie sich um und sah, dass Konstantin in die Kantine kam. Konstantin lächelte jemandem zu, gab hier und da die Hand, nickte anderen zu. Wie immer sah er einfach großartig aus. Annemarie blickte mit einer Spur Neid auf diese Glücklichen denn ihr Konstantin hatte sie nie wirklich beachtet, obwohl sie ihn wirklich, wirklich mochte.

Na, und? Geht er halt vorbei… und? Was solls? Annemarie zuckte mit den Schultern.

Du magst ihn doch, Anjas Augen funkelten verschmitzt.
Jetzt lasst mal gut sein, Mädels, mischte sich Svenja ein. Seid ihr denn besessen von Annemaries Schwärmerei? Martha, du schwärmst ja selbst für Dietmar, und Anja, du für Herrn Professor Wagner. Außerdem bist du doch verheiratet!

Ach, nun hört aber auf, riefen die Frauen durcheinander, und zur Erleichterung von Annemarie breitete sich am Tisch Stille aus.
…………………..
Nach Feierabend verließ Annemarie das Büro und steuerte auf die U-Bahn zu. Kaum war sie ein paar Schritte gegangen, da rauschte plötzlich ein kleiner Junge auf seinem Tretroller in sie hinein.

Nicht nur, dass es schmerzte und sich ein blauer Fleck auf ihrem Bein bilden würde, nun war auch noch ihre Strumpfhose zerrissen! Das war wirklich kein schöner Tagesabschluss…

Entschuldigung, bitte entschuldigen Sie! die Mutter des Jungen eilte herbei.
Ach, ist schon gut, sagte Annemarie.
Warten Sie, ich gebe Ihnen das Geld für die Strumpfhose, die Frau begann in ihrer Handtasche zu kramen.
Nein, nein wirklich, es ist kein Problem, versicherte Annemarie freundlich.

Die Mutter ging mit ihrem Kind weiter. Annemarie seufzte und wollte ebenfalls los, da tauchte auf einmal Konstantin neben ihr auf.
Kann ich irgendwie helfen? Soll ich Sie nach Hause bringen? fragte er.
Annemaries Herz machte fast einen Sprung, und am liebsten hätte sie vor Freude getanzt. Aber sie sagte nur kühl:
Nein, danke. Ich schaffe das schon alleine.

Konstantin ging weiter. Annemarie schleppte sich zur U-Bahn und schalt sich innerlich eine dumme Gans: Da hatte der Mann ihrer Träume ihr Hilfe angeboten, und sie lehnte einfach ab
Vielleicht war sie wirklich eine richtige Glucke.
Aber immerhin, seitdem grüßte Konstantin sie ab und zu.

Die Zeit verging. Bei Annemaries Kolleginnen änderte sich viel: Einige kündigten, manche heirateten, Anja ließ sich scheiden und traf nun Professor Wagner. Nur bei Annemarie blieb alles beim Alten. Sie blieb allein und verliebt in Konstantin.
Dann, wie das Schicksal es wollte, kreuzten sich ihre Wege erneut. Wie damals machte sie sich nach der Arbeit auf den Weg zur U-Bahn, als plötzlich ein vorbei fahrendes Auto sie von oben bis unten nassspritzte.

Wieder war es Konstantin, der blitzschnell zur Stelle war und fragte, ob sie Hilfe benötigte. Und wieder lehnte Annemarie ab. Und wieder schalt sie sich auf dem Heimweg eine Glucke.
Am nächsten Tag erhielt sie eine Rundmail von Konstantin, in der er allen für die Zusammenarbeit dankte und mitteilte, dass er das Unternehmen verlassen werde.

Das wars jetzt also…, schossen Annemarie die Tränen in die Augen.

Jetzt würde er gehen und sie würde ihn nie wiedersehen… Was sollte sie tun?
Annemarie grübelte.
He, meine Liebe! Annemarie spürte, wie jemand sie an der Schulter rüttelte.
Hä? Was? Es war Martha.

Hast du’s schon gelesen? Martha machte große Augen und sah sie vielsagend an.
Natürlich wusste Annemarie sofort, worum es ging.
Gelesen…, murmelte sie.
Na, und was willst du jetzt machen?

Annemarie geriet in Panik: Was sollte sie tun?
Ich? quiekste sie.
Na klar du! Es ist schließlich dein Traummann, nicht meiner. Wäre es meiner, hätte ich längst dafür gesorgt, ihn zu treffen. Aber du zögerst ja nur herum…
Annemarie seufzte. Martha hatte gut reden! Sie war so zielstrebig, so mutig und Annemarie? Sie war eben ganz anders so zurückhaltend.
Ich versteh dich nicht… Willst du denn gar nichts tun?

Aber was kann ich denn machen? fragte Annemarie unsicher. Sie fühlte, wie ihre gewohnte Welt unter Marthas Fragen ins Wanken geriet.
Schreib ihm einfach eine Antwort, dass du die Zusammenarbeit geschätzt hast, und frag, ob er nicht Lust auf einen kleinen Abschiedsabend hätte. Nenn es nicht Feier, sondern einfach nettes Beisammensein…
Ich weiß nicht…

Annemarie wusste wirklich nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie fand es irgendwie unschicklich, so eine Mail zu schreiben.
Ach, lass mich mal ran Komm schon.

Martha setzte sich an Annemaries Computer, ihre Finger flogen über die Tastatur.
So, fertig Absenden erledigt.
Moment Was hast du gerade getan?
Annemarie, beruhig dich. Nichts Schlimmes. Nun setz dich – und bereite dich auf einen schönen Abend vor.
Unwillkürlich musste Annemarie zugeben: Marthas Idee, geschrieben aus Annemaries Namen, war direkt ein Erfolg. Und in dem Moment beschloss Annemarie, dass sie zu diesem Abend einfach nicht gehen würde.

Die Wochen vergingen. Der Tag von Konstantins Abschied kam näher. Annemarie schwankte hin und her: Mal wollte sie hingehen, dann wieder nicht, dann wieder doch. Sie konnte sich einfach nicht entscheiden. Sie blickte auf Martha und wünschte sich, auch so mutig zu sein.

Doch dann kam eine zweite Mail von Konstantin: Er sollte noch zwei Wochen bleiben, weil sie noch keinen Nachfolger gefunden hatten. Für Annemarie folgten weitere Tage der Ungewissheit.
Entspann dich, du machst dich ja ganz verrückt, versuchte Martha sie zu beruhigen.
Annemarie seufzte tief…

Nach den zwei Wochen schrieb Konstantin wieder: Er und die Geschäftsführung hätten sich geeinigt, er bleibt im Unternehmen. Aber der Abschiedsabend würde trotzdem stattfinden.
Annemarie grinste bei sich: Dann bleibt ja doch alles, wie es ist. Sie würde Konstantin weiter schwärmerisch ansehen und sich freuen, mit ihm in derselben Firma zu arbeiten.

Punkt 18 Uhr stand Annemarie auf, um nach Hause zu gehen.

Annemarie, warte auf mich, wir gehen zusammen, rief Martha.
Fährst du in meine Richtung? fragte Annemarie überrascht.
In welche Richtung? Wir gehen doch zusammen zur Abschiedsfeier!

Zur Feier? Annemarie sah verwundert aus. Martha lachte.
Ja klar, was dachtest du denn? Willst du etwa doch nicht hingehen? Das geht ja gar nicht! Weißt du, wie viele Jahre du schon für Konstantin schwärmst? Wie viele Jahre hast du verträumt? Mit ihm reden musst du um endlich rauszufinden, ob er zu dir passt! Oder willst du mit 45 feststellen, was für eine Glucke du all die Jahre warst?
Annemarie war kurz verärgert. Aber dann gab sie Martha recht. Sie würde es wenigstens versuchen und den Rest dem Schicksal überlassen.
Na gut, los gehts, sagte Annemarie entschlossen.

…………………
Und, wie fühlst du dich jetzt? fragte Martha am nächsten Tag Annemarie beim Mittagessen.
Großartig! Ich bin froh, dass du mich mehr oder weniger gezwungen hast. Zumindest weiß ich jetzt, dass Konstantin wirklich so ist, wie ich mir vorgestellt habe.
Hallo, ihr zwei! hörten sie plötzlich seine Stimme.
Na bitte, Martha zwinkerte Annemarie zu. Sprechen sie vom Teufel, erscheint er.
Hallo, na dann, setzte dich.

Darf ich zu euch kommen?
Klar, nimm Platz!
So wurden Annemarie und Konstantin ganz allmählich Freunde.

…………………………
Und, was läuft da jetzt bei euch? fragte Martha eines Tages neugierig.
Annemarie seufzte.
Ach… Nichts Besonderes. Wir sind einfach Freunde. Gehen manchmal spazieren. Aber am Ende bringt er mich nur nach Hause, schlägt mir freundschaftlich auf die Schulter und sagt: War ein schöner Abend, das machen wir mal wieder.
Annemarie ahmte Konstantins Ton nach Martha lachte.
Hast du ihn mal auf einen Kaffee eingeladen?

Nein.
Na, dann wirds Zeit.
Annemarie seufzte erneut. In ihrer Welt machten Männer eigentlich immer den ersten Schritt…

Und so gingen die Treffen weiter Spaziergänge, Kino, Theater, Konzerte alles blieb freundschaftlich.
Langsam gab Annemarie die Hoffnung auf. Vielleicht war Konstantin einfach nicht ihr Schicksal. Vielleicht sollte sie sich wirklich mal umsehen, ob nicht woanders der richtige Mann für sie ist.

An dem Tag, an dem sie diesen Gedanken das erste Mal wirklich zuließ, gingen sie wieder zusammen im Park spazieren. Konstantin wollte sie gerade nach Hause bringen, als plötzlich ein Gewitter losbrach. Eben noch strahlte die Sonne, urplötzlich prasselte der Regen nieder und Wasserbäche rannen die Wege entlang.

Komm schnell zu mir, ich wohne gleich hier um die Ecke, sagte Konstantin, packte ihre Hand, und sie rannten lachend durch die Pfützen. Sie stürmten ins Haus, dann in den Aufzug und dort, ohne ein Wort, fanden sie sich in einem langen, glücklichen Kuss.

Wer bin ich für dich? fragte Annemarie leise.
Die Frau, die ich liebe, antwortete Konstantin. Ich konnte einfach nicht glauben, dass ich endlich die gefunden habe, von der ich immer geträumt habe.

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Homy
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Brütende Henne
Die Schwiegermutter von Aurika