Wer weiß, wohin der Fluss des Schicksals uns führt

Wer weiß schon, wohin der Fluss des Schicksals fließt

Jetzt die letzten Wochen war Sebastian irgendwie so nachdenklich, kaum ein Wort hat er mit seiner Frau Annemarie gewechselt. Annemarie schaute ihn oft an und dachte bei sich:

Der ist doch bestimmt krank, wirklich. Bald wird er fünfundvierzig, und ich plane schon seinen Geburtstag im Café. Ich sollte ihn eigentlich an die Hand nehmen und mit zum Arzt gehen, ich kenn da jemanden in der Praxis. Ein paar Untersuchungen können ja nicht schaden

Annemarie sprach viel mit ihrer besten Freundin Heike über ihre Sorgen und versuchte, das Ganze zu verstehen. Und Heike meinte dann plötzlich:

Weißt du, als mein Dieter damals fremdgegangen ist, war er auch so komisch drauf, richtig verquer im Kopf.

Ach Heike, vergleich bloß nicht deinen Dieter mit meinem Sebastian, winkte Annemarie ab.

Und warum nicht? Was ist denn an deinem Sebastian besser?

Eben, da ist nichts besser. Dein Dieter ist halt ein Charmeur, Frauenheld, Witzbold stimmt doch! Aber meiner, der Sebastian, kriegt kaum einen Satz raus. Ich musste ihm damals sogar selbst einen Heiratsantrag machen! Und wenn ich nicht zu ihm gezogen wäre, wer weiß, vielleicht wäre er heute noch Single geblieben.

Letztes Jahr hat Heike ihren Dieter mit einer anderen erwischt. Annemarie tröstete sie noch:

Ach, lass ihn doch laufen, kümmer dich lieber mal um dich selbst. Hör auf zu heulen und schmeiß ihn raus!

Heike hat seitdem alles mitgenommen, was geht Dieter rausgeworfen, war fast jede Nacht in Bars unterwegs, hat mit Typen geflirtet wie wild, die Haare kurz geschnitten und allen erzählt: Neuer Style, neues Glück. Annemarie war schockiert, so hatte sie sich um sich selbst kümmern jedenfalls nicht vorgestellt. Eher an einen Tanzkurs, Weiterbildung oder Sport gedacht.

Nach ein paar Monaten hat Heike Dieter trotzdem verziehen. Annemarie konnte das nicht nachvollziehen.

Also, ich würde meinem Sebastian nie verzeihen, dachte sie damals.

Sie waren schon ewig verheiratet, bald sechsundzwanzig Jahre. Sie kannten sich in- und auswendig, gemeinsam zwei Söhne großgezogen, so langsam stellte Annemarie sich auf einen ruhigen Lebensabend ein. Na gut, so richtig alt fühlten sie sich nicht, aber der runde Geburtstag von Sebastian sollte ordentlich gefeiert werden und mit der Familie hatte sie sich schon abgesprochen, er würde es hinterher erfahren.

Damals hatten sie sich direkt vorm Uniabschluss kennengelernt. In den Semesterferien auf einer Wanderung durch den Schwarzwald. Sie studierten zwar unterschiedliche Fächer, wohnten aber beide in Freiburg. Im vierten Jahr hat dann ihre ganze Studiengruppe zusammen eine Wanderung gemacht. Abends am Lagerfeuer, da hatte Annemarie den stillen Sebastian das erste Mal so richtig wahrgenommen, war ein bisschen verlegen, und doch irgendwie kamen sie sich näher. Sie nähte ihm sogar mal sein Hemd, als er im Wald hängen geblieben war.

Sebastian hat dafür immer ihren schweren Rucksack getragen. Alles lief irgendwie wie von selbst. Aus Freundschaft wurde Liebe. Annemarie hat dann das Heft selbst in die Hand genommen und als erste Ich liebe dich gestanden. Später dann auch er, ganz schüchtern:

Annemarie, ich glaube, ich hab mich auch verliebt

Dann sollten wir zusammenziehen. Ich bring meine Sachen zu dir, und wir gehen aufs Standesamt! Sebastian hatte nichts dagegen.

Also zog Annemarie bei ihm und seiner alten Oma Erna ein. Am glücklichsten darüber war Sebastians Vater, denn Oma Erna war seine Mutter. Sebastians Mama hatte mit der Schwiegermutter seit jeher keinen Draht. Sie wollte nichts mit Pflege zu tun haben, also zog Sebastian zur Oma, als sie krank wurde. Jetzt kümmerte sich Annemarie um sie.

Ach Sebastian, meinte Oma Erna oft, deine Annemarie ist goldrichtig, fleißig und praktisch, so eine Frau brauchst du. Wenn ihr heiratet, überschreibe ich euch die Wohnung. Pass gut auf sie auf!

Bald darauf haben die beiden geheiratet, nicht viel später verstarb Oma Erna. Erst kam der erste Sohn, dann der zweite, inzwischen sind die Jungs dreiundzwanzig und einundzwanzig. Das Familienleben war entspannt Urlaub zusammen an der Ostsee, in den Bergen, später sogar mal nach Italien. Immer waren die Kinder dabei. Doch in letzter Zeit war Sebastian wie ausgewechselt. Und letztes Mal sagte er plötzlich:

Eigentlich ist das Leben schon fast vorbei, und was Tolles haben wir irgendwie nie wirklich erlebt, Annemarie

Sebastian, spinnst du jetzt? Wie, nichts Tolles? Wir sind doch nie zu Hause geblieben wir waren am Bodensee, an der Nordsee, im Allgäu, Italien, sogar zweimal in der Türkei! Die Kinder groß, bald kommen vielleicht Enkel.

Ach, so meinte ich das nicht er winkte ab. Schaute sie seltsam an, aber sie schenkte dem keine Beachtung. Hatte ja selbst genug um die Ohren.

Sebastian, meinst du, wir sollten Max und Franziska zu deinem Geburtstag einladen? Sind unsere alten Freunde, auch wenn sie jetzt in München leben.

Was für ein Geburtstag? fragte Sebastian verdutzt.

Was wohl, dein Fünfundvierziger! Das feiern wir doch groß im Café!

Ach ja? Das hast du einfach so beschlossen? wieder dieser komische Blick.

Annemarie saß jedenfalls seit Stunden alleine auf dem Sofa, starrte auf den Teppich, Tränen kamen keine.

Nie hätte ich gedacht, dass mir sowas mal passiert, dachte sie nur.

Sebastian kam an diesem Tag ungewöhnlich früh von der Arbeit. Die letzten eineinhalb Jahre war er immer spät dran, sie war es so gewohnt.

Hallo, sagte er und setzte sich ohne die Lederjacke auszuziehen an den Küchentisch.

Hi, Sebastian, zieh doch die Jacke aus, wasch dir Hände, dann essen wir sagte Annemarie ganz alltäglich.

Aber Sebastian saß da, den Kopf gesenkt, ganz still.

Annemarie, ich gehe. Es tut mir leid, brachte er leise heraus.

Wie meinst du, du gehst? Wohin willst du denn, jetzt zieh dich nicht so an! Bist du krank? Ich habs schon länger vermutet Na, wir gehen morgen mal zum Arzt

Sebastian sah ihr direkt in die Augen.

Ich bin nicht krank. Es liegt nicht daran Verstehst du, ich hab mich verliebt. Seit zwei Jahren seh ich eine Kollegin aus meiner Abteilung.

Aha, hast dir ein junges Ding geangelt! sagte Annemarie scharf.

Nein. Sie ist nicht jünger, ganz normal, nicht auffällig, aber eine richtige Frau

Und was bin ich, Sebastian?

Du? er schüttelte den Kopf, als wolle er was abschütteln, du bist immer der Chef gewesen. Ich bin wie der Hund an deiner Leine. Kein Schritt ist ohne dich möglich. Du bestimmst alles, fragst nie, was ich eigentlich will. Wo wir in Urlaub hinfahren, was ich essen soll, was ich anziehe, wie mein Geburtstag gefeiert wird. Du verbietest mir Fußball, weil du meinst, das wäre Quatsch, dabei liebe ich es.

Aber Sebastian, ich meins doch nur gut, ich will doch nur das Beste für uns fing Annemarie an. Doch er unterbrach sie.

Mein ganzes Gehalt gebe ich bei dir ab, du bestimmst darüber. Für Kippen und Kaffee krieg ich ‘nen Zehner von dir. Hast du mal drüber nachgedacht, wie komisch das für ein Mann ist? Ich kann nicht einfach mit den Kollegen ins Wirtshaus, kein Feierabendbier hab ja nie wirklich eigenes Geld dabei, sagte er, ruhig wie immer.

Annemarie kniete sich vor ihn, schaute ihm in die Augen.

Sebastian, so war das doch immer bei uns! Warum drehst du jetzt durch? Gut, wenn es dir wichtig ist, geb ich dir jedes Wochenende Geld, du kannst mit den Jungs in die Kneipe gehen, wir gehen zusammen ins Stadion, du suchst dir deine Klamotten im Einkaufszentrum aus kein Thema.

Sebastian schaute sie wieder so seltsam an.

Annemarie, du hast es immer noch nicht begriffen, nun wurde seine Stimme lauter, was sie erschreckte, ich will atmen können, ich will selbst entscheiden, was ich mache, was ich esse, wohin ich gehe. Es gibt für mich keinen Raum, keinen Rückzug. Immer alles nach deinem Kopf. Ich hab gar nicht mehr richtig gelebt wie ein Kind unter Aufsicht. Jetzt ist Schluss damit. Es reicht.

Mein Gott, Sebastian. Und die andere lässt dir die Freiheiten? fragte sie bitter.

Ja. Sie lässt mich Mann sein, kümmert sich um sich, aber lässt mir Luft. Darf ich denn auch mal? Sie gibt mir das Gefühl, gebraucht zu werden. Dabei leuchteten Sebastians Augen, Annemarie hatte ihn so noch nie gesehen er wirkte plötzlich fast jugendlich verliebt.

Aber das kann doch nicht sein, in unserem Alter, das ist doch peinlich , dachte sie stumm. Sebastian, du wirfst die Familie für ein bisschen Abenteuer weg. Was sollen denn die Leute denken? Überlegs dir doch!

Ach, Annemarie, was die Leute denken Was für Familie? Wir haben doch längst alles verloren.

Da merkte Annemarie, sie verliert wirklich gerade alles. Sie konnte nichts mehr tun. Fingen sogar die Tränen an zu laufen das war ihr so noch nie passiert.

Annemarie, du weinst? murmelte Sebastian.

Sie wollte ihn umarmen, aber er löste sich aus ihrer Umklammerung, packte ein paar Sachen zusammen und rollte mit dem Koffer zur Tür raus. Annemarie blieb still zurück.

Hätte ich je geglaubt, dass aus der zufriedenen Ehefrau mal eine einsame Frau wird? Und jetzt, wo das Alter kommt Bleib ich wirklich alleine zurück?

Annemarie rief Heike an. Die stand in zehn Minuten bei ihr, versuchte, sie zu beruhigen.

Mensch, Annemarie, du bist doch nicht alt! Reiß dich zusammen du hast mir damals auch geraten, mal einen Kurs zu machen. Siehste, mir hats nix gebracht mit den Kursen. Dieter ist zurückgekommen, war nurn Ausrutscher. Vielleicht kommt Sebastian auch zurück. Auch wenn Heike selbst nicht wirklich daran glaubte, Sebastian war halt ganz anders als Dieter.

Nein, Heike, mein Sebastian kommt nicht zurück. Was der alles gesagt hat das war alles so klar. Sebastian kennt man.

Als Heike gegangen war, saß Annemarie noch lange da. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, wem sie jetzt noch sagen sollte, wos langgeht, für wen sie kochen oder planen sollte. Wahrscheinlich muss sie sich an das Alleinsein gewöhnen. Oder vielleicht bringt das Leben nochmal was Neues, wer weiß schon, wohin der Fluss des Schicksals einen noch trägt. Vielleicht legt er sie ja an ein ganz anderes Ufer.

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Homy
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