Ungeliebte Ehefrau
Brunhilde Meier wischte sich die Tränen mit einer Ecke ihres ausgeblichenen, aber so gemütlichen Bademantels weg. Sie hätte am liebsten laut geheult, geklagt und vielleicht sogar jemanden gebissen.
Ihr Mann hatte ihr ins Gesicht gesagt, dass sie nicht schön sei. Diese Worte schleuderte er ihr entgegen wie ein nasses Handtuch. Dann verglich er sie noch mit der griesgrämigen und alten Frau Schulze vom dritten Stock, nannte sie eine Kuh, zog den von ihr gebügelten Anzug an, nahm das von ihr zubereitete Mittagessen und verschwand zur Arbeit.
Den ganzen Tag lief bei der armen Brunhilde alles schief. Die Kollegen kamen ihr noch gemeiner als sonst vor und die Kundschaft schien dümmer als üblich.
Sie trauerte mit ihrer ganzen, viel zu großen Seele, eingezwängt in einen Körper der Kleidergröße 54. Sie trauerte, doch im Hinterkopf überlegte sie schon, was sie zum Abendessen einkaufen müsste.
Vielleicht sollte sie Rindergeschnetzeltes machen, dazu müsste sie Rindfleisch holen … Rindfleisch … Er hatte sie eine Kuh genannt! Er hatte sie hässlich genannt!
Dass sie keine Schönheit war, wusste Brunhilde längst. Erst hatten das ihre Mutter und Großmutter gesagt, dann ihre Schwiegermutter und nun auch ihr Mann.
Aber von ihrem Mann so etwas zu hören, das schmerzte besonders. Früher hat er nie so mit ihr gesprochen. Wahrscheinlich hat er eine andere und verlässt sie bald.
Verschwommen aus den Augenwinkeln motzte Brunhilde die nächste Kundin an und erinnerte sich daran, dass sie heute einen Termin beim Friseur hatte, um ihre Haarfarbe auffrischen zu lassen.
Ein schiefes Lächeln zuckte über ihre Lippen. Wofür eigentlich das Geld ausgeben wird die neue Farbe sie etwa schöner machen? Aber wenn sie schon einen Termin hat, sollte sie auch hingehen. Frau Rosenberg, die Friseurin, würde es ihr nicht verzeihen, wenn sie einfach nicht käme.
Frau Rosenberg schneidet und färbt Brunhilde nun schon seit zwanzig Jahren die Haare. Sie wusste ganz genau, welchen Ton, welche Länge alles musste man nicht mehr absprechen. In zwanzig Jahren prägt man sich die Wünsche der Kundschaft ein und Brunhildes Frisur blieb zwanzig Jahre lang immer die gleiche.
Frau Rosenberg spürte sofort, dass mit Brunhilde etwas nicht stimmte, und fragte taktvoll nach, warum ihre Augen so stumpf wie bei einem Karpfen wirkten.
Man darf Sie in so einem Zustand echt nicht frisieren! Also, Brunhilde, ich habe beide Ohren gespitzt, erzählen Sie mir Ihr Leid. Anfangen muss man im Inneren, sonst wird das mit der Farbe heute nix.
Brunhilde zielte einen strengen Blick auf sie, schnaubte verächtlich und brach dann in Schluchzen aus. In abgehackten Sätzen unter Tränen platzte heraus, was ihr auf dem Herzen lag.
Sie machen mich ein bisschen traurig, aber auch amüsieren Sie mich. Na und? Der Mann sagt, Sie seien nicht schön. Das ist kein Grund, gleich alles zu befeuchten, sondern Anlass, endlich schön zu werden! Erstaunlich, dass Sie das nach all den Jahren noch nicht gelernt haben!
Brunhilde wollte schon aufzählen, was alles nicht stimmt: die Figur, die dünnen Haare, die kleinen Augen, und so weiter, doch Frau Rosenberg ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen.
Sie glauben wirklich, Schönheit kommt von den dünnen Mädchen auf dem Laufsteg? So ein Quatsch! Schönheit ist das, was Sie der Welt zeigen. Da hier betonen, dort kaschieren, schon ist aus ein paar Strähnen eine tolle Frisur gemacht. Und auch kleine Augen können ihren ganz eigenen Glanz haben ein kleiner Diamant bleibt schließlich ein Diamant! Sie müssen sich einfach mehr um sich kümmern.
Aber ich habe dafür keine Zeit, versuchte Brunhilde sich zu rechtfertigen.
Ach ja? Und was machen Sie den ganzen Tag zu Hause?
Prompt fing Brunhilde an aufzuzählen: Waschen, Bügeln, Kochen, Saubermachen, sich um das Kind kümmern na ja, der Sohn ist zwar schon erwachsen, aber trotzdem. Wann soll man da an sich selbst denken?
Also, dafür haben Sie Zeit, aber für sich selbst mal ein bisschen Mühe zu machen, geht nicht? Ich sage Ihnen, das kann man ändern. Statt Bügelfalten an den Hosen ihres Mannes Maniküre! Statt Drei-Gänge-Menü Frisörbesuch! Schönheit verlangt eben Opfer und wenn das Opfer Ihr Mann ist, dann ist er selbst schuld.
Brunhilde schwieg und sortierte die überraschenden Anregungen der plötzlichen Alltags-Guru in ihrem Kopf. Selbst als Frau Rosenberg vorschlug, heute mal ganz etwas anderes mit Frisur und Farbe auszuprobieren, nickte Brunhilde wie automatisch und versank wieder in Nachdenklichkeit.
Auch zu Hause setzten sich die Überlegungen fort und zwar so, dass ihr Mann, der von der Arbeit zurückkam, einen kleinen Schock bekam. Kein gewohntes Abendessen stand auf dem Tisch und seine Frau war frisch gefärbt und das in einer ganz anderen Farbe.
Am seltsamsten aber war, dass in ihrem Kopf offenbar ganz neue Prozesse abliefen, die sich in bisher unbekannten Gesichtsausdrücken zeigten.
Ihr Mann versuchte vorsichtig einen Streit vom Zaun zu brechen, aber das funktionierte nicht. Es ist eben merkwürdig, zu schimpfen, wenn man ignoriert wird.
So blieb ihm nur, beleidigt ins Schlafzimmer zu gehen, ohne gute Nacht zu sagen. An die Worte vom Morgen dachte er schon gar nicht mehr.
Ein Fehler, denn gerade dieses Gespräch hatte alles ins Rollen gebracht. Die Veränderung brach nun mit voller Wucht in ihr ruhiges Eheleben ein.
Eher widerwillig blickte er fortan auf die hübscher werdende Ehefrau und den langsam ausufernden Haushaltschaos. Wo blieben nur die geliebten Frikadellen?
Und dass Hosen irgendwann keine Bügelfalte mehr hatten, daran musste er sich ebenso gewöhnen.
Dafür musste er feststellen, dass Hemden nicht von alleine im Schrank landen und Lunchboxen nur dann wieder mit Essen befüllt werden, wenn man sie auch spült.
Aber jetzt hatte er eine schöne Frau an seiner Seite. Das merkten Nachbarn, Freunde und sogar die nervigen Arbeitskollegen. Und auch der Mann bemerkte, dass Brunhilde Meier jetzt so aussah wie die Frauen, denen er sonst hinterhergeschaut hatte.
Jetzt hatte er seine eigene häusliche Venus zuhause, auch wenn sie schon im reiferen Alter war. Nur, sich an ihrer Schönheit zu erfreuen, das wollte ihm nicht so recht gelingen.
Er hätte lieber, dass aus seinem Portemonnaie keine Euro mehr so schnell verschwinden, dass der Kühlschrank wieder etwas Leckeres enthielt und dass jemand das Loch im Socken stopfen würde. Dass er das der Venus überlassen sollte das konnte er sich dann doch nicht vorstellen.





