Mit sechsundzwanzig Jahren heiratete Annalena Weber ihren Mann Lukas, und zwei Jahre später kam ihre zauberhafte Tochter zur Welt. Das junge Paar wohnte in einer alten Wohnung in Berlin-Schöneberg, die Annalena von ihrer Großmutter geerbt hatte.
Eines Frühlingsmorgens beschloss Ursula Margarete, die Mutter von Lukas, ihre Wohnung in Hamburg-Altona grundlegend zu renovieren. Um nicht zwischen Farbgeruch und Bauchaos leben zu müssen, bat sie ihren Sohn und ihre Schwiegertochter um Asyl. Obwohl das Verhältnis zwischen Annalena und Ursula Margarete stets etwas angespannt war, stimmte Annalena letztlich zu zum einen, weil Lukas inständig darum bat, zum anderen, weil ihre eigene Konfliktscheu legendär war und von der Schwiegermutter stets als Schwäche ausgelegt wurde.
Im Berliner Traum wurde Ursula heimisch und regierte bald über die Wohnung wie eine Gräfin. Ihre Stimme klang schon beim Frühstück wie das Echo eines versprecherischen Märchens: “Was ist das für ein Unsinn, den du meinem Sohn zu essen gibst? Das würde deine Tochter doch auch nicht anrühren, aber ihm schiebst du es unter!”
Annalena konterte ruhig, Er entscheidet selbst, was er frühstücken will. Gestern bat er um Rührei mit Wurst und frisch gebrühten Kaffee. Er ist einunddreißig, weißt du.
Wenn man ihn gewähren lässt, macht er nur Quatsch. Noch nie wollte er etwas Vernünftiges, von sich aus, belehrte Ursula Margarete, ohne den Blick zu senken. Lukas saß schweigend am Tisch ein Nebencharakter im eigenen Traum.
Während die Schwiegermutter gerade den Haferbrei für ihren Sohn anrührte, verputzte Annalena mit einem kurzen Lächeln das Rührei und trank die letzte Tasse Kaffee. Nur in der Erziehung ihrer Tochter mischte sich Ursula nie ein ein Grenzstein zwischen zwei Festungen.
Nach einem Monat wagte Annalena die Frage: Und? Wie sieht es mit dem Renovieren aus? Schon absehbar, wann du wieder in Hamburg wohnst? Ursula zog nur die Schultern: Diese Handwerker wie die sich bei mir benehmen! Ich habe extra Pfirsichfarbe verlangt jetzt ist das Zimmer gelb gespritzt und alles muss neu gemacht werden.
Haben sie wenigstens einen Termin genannt?
Einen Monat, vielleicht zwei. Mir egal. Ursula blätterte gleichgültig in einer Zeitschrift.
Weitere zwei Monate träumten sich dahin. Annalena, längst erschöpft vom dauerhaften Besuch, fragte genervt: Meinst du, der Umbau wird überhaupt dieses Jahr fertig? Ursula schnappte: Ja, ja, sobald das Bad fertig ist, ist alles bereit. Annalena lächelte nur matt: Sie wusste, Ursula würde wohl noch ewig bleiben das Leben als Hausherrin unter fremdem Dach schmeckte ihr zu gut.
Haushaltspflichten scheinen im Traum aufgelöst Ursula kochte nur nach Laune und gönnte sich Großzügigkeit im Nichtstun. Sogar beim Einkaufen wurde kräftig am Geldbeutel von Lukas und Annalena gespart.
Eines Abends, zwischen Traum und Wirklichkeit, sagte Ursula: Du weißt gar nicht, wie viel Glück du mit mir hast! Meine Schwiegermutter Gott hab sie selig, sie hat mich gequält. Jeden Tag gabs Ärger. Ich lasse dich wenigstens in Ruhe! Annalena erwiderte trocken: Fast immer. Nur mein Frühstück wird regelmäßig verspottet. Ach, hör auf! Ich mache doch nur Spaß. Ihr esst solches Zeug irgendwer muss doch mal den Kopf einschalten!
Dieser Satz verwehte, doch hinterließ er bei Annalena eine Idee, wie Nebel, der durch einen Garten schleicht: Warum nicht die Schwiegermutter ihrer Schwiegermutter einladen? Vielleicht würde dann Ursula Margarete die ungeliebte Erfahrung machen, die sie selbst geschaffen hatte.
Noch bevor das Traumlicht verblasste, griff Annalena zum Telefon und lud Irmgard Johanna, die Großmutter von Lukas, nach Berlin ein. Begeistert sagte Irmgard zu, endlich ihre Urenkelin zu sehen.
Am nächsten Morgen löste sich die Szenerie in gewohnter Trägheit auf: Lukas stochert mit träger Gabel im Haferbrei, Ursula meckert an Annalenas Haushalt herum. Da läutet es an der Tür wie auf Befehl.
Annalena eilte durch den Flur, drückte den Summer. Wen holst du denn jetzt so früh ins Haus? Merke dir eins keine Fremden in meinem Zuhause! rief Ursula nach.
Keine Sorge, das ist nur Familie, erwiderte Annalena, ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen.
Dann öffnete sich die Tür, und Irmgard Johanna, eine altmodische Erscheinung mit wachsamem Blick, trat ein. Guten Tag! Wie schön, endlich euch beide zu sehen. Lukas wird sich freuen heute Abend, wenn er heimkehrt. Mit süßer Stimme begrüßte Annalena die neue Mitbewohnerin.
Irmgard! Was machst du denn hier?, knurrte Ursula, während ihr Herz kurz ruckelte. Doch Irmgard erwiderte spitz: Du bist auch noch hier. Weißt du, wer nicht auf seinen Sohn gehört hätte, würde jetzt draußen an den Müllcontainern suchen müssen.
Die Luft knisterte vor Spannung. Ich habe Irmgard eingeladen sie hat ihre Urenkelin noch nie gesehen, warf Annalena rasch ein.
Wie freundlich, zischte Ursula und zog sich beleidigt in die Küche zurück.
Komm, setz dich, ich stelle dir dein Urenkelchen vor. Und hier, ich habe ein paar Streuselschnecken gebacken damit ihr nach Ursulas Kochkünsten wieder zu Kräften kommt, lachte Irmgard.
Der Rest des Tages verging, wie in einem Traum: Irmgard spottete den ganzen Tag lang in Ironie gehüllt über Ursula, bis diese schließlich nervös zu telefonieren begann.
Ich habe gute Nachrichten. Die Bauarbeiten sind abgeschlossen, alles fix und fertig. Ich kann zurück nach Hamburg fahren, verkündete Ursula übertrieben gelassen.
Schon beim Kofferpacken bestellte sie ein Taxi und ließ Annalena und Lukas in einer seltsamen Leichtigkeit zurück. Lukas wunderte sich noch, warum seine Mutter so plötzlich ausgezogen war aber auch er atmete auf.
Irmgard blieb nur eine Nacht, dann verabschiedete sie sich freundlich und verschwand wie Nebel am Morgen zurück nach Hamburg. Sie wusste längst, warum Annalena sie so dringend eingeladen hatte.
Und Berlin träumte weiter von ruhigen Tagen, in denen der Kaffeeduft wieder den Morgen durchzog und niemand mehr den Haferbrei umrührte.





