**Tagebucheintrag Eine unerwartete Begegnung**
Euer Ehren, ich verzichte auf alle materiellen Ansprüche gegen die Angeklagte, sagte Lukas leise. Ein Raunen ging durch den Saal, geprägt von Unverständnis.
Der Richter, der schon alles gesehen hatte, hob eine Braue:
Herr Schneider, Ihnen ist bewusst, dass Ihre Entscheidung das Urteil nicht beeinflusst, Sie aber auf jegliche Entschädigung verzichten?
Ja.
Katharina Müller so nannten die Kollegen die junge Protokollführerin schrieb weiter, ohne mit der Wimper zu zucken. Nach fünf Jahren in diesem Job war sie abgestumpft gegen die Niedertracht der einen und die Dummheit der anderen. Ihre Aufgabe war es, diesen endlosen Strom menschlicher Schwächen nüchtern zu dokumentieren. Sie sah sich wie eine Lokführerin, die Waggons voller fremder Dramen durch die Zeit zog.
Der Fall der Angeklagten Julia S. war genau der Typ, den die Presse liebte. Eine Betrügerin, die über Dating-Portale Freier um Geld erleichterte. Vier Männer, die sie nie gesehen hatten, überwiesen ihr größere Summen. Keiner kam auch nur zu einem ersten Treffen. Dem einen log sie vor, die Familie hätte einen Unfall, dem nächsten, ihr Ex-Mann würde selbst die Löffel teilen, einem Dritten erzählte sie von einem kranken Kind
Was gibts da Neues?, dachte Katharina, während sie die Akten vorbereitete. Vier erwachsene, vermeintlich vernünftige Männer, die sich als Ritter aufspielten. Die glaubten, mit Geld eine Schöne retten und wahre Liebe kaufen zu können. In Wahrheit schrieb eine verheiratete Mutter von drei Kindern mit ihnen.
Und jetzt saßen sie alle da: die Angeklagte, die Geschädigten. Drei von ihnen voller Wut, zusammengepresst vor Groll. Sie forderten Entschädigung, ihre Worte waren voller Bitterkeit. Sie hatten recht. Gesetz und Logik waren auf ihrer Seite. Katharina schrieb mechanisch die bekannten Formulierungen: immaterieller Schaden, Täuschung, bereichernde Absicht.
Einer der Geschädigten, Lukas Schneider, saß etwas abseits. Keine Aggression, kein Mitleid in seiner Haltung. Als er sagte, er wolle kein Geld zurück, erstarrte der Saal. Einer der Freier fuhr herum:
Bist du noch ganz bei Trost? Die hat dich doch genauso verarscht wie uns! Von deinem Geld hat sie ihrem Mann vielleicht ein neues Handy gekauft!
Lukas sah ihn mit seltsamer Traurigkeit an:
Ich verstehe dich. Aber sie hat drei Kinder. Das Geld soll für sie sein. Ich brauche es nicht zurück.
Katharina blickte erstaunt zu ihm auf. Großherzigkeit war in diesen Mauern selten. Sie betrachtete seine Hände die eines Schweißers, ruhig ineinandergelegt. Und seine Augen traurig, ohne jeden Groll. In einer Welt, in der jeder nur an sich denkt, hatte er einfach losgelassen.
Nach der Verhandlung schüttelte der Anwalt eines Geschädigten den Kopf:
Was für ein Träumer. Naiv wie ein Kind.
Die sonst schweigsame Katharina entgegnete:
Das ist nicht Naivität. Das ist Stärke. Eine Stärke, die man nicht kaufen kann.
Alle stutzten. So etwas kannte man nicht von der eisernen Katharina. Sie selbst war über ihren eigenen Satz überrascht.
In den folgenden Verhandlungen bemerkte sie, wie sie ihn beobachtete. Wie er aufmerksam zuhörte, ohne zu unterbrechen. Wie sein Blick manchmal am Fenster haften blieb, als suche er im grauen Himmel Antworten auf Fragen, die niemand sonst stellte.
Am letzten Tag, nach dem Urteil, blieb er verwirrt im Flur stehen. Katharina trat aus dem Büro.
Wohin möchten Sie?, fragte sie sachlich.
Ich habe mich verlaufen.
Der Ausgang ist dort.
Danke.
Er ging ein paar Schritte, doch dann rief sie ihn zurück.
Lukas?
Er drehte sich überrascht um.
Sie hatten damals recht, sagte sie, und ihre Stimme zitterte. Wegen der Kinder. Das war anständig.
Er sah sie prüfend an.
Weißt du, Katharina, er zögerte, unsicher, wie er sie anreden sollte.
Kathi, schlug sie vor.
Kathi. Menschen handeln selten aus Güte. Danke, dass du es bemerkt hast.
Er ging. Sie sah ihm nach und spürte, wie ihr eigenes, lang enttäuscht




