Seine Enkelin retten
Drei Nächte in Folge hatte Hildegard denselben Traum und jedes Mal endete er so beängstigend klar, dass ihr die Kälte durch den Körper schoss, wann immer sie daran dachte.
Mitten in der Nacht wachte sie auf, irrte verloren durchs Haus, begann automatisch bereits mit den morgendlichen Handgriffen. Die Schatten des Traums ließen sie aber nicht los, und so stand Hildegard dann an der Küchenzeile, den Kopf gesenkt, und versuchte angestrengt, nicht daran zu denken.
Im Traum sah sie ihre Tochter. Noch ein kleines Mädchen, das in einem Fluss zu ertrinken drohte, verzweifelt die Arme nach ihr ausstreckend: Hilf mir, hilf mir! Sie war ebenfalls dort, doch zähe Wasserströme hinderten sie daran, ihr Kind zu erreichen. Ihr fehlte die Luft, sie rang nach Atem, konnte sich schließlich retten.
Die Flusslandschaft blieb stets ruhig, das Wasser tiefschwarz, an den Ufern hingen Weiden. Weit entfernt sah sie ihren Schwiegersohn Friedrich auf einem Steg stehen. Sie schrie ihm zu, doch er hörte sie nicht und verschwand schließlich spurlos.
In der Ferne, auf einem Hügel, leuchtete eine Kirche mit drei goldenen Kuppeln in der Sonne, am Ufer türmten sich helle Steinplatten zwischen grünen Moospolstern.
Da begriff Hildegard im Traum, dass keine Hilfe zu erwarten war, tauchte wieder hinab, suchte und fand die Tochter doch nicht. Immer weiter suchte sie…
Jedes Mal wachte Hildegard schweißgebadet und mit heftig pochendem Herzen auf, bekreuzigte sich und betete um Schutz.
Und in der dritten Nacht war das erwachende Herzklopfen so scharf und schmerzhaft, als würde das Herz quer in der Brust stecken.
Mit beängstigendem Gefühl sah Hildegard sich in ihrem Schlafzimmer um, raffte ihre Sachen zusammen. Sie musste zu den Nachbarinnen, das Haus und die Tiere versorgen lassen und dann los.
Ihre Tochter lebte mit ihrer jungen Familie und den Schwiegereltern etwa drei Busstunden entfernt. Das bedeutete mindestens zwei Tage Reise.
**
Friedrich Egger war unermüdlich, schon ein älterer Herr, aber voller Tatendrang und Lebensfreude.
Natürlich gönnte er sich am Abend gern ein Gläschen Klaren, nur zum besseren Schlaf und für die Seele. Früh am Morgen war er stets auf den Beinen, suchte nach einer Beschäftigung. Heute wollte er wieder angeln gehen und nahm nicht zum ersten Mal die achtjährige Enkelin, Liesel, mit.
Es war Mitte September, die Tage mild, dennoch hatten sie sich warm eingepackt. In einem Gummiboot überquerten sie in der Morgendämmerung die Isar bei Rosenheim und fuhren zur Insel.
Friedrich war noch im Stande, die Strecke zu rudern, was unter Gleichaltrigen als beachtliche Leistung galt.
Er liebte die Enkelin, und sie war ganz vernarrt in ihn.
Nur der Opa bestand auf Liesel, doch alle anderen sagten liebevoll Liese. Sie war ein stilles, in der Gruppe eher zurückhaltendes Kind. Dennoch hatte sie Freundinnen, denn sie war aufmerksam, stets freundlich und zeichnete wunderschön ganze Tagebücher und Hefte wurden von ihr mit kunterbunten Bildern verschönert.
Das Wasser glitzerte silbern, Nebelschwaden zogen übers Flussbett, und hinter dem Horizont stiegen die ersten Sonnenstrahlen auf. Liese betrachtete all das, um es am nächsten Tag zu malen.
Der Opa ruderte heute länger, atmete schwer. Liese lauschte dem leisen Flüstern des Morgens, den Weiden und dem Murmeln des Großvaters.
Auf der Insel stand ihr Sommer-Unterschlupf, den sie gemeinsam gebaut hatten. Drinnen war es noch feucht von der Nacht, also half sie beim Angelzeug. Friedrich zog seine schweren Stiefel bis zu den Knien hoch, watete im Wasser, um die Schnüre auszulegen.
Liesel reichte ihm emsig das, was er brauchte, flatterte am Ufer umher wie eine kleine Libelle.
Sie trug die alte Jacke der Oma, Gummistiefel; der Kopftuch war ihr von der Hitze längst um den Hals gerutscht.
Der Opa befestigte das Angelgeschirr und warf die Rute aus. Gemeinsam fingen sie einige Fische der Stolz stand Liese ins Gesicht geschrieben, während sie die zappelnden Tiere betrachtete. Als die Sonne höher stieg, zogen sie die Jacken aus, Liese streifte die Stiefel ab und plantschte am Ufer.
Schließlich machten sie Brotzeit: Tee aus der Thermoskanne, Brot mit Leberwurst, Omas süße Buchteln. Friedrich erzählte alte Geschichten, seufzte und rieb sich die Brust.
In Liesel breitete sich eine große Ruhe aus. Mit dem Gesang der Vögel und dem Brummen der Bienen schlief sie auf der blauen Picknickdecke ein.
Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte; sie erwachte, weil die Sonne ihre Wange heiß brannte. Halbschlafend kroch sie in den Unterschlupf, wollte im Schatten weiterdösen.
Von dort aus suchte ihr Blick den Fluss Opa war nicht zu sehen.
Er würde gleich kommen, dachte sie. Doch es verging lange, bis Liese unruhig hinaus kroch, zum Ufer ging und dort lag Friedrich. Seitlich, unordentlich hingestreckt, halb im Schilf, halb im Wasser.
Opa…, sie rüttelte an ihm, rief, versuchte ihn zu wecken. Kein Rauch, kein typischer Lagerfeuergeruch, nur Kälte, als gehöre er gar nicht hierher.
Da schrie sie auf, wich zurück.
War der Großvater tot?
Verzweifelt versuchte sie es noch einmal, schrie sich wund. Dann weinte sie hemmungslos, bis ihre Kraft nachließ. Schließlich schleifte sie das Boot zum Wasser.
Noch einmal spähte sie zum Opa war da nicht eine Bewegung? Doch plötzlich roch sie den Verfall, bekam Angst, schob mit aller Kraft das Gummiboot ins Wasser, durchweichte dabei ihre Füße und kletterte hinein.
Sie meinte rasch das Ufer zu erreichen. Doch die Paddel waren schwer, die Hitze und die Angst quälten sie, die Kraft ließ bald nach. Das Boot wurde vom Strom ergriffen die Isar war stark, zog aufs offene Wasser.
Liesel versuchte es mit den Rudern, doch die Hände taten weh, und sie gab auf, ließ sich treiben. Der Flussufer war nur Wald, Felsen, keine Menschen, kein Haus.
Der Strom zog das Mädchen immer weiter fort, hinaus in die Ungewissheit.
***
Hildegard kam am Nachmittag im Haus der Tochter an. Nur die Schwiegermutter Erika und der kleine Enkel Jonas waren da, obwohl es Samstag war. Erika wollte die Schwiegermutter gleich bewirten, Jonas führte begeistert seine Spielsachen vor.
Doch Hildegard war unruhig, die Angst lag wie ein Stein auf ihrer Brust. Der Geranienduft von der Fensterbank war süß und schwer.
Wann kommen sie zurück?, fragte sie.
Die Jungen sind auf dem Wochenmarkt, erklärte Erika, die machen das jeden Samstag alles Mögliche wird eingekauft und das Geld sitzt locker. Lass sie, sie sind jung und wollen Freude am Leben. Friedrich und Liese kommen mit Sicherheit zum Abendessen.
Wie Liese ist nicht mit beim Markt?
Ach was… Letzten Samstag war sie mit, da haben sie ihr Schuhe für die Schule gekauft … was noch? Ich komm gleich drauf.
Wie weit draußen angeln die denn?, Hildegard bekam Beklemmungen.
Die fahren mit dem Boot auf eine Insel ich sag ihm immer, was er da mit dem Mädel will! Aber hört er je? Erika zuckte die Schultern. Und Liese liebt es.
Hildegard hörte nicht mehr zu. Ihr Herz wurde schwer vor Angst.
Na nu, irgendwas ist doch mit dir!, fragte Erika besorgt.
Ach, nur die Reise, bin nicht recht fit.
Erika tropfte Herzmittel auf einen Löffel, Jonas turnte auf dem Schoß, die Unruhe ließ langsam nach. Sie schlenderten später durch den Garten, übten sich in Kleinigkeiten. Kurz vor Sonnenuntergang kamen Katharina und ihr Mann Martin zurück.
Mutter! Was für eine Überraschung!, Katharina war überrascht und erfreut zugleich.
Heimweh! Und Einmachgläser für dich, Kind.
Und das Haus?
An Nachbarin Bärbel übergeben, sie schaut vorbei. Ich bleib heute Nacht.
Hildegard wunderte sich selbst, dass sie so klar die Eingebung hatte, diese Nacht nicht heimging. Sie spürte fast, wie jetzt Bärbel enttäuscht schimpft.
Merkwürdig. Oft hatte sie das Gefühl, dass sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig spürte, als wüsste sie schon das, was am nächsten Tag geschehen würde. Ihr verstorbener Mann Werner kannte diese Eigenschaft, hatte sie irgendwann akzeptiert.
Ich hab’s ja gesagt Hexe heirate ich, pflegte er zu spotten.
Und wenn Hildegard vor dem Mähen warnte, weil es regnen würde, glaubte er ihr nicht bis er völlig durchnässt zurückkam.
Sie sagte nie viel dazu, goss stumm Tee ein.
Woher weißt du das?, fragte er dann.
Man spürt es. Der Regen riecht, antwortete sie stets ruhig.
Genauso verhielt es sich mit den Kindern: Ihr Sohn wurde von unzähligen Unfällen bewahrt, weil die Mutter ein schlechtes Gefühl hatte und ihn nicht gehen ließ. Sogar als Martin zum Offiziersbewerberlehrgang nach Berlin eingeladen wurde, war sich Werner sicher: Erfolglos. Das ist was für Generalsöhne, aber Hildegard packte ihm einfach neue Hosen ein. Er wurde aufgenommen.
An diesem Tag betrachtete Hildegard ihre Familie die fröhliche, umtriebige Tochter, den tatkräftigen Schwiegersohn. Alles fühlte sich vergänglich an, als würde bald Kummer über sie einbrechen; der Schatten legte sich über das Haus.
Sie legte sich hin, spielte mit Jonas. Warum bist du so traurig, Mama?, fragte Katharina besorgt. Ach Kind, es ist nur die Fahrt. Kaum geschlafen… Wann kommt Vater mit Liese zurück?
Meist bis zur Dunkelheit. Warum?
Ich vermiss sie einfach, log Hildegard und versuchte zu lächeln.
Doch Katharina spürte die Unruhe. Am frühen Abend, als es dämmerte, zog ein flaues Gefühl bei ihr ein.
Martin und sie gingen zum Fluss, spähten zu den Inseln hinüber. Keine Spur vom Boot. Die Dämmerung kam, Martin fuhr zu Nachbar Bauer, um die Polizei und DLRG zu holen.
Jetzt begann alles von vorn.
Sie fanden Friedrich auf der Insel. Plötzlicher Herztod eben noch voller Kraft, und dann…
Martin suchte verzweifelt die Tochter. Aber das fehlende Boot zeigte: Liese hatte versucht, allein nach Hause zu rudern. Doch konnte ein achtjähriges Mädchen gegen einen solchen Strom ankommen?
Sie luden Friedrichs Leichnam ins Motorboot, berieten über die Strömung und wo das Mädchen angespült worden sein könnte. Martin war wie gelähmt vor Angst: Der Vater tot, seine achtjährige Tochter verschollen auf dem Fluss. Sie konnte nicht schwimmen, und die Isar war eine unbarmherzige Kraft.
Hass und Ohnmacht gegenüber dem Fluss kochten in ihm auf.
***
Die Isar floss grün-schattig dahin und wirkte mit dem dunklen Wasser beinahe schläfrig. Liese griff mal zu den Rudern, dann ließ sie sie wieder sinken Wind und Strom trieben das Boot immer weiter.
Sie weinte, rief nach Mama, dann nach Opa, dann wieder nach Papa und Oma. Sie sehnte sich schrecklich nach Geborgenheit.
Die Sonne spiegelte sich stechend auf der Wasseroberfläche; Liese betrachtete das Ufer, die Wälder, Felsen, manchmal ferne Häuser, Felder.
Sie hatte ihre Jacke nicht übergezogen, weil sie sicher war: gleich sind alle da, alles gut. Im Boot gab es außer den Sitzbänken und Friedrichs Angelrucksack nicht viel. Doch es wurde windig, dann regnete es. Liese versuchte zu rudern, war aber bald zu schwach, verlor ein Ruder. Es entfernte sich schnell.
Sie war sehr erschöpft und fror.
Im Dunkeln rollte sie sich unter die Sitzbank, zitterte am Bootsboden. Sie wusste nicht, dass sie gerade um ihr Leben kämpfte sie dachte nur an Mama und dass sie bestimmt bald gefunden würde.
Sie wollte rufen und geriet in Panik. Die Nacht war unheimlich; die Ufer waren finster und wuchsen zu einer Welt aus Schatten. Nur der Mond spiegelte sich auf dem Fluss, und Liese schaute lange auf diesen Lichtpfad. Wenn ich da entlang gehe, komme ich direkt zu Mama, ins warme Bett… schluchzte sie und begann leise das gute Nacht-Lied zu singen, das sie immer für die Mutter sang:
Über den Wellen, zum Ufer so grün,
fahre ich heim mit dem Traumschiff dahin.
Zu meiner Mama will ich
hin
Das Singen gab ihr Kraft, ließ sie hoffen. Nur Geduld, gleich kommt Mama…
Sie zog Friedrichs Rucksack zu sich, streichelte ihn, und schlief immer wieder erschöpft ein.
Wenn Liese sich getraut hätte hinzusehen, hätte sie bemerkt, dass der Fluss sie in eine engere, mit Weiden und Schilf bestandene Bucht trieb, wo man mit Paddel und Kraft das Ufer hätte erreichen können doch sie verschlief den günstigen Moment. Der Fluss trieb sie wieder hinaus in die Strömung.
Der Isararm war reich an Untiefen, was Fischer mieden deshalb fand niemand das Boot.
Am Morgen fror Liese wie Espenlaub. Schließlich suchte sie im Rucksack, fand Friedrichs Taschenmesser, leerte vorsichtig alles heraus und schnitt, nach kurzem Zögern, den Rucksack auf und machte sich daraus einen Umhang.
Die Isar war nun seicht, zog aber weiterhin mit starker Strömung. Liese bekam neue Kraft, ruderte zum Ufer, wärmte sich an den Sonnenstrahlen, beobachtete Schwalben und hörte die Röhrichte rauschen, die Bäume am Berghang.
In einem plötzlichen Anfall von Verzweiflung schrie sie aus Leibeskräften nach ihrer Mutter. Doch der Fluss verschluckte ihre Rufe.
War ein kleines Mädchen je lauter als die Gewalt eines großen Stroms?
***
Inzwischen hatte sich die Familie an der Wasserwacht versammelt Katharina, Hildegard, Freunde und Nachbarn. Nur Erika blieb zu Hause bei Jonas und um die Trauer um den verstorbenen Ehemann zu verarbeiten. Sogar Rettungskräfte und Sanitäter standen bereit.
Die Männer fuhren mit Motorbooten den Fluss ab, doch nichts. Auch das Boot blieb verschollen.
Hildegard blieb ruhig, als hätte in ihr eine Sicherheit die Angst abgelöst: Liese würde gefunden werden.
Mama, du bist doch deshalb gekommen, nicht wahr? fragte Katharina, als sie allein waren.
Ach, sowas! Das war Zufall. Halte jetzt durch, Kind. Sie lebt, ich weiß es.
Aber wie soll ich weiterleben, wenn…, Katharina brach immer wieder in Tränen aus.
Freundin Gisela war bei ihr, auch deren Mann half suchen. Die Männer waren erschöpft und müde.
Hildegard fragte schließlich den alten Sanka-Fahrer: Gibt es einen steinigen Uferabschnitt mit heller Platte und eine Kirche mit drei Kuppeln?
Er nickte: Doch, an der Isar, Richtung Benediktinerkloster. Aber das Boot treibt doch ab, dort ist sie bestimmt nicht…
Fahren wir hin?, fragte Hildegard entschlossen.
Na gut, ist nicht weit. Zwanzig Minuten vielleicht.
***
Lieses Kampf mit dem Fluss wich nun Verzweiflung oder Erschöpfung. Sie ruderte, weinte oder sang, bis sie aufgab.
Einmal versuchte sie, aufzustehen und zu rudern sie trat auf das im Boot verstreute Angelzubehör, rutschte ab, erinnerte sich erst später an das offene Messer, das wohl das Boot verletzt hatte.
Wasser drang ein, und je mehr sie es mit der Hand zu stoppen versuchte, desto schneller lief das Boot voll. Panisch klammerte sie sich an den aufgeblasenen Rand, doch als das Boot sich kippte, landete Liese im Wasser. Sofort stülpte sich das Boot über sie, sie wurde untergetaucht. Doch sie tauchte wieder auf, hielt sich am Boot fest.
Beine konnte sie nicht anziehen, doch das Wasser war nicht ganz kalt, und mit letzter Kraft versuchte sie, das Boot zum Ufer zu ziehen.
Da spürte sie auf einmal Boden unter den Füßen. Ein Felsen in der Strömung, mitten im Fluss. Vorsichtig klammerte sie sich an den Stein. Das Boot wurde abgetrieben, Liese verließ sich nun auf den Felsen.
Um sie kreisten Schwalben, das Ufer lag unerreichbar weit. Die Strömung drohte, sie zu reißen. Doch sie hielt durch.
Lange hielt sie sich, halb im Wasser, fest und blickte nur noch zum Ufer und wiederholte das Lied im Kopf:
Bald erreiche ich den Strand,
rufe meine Mama laut ins Land…
Als sie am Ufer Bewegung bemerkte, wusste sie nicht mehr, ob es Wirklichkeit oder Einbildung war doch es gab ihr neue Hoffnung.
Am Ufer stiegen Hildegard und Leonhard, der Fahrer, aus dem Wagen. Leonhard entdeckte zuerst den dunklen Fleck im Fluss. Hildegard preschte voran.
Gibts was zum Treiben im Auto? Irgendwas Schwimmbares? Schnell! Sie ist da!, rief sie.
Leonhard fand ein kleines aufblasbares Kissen aus dem Sanitätskasten und ein Brett, rannte zum Wasser; Hildegard stand schon in Unterwäsche im Wasser.
Sie war selbst überrascht von ihrer inneren Ruhe. Sie liebte das Schwimmen, hatte es aber seit Jahren nicht mehr gemacht. Sie dachte nur an das Kind, an das Ziel: retten.
Hildegard schwamm kontrolliert, wählte den Weg leicht flussaufwärts, ließ das Brett los, schwamm nur noch mit dem Kissen.
Sie dachte nicht an Angst, nicht an die Gefahr. Das Mädchen war ihre Aufgabe, wie ein Ankerpunkt im Wasser.
Ohne vorher zu rufen, griff Hildegard Liese, als sie ankam.
Liese fuchtelte panisch, und Hildegard erkannte, wie tief der Stress saß. Gut, dass sie nicht gerufen hatte; andernfalls hätte das Mädchen vielleicht die tückische Sicherheit verlassen.
Ganz ruhig, Liebelein, ich bins, Oma Hilda. Ich bin da, flüsterte sie, erschrak beim Anblick des zitternden, blauen Kindes aber verfolgte keine Gefühle. Jetzt gab es keine Zeit für Emotionen.
Sie umarmte Liese mit einer Hand, das Kind stand auf dem Felsen. Sie flüsterte: Ich schwimme mit dir, du hältst das fest los! Du kannst das.
Liese konnte kaum antworten, kippte ins Wasser, klammerte sich aber an Hildegards Hals. So vertraut von Angst und Kinderschock, dass Hildegard sich entschied, so zu schwimmen.
Sie kraulte, das Ziel fest im Blick, und achtete nur auf das Kind, nicht auf Entfernung oder Richtung. Ihr war, als lenkte der Fluss sie, so sehr pulsierte ihr Herz. Doch die treibende Kraft war jetzt ihre doppelte Mutterliebe Tochter und Enkelin.
Ein Greifvogel kreiste am Himmel, Hildegard zählte Schläge, sie schwamm wie in Trance.
Liese bemerkte das rettende Ufer zuerst spürte Hoffnung, strampelte kräftiger.
Plötzlich wurde Hildegard von etwas Weichem gebremst Leonhard stand bis zur Hüfte im Wasser und hob Liese aus der Strömung, trug sie ans Ufer.
Heldegard spürte erst jetzt ihre Schwäche, die Beine wollten sie kaum tragen; Leonhard half auch ihr.
Im Sanitätswagen wickelte er Liese in Decken und half sofort auch Hildegard in trockene Sachen. Sie achtete nur darauf, dass Liese atmete und wieder etwas Farbe bekam.
Endlich sie hatte gesiegt. Die Tränen flossen bei beiden, als die Lebensgeister zurückkehrten.
Wein nicht, Oma, denn so was gibts nicht auf der Welt,
dass Kinder verloren gehen…, summte Liese, die kleine Hand an Omas nassem Kopf.
***
Mama, ich glaube dir jetzt, was Papa immer sagte. Er scherzte, du wärst eine Hexe. Aber du bist eine gute Zauberin!
Ach, erzähl doch… Aber vielleicht hast du recht, anwortete Hildegard und musste lächeln.
Im Krankenhausgarten saßen Mutter und Tochter. Eine Woche waren Katharina und Liese zur Beobachtung geblieben, nur kurz zu Friedrichs Beerdigung zu Hause. Heute war Tag neun, das Gedenken, alle Nachbarn kamen.
Die Geschichte hatte sich überall herumgesprochen, sogar ein Zeitungsreporter war gekommen. Hildegard scheute das und gab zur Antwort: Ich hab davon geträumt.
Kaum einer glaubte ihr. Nur Katharina.
Hildegard erholte sich schnell. Die Muskeln taten weh, aber das war unwichtig. Liese erholte sich langsam, malte und zeichnete ihre Erlebnisse der Mondweg auf dem Wasser, die Isarböschung, sonniger Morgen. Der Kinderpsychologe hatte keine Sorgen: Die Farben waren hell und kraftvoll.
Katharina bereitete die Heimfahrt vor, Hildegard ebenso. Die letzten Aufgaben waren erledigt.
Ach, Bärbel wird wieder schimpfen!, lachte Hildegard.
Ach, die wird dir verzeihen. Steht ja jetzt sogar in der Zeitung!
Weißt du, mir träumte, du würdest untergehen, nicht Liese. Deshalb bin ich hergefahren, um dich zu retten, lächelte Hildegard, fast selbst ungläubig. War es nur Zufall?
Du hast mich wirklich gerettet, Mama, sagte Katharina ernst. Es war der Strom meiner Tränen, in dem du gekommen bist. Und wer weiß, ob ich wieder da rausgefunden hätte. Mit oder ohne besonderen Kräften du bist meine gute Zauberin.
Und sie legte den Kopf in den Schoß der Mutter.
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Manchmal zeigt das Leben, dass unsere inneren Stimmen und Gefühle uns besser leiten, als es uns die Vernunft zu erklären vermag. Familie, Mut und Liebe können selbst den reißendsten Strom bezwingen.




