Sie verließen gemeinsam das Krankenhaus. Niemand erwartete sie, kein Blitzlichtgewitter, keine Filmkamera begleitete ihren Weg, keine Blumen wurden überreicht. Das hätte wohl auch seltsam ausgesehen – Blumen für einen Mann…

Sie kamen damals zu zweit aus der Klinik. Niemand erwartete sie, niemand filmte sie mit einer Kamera, und auch Blumen überreichte niemand was hätte das auch für ein Bild abgegeben: Blumen für einen Mann…

Nein, die Mutter lebte, mit ihr war alles in Ordnung. Wenn man davon absieht, dass sie an dem Kind nicht den geringsten Bedarf hatte überhaupt keinen. Und das teilte sie ihrem Mann schonungslos offen mit, ohne etwas zu verschweigen. Doch er beharrte, bat inständig, griff sogar zu kleinen Drohungen.

Er war ja schon fast vierzig und hatte noch immer keine Kinder. Und wer weiß, vielleicht war das sein einziges Mal, sich fortzupflanzen. Sie einigten sich Die Ehefrau brachte das Kind zur Welt, sie ließen sich danach umgehend scheiden, und sie war auch gern bereit, Unterhalt zu zahlen.

Zunächst wollte Heinrich aus Stolz ablehnen. Doch die ehemalige Ehefrau sagte:

Das Leben ist lang. Alles Mögliche kann passieren. Du bist doch kein junger Hüpfer mehr, und ich bin viel jünger als du. Auch wenn ich das Kind nicht möchte, ist es doch meins und so habt ihr wenigstens eine kleine Sicherheit. Für später…

Unruhige Tage folgten, doch Heinrich ließ sich nicht unterkriegen. Überall gab es alleinerziehende Mütter warum sollte er es nicht schaffen? Es gab so viele “Kunstkinder”, wie man damals sagte… Also sah Heinrich keine Probleme als könnten Kinder in Männerhänden nur verkümmern. Nein, sein kleiner Sohn, Emil Heinrich, wuchs, nahm kräftig zu und war ein ausgesprochen glückliches Kind.

Nur als Emil ein wenig größer wurde, begannen die Fragen nach der Mutter. Aber wie sollte man einem Kind erklären, dass seine Mutter es einfach nicht wollte? Heinrich redete sich irgendwie heraus:

Ich habe dich im Keller gefunden.

In welchem?

Genau in dem da im Nachbarhaus.

Der Keller zog Emil von da an regelrecht magisch an. Bei Spaziergängen, wenn er vom abgelenkten Vater weglief, lugte er in Lichtschächte und rief leise nach der Mama. Doch es antwortete ihm stets nur die Stille…

Doch einmal ja, eines Tages hörte Emil tatsächlich etwas! Sein Herz blieb stehen, um dann so heftig zu klopfen, dass er bald nichts anderes mehr hörte als dieses Pochen in seiner kleinen Brust.

Die Haustür stand einen Spalt offen und Emil rannte in den Keller. Anfangs war es sehr dunkel, doch seine Augen gewöhnten sich schnell. Er tastete sich immer weiter vor, rief und schrie doch das Schluchzen versagte ihm fast die Stimme, und nur ein halb ersticktes Flüstern war zu hören:

Mama? Mama, bist du da? Ich bins, Emil… Ich bin gekommen, dich zu holen!

Doch kein Laut antwortete ihm. Emil blieb stehen, schniefte und lauschte angestrengt. Ein leises Rascheln kam aus der Ecke, und Emil wischte sich mit dem schmutzigen Faust die Tränen aus dem Gesicht und ging dem Geräusch nach.

Bestimmt ging es Mama ganz schlecht, sie war bestimmt krank. Sonst hätte sie ihn ja längst geholt. Aber egal, jetzt würde er sie eben selbst finden, und dann würde sie sich riesig freuen!

Emil lief durch den Keller, weinte und lächelte zugleich. Schließlich hatten alle anderen Mütter, und nun sollte er auch eine haben! Aber in der Ecke, auf einem alten Lappenhaufen, fand Emil nur eine Katze. Eine Katze, die ihn vorsichtig anstarrte und darunter ein kleines Kätzchen verbarg.

Mama?

Die Enttäuschung schnürte ihm fast die Beine ab, und schwer ließ er sich auf den Boden fallen. Doch dann hob er den Kopf und sah wieder zu der Katze…

Mit fünf Jahren denkt man eben anders. Logik ist dann eine andere oft ehrlicher, manchmal vielleicht sogar verständlicher als bei Erwachsenen.

Emil schaute die Katze an und überlegte… Er erinnerte sich an Gisela aus seiner Kindergartengruppe. Die prahlte stolz mit ihren dichten Zöpfen und behauptete, ihr Papa sei ein Zentaur. Und Anton bestand darauf (und bewies es mit einer Zeichnung), sein Vater sei ein Außerirdischer. Warum sollte er dann nicht auch eine Katzenmutter haben?

Und die Katze spürte, dass dieser Junge ihr und ihrem Kätzchen nichts antun würde. Vorsichtig kam sie näher und schnupperte an seiner kleinen Hand.

Bist du jetzt meine Mama?

Emil fragte das so voller Hoffnung, er glaubte so fest daran, dass er am liebsten mit jedem gestritten hätte, der ihm widersprach. Er drückte die Katze fest an sich, und sie schmiegte sich im Gegenzug an ihn…

Heinrich fiel das Verschwinden seines Sohnes erst spät auf, doch dann rief er sogleich nach ihm. Emil blieb stumm. Der Vater geriet auf dem Spielplatz in Panik, lief suchend umher und sah unter jede Hecke.

Emil! Emil, jetzt komm raus! Emilsche, wo steckst du denn?

Die Minuten verstrichen quälend langsam, und Heinrich bekam noch mehr graue Haare, da tauchte Emil aus dem Keller auf. Er ging langsam, drückte die Katze mit dem Kätzchen an sich. Dem herbeieilenden Vater verkündete er:

Ich habe meine Mama gefunden. Und das hier ist, glaub ich, meine Schwester… Sie waren da unten im Keller, wo du mich damals gefunden hast.

Heinrich erstarrte und hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Sollte er ihm jetzt die ganze Wahrheit auftischen? Doch wie? Wie erklärt man so etwas? Also stimmte er seinem Sohn einfach zu.

Und woran hast du erkannt, dass sie es ist?

Emil zuckte mit den Schultern.

Einfach so… Sie hat mich so angeschaut! Papa, lass uns nach Hause gehen. Mama ist bestimmt schon müde.

Der Junge war überglücklich. Seine Mama war gefunden! Und dass die Schwester sich als Bruder herausstellte, machte es sogar besser. So konnte er mit ihm richtig männliche Sachen spielen, und abends würde Mama ihnen beiden Geschichten vorerzählen.

Im Kindergarten wurde Emil unterstützt. Na und? Eine Katzenmama Kuno hat als Vater ein Flugzeug, das er sogar fotografiert hat!

Heinrich machte sich lange Gedanken, wie er mit dem Jungen reden, wie er ihm die Wirklichkeit erklären könnte. Doch als er den fröhlichen Emil sah, winkte er nur ab. Das Leben würde das schon selbst regeln…

Seitdem begann zu Hause das richtige Chaos. Emil sprang mit Kätzchen und Katze herum zu dritt verwüsteten sie die ganze Wohnung. Die Katze war selbst noch jung und hatte nichts gegen das wilde Toben.

Ihr macht mich noch fertig! schimpfte Heinrich, während er alles wieder an seinen Platz räumte.

Emil, mit dem Band in der Hand, das Kätzchen und die Katze hielten kurz inne. Sie schauten Heinrich an, dann einander Und mit einem Achselzucken rannten sie los, um Papa weiter auf Trab zu halten. Und warum? Na, weil Mama hatte es erlaubt!

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Homy
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Sie verließen gemeinsam das Krankenhaus. Niemand erwartete sie, kein Blitzlichtgewitter, keine Filmkamera begleitete ihren Weg, keine Blumen wurden überreicht. Das hätte wohl auch seltsam ausgesehen – Blumen für einen Mann…
Heimkehr von der Geburtstagsfeier: Erinnerungen an einen unvergesslichen Abend Andrea kam mit ihrem Mann Stefan aus dem Restaurant zurück, wo sie seinen Geburtstag gefeiert hatten. Es war ein wunderschöner Abend gewesen. Viele Menschen waren da – Verwandte, Kollegen aus dem Büro. Die meisten hatte Andrea zum ersten Mal gesehen, aber wenn Stefan sie eingeladen hatte, dann musste es wohl so sein. Andrea war nicht der Typ, der mit ihrem Mann über seine Entscheidungen streitet; sie mochte keine Auseinandersetzungen, keine Dramen. Es war leichter, Stefans Entscheidungen zu akzeptieren, als auf dem eigenen Standpunkt zu beharren. „Andrea, hast du deinen Wohnungsschlüssel griffbereit? Findest du ihn?“ Andrea öffnete ihre Handtasche, suchte nach dem Schlüssel. Plötzlich – ein stechender Schmerz, sie zuckte so heftig zusammen, dass die Tasche aus der Hand fiel. „Was schreist du denn da so?“ „Ich habe mich an etwas gestochen!“ „Bei deinem Taschen-Chaos kein Wunder…“ Andrea widersprach ihrem Mann nicht, hob ihre Tasche auf und zog vorsichtig den Schlüssel heraus. Sie betraten die Wohnung, und schon hatte sie den kleinen Stich vergessen. Ihre Füße schmerzten vor Müdigkeit, sie sehnte sich nach einer Dusche und wollte einfach nur noch ins Bett fallen. Am nächsten Morgen aber spürte sie einen stechenden Schmerz in der Hand – ein Finger war gerötet und geschwollen. Da erinnerte sie sich an das Ereignis vom Vorabend, holte ihre Tasche und schaute nach, was es gewesen sein könnte. Vorsichtig nahm sie die Sachen heraus – am Boden der Tasche lag eine große, verrostete Nadel. „Wie kommt die denn da rein?“ Andrea wusste nicht, wie sie dorthin gelangt sein konnte. Sie nahm den seltsamen Fund und warf ihn weg. Anschließend desinfizierte sie die Wunde mit dem Erste-Hilfe-Set. Nachdem der Finger versorgt war, ging sie zur Arbeit. Schon mittags spürte sie, dass sie Fieber bekam. Sie rief ihren Mann an: „Stefan, ich fühle mich hundeelend. Vermutlich habe ich mir gestern irgendwas eingefangen. Ich habe Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen. Weißt du, ich hab in meiner Tasche eine verrostete Nadel gefunden – an die habe ich mich gestochen.“ „Vielleicht solltest du zum Arzt gehen, nicht, dass du dir eine Blutvergiftung einfängst.“ „Mach dir keine Sorgen, ich habe die Wunde desinfiziert, das wird schon…“ Doch fast stündlich wurde Andrea schlechter. Sie quälte sich durch den Tag, bestellte sich schließlich ein Taxi nach Hause – mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hätte sie den Heimweg nicht geschafft. Zuhause sank sie auf das Sofa und schlief sofort ein. Im Traum erschien ihr ihre Oma Anna, die gestorben war, als Andrea noch ein kleines Mädchen war. Woher sie wusste, dass es die Oma war, wusste Andrea nicht – aber sie wusste es eben. Die Oma, alt und gebeugt, hätte anderen Angst gemacht, doch Andrea spürte, dass sie ihr helfen wollte. Die Oma führte Andrea über eine Wiese, zeigte ihr, welche Pflanzen sie sammeln sollte, erklärte, dass sie daraus einen Sud kochen und trinken müsse, um den „Schwarz“, der sie von innen zerfraß, zu vertreiben. Es gebe jemanden, der ihr übel wolle. Doch um das zu bekämpfen, müsse Andrea am Leben bleiben. Die Zeit sei knapp. Andrea erwachte im kalten Schweiß. Sie dachte, sie hätte lange geschlafen, doch der Blick auf die Uhr verriet ihr: Es waren nur wenige Minuten vorbei. In diesem Moment knallte die Wohnungstür, Stefan war zurück. Andrea schleppte sich in den Flur. Erschrocken sah Stefan sie an: „Was ist denn mit dir passiert? Sieh dich mal im Spiegel an!“ Andrea trat vor den Spiegel. Gestern Abend hatte sie noch eine strahlende, lachende junge Frau gesehen. Doch nun erkannte sie sich kaum wieder: Das Haar strähnig, dunkle Schatten um die Augen, das Gesicht fahl, der Blick leer. „Was ist das nur?“ Andrea erinnerte sich an ihren Traum und erzählte ihrem Mann davon: „Ich habe von Oma Anna geträumt. Sie hat mir gesagt, was ich tun muss…“ „Andrea, zieh dich an, wir fahren ins Krankenhaus!“ „Ich gehe nicht ins Krankenhaus. Oma hat gesagt, da kann mir keiner helfen…“ Ein heftiger Streit entbrannte. Stefan erklärte Andrea für verrückt, weil sie sich von visionären Omas in Träumen leiten lassen wollte. Zum ersten Mal stritten die beiden heftig. Stefan versuchte, sie mit Gewalt ins Auto und zum Arzt zu bringen. „Wenn du nicht freiwillig gehst, schleppe ich dich hin!“ Doch Andrea riss sich los, brach zusammen und stieß sich am Türrahmen. Wütend packte Stefan ihre Tasche, warf die Tür ins Schloss und ging. Alles, was Andrea noch tun konnte, war, ihrem Chef zu schreiben, sie hätte einen Virus erwischt und müsse ein paar Tage zu Hause bleiben. Stefan kam erst kurz vor Mitternacht zurück und entschuldigte sich. Alles, was Andrea sagte: „Bring mich morgen früh in das Dorf, in dem Oma Anna gelebt hat.“ Am nächsten Morgen sah Andrea aus wie ein Schatten ihrer selbst. Stefan flehte sie an: „Andrea, bitte, wir müssen ins Krankenhaus! Ich will dich nicht verlieren.“ Aber sie fuhren ins Dorf. Das einzige, woran Andrea sich erinnerte, war der Name des Dorfes. Dort war sie seit Omas Tod nicht mehr gewesen. Die ganze Fahrt schlief sie. Erst als sie dort ankamen, sagte sie ihrem Mann: „Dort lang.“ Kaum aus dem Auto, sackte sie in der Wiese zusammen, aber irgendwie wusste sie, dass sie am richtigen Ort war. Sie sammelte die Pflanzen, die Oma ihr im Traum gezeigt hatte, und sie fuhren wieder nach Hause. Stefan kochte nach Andreas Anweisung den Sud, und sie begann, ihn in kleinen Schlucken zu trinken – und fühlte, wie es ihr langsam besser ging. Kaum im Bad, stellte Andrea fest, dass ihr Urin pechschwarz gefärbt war. Doch statt Angst zu haben, wiederholte sie die Worte der Oma: „Das Schwarze muss raus…“ In der nächsten Nacht erschien die Oma wieder. – Dir wurde durch eine verrostete Nadel ein Fluch angehängt. Mein Sud gibt dir deine Kraft zurück, aber nicht für lange. Du musst herausfinden, wer das war, und ihm das Böse zurückgeben. Durch die Nadel, die du weggeworfen hast, hätte ich mehr sagen können. Aber… So sollst du es machen: Kauf dir ein Set Nähnadeln, nimm die größte, sprich diesen Spruch über ihr: „Geister der Nacht, späht herbei! Offenbart mir meinen Feind, zeigt mir den Weg…“, und stecke die Nadel in die Tasche deines Mannes. Wer dir den Fluch gebracht hat, wird sich daran stechen. Dann wirst du seinen Namen erfahren und kannst ihm das Böse zurückgeben. Mit diesen Worten verschwand Oma Anna im Nebel. Andrea erwachte. Sie fühlte sich noch schwach, aber sicher, dass sie gesund werden würde – mit Omas Hilfe. Stefan blieb an diesem Tag zu Hause, um sich um sie zu kümmern, war aber verwundert, als Andrea plötzlich sagte, sie müsse alleine zum Einkaufen. „Andrea, das ist doch Unsinn – du kannst kaum auf den Beinen stehen! Lass mich mitkommen.“ „Mach mir bitte eine Suppe. Seit ich diesen Virus habe, habe ich einen Bärenhunger.“ Andrea tat alles wie im Traum, und schon am Abend lag die verzauberte Nadel in Stefans Taschen. Am Abend fragte Stefan: „Schaffst du das wirklich allein? Soll ich noch bleiben?“ „Ich schaffe das.“ Andrea fühlte sich immer besser, aber sie wusste, das Böse war noch nicht ganz aus ihr verschwunden. Doch mit jedem Schluck des Suds wurde es schwächer. Sie wartete auf Stefans Rückkehr nach der Arbeit. An der Tür fragte sie: „Wie war dein Tag?“ „Alles gut – warum fragst du?“ Andrea befürchtete schon, der Täter zeigte sich noch nicht, da erzählte Stefan: „Stell dir vor, heute wollte mir Eva aus dem Nachbarbüro helfen und hat in meine Tasche gegriffen, um meinen Schlüssel zu holen. Sie hat in eine Nadel gegriffen – woher habe ich Nadeln in meiner Tasche? Sie hat mich wütend angesehen…“ „Was ist mit dieser Eva?“ „Andrea, bitte, ich liebe nur dich. Eva, Michaela, völlig uninteressant.“ „War sie auf deiner Geburtstagsfeier? Im Restaurant?“ „Ja, sie ist eine gute Kollegin, nicht mehr.“ Mit diesen Worten erkannte Andrea, wie die alte, rostige Nadel in ihre Tasche gelangt war. Stefan ging in die Küche zum Abendessen. Kaum war Andrea eingeschlafen, erschien ihr wieder die Oma und erklärte ihr, wie sie Eva das Böse zurückgeben konnte. Plötzlich war alles klar: Eva hatte versucht, mit Magie ihre Konkurrentin auszuschalten und Stefans Platz an Andreas Seite zu besetzen – wenn es mit einem Fluch nicht klappen sollte, wäre es wieder Magie. Diese Frau würde nicht locker lassen. Andrea tat, wie ihr geheißen. Schon wenig später berichtete Stefan, dass Eva ins Krankenhaus gekommen war. Ihr ginge es sehr schlecht – die Ärzte waren ratlos. Andrea bat ihren Mann, sie am Wochenende ins Dorf zu fahren, wo Oma Anna gelebt hatte, zum Friedhof. Sie hatte den Ort seit der Beerdigung nicht mehr besucht. Sie kaufte einen großen Blumenstrauß, nahm Gartenhandschuhe mit, um das Grab zu pflegen. Sie fand das Grab der Oma nur mit Mühe. Als sie davorstand, entdeckte sie das Foto auf dem Grabstein – genau das Gesicht, das ihr im Traum erschienen war, genau die Frau, die sie gerettet hatte. Andrea machte das Grab sauber, stellte die Blumen hin, setzte sich auf die Bank und sagte: „Oma, verzeih, dass ich so lange nicht hier war. Ich dachte, wenn die Eltern dich jedes Jahr auf dem Friedhof besuchen, reicht das. Ich lag falsch. Jetzt komme ich auch. Ohne dich wäre ich vielleicht gar nicht mehr da.“ Plötzlich hatte Andrea das Gefühl, dass zwei Hände sanft auf ihren Schultern lagen. Als sie sich umdrehte, war da niemand – nur ein leiser Windhauch…