Ich habe meiner Schwiegermutter nie erzählt, dass ich Richterin bin. Für sie war ich nur eine arbeitslose Nutznießerin. Stunden nach meinem Kaiserschnitt platzte sie ohne Vorwarnung in mein Krankenzimmer und warf mit merkwürdig geknickten Adoptionspapieren um sich, ein hämisches Grinsen auf den Lippen:
Du hast ein Einzelzimmer hier überhaupt nicht verdient! Gib meiner unfruchtbaren Tochter einen von den Zwillingen ab du bist ohnehin überfordert. Ich umklammerte meine Babys, drückte den Notrufknopf. Als die Polizei eintraf, schrie sie, ich sei verrückt. Die Beamten wollten mich bereits fixieren bis der Einsatzleiter mein Gesicht erkannte.
Ich habe meiner Schwiegermutter nie erzählt, dass ich Richterin bin. Für sie war ich eine von ihrem Sohn durchgefütterte Arbeitslose. Nach der Geburt meiner Zwillinge Paul und Lene lag ich unter sanften, flauen Wolken in einem Krankenhauszimmer, das so unwirklich ruhig und teuer war, dass es beinahe wie ein Gemälde wirkte. Überall standen Blumenarrangements aus weißen Tulpen und Lilien, die mir die Generalstaatsanwaltschaft und das Bundesverfassungsgericht geschickt hatten. Ich ließ sie wegräumen, damit niemand im Besuch den Eindruck bekam, ich sei mehr als die brav lächelnde Frau zuhause.
Die Tür wurde aufgerissen wie von Geisterhand. Hinein rauschte meine Schwiegermutter, Frau Schröder, in Pelz und Moschusduft getaucht. Ihre Augen glitten mit eisigem Argwohn durch das Zimmer und blieben an der Zimmernummer hängen, als wäre dies eine Hotelsuite und kein Erholungsraum nach einer Geburt.
Eine exklusive Pflege-Suite?, spottete sie und stieß mit dem Knie mein Bett an, sodass mir die frische Wunde einen stechenden Schmerz sandte. Mein Sohn ackert tief in der Kanzlei und du lässt dich hier auf Seidenkissen betten? Dafür gehst du wirklich in die Geschichte der Schmarotzer ein.
Sie schleuderte zerknitterte Papiere auf den Nachttisch, zwischen Wasserkrug und medizinische Schläuche. Unterzeichne das! Es ist die Abtretung der Sorgerechte. Meine Tochter Clara kann keine Kinder bekommen. Sie braucht wenigstens einen Jungen für das Familienerbe. Du darfst das Mädchen behalten.
Ich war wie versteinert. Was redest du da? Das sind meine Kinder!
So egoistisch wieder!, knurrte sie, griff nach Paul. Ich nehme den jetzt sofort mit. Clara wartet schon im Auto.
Ich stemmte mich, so gut es ging, gegen den Schmerz hoch: Fassen Sie mein Kind nicht an!, schrie ich, während Frau Schröder mir eine Ohrfeige versetzte, sodass meine Gedanken einen Satz in ungekannte Sphären machten und mein Hinterkopf gegen das Gitter des Bettes prallte.
Frech wie Oskar!, brüllte sie, riss Paul aus dem Bettchen, sein Schreien wurde durch den Raum geschleudert wie grelle Farbkleckse. Ich bin die Großmutter, ich bestimme!
In diesem Moment starb etwas Sanftes in mir. Geschmack von Eisen auf der Zunge, griff ich blindlings nach dem roten Knopf: ALARM SICHERHEIT. Sirenen, als ob ein ganzes Orchester entfesselt winkte, tanzten in Begrenztheit und Weite durch meine Wahrnehmung. Der Raum wurde weiter, dunkler, kälter, als vier Sicherheitsleute in übernatürlicher Stille eintrafen. Voran der bullige Herr Wagner, seine Waffe gesenkt.
Hilfe, bitte!, schauspielerte Frau Schröder, ihre Stimme verwandelte sich zu einem jammervollen Schatten. Meine Schwiegertochter ist psychotisch! Sie hat versucht, die Kinder zu erwürgen!
Herr Wagner sah mich an: blutige Lippe, zerzaustes Haar, unfassbarer Blick. Dann wendete er sich zu der Frau im Pelz und seine Hand wanderte zu seinem Taser.
Doch unsere Blicke trafen sich irgendwo weit draußen, jenseits der Wirklichkeit.
Frau Richterin Brandt?, hauchte er in fassungslosem Staunen, ein schneeweißer Schatten zog über sein Gesicht. Sofort nahm er die Kappe ab, bedeutete den Kollegen, ihre Waffen abzulegen.
Sie spinnt!, wimmerte Frau Schröder. Sperrt sie weg! Rettet meine Enkel!
Ich zeigte nur stumm auf die Überwachungskamera an der Decke.
Die Kamera läuft, Herr Wagner?, fragte ich ruhig.
Er starrte, als ob er in ein Märchen gefallen wäre: Die Frau, deren Meinung Causa und Wirkung im Strafrecht geprägt hatte, deren Sicherheitsstufe nur wenigen zugänglich war. Die Müdigkeit wich aus seiner Haltung, Disziplin nahm ihren Platz ein.
Frau Richterin Brandt?, flüsterte er, Ehrfurcht in seiner Stimme mitschwingend.
Frau Schröder ließ mitten im Heulen inne. Ihr Blick, unstet wie fallender Schnee: Wer soll denn das sein? Die heißt Marie! Die ist arbeitslos! Niemand!
Herr Wagner ignorierte sie, trat vor: Ihre Exzellenz, ist alles in Ordnung? Der Notruf wurde ausgelöst. Wird Ihnen von dieser Frau Schaden zugefügt?
Nein, Herr Wagner, ich bin nicht in Ordnung. Diese Frau hat mich geschlagen. Sie hat versucht, mein Kind Paul zu entführen. Und sie belügt gerade die Polizei.
*
Der Teppich im Zimmer hatte das Muster einer Autobahn bei Sonnenuntergang, das Fenster zeigte auf ein nebeliges Frankfurt. Ich lag, gefesselt ans Bett, von Schmerz, von Schwindel. Die Polizisten schienen zu schweben, in Zeitlupe, als der Tag sich ausdehnte, Stunden zu Minuten und Minuten zu Ewigkeit wurden.
Im Surren der Neonlichter gingen Frau Schröders Argumente unter wie Seifenblasen. Sie sehen doch, wie sie aussieht! Sie schlägt um sich, ist hysterisch! Mark bezahlt alles, sie hängt nur herum!
Wagner drehte sich zu ihr, ein eisiger Wechsel in seiner Stimme: Wissen Sie, wen Sie gerade angegriffen haben? Frau Brandt ist Richterin am Oberlandesgericht. Sie haben eine Beamtin des Bundes angegriffen das ist kein Kavaliersdelikt!
Frau Schröder röchelte, der Griff nach Kontrolle glitt ihr buchstäblich aus den Fingern. Sie ist eine arbeitslose Träumerin! Sie lesen Romane den ganzen Tag im Pyjama!
Ich richtete mich auf, trotz Narben und Angst: Ich erledige meine Arbeit im Homeoffice, während andere schlafen. Ich mache Urteile, die das Leben vieler Menschen bestimmen. Mein Gehalt bezahlt nicht nur diese Wohnung, sondern auch jene in der Sie leben und glauben, ihr Sohn allein trage alles.
Ich sah zu Wagner: Führen Sie sie ab. Ich erstatte Anzeige wegen Körperverletzung, versuchter Kindesentführung und falscher Verdächtigung.
Sehr gerne, Frau Richterin, sagte Wagner und zog Plastikfesseln heraus.
Stopp! Mein Sohn ist Anwalt! Das können Sie nicht tun!, kreischte Frau Schröder, während Wagner sie abführte.
*
Als sie hinausgezerrt wurde, der Gang sich in ein bedrohliches Labyrinth verzog, tauchte Mark auf zerzaust, mit verschobener Krawatte, als wäre er gerade aus einem anderen Traum gestolpert.
Mama? Marie? Seine Stimme hallte, jedes Wort tropfte wie Wasser auf Stein. Was passiert? Warum wird meine Mutter verhaftet? Habt ihr euch gestritten?
Sie wollte Paul mitnehmen, Mark. Sie schlug mich, sagte ich, ruhig, als spräche ich im Schlaf.
Mark sah auf seine Schuhe: Ich habe damit nicht gerechnet. Ich habe nur ich habe nichts gesagt. Mama wollte helfen. Vielleicht hätten wir es später regeln können …
Regeln? Indem einer unserer Kinder wie ein Hunde-Welpe verschenkt wird? Meine Stimme war samtig und schwer.
Clara ist doch so traurig, Marie. Und Mama sie wollte niemandem schaden. Mach doch keine Staatsaffäre daraus.
Sie hat unsere Familie angegriffen. Das ist meine Familie. Ich bin Richterin. Und das Gesetz steht über allem.
Mark wagte kaum, mich anzusehen er war schon aus meinem Traum verschwunden, als sein Schatten die Tür durchsickerte, auf dem Weg zurück zu seinen alten Banden, zieht an seiner Mutter, wie ein Kind, das sich in einem Märchen verirrt hat.
*
Sechs Monde später.
Der große Gerichtssaal im Landgericht Frankfurt glänzte wie eine Glaskugel, Stimmen hallten wie ferne Glocken. Ich setzte die schwarze Robe auf meine Schultern, mein Büro voller Bücher, schwerer Uhren, ein Bild von Paul und Lene im Silberrahmen auf dem Schreibtisch. Sarah, meine kluge Protokollführerin, trat ein: Frau Richterin Brandt, das Land Hessen gegen Schröder ist abgeschlossen.
Und?
Schuldig in allen Anklagepunkten Körperverletzung, Gefährdung eines Kindes, versuchte Kindesentführung. Acht Jahre Haft, mindestens vier ohne Bewährung.
Und Mark Schröder?
Sarah blätterte in ihren Papieren: Er hat einen Vergleich angenommen. Seine Zulassung abgegeben, zwei Jahre Bewährung, betreutes Umgangsrecht, einmal monatlich. Er hat geweint am Schluss.
Ich nickte, ein seltsames Zittern im Herzen, als sei ich nur eine Beobachterin in dieser Welt.
Die Fensterscheibe zeigte Frankfurt im Dunst, wie eine Insel aus Licht. Sie hielten mich für schwach, da ich nicht prahlte. Sie dachten, ich hätte keine Macht, weil ich meine Kraft nicht stehen ließ wie einen Festungsturm.
Frau Schröder nannte mich ungeeignet, hat versucht, mein Kind zu nehmen, weil sie Steine mit Macht verwechselt.
Ich nahm den Richterhammer in die Hand, fügte meinen Traum zu Ende: Paul und Lene sicher daheim, bewacht von der Nanny, die ich bezahle, im Häuschen, das ich vor Jahren erworben und auf meinen Namen überschrieben habe.
Ich schlug leicht auf das Holz.
Klock.
Ein leiser Ton. Doch es war das Geräusch einer zugefallenen Türe, einer verebbten Angst und der Beginn meiner eigentlichen Geschichte.




