Hast du etwa Angst, meiner Mutter ein Stück Fleisch zu sparen?
Du hast ja nichts gekauft und auch nicht gekocht.
Mir tut das Leid, Markus. Noch zwei Wochen bis zur Gehaltszahlung und unser Gefrierfach ist leer.
Markus seufzte, stand auf und ging nervös im Zimmer umher.
Du ziehst immer alles auf Geld zurück. Du bist so langweilig geworden, Liselotte. Früher warst du noch lebhaft.
Liselotte rieb ihre müden Augen, schlug die AusgabenTabelle zu die Zahlen passten wieder nicht.
Fünftausend Euro ihr Gehalt. Viertausend Euro ihr Mann. Insgesamt neuntausend. Man könnte denken: Lebe und freue dich, doch
Viertausend Euro flogen jeden Monat in den nie still werdenden Schlund der Baufinanzierung, weitere tausend gingen an den Renovierungskredit, den sie nie fertiggestellt hatten.
Im Flur hingen noch immer verwaiste Elektrokabel, wartend auf die Steckdose, für die nie genug Geld da war.
Liselotte, die Mutter hat angerufen, drang Markus Stimme aus der Küche. Der Bus kommt in einer Stunde.
Liselotte atmete tief durch, schloss den Laptop und schlurfte in die Küche.
Wirst du sie abholen? fragte sie und lehnte sich gegen die Wand.
Natürlich. Und du… mach etwas Hausgemachtes, sagte Markus.
Ihre Mutter klagte, dass ihr Magen vom Fertiggericht protestierte.
Hausgemacht, hallte Liselottes Stimme. Markus, unser Kühlschrank hat nur eine Maus, die vor Hunger hängt.
Deine Eltern haben am Dienstag die Tasche gebracht, erinnerte ihr Mann, während er leeren Tee schlürfte. Dort war das Fleisch.
Liselotte biss sich auf die Lippe.
Ja, die Eltern hatten es gebracht: Schweinefleisch, dreißig Eier, ein Sack Kartoffeln, Gläser mit Essiggurken. Ohne sie wären Liselotte und Markus schon längst verhungert.
Ihre Eltern, simple Landarbeiter, unterstützten das junge Paar, weil die Baufinanzierung in einer Großstadt wie Berlin eine echte Qual war.
Doch Markus Mutter, Margarete, glaubte, sie müsse helfen.
Ich wollte das Fleisch auf zwei Wochen strecken, murmelte Liselotte. Frikadellen und Gulasch vorbereiten.
Margarete kommt selten, lass uns nicht knausern, erwiderte Markus mit dem Blick eines erschöpften Hundes. Sie ist 58, alt und braucht Zuwendung.
Alt, schnappte Liselotte innerlich. Ihre eigene Mutter war im gleichen Alter und jonglierte Arbeit in der Grundschule, Betreuung der Enkel und den Haushalt.
Margarete, ebenfalls 58, saß oft erschöpft vor dem Fernseher in ihrem Dorf, wo nur die Hauskatze Mieze ihr Gesellschaft leistete.
In Ordnung, seufzte Liselotte. Ich koche Kohlsoße und mache Gulasch.
Markus strahlte, küsste sie auf die Wange und rannte zum Anziehen.
***
Markus ging, und Liselotte holte das kostbare Paket aus dem Gefrierschrank.
Ein Stück Schweinebraten am Knochen, schwer und saftig.
Sie legte das Fleisch auf das Schneidebrett, schnitt das Fleisch vom Knochen ab das sollte ins Gulasch.
Die Knochenstücke mit Restfleisch kamen in einen kräftigen Sud.
Während der Sud aufkochte, schälte Liselotte die Kartoffeln. Ihre Gedanken kreisten um Geld. Die Stiefel waren abgenutzt, die Reißverschlüsse klemmen, neue Schuhe würden mindestens fünfhundert Euro kosten.
Wieder musste der Zahnarztbesuch verschoben werden, obwohl der Zahn bei Kälte schmerzte.
Zum Glück arbeite ich von zu Hause, tröstete sie sich, während sie den Kohl hackte. Spart Weg- und Kantinenkosten.
Mit zweiundzwanzig fühlte sich Liselotte wie ein eingekesseltes Pferd.
Freundinnen posteten Fotos aus Clubs, am Meer, prahlten mit Designerkleidern, während Liselotte nur den Zahlungsplan am Kühlschrank und endlose Schnäppchenjagden bei Lidl sah.
Ein Schloss klickte.
Da seid ihr ja!, dröhnte Margaretes Stimme, die kleine Diele erfüllte.
Liselotte trocknete sich die Hände an einem Handtuch und ging zum Flur.
Margarete, eine rundliche Frau mit knallig geschminkten Lippen und Dauerwelle, ließ den Mantel auf Markus Schultern fallen.
Ach, die Reise hat mich ganz durchgeschüttelt!, jammerte sie, ohne Liselotte anzusehen. Der Fahrer war ein Rüpel, die Heizung aus, der Wind blies uns die Schuhe vom Fuß
Guten Tag, Liselotte. Du siehst blass aus. Hast du keinen Makeup?
Guten Tag, Frau Margarete. Ich arbeite von zu Hause, wofür soll ich mich schminken?
Ach, fang nicht erst an, winkte sie ab, trat barfuß in die Wohnung. Setz dich, trink etwas vom Weg.
Bitte waschen Sie sich die Hände, bat Liselotte höflich, aber bestimmt. Und ziehen Sie Ihre Schuhe aus. Ich richte das Essen an.
Die Küche wurde eng. Margarete nahm die halbe Fläche ein, setzte sich auf das Fensterbrett.
Markus reichte ihr ein Kissen für den Rücken.
Riecht nach Essen, schnupperte Margarete. Kohlsuppe?
Ja, nickte Liselotte, während sie die Suppe aufteilte.
Sie gab Markus einen großen Löffel Brühe, für sich selbst nur die klare Suppe, ohne Fleischstücke.
Margarete, als Gast, schnappte sich die saftigsten Knochenstücke, die Liselotte für sich selbst als Leckerbissen behalten hatte.
Bitte essen Sie, solange es heiß ist, stellte Liselotte die Schale vor die Schwiegermutter.
Margarete nahm den Löffel, rührte die Suppe um. Ihr Gesicht verzog sich. Die Augenbrauen hoben sich, die Lippen verengten sich zu einer dünnen Linie.
Sie hob mit der Löffelspitze einen großen Knochen, an dem ein saftiges Stück Fleisch hing, und hielt ihn über die Schale.
Was ist das? fragte sie mit eisiger Stimme.
Nur Knochen, antwortete Liselotte naiv und brach ein Stück Brot ab. Das beste Fleisch ist darin, ganz weich.
Knochen?!, schrie Margarete. Du hast mir Knochen serviert?
Markus erstarrte mit dem Löffel im Mund. Liselotte blinzelte verwirrt.
Margarete, da ist Fleisch dran. Ich habe extra die besten Stücke genommen.
Beste Stücke?!, kreischte sie. Willst du mich etwa für einen Straßenhund halten? Du isst das Fleisch selbst, und für mich gibts nur Abschnitte!
Abschnitte?, Liselottes Lippen zitterten. Ich habe doch gar kein Fleisch serviert! Sehen Sie selbst!
Doch Margarete sah nicht hin. Sie packte die Schale, schritt entschlossen zum Bad.
Mama, was machst du?, rief Markus panisch, doch er kam zu spät.
Der Deckel der Toilette schlug zu, das Wasser spülte das zweistündige Werk von Liselotte und das Geschenk ihrer Eltern hinweg.
Margarete kam zurück, stand vor dem Mülleimer, öffnete den Schrank und wirft den Knochen mit einer Verachtung, die fast schon einen Stich hinterließ, hinein.
Damit ich in diesem Haus nie wieder meine Knochen esse, zischte sie. Markus, wen hast du hier reingebracht? Eine ungezogene Landstochter ohne Respekt.
Liselotte klammerte sich an den Tischrand. Markus blickte ratlos zwischen Mutter und Frau hin und her.
Ich bin kein Hund, flüsterte Liselotte. Und ihr seid es nicht. Das waren gute Lebensmittel, meine Eltern haben sie geschenkt.
Ach, Geschenke! Dann iss du deine Knochen selbst!, brüllte Margarete. Gibt es hier überhaupt normales Essen oder soll ich hungrig bleiben?
Liselotte stand auf, wollte schreien, die Frau hinauswerfen, etwas Schweres nach ihr werfen, doch die Erziehung und die unsichtbare Zivilisation, in die ihre Eltern sie gehüllt hatten, hielten sie zurück.
Wir haben Nudeln mit Gulasch!
Sie ging zum Herd, nahm die Pfanne mit dem Gulasch und den Topf mit den Nudeln und stellte beides auf den Tisch.
Bedient euch selbst. Ich habe Angst, wieder zu enttäuschen.
Liselotte verließ die Küche, kroch in die Ecke des Sofas, das zugleich ihr Schlafzimmer war, und ließ den Fernseher laufen, um das Geschrei zu dämpfen.
Doch das Lärmen drang durch die Wände.
Das Mädchen ist völlig aus dem Häuschen, brummte Margarete, während sie das Geschirr klirrte. Ich bin hier, um zu helfen, und sie Knochen!
Hast du das gesehen, Markus? Das ist doch ein Schlag ins Gesicht!
Mama, sie meint es nicht böse, murmelte Markus, kaum überzeugend. Sie dachte, es wäre besser so.
Was sie denn mögen! Wir sind kultivierte Menschen, nicht im Stall wie manche!
Ein Klirren, als der Pfannendeckel aufsetzte.
Ach, das ist besser, änderte Margarete den Ton, fast milde. Fleisch, also
Liselotte hielt es nicht mehr aus. Sie schlich zur Küchentür, spähte durch den Spalt.
Margarete wühlte mit dem Löffel im Gulasch, schaufelte Stück für Stück das Fleisch heraus, legte sich einen großen Haufen in die Schale, ließ nur dünne Sauce und ein paar karge Nudelstücke zurück.
Nudeln sind leer, kommentierte sie, Mund voll. Hättest du etwas Butter rein tun sollen. Du sparst am liebsten, mein Sohn.
Liselotte sah, wie das Gulasch für zwei Tage ausgelegt war ein einundhalb Kilo reines Fleisch!
Sie sank auf das Sofa, drückte das Gesicht in das Kissen und weinte leise. Zehn Minuten später trat Markus ein.
Liselotte begann er vorsichtig.
Sie hob den Kopf.
Was?
Warum bist du so traurig? Mama ist nur müde von der Fahrt, nervös sie ist doch schon alt.
Sie hat die Suppe in die Toilette gespült, Markus. Die Suppe, die ich zwei Stunden gekocht habe, aus dem Fleisch, das meine Eltern gebracht haben!
Sie war übermütig. Das ist ihr Wesen, sagte Markus und setzte sich neben sie, versuchte ihre Hand zu ergreifen. Liselotte zog die Hand zurück. Sie hat zwar gegessen, aber ist immer noch verärgert. Ihr Blutdruck steigt vor Ärger.
Von Ärger?, schnitt Liselotte bitter. Dass sie das Essen, das für zwei Tage gedacht war, verschwendet hat, erhöht ihr Blutdruck nicht?
Liselotte!, schnauzte Markus. Warum sagst du das so grob?
Sie aß weiter. Der Hunger kehrte zurück.
Mir fehlt das Recht, meiner Mutter ein Stück Fleisch zu sparen?
Dir fehlt es nicht. Du hast es nicht gekauft und nicht zubereitet.
Und mir tut es leid, Markus. Noch zwei Wochen bis zur Gehaltszahlung, und unser Tiefkühlfach ist leer.
Markus seufzte, stand auf und ging nervös im Raum umher.
Du machst immer alles zu Geld, Liselotte. Du bist langweilig geworden, kleinlich. Früher warst du nicht so.
Früher haben wir nicht viertausend Euro für deine Baufinanzierung bezahlt, konterte sie.
Markus zuckte mit der Wange.
Also, Mama weint. Sie muss frische Luft schnappen. Sie sagt, ich hätte sie vergessen, dass es mit der Schwiegertochter nicht läuft
Dann lass sie nach Hause fahren, schnaufte Liselotte.
Das geht nicht, Liselotte! Ich bringe sie jetzt ins Café, gleich da neu eröffnet, ein griechisches. Wir essen Gyros, sie beruhigt sich. Kommst du mit?
Liselotte blickte Markus an, als wäre er ein Außerirdischer.
Ins Café? Wir haben nur dreitausend Euro bis zum nächsten Gehalt. Welches Café?
Ich habe meine Kreditkarte, winkte er ab. Ein paar Euro mehr, und Mama lächelt. Also, kommst du?
Ich gehe nicht, sagte Liselotte, wandte sich zur Wand. Ich bin satt.
Wie du willst. Dein Problem.
Markus und seine kostbare Mutter verschwanden nach fünf Minuten. Liselotte stand vom Sofa auf, wählte die Nummer ihrer Eltern. Sie wollte sagen, dass sie zurück nach Hause geht und den Mann verlässt.
Genug war genug die Eskapade der Schwiegermutter war der letzte Tropfen.
Eine Banknachricht blinkte auf: Für das Mittagessen der lieben Mutter hat Markus fast sechstausend Euro ausgegeben.





