Weil ich damals meine Familie für einen anderen Mann verlassen habe und so unsere Ehe zerbrach, war es für Hermann selbstverständlich, dass ich ihm seinen Kummer ersetzen musste. Er ließ mich unseren Sohn, Jonas, nicht mitnehmen und Jonas wollte sowieso lieber bei seinem Vater bleiben. So sehr mich das auch schmerzte, ich konnte ihn nicht überreden und schon gar nicht gegen seinen Willen nehmen. Die Angelegenheit wurde rasch geregelt: Sie ließen mich gehen, und im Gegenzug schickte ich ein- bis zweimal im Monat Geld. Mein Ex-Mann hatte zu der Zeit noch Arbeit und verdiente nicht schlecht, doch als er bemerkte, dass ich und mein neuer Mann, Paul, genug Geld hatten und Paul sogar freiwillig etwas für Jonas beisteuerte, damit er auf nichts verzichten musste, kündigte Hermann seine Arbeitsstelle und lebte fortan von unserem Geld.
Als Jonas älter wurde, verwöhnte ihn sein Vater maßlos er bestellte das Essen ständig bei den besten Gasthäusern, ließ Jonas die Schule schwänzen, wann er wollte, fuhr mit ihm zu teuren Ausflügen in die Alpen und kaufte ihm allerlei kostspielige Haushaltsgeräte. Im Verlauf der Jahre entwickelte mein Sohn eine gewisse Gleichgültigkeit und sah mich immer seltener. Es schien, als sei alles, was ich für ihn tat oder kaufte, nie gut genug Vati übertrumpfte alles, selbst wenn mein Geld dahintersteckte. Mit elf Jahren hatte Jonas noch nie darüber nachgedacht, wie es sein konnte, dass sein Vater so wohlhabend war, obwohl er nie arbeitete.
Paul, mein jetziger Mann, meinte eines Tages, dass wir vielleicht zu großzügig mit dem Geld seien. Als wir dann an Jonas Zukunft dachten, beschlossen wir, lieber für sein Studium zu sparen, anstatt sein Vater weiterhin das Geld verprassen zu lassen. Ich setzte mich mit meinem Ex-Mann zusammen und erklärte ihm, dass ich sie lange genug finanziell versorgt hätte und nun er die Ausgaben übernehmen müsse ich wolle Jonas Zukunft sichern. Daraufhin hielt er mir einen Vortrag darüber, was für eine schlechte Mutter und Ehefrau ich gewesen war und drohte, mich vor Gericht auf Unterhalt zu verklagen, da ich ihm angeblich nie Geld gegeben hätte.
Ich holte mir Rat bei Anwälten ein, die mir erklärten, ich solle auf seine Drohungen nicht eingehen Hermann hätte keine Chance, schließlich habe er seit Jahren keinen festen Beruf und lebt allein von meinem Geld. Und doch habe ich das Gefühl, dass ich schlussendlich diejenige bin, die verliert. Denn heute hasst mein Sohn mich nur noch mehr er glaubt, ich wolle seinem Vater nicht helfen.



