Ich war 30 Jahre alt, als mein Vater zu Gott ging. Heute bin ich 32 und unser letztes Gespräch tut immer noch weh, als wäre es gestern gewesen. Ich war immer das „schwierige Kind“ – fing vieles an und brachte selten etwas zu Ende.

Ich war gerade 30, als mein Vater sich auf den Weg zu den Sternen machte.
Jetzt bin ich 32, und unser letzter Gespräch brennt immer noch, als wäre es gestern gewesen.
Ich war immer das Sorgenkind Typ Aufbruch, aber selten Ankunft.
Ich habe drei verschiedene Studiengänge in drei verschiedenen deutschen Universitäten angefangen: Erst Jura in Heidelberg, dann Philosophie in Berlin, zuletzt Informatik in München.
Vom zweiten Semester war Jura mir einfach zu trocken, Philosophie verließ ich im vierten, weil die Kneipen spannender waren und Informatik?
Da war ich schon vor Weihnachten raus.
Während meine beiden Schwestern Theresa und Brigitte fleißig ihre Abschlüsse machten, im Anzug vor Vorstellungsgesprächen standen und Lebensläufe aktualisierten, bin ich von einer Idee zur nächsten gesprungen, stets überzeugt, dass meine Berufung noch kommt.
Die ganze Familie hat das bemerkt aber für meinen Vater wars ein Herzensangelegenheit.
Karl war nicht nur mein Vater, er war mein Komplize.
Wir haben Billard gespielt, Bundesliga live geguckt, am Wochenende Bier in der Stammkneipe getrunken oder auf Grillfesten mit seinen Freunden angestoßen.
Während meine Schwestern Listen und Ziele und Regeln hatten, hat er mir gesagt: Du bist ein Mann das Leben lehrt dich schon. Ich durfte meinen Weg gehen, ohne strenge Regeln oder Erwartungsdruck.
Im Nachhinein nicht unbedingt die beste Strategie.
Ich konnte nie an etwas festhalten: weder Studium, noch Job, noch eine halbwegs geregelte Routine.
Drei Monate bevor er ging, hatten wir den schwersten Dialog meines Lebens.
Wir saßen im Garten, er rauchte, ich daddelte am Handy.
Er bat mich, es wegzulegen.
Dann sagte er: Johannes, ich bin nicht enttäuscht von dir, ich bin enttäuscht von mir.
Ich habe dich falsch erzogen.
Zu behütet.
Ich hab dir die Schwierigkeiten erspart.
Damit hab ich dich schwach gemacht. Ich schwieg, die Augen brannten, aber Tränen kamen keine.
Wollte was Starkes erwidern, aber raus kam nur: Ich werde mich ändern. Er antwortete nicht, starrte auf den Rasen.
Drei Monate später, an einem ganz gewöhnlichen Morgen, geht er ins Bad zum Zähneputzen und kippt einfach um.
Es ging viel zu schnell.
Kein Abschied.
Kein Krankenhaus.
Keine letzten Worte.
Ich habe nicht nur meinen Vater verloren, sondern auch den einzigen Menschen, der noch daran glaubte, dass ichs packen kann selbst wenn er langsam die Geduld verlor.
Nach der Beerdigung in Bremen stieg in mir eine stille Wut auf.
Ich hörte auf mit Biernächten, ließ die Clubs links liegen, hörte auf, Zeit zu vergeuden.
Meldete mich noch einmal fürs Studium an diesmal Jura, einfach, weil ich mir was beweisen musste.
Aufstehen um fünf, Nebenjob als Paketfahrer, abends lernen.
Es gibt Tage, da fehlt mir selbst der Hunger aber ich ziehe durch.
Jede bestandene Prüfung ist wie ein Triumph für ihn.
Nach jedem Schein denke ich: Siehst du, ich kanns.
Zwei Jahre sind vergangen.
Ich mache Fortschritte.
Kein Semester geht verloren, keine Vorlesung wird ausgebüxt, keine Ausreden mehr.
Meine Schwestern schauen mich anders an jemand, von dem niemand wusste, dass er aus dem Quark kommt.
Meine Mutter meint, Papa wäre stolz.
Ob er wirklich stolz wäre?
Wer weiß.
Aber wenigstens hätte er nicht das Gefühl gehabt, dass alles daneben ging.
Das Schwierigste ist nicht das Lernen.
Nicht Arbeit, nicht Müdigkeit.
Das Schwierigste ist, dass ich ihn nicht anrufen kann, ihm nicht berichten kann, dass ich die schwere Prüfung geschafft habe, dass ich endlich mal was richtig mache.
Er war mein Abenteuer-Partner hat mir beigebracht, keine Angst zu haben, aber so ganz ohne Struktur zu leben.
Jetzt darf ich selbst einen Bauplan schreiben.
Manchmal, wenn ich spät mit dem Rucksack voller Gesetzesbücher heimkomme, setze ich mich aufs Bett und schaue das Foto von uns beiden an auf einem Spaziergang, mit Bierflaschen und verschmitzten Grinsen.
Dann denke ich: Alter, ich habs dir erst nach deinem Abgang gezeigt.
Aber du lagst nicht komplett falsch mit mir.
Ich will die beste Version von mir werden für ihn.
Und ich hoffe, das klappt noch.

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Homy
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Ich war 30 Jahre alt, als mein Vater zu Gott ging. Heute bin ich 32 und unser letztes Gespräch tut immer noch weh, als wäre es gestern gewesen. Ich war immer das „schwierige Kind“ – fing vieles an und brachte selten etwas zu Ende.
Ich habe drei Monate lang gespart, um meinem Sohn die ganze Welt zu schenken. Doch dann fand ich sein Einmachglas – und das brachte mich auf eine Weise zum Weinen, wie es selbst 80-Stunden-Arbeitswochen nie geschafft hätten.