Mama, ich bin 35 Jahre alt. Solange ich mit dir unter einem Dach lebe, werde ich nicht heiraten. Pack deine Sachen und zieh aus.

Vor drei Monaten hat sich mein Leben, völlig unerwartet für mich, grundlegend verändert. Ich hatte scheinbar alles: einen wunderbaren Ehemann, eine Tochter, einen Hund. Und dann, eines Tages, erzählte mir mein Mann, dass er eine andere kennengelernt hat und mich meinetwegen verlässt. Ich konnte daran nichts ändern, also blieb mir nur, es so zu akzeptieren, wie es war.

Mir war sofort klar, wie schwer das alles wird. Ich müsste nun alleine für meinen Lebensunterhalt sorgen und auch meine Tochter versorgen das war mit meinem geringen Gehalt nicht einfach. Eines Abends, Ende November, nachdem ich meine Tochter ins Bett gebracht hatte und mit unserem Hund, einem Dackel namens Fritz, eine Runde durch das verregnete und eiskalte München lief, begegnete ich einer älteren Dame.

Sie saß allein auf einer Bank im Park, der Wind fegte durch die noch kahlen Kastanien. Neben ihr stand eine Reisetasche. Man sah ihr deutlich an, wie sehr sie fror. Also ging ich auf sie zu und fragte, ob ich etwas für sie tun könne.

Sie sah mich müde an und erzählte leise, dass sie aus ihrer Wohnung geworfen worden sei. Es tat mir schrecklich leid, dass eine so alte Frau so etwas erleben muss. Also lud ich sie kurzerhand zu mir nach Hause ein. Dort habe ich ihr sofort eine warme Daunendecke gereicht, eine große Tasse Kamillentee gemacht und etwas Brot mit Käse aufgetischt.

Sie stellte sich mir als Barbara vor. Rasch spürte ich, dass sie ihre Geschichte loswerden wollte.

Barbara erzählte, sie habe ihre Tochter allein großgezogen, nachdem ihr Mann früh verstorben war. Sie hatte hart gearbeitet, um ihrer Tochter ein gutes Leben zu ermöglichen. Doch vermutlich, weil Barbara ständig arbeiten musste, fehlte die gewohnte Nähe ihre Tochter wuchs undankbar heran, schien jegliche Mühe der Mutter kaum wertzuschätzen.

Barbaras Tochter hatte nie gearbeitet, lebte jahrelang von Barbaras kleiner Rente. Nun, mit 35 Jahren, machte sie ihrer Mutter schwere Vorwürfe: Sie habe ihretwegen ihr eigenes Leben nicht gestalten können in einer engen Einzimmerwohnung hätte sie nie jemanden kennenlernen und heiraten können. Also hieß es, Barbara solle ihre Sachen packen und zu Verwandten aufs Land nach Niederbayern ziehen. Die Tochter wolle endlich alleine leben.

An diesem Abend konnte ich Barbara unmöglich alleine lassen, also bot ich ihr mein Sofa zum Übernachten an.

Am Morgen wollte sie sich auf den Weg machen, doch ich schlug ihr vor, noch zu bleiben ich vertraute dieser Frau vom ersten Moment an. Während ich zur Arbeit ging, kümmerte sich Barbara liebevoll um meine Tochter und machte mit Fritz ausgedehnte Spaziergänge. Sie nahm meine Bitte gerne an.

Später erfuhr ich, dass Barbara selbst ein kleines Haus draußen im Bayerischen Wald besaß, ihre alte Datsche allerdings ohne Heizung. Wir wuchsen zusammen, sie wurde für mich zu einer Art Mutterersatz. Meine Tochter schloss sie sofort ins Herz, nannte sie Oma und behandelte sie wie eine echte Großmutter.

Irgendwann fuhren wir gemeinsam zu Barbaras Datsche hinaus. Es war wundervoll dort: Umgeben von dichtem Fichtenwald mit einem klaren See in der Nähe. Die gepflegte, gemütliche Hütte spiegelte wider, mit wie viel Herzblut Barbara alles gemacht hatte.

Wir genossen die gemeinsame Zeit bis eines Tages der Nachbar auf einen Kaffee vorbeikam. Nachdem er Barbaras Geschichte gehört hatte, versprach er, dass die Dorfbewohner ihr eine vernünftige Holzofenheizung einbauen würden, sodass die kleine Hütte wieder warm und bewohnbar sein würde.

Wir hatten das Glück, uns in einer schweren Zeit zu begegnen. Barbara hat bei uns ein neues Zuhause gefunden, wir haben sie in unser Leben aufgenommen. Sie half uns im Alltag und im Sommer fuhren wir gemeinsam hinaus ins Grüne. Sie sagte sofort ja.

So haben sowohl Barbara als auch ich eine Familie verloren, aber auch eine neue gefunden. Heute sind wir wirklich glücklich und das Leben zeigt sich manchmal doch von seiner freundlichsten Seite.

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Homy
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