Mit neununddreißig Jahren liege ich nachts in meinem Berliner Altbau, während die Straßenlaternen durch die Fensterscheiben Traumlichter werfen, und zum ersten Mal gestehe ich mir eine Wahrheit ein, deren Klang in der Stille fast unwirklich ist: Ich bedaure, kinderlos geblieben zu sein. Nicht, weil ich nie Mutter sein wollte, sondern weil ich immer auf den richtigen Moment und den richtigen Mann wartete. Mehr als fünfzehn Jahre bewegten sich meine Beziehungen wie Figuren im Nebel, mit dem Gedanken, dass ein Kind nur dann geboren werden sollte, wenn alles stimmt. So ließ ich die Zeit fließen wie die Spree an einem silbernen Morgen.
Die erste große Liebe begann, als ich zweiundzwanzig war. Fast fünf Jahre lang teilten wir ein Leben eine Wohnung in Hamburg, Gespräche über Hochzeit, Zukunft, Familie. Aber wenn das Thema Kinder am Tisch erschien, verschob er es wie ein Spielstein. Er wollte zuerst Sicherheit, Reisen, Ersparnisse, das Leben genießen, sagte er. Ich passte mich an, sagte mir, ich hätte Zeit wie Sand im Uhrglas. Nach dem Ende der Beziehung, als sich unsere Wege im Regen trennten, flüsterte ich mir zu, dass ein Kind in einer brüchigen Liebe besser nicht geboren würde.
Später heiratete ich. Mit neunundzwanzig schien der Moment gekommen. Doch der Bund dauerte weniger als drei Jahre; ich entdeckte Untreue, verborgene Schulden, Lügen alles wirkte wie ein absurdes Theaterstück. Ich ging ohne Kind, ohne Verantwortung, fühlte mich frei, und doch war da eine Leere wie ein Echo in einer Kirche. Auch diesmal redete ich mir ein, richtig gehandelt zu haben, keine Mutter eines Mannes zu werden, der nicht verdient.
Mit dreiunddreißig begann die nächste ernsthafte Beziehung. Er wollte Kinder, aber keine Verpflichtungen ich solle mich seinem Rhythmus, seiner Ordnung unterwerfen, seiner Art zu leben. Als ich Familie wirklich ansprach, meinte er: Wenn die Beziehung reif ist. Ich zog mich zurück wie ein Schatten, überzeugt, wieder kluge Entscheidungen getroffen zu haben.
Heute, mit neununddreißig, habe ich keine Kinder. Kein Partner, der bei mir wohnt. Ich habe einen sicheren Job, Unabhängigkeit, ein eigenes Zuhause im Münchner Viertel und dennoch gibt es Abende, da lege ich meine Handtasche auf das grüne Sofa und die Stille ist schwer wie schwarzer Samt. Dann höre ich die Stimmen von Freundinnen, ein Traumgespräch am Küchentisch: Sie diskutieren Schulen, Hausaufgaben, Impfungen, pubertäre Sorgen, und obwohl ich weiß, wie schwierig das alles ist, sehe ich, dass ihnen etwas geschenkt wurde, das mir fehlt jemand, der sie Mama nennt.
Jetzt denke ich an etwas, das ich mir bisher nie erlaubte: Ich hätte Mutter werden können, auch ohne Mann, eine einsame Mutter vielleicht, eine Familie auf eigene Weise bauen. Ich hätte meinen eigenen Weg gehen können und nicht nur auf den Traum vom perfekten Paar warten dürfen. Doch ich war so darauf fixiert, alles exakt richtig zu machen, dass ich am Ende gar nichts tat.





