Mein Bruder rief mich an und erzählte, dass unsere betagten Eltern Streit hatten, doch am meisten schockierte mich seine Lösung für das Problem.

Margarete ist sechzig Jahre alt. Sie hat zwei Kinder und lebt mit ihrem Ehemann in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Bremen. Aber das stimmt so nicht ganz, denn sie lebt nicht mit ihm vielmehr erträgt sie ihn schon seit vielen Jahren stillschweigend. Sein Charakter ist schwer erträglich: Ein narzisstischer, stolzer Mann, mit Ecken aus Eis und stolzen Bewegungen, alles zu Hause muss immer nach seinem Willen sein. Margarete hat aus diesem Grund vieles hingenommen, schweigend Tag um Tag.

Sie haben zwei Kinder: Die Tochter, Wilhelmine, ist seit zwölf Jahren verheiratet, mit Johannes. Zusammen haben sie einen Kredit bei der Sparkasse aufgenommen, und es ist gut, dass sie ihn jetzt langsam abbezahlen. Jeder Cent Weihnachtsgeld und jedes Urlaubsgeld landen direkt auf dem Kreditkonto.

Beide arbeiten schaffen es trotzdem, den Kredit zu bedienen, die Kinder ordentlich einzukleiden, sie zu erziehen und ins Schwimmbad zu bringen. Wilhelmines Bruder, Lothar, wohnt besser als seine Schwester. Mehrere Wohnungen in Hamburg, ein eigenartiges Häuschen draußen im Alten Land, wo der Apfelblütenduft nicht den Schlaf bringt, sondern Fragen. Eines Nachts ruft er Wilhelmine an, aus einer Wohnung mit zu viel Licht: Mama und Papa lassen sich scheiden. Von Mama aus, verstehst du? Die haben die Wohnung schon verkauft, das Geld aufgeteilt. Ich hab Papa versprochen, mich um ihn zu kümmern und zu dir hab ich gesagt, du sorgst für Mama. Wie meinst du das, Lothar? Wo soll sie denn hin? Unsere Zwei-Zimmer-Wohnung, zwei Kinder, alles zu eng, kein Platz für Träume oder Gäste Wo soll sie schlafen?, Wilhelmine schwimmt in Verwunderung. Soll ich das jetzt für dich lösen? Willst du etwa deine eigene Mutter auf der Straße stehen lassen?, antwortet Lothar mit Stimmen, die nicht seine sind. Und ganz ehrlich, Johannes wird von der Idee auch nicht begeistert sein, gibt Wilhelmine kleinlaut zu. Das ist dann deine Sache, murmelt Lothar und das Gespräch verlischt im Summen des Telefons.

Lothar hatte längst für den Vater ein kleines Apartment in Altona hergerichtet, neutral und kühl wie ein Büro. Kein Nachdenken mehr nötig. Wilhelmine entschließt sich schließlich, bei der Sparkasse für die Mutter einen Kredit zu beantragen. Seltsam traumverloren die Bitte wird genehmigt, wie von Geistern beschlossen. Die Eigentumswohnung läuft auf Wilhelmines Namen, das Startkapital ist das, was aus Margaretes altem Zuhause stammt. Und wieder heißt es: arbeiten, Laufmeter für Laufmeter, immer gegen den Strom der Raten.

Johannes kann die Entscheidung seiner Frau nicht wirklich annehmen. Manchmal geht er schweigsam durch die Wohnung als streife Nebel durch seine Gedanken. In dem Alter trennt man sich nicht mehr, sagt er und nestelt an einer Zeitung. Am Ende liegt alles auf den Schultern der Kinder. Das ist doch nicht gerecht… Stimmen aus einem Traum, flüsternd und verloren aber was ist schon gerecht, wenn das Leben selbst träumt?

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Homy
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Mein Bruder rief mich an und erzählte, dass unsere betagten Eltern Streit hatten, doch am meisten schockierte mich seine Lösung für das Problem.
Bei Tante Lotte.