Bei Tante Lotte.

Bei Tante Helga.

Helga Arndt setzte sich erst einmal, um nach ihrer Shopping-Runde zu verschnaufen du kennst das ja, man geht eigentlich nur für ein kleines Bäckerbrötchen los, und plötzlich schleppt man alles Mögliche nach Hause, gute fünf Kilo, zum Glück hatte sie die Stofftasche dabei. Kaum in ihrem alten, niedrigen Omasessel auf den sieben Beinen angekommen ja, dieser Sessel hält wirklich alles aus! massierte sie sich kurz die Knie, streckte die Beine aus, lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Jetzt ein Powernap nur fünf Minuten dachte sie, aber die alten Wanduhr ein Erbstück von ihrer Mutter ließ den Kuckuck raus. Und wie der loslegte! Mit heiserem Quaken und wippendem Köpfchen verkündete er, dass der neue Stundenbeginn eigentlich schon wieder alt war und die Zeit keinen Mittagsschlaf kennt.

Ach was, du Holzstück! Hast mich erschreckt. Ich häng dich gleich in den Keller! schimpfte Helga, ballte die Faust Richtung Uhr und der vorwitzige Kuckuck verschwand prompt wieder hinter der Türe. Stimmt ja! Bald kommt die Franzi, und ich lümmel hier herum wie ein fauler Kater!

Ganz automatisch trugen ihre Beine sie in die Küche, ihre Hände griffen den Oster-Schürzer mit bunten Eiern, Kerzen und Weidenkätzchen von dem Micky Maus-Haken. Schnell einen Knoten hinten gebunden, zwackte der hübsch noch die Figur an auch wenn Heiligabend-Schürze im November ein bisschen schräg wirkt, Hauptsache praktisch. Handtücher mit Weihnachtsbäumen und Äffchen hingen noch aus dem letzten Jahr herum. Und die Topflappen? Ein liebevoller Gruß zum Frauentag. Die Küche war eh wie aus dem Paris, Paris-Magazin, hell und leicht, auch wenn in ihrer Münchner Altbauwohnung halt wenig Platz für Erker und Rundbögen war. Trotzdem wars nach dem letzten Umbau einfach wunderschön geworden das war ganz Franzis Idee, sie hat Helga durch sämtliche Möbelhäuser gescheucht und Kataloge geblättert Daran denkt Helga bis heute mit leichtem Schaudern zurück, so ein Chaos!

Tja, und jetzt stehen da plötzlich Geschirrtücher mit Hähnchen-Motiven, ein bisschen Bauernmalerei auf den Untersetzern und die Lavendelväschen sind weg, dafür stehen die alten Salzstreuer wieder auf dem Tisch.

Wirklich wieder ein bunter Mix! meckerte Franzi immer, wenn sie zu Besuch kam.

Ach, lass die Oma mal! winkte Helga lachend ab.

Franzi mochte den Besuch bei Tante Helga in der Kindheit schon total gern. Egal ob wegen ihrer Herzlichkeit oder den pfiffigen Grübchen, oder den flinken Händen, die die besten Himbeer-Kraut-Piroggen bäckt Franzis absolutes Lieblingsessen. Ja, und irgendwie verbindet die beiden so ein tiefer Faden, der immer hält, ob gespannt aus Sehnsucht oder zusammengerollt wie ein Kätzchen zu Franzis Pantoffeln.

Also, Suppe, Helga beugt sich in den Kühlschrank. Haben wir. Frikadellen brate ich jetzt noch frisch, Salat schnippeln wir noch zusammen. Das schaffen wir alles locker!

Helga, wie schon ihre Mutter, tischte immer ordentlich auf. So jemand, bei der du nie satt nach Hause gehst: Na, iss doch noch was! Hast ja kaum gegessen! Möchtest du ein Nachschlag? Das kommt wohl noch aus den Nachkriegsjahren, alss am Tisch nie so richtig viel gab. Da wurde gegessen, was da war, jeder Krümel verputzt. Helga hat sich das später abgewöhnt, als sie selbstständig war und öfter ins Café eingeladen wurde.

Franzi hatte schon ihre kleinen Tricks, Helgas ununterbrochenes Bewirten zu umgehen, aber Helga schaffte trotzdem immer ein richtiges Festmahl

Der Türgong unterbrach das rhythmische Hacken des Messers am Brett. Die Gurke war schon fast antriebslos, glänzte im letzten Schweiß, bevor sie gänzlich verzehrt wurde.

Franzi! rief Helga, wischte sich schnell an den Weihnachtshähnchen die Hände ab, versteckte blitzschnell das Handtuch Franzi schimpft nämlich sonst wieder über den Küchenstil.

Hallo Tantchen Helga! Franzi groß, selbstbewusst, in der Lederjacke und Skinny-Hose, voller Energie, stürmt lachend in die Diele und schüttelt den Schnee aus dem Kragen. Das ist für dich!

Sie drückt Helga ein Sträußchen Astern in die Hand. Die bunten Herbststerne strahlen auf dem Esstisch in der funkelnden Kristallvase.

Ach, meine absoluten Lieblingsblumen! Komm schon, Franzi, du bist schon wieder gewachsen! ruft Helga und wirft die Hände begeistert in die Luft.

Ach, hör auf! Wo soll ich noch hinwachsen? Franzi lacht, schlüpft aus den Stiefeln und versinkt mit den Füßen in weichen, warmen Filzpantoffeln und im Duft nach Vanille, Schuhcreme und goldbraunen Frikadellen.

So gemütlichWarum ist es zuhause nie so? Immer Hektik, Termine, To-dos, ständig verpasst man was, Telefonklingeln, Diskussionen manchmal Streit und dann wieder Versöhnungstränen.

Franzis Mama war so: ein richtiger Wirbelwind voll Ideen und Pläne. Alle mussten entstehen, mitmachen, funktionieren, im Takt wie Waggons am rasenden Zug. Kaum Zeit, einfach zu halten, mal durchzuatmen. Eigentlich gibts unterwegs wunderschöne Bahnhöfe Felder, Birken im Wind, honiggelber Weizen, der lockt Aber nein, immer weiter durchrauschen!

Franzi hat aber irgendwann für sich Helga entdeckt. Helga tauchte wie eine Wolke auf ruhig, gelassen, irgendwie schwerelos, da setzt man sich gern drauf und lässt die Beine baumeln, genießt einfach die Wärme.

Bei ihrer Mutter war Franzi immer aufgeladen, voller Energie und Tatendrang: Hierhin! Dahin! Auf bauen! Um reisen! Und wenn der Akku überlief, wurdes ihr zu viel und sie flüchtete zu Helga.

Helgas Schwester Bärbel hatte dafür Verständnis, sie wusste, nicht jeder kann so ein Zugpferd sein. Ein verloren gegangener Waggon wird eh irgendwann am nächsten Bahnhof wieder angehängt.

Als Franzi dann selbst zu Helga fahren konnte, blieb sie mal einen Tag, mal zwei, manchmal eine ganze Woche. Da saß sie einfach im Sessel, drehte ihn zum Fenster, schaute zu wie der Wind die Gardine tanzen lässt, roch den frisch gebrühten Tee mit Zitrone, oder las. Helga hat eine riesige, liebevoll ausgesuchte Büchersammlung, ein wahrer Schatz da kann man sich kaum entscheiden, was man als nächstes liest!

Und Helga drängte nie, genoss Gesellschaft, selbst ohne Ehemann und eigenen Kindern war Franzi immer willkommen zum Betüddeln wenn sie schon so gerne zu ihr kam

Gut, dass du angerufen hast!, ruft Helga aus der Küche. Sonst ist mein Kühlschrank quasi leer du bist sicher hungrig! Dein Zimmer ist gelüftet, Bett bezogen, alles bereit.

Danke Tantchen! Hoffentlich störe ich nicht? Franzi schiebt ihren Rucksack ins Gästezimmer und kommt umgezogen in die Küche. Kann ich helfen?

Klar! Hier, Salat. Und wehe du sagst, ich sei böse. Ich freu mich! Wirklich, du bist so groß geworden das liegt sicher am Studium

Während sie gemeinsam auftischen und die Frikadellen warm machen, schlendert Kater Moritz gemütlich herein, setzt sich demonstrativ auf den Küchenhocker Schnurrhaare so breit wie Radkappen, stolz und ernst.

Na, Moritz, hast du Hunger? lächelt Helga dem Kater zu.

Der verdreht nur das Gesicht auf solche Kosenamen steht er gar nicht.

Moritzihase! Endlich kann ich dich mal wieder durchknuddeln! Franzi lässt ihn auf ihren Schoß springen und vergräbt die Hände in seinem warmen, vibrierenden Fell.

Wie läuft’s daheim? Und wie gehts Bärbel so? fragt Helga nebenbei. Die hat so ewig nicht angerufen, und wenn ich es versuche, ist immer besetzt…

Franzi sah verlegen aus, Moritz spitzte die Ohren, sprang aber kurz darauf vom Schoß.

Ich würde gerne noch ein Weilchen bei dir bleiben Geht das? Franzi stochert im Essen und seufzt.

Du kannst natürlich bleiben. Was ist denn los, Mäuschen?

Ach, nichts weiter. Ich will einfach ein bisschen hier sein. Mal ausspannen.

Weiß deine Mutter, dass du hier bist? hakt Helga vorsichtig nach.

Ich bin erwachsen, ich kann hingehen, wo ich will! platzt es aus Franzi heraus ein Ton, so direkt und schroff, fast wie ihre Mutter.

So war Bärbel auch einmal aufgebrochen, Helga im alten Elternhaus zurückgelassen. Wollte unabhängig, erfolgreich, frei werden. Ist einfach weg, kaum ein Wort sucht mich nicht! Und sie war nicht allein unterwegs…

Damals hat Helga lange daran geknabbert, war neidisch und verletzt. Warum hat Bärbel ihr nichts vorher gesagt? Warum nicht sie mitgenommen? Wer war bloß dabei? Helga hätte das, einfach alles hinschmeißen und los, nie gebracht dafür war sie viel zu vorsichtig.

Na klar, du kannst! Aber deine Mutter macht sich Sorgen, sei da bitte etwas sanfter.

Ach ja?! Und um mich?

Was meinst du denn damit?

Moritz saß in der Diele, spitzte die Ohren und dachte vermutlich: Was ist nur los mit dem Mädel? Immer auf Achse, was sucht sie bloß

Ich halt das nicht mehr aus mit ihr, verstehst du? Ich bin bei ihr wie Löschpapier! Und an allem hat sie ihren Anteil! Das nervt!

Was hat denn die Bärbel gemacht? Helga stellte den Wasserkessel ab und setzte sich, ganz gespannt. Erzähl, Kind!

Nach kurzem Überlegen stand fest: Ohne süßen Tee und Pfefferkuchen gehts nicht, also schenkt Helga eins der schicken Paris, Paris-Tässchen ein, perlmuttern mit goldenem Muster, Teekanne gluckst rubinrote Brühe, Zucker rieselt hinein, es dampft und duftet Die Tassen klappern auf dem Tisch.

Du verstehst einfach nicht, sie ist überall! Und sogar meistens nett gemeint, aber sie ist einfach zu viel. Jetzt renoviert sie zum gefühlt zehnten Mal, schleift uns durch Geschäfte, steckt Vater und mich in neue Klamotten immer meinen sie es sooo gut. Aber diesmal

Franzi nimmt einen duftenden Lebkuchen, schneidet ein Stück, dann legt sie ihn doch wieder hin.

Diesmal ists anders. Du weißt ja, ich schreibe meine Abschlussarbeit. Mein Betreuer meint, alles bestens, keine Einwände, und bei der Verteidigung wird es locker laufen. Die Thematik ist nicht ohne, ich selbst weiß wenig, was ich davon halten soll, aber anscheinend läuft es so gut, sogar schon im Konzeptstadium Komisch, denke ich. Jüngst musste ich Listen für eine Studienfahrt nach Hamburg ins Prüfungsamt bringen, das war vor wenigen Tagen. Ich sitze draußen, weil die Sekretärin meinte, der Prodekan sei noch im Gespräch. Und da höre ich plötzlich

– Ja, Herr Dr. Peters, genau das ist es! Ihre Arbeit ist schwach, sie ist da völlig überfordert, vergräbt sich in Nichtigkeiten. Aber was willste machen? Mit so einer Mutter geht alles! Wird sie hier nicht durchkommen, bringt sie ihre Tochter halt auf anderer Schiene durch, verteidigt an irgendeiner Fachhochschule, mit Beziehungen und Connections. Unaufhaltsam, diese Frau! Walzt alles nieder!

Helgas Augen werden schmal, sie versteht sofort.

Und dann sagen die noch, ich, Franziska Zeidler, hätte keine Spur Mut von meiner Mutter geerbt. Sie sollte besser auf meiner Stelle sitzen, nicht ich Für mich? Kindergarten wäre genau richtig was Anspruchsvolleres könne ich ja eh nicht

Da bleibt ihr die Stimme weg. Die Lippen zittern, die Augen bohren sich in das cremefarbene Tischtuch mit den feinen Schnörkeln, passend zu den Teetassen.

Helga hält mitten in der Teebewegung inne.

Du hast das Studium geschmissen? Nach all den Träumen von Innenarchitektur? Nach dem ganzen Weg? Warum?

Ich will nicht, dass das alles die Mama regelt. Dann putze ich halt irgendwo da kommt sie sicher nicht hin. Einen Putzlappen erkennt man überall, Mütter nicht Ich will nicht mehr ihre Tochter im Schlepptau sein. Ich habe gestern die Exmatrikulation abgegeben. Wahrscheinlich schon unterschrieben Ich bin so blöd, oder?

Die Tränen tropfen fast auf die Tischdecke.

Helga steht auf und schaut stumm aus dem Fenster. Moritz schlurft wieder herein. Keine Gefahr, dass heute Porzellan zu Bruch geht, dafür wird’s melancholisch. Franzi nimmt Moritz auf den Schoß und krault sein Ohr. Das Schnurren wie Motorenbrummen.

Du wirst deiner Mama zu hart, Kind. Sie ist manchmal zu forsch, ja. Aber sie meint es nie böse sie hat einfach Angst.

Wovor denn, sie ist doch ein Panzer! Walzt alles nieder nur im Tarn-Modus! Da bleibt niemand dagegen stehen

Aber du kennst sie nicht, so wie ich. Sie wollte schon immer auf eigenen Füßen stehen. Nach dem Abi wollte sie es allen zeigen, hat mit einer Freundin ein cremiges Wimperntuschenrezept gekocht, verkauft, dann mit nach Bonn gezogen großes Geschäft, alles hinterm Rücken unserer Eltern. Hat sich die halben Ersparnisse geschnappt, nur kurz geschrieben: ‘Leih mir, such mich nicht!’ Und?

Franzi runzelt die Stirn.

Der Laden brannte ab. Ihre Freundin wanderte in den Knast sie hatte quasi gleich noch was anderes gebraut, was ziemlich übel für ein paar Jungs endete. Deine Mutter kam nur raus, weil die Freundin alles auf sich genommen hat. Sie hieß übrigens auch Franzi Und jetzt, nach knapp zehn Jahren ist auch sie schon längst beerdigt. Aber stell dir vor, hätte die Freundin Bärbel mitgezogen, gäbs dich gar nicht. Und so will deine Mutter verhindern, dass du etwas Dummes tust und alles verlierst sie überträgt ihre Ängste einfach!

Aber ich würde doch nie Franzi stoppt. Wer weiß, wie sie selbst reagiert hätte, hätte der Professor ihr Projekt so abgebügelt? Es gibt Momente, da ist auch in Franzi dieses, sagen wir mal, impulsive Bärbel-Gen spürbar.

Und worum gehts im Projekt? fragt Helga, schenkt eine neue Runde Tee nach.

Einkaufszentrum, also Innenarchitektur. Großes Projekt, aber jetzt ist eh alles egal ich habe doch den Antrag abgegeben

Nein! Helga hebt den Finger und wird plötzlich erstaunlich bestimmt. Du gehst zurück zur Uni, erzählst deiner Mutter alles, so wie es ist. Sie regt sich auf aber dann wird sie dich verstehen! Du ahnst nicht, wie ähnlich ihr euch seid. Abschluss musst du machen, Projekt verteidigen und wenn du willst, wirst du hinterher meinetwegen Putzfrau.

Aber womit soll ich das Projekt füllen?

Mit meiner Küche! Hier hast du ‘Vorher-Nachher’-Bilder, alles dokumentiert. Das ist echte Arbeit mit Herz, genau das präsentierst du. Ich diskutiere da nicht.

Moritz schaut Franzi auffordernd an: Kein Widerspruch, klar?

Franzi schüttelt leicht den Kopf.

Dann trinken sie einfach Tee, lassen die Zuckerglasur auf die Porzellanteller bröckeln, während draußen die Lichter vom Abend auf die Leopoldstraße fallen.

Du weißt, deine Mutter hatte niemanden, bei dem sie Zuflucht fand, wo sie mal abschalten konnte. Deswegen rannte sie immer nur weiter und weiter nur nicht nachdenken. Konnte keinem erzählen, ich glaube nicht, dass sie weniger geliebt wurde als ich. Aber sie war immer auf der Suche nach mehr Und du sitzt jetzt zwischen uns beiden und kannst wählen: Sturm oder Ruhe, je nach Stimmung

Helga streichelt Moritz, räumt langsam das Geschirr vom Tisch.

Ja, morgen fahr ich wohl lieber heim. Solange alles noch nicht endgültig verloren ist Ich versuche, es irgendwie hinzubiegen, überlegt Franzi laut.

Genau! Da musst du mal das Tempo deiner Mutter annehmen. Im Ernst! Exmatrikulation, also wirklich Helga lacht und zwinkert Moritz zu. Der gähnt, springt runter und trollt sich in sein gemütliches Plätzchen. Fein hat ers wirklich bei Helga viel los, nette Menschen und sie kochen fantastisch!

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Homy
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