Das Einzige, wovor ich in meinem Leben immer Angst hatte, war eine wütende Schwiegermutter. Ich war schon einmal verheiratet, hatte damals aber wohl Glück in dieser Hinsicht. Mein erster Mann, Thomas, wuchs im Heim auf und hatte keine Eltern. Deshalb musste ich mir nie Vorwürfe gefallen lassen oder mich beobachtet fühlen. Doch die Ehe scheiterte. Wir waren nur fünf Jahre zusammen, und ich reichte schließlich die Scheidung ein. Als wir heirateten, studierte ich noch an der Universität. Doch schon nach einem Jahr begann Thomas zu trinken, machte Schulden und so lasteten die Verpflichtungen auch auf meinen Schultern. Um die finanziellen Probleme zu bewältigen und die Schulden zu tilgen, musste ich mein Studium abbrechen und arbeiten gehen.
Durch diese Ehe habe ich mir letztlich viele Probleme geschaffen. Als ich ihn verlassen hatte, konnte ich zum ersten Mal richtig aufatmen. Endlich waren die Sorgen vorbei. Zwei Jahre lang war ich allein, sammelte mich neu und fand wieder zu mir selbst. Dann lernte ich Michael kennen. Er war noch nie verheiratet gewesen und hatte vor mir noch keine ernsthafte Beziehung gehabt. Alles entwickelte sich sehr schnell zwischen uns, und bald machte er mir einen Antrag, den ich gerne annahm. Dann stand das Kennenlernen seiner Mutter bevor.
Schon an der Wohnungstür beobachtete ich Frau Wagner, seine Mutter, mit missbilligendem Blick. Sie warf mir ein knurriges Hallo zu und verschwand dann sofort in ein anderes Zimmer. Zuerst war ich ratlos. Hatte ich mich vielleicht unpassend gekleidet? Ich trug ein schlichtes Outfit, also daran konnte es nicht liegen. Am Esstisch taxierte sie mich schweigend und ihr Blick ließ mich unwohl werden. Mitten im Gespräch schließlich meinte sie mit schneidender Stimme:
Aha, also keine abgeschlossene Ausbildung? Willst du mir erzählen, du weißt nicht weiter?, sagte sie abfällig und verzog spöttisch den Mund. Ich zögerte einen Moment, antwortete dann ruhig und nahm einen Schluck Tee. Ja, ich habe mein Studium leider noch nicht abgeschlossen, aber ich plane nach wie vor, es nachzuholen. Frau Wagner schnaubte laut: Große Pläne, soso. Wann willst du denn Ehefrau sein? Kinder großziehen, für Michael kochen, die Wohnung sauber halten? Du hältst dich wohl für eine Königin!
Sie lachte spitz, nahm einen weiteren Schluck Tee und stellte die Tasse energisch ab. Ich sags dir direkt: Mein Sohn braucht solche Weiber wie dich ganz bestimmt nicht. Ihr Blick glitt über mich hinweg, als wäre ich Luft. Du hast das Aussehen die Figur vielleicht, aber im Kopf herrscht gähnende Leere.
Dieser Moment verletzte mich tief. Ich stand abrupt auf und ging ins Bad. Ich weinte. Ein fremder Mensch kannte mich kaum und beleidigte mich, während mein Ehemann keine Stellung bezog. Zum Glück verließen wir bald darauf ihre Wohnung. Ich wollte sie nicht mehr wiedersehen. Doch sie kam immer wieder zu uns nach Hause nur um mich erneut zu demütigen oder zu kränken.
Irgendwann suchte ich professionelle Hilfe. Nach wenigen Sitzungen bei einer Psychologin erkannte ich: Meine Schwiegermutter manipulierte mich ständig und ich ließ es zu, weil ich es aus meiner Erziehung gewohnt war, mich nicht zu wehren. Beim nächsten Mal, als sie mich wieder herabsetzte, bat ich sie höflich, unser Haus zu verlassen. Seitdem haben wir keinen Kontakt mehr. Das ist mir inzwischen egal, und Michael legt darauf auch keinen Wert.
Manchmal kommt das größte Glück erst dann, wenn man lernt, für sich selbst einzustehen und Grenzen zu setzen. Egal, wie sehr man geliebt werden will Selbstachtung ist das Wichtigste.





