Eine Woche durchhalten: Der ultimative Überlebensplan

Haben wir etwa den Mund gehalten? schnaufte Liselotte Müller laut, ließ sich schwer auf das weiche Ohrensessel fallen und ließ die Hände über den Tisch gleiten. Keine Gäste erwartet?

Vielleicht nicht, Mama, sagte Alex, stellte eine Tasse frisch aufgebrühten Schwarztees auf den Couchtisch. Aber du bist immer willkommen! Gleich bringt Marlies die belegten Brote.

Karin schnitt den Käse in dünne Scheiben und murmelte missmutig: Wie viel Freude in vollen Hosen. Sie achtete den SchwiegermutterRespekt, vielleicht sogar ein wenig Zuneigung aber nur aus sicherer Distanz. Am liebsten dreihundert Kilometer weiter.

Üblicherweise warnte Liselotte vor ihren Besuchen, doch plötzlich erschien sie, wie ein Schneeball im Gesicht, und durchkreuzte ihre Pläne und das bei einem Vorhaben, das Napoleongroß war. Heute wollten Karin und Alex das zukünftige Kind besuchen.

Seit zehn Jahren hofften Alex und Karin auf ein Wunder, doch ein leibliches Kind blieb aus. Sie vereinbarten: Sollte Karin bis zum vierzigsten Geburtstag kein Kind bekommen, würden sie ein Kind aus dem Kinderheim adoptieren. Dieser Plan schien allen zu gefallen bis auf Liselotte.

Ich will eigene Enkel! Fremdkinder nehme ich nicht in die Familie, erklärte Liselotte entschlossen. Geht ihr mir entgegen, verfluche ich euch!

Karin wusste, dass ihre Schwiegermutter von Natur aus herrisch und unnachgiebig sei. Was einmal im Kopf verankert war, ließ man nicht mit einem Vorschlagshammer aus dem Weg räumen. Alex gewöhnte sich nicht, ihr zu widersprechen. So stimmte auch Karin zu: Nur leibliche Enkel verdienen die Liebe und Fürsorge einer solch bemerkenswerten und gerechten Großmutter.

Doch Einverständnis bedeutete nicht, die Idee aufzugeben. Alex wollte ebenfalls ein Kind und, im Gegensatz zu seiner Mutter, glaubte er nicht an fremde Kinder. Heimlich besuchten sie gemeinsam den Kurs für Pflegeeltern, sammelten Unterlagen für die Adoption.

Dann kam das nächste Hindernis: Karin wollte sämtliche Phasen der Mutterschaft durchlaufen und ein Kind aus dem Kleinkindhaus holen. Alex fühlte sich dafür noch nicht bereit.

Wenn wir wählen können, sollten wir ein älteres Kind nehmen, wiederholte er immer wieder, damit wir nicht die schlaflosen Nächte, Windeln, zahnschmelzende Schmerzen und all das Gedöns haben.

So führte das Hin und Her ins Unendliche bis das Schicksal eingriff.

Im Büro, in dem Karin arbeitete, trat die neue Reinigungskraft Ute an, die sofort Gesprächsthema des gesamten Kolleginnenkreises wurde. Sie war erst zweiundzwanzig, hatte bereits einen vierjährigen Sohn, Lukas.

Ute kam spät abends zur Arbeit, immer mit Lukas im Schlepptau. Also hat das Kind keinen Vater, flüsterten die Frauen beim Kaffee. Alleinstehende Mutter, murmelten sie. Die Hälfte der Belegschaft bestand ebenfalls aus alleinerziehenden Müttern, doch sie zweifelten nicht an ihrer eigenen Situation.

Durch Überstunden sah Karin Ute häufig. Anders als die zynischen Kolleginnen fühlte sie Mitleid mit der jungen Mutter, die einen schlecht bezahlten Job annahm, weil das Leben sie nicht reich beschenkt hatte. Karin brachte ihr und Lukas gelegentlich kleine Aufmerksamkeiten: ein Stück Kuchen, ein Spielzeug, Kleidung, Schuhe.

Eines Abends begannen sie zu reden, und Ute erzählte von ihrem harten Schicksal. Ihre Eltern starben früh an Alkoholkrankheiten. Die väterliche Großmutter nahm sie auf. Einen Tag vor ihrem achtzehnten Geburtstag verstarb auch die Großmutter, und Ute blieb allein. Sie erwartete ein Kind, doch niemand wusste davon. Eine einmalige Begegnung mit einem Mann endete in einer Nacht der Liebe, nach der er verschwand.

Verdammt!, fluchte Ute leise, weil ihre Lage erst jetzt offensichtlich wurde.

Die Schwangerschaft war schwer, Nebenjobs verschlimmerten die Lage. Als Lukas geboren wurde, folgte die Tragödie: Der Arzt diagnostizierte einseitige Schwerhörigkeit. Die Klinik reichte nur ein einfaches Hörgerät, das kaum half.

Es gibt andere Möglichkeiten, wischte Ute eine Träne ab, nur das Geld fehlt. Ich würde alles geben für Lukas!

Sie nahm mehrere Jobs an: morgens die Treppenhäuser putzen, mittags im kleinen Kiosk an der Ecke verkaufen, abends den Sohn aus dem Kindergarten abholen und dann noch Bürogebäude reinigen. Das Leben schluckte sie fast aus, doch sie blieb eine glückliche Mutter, die stolz über Lukas’ Talente sprach: Er malt, singt, hilft zu Hause, die Erzieher loben seinen ruhigen Charakter.

Ich wollte Malerin werden, flüsterte Ute eines Abends, jetzt malt Lukas mein kleiner Künstler.

Je länger Karin Ute zuhörte, desto stärker wurde das leere Loch in ihr. Sie sehnte sich nach einem eigenen, rosigen kleinen Wonneproppen, der ihrem Leben Sinn geben würde.

Nach dem Gespräch wuchs Karins Bindung zu Ute und Lukas. Sie begann, Geld zur Seite zu legen, um bei der Behandlung zu helfen.

Zwei Monate später kam das Unglück: Ein betrunkener Fahrer fuhr bei Rot über die Kreuzung Ute starb, Lukas landete im Heim.

Karin wusste, dass sie den Jungen adoptieren musste. Alex war sofort überzeugt Lukas passte perfekt in seine Vorstellung eines Pflegekindes. Das erste Treffen war gelungen: Der offene, lebensfrohe Junge eroberte jeden sofort.

Das Verfahren stand kurz vor dem Finale. In einer Woche sollte das Gericht entscheiden, und sie würden offiziell Eltern werden. Bis dahin versuchten Karin und Alex, Lukas so oft wie möglich zu sehen Karin mehr, Alex fand ein paar freie Tage.

Dann klopfte es Liselotte Müller, leicht gerührt, doch voller Vorwürfe. Der ganze Tag war umsonst, und sie hatten ihm doch versprochen, Lukas zu schützen

Und warum kommt ihr so plötzlich, ohne Vorwarnung? versuchte Karin zu verstehen, nicht nur das Ziel, sondern die Dauer des Besuchs der Schwiegermutter zu ergründen.

Wie ein Parasit, der am Kopf zuschnappt, so komme ich nach Hause. Wenn er nicht zuschnappt, bleibe ich euch ewig, kann nicht in die Augen des Unverschämten schauen!

Es ging um ihren Schwager, Vladimirs, Alex Stiefvater. Zwischen ihnen herrschte ein monatliches Ritual: epische Streitereien nach Plan. Nur Liselotte schimpfte, Vladimirs hörte schweigend zu, stimmte zu und ging zum Schlichter. Meist genügte ein kurzer Wortgefecht, um Liselottes Bedürfnis nach Nervenkitzel zu befriedigen. Manchmal eskalierte es, und sie richtete sich an Alex’ Sohn mit den Worten bis ans Lebensende.

Vladimirs trank zuerst aus Trauer wie soll ein Mann ohne geliebte Frau weiterleben? Dann aus Trotz die Hexe hat ihn verrückt gemacht! Und wieder aus Trauer, weil niemand ihn mehr umarmt, ihn mit Borschtsch füttert oder ihm ein liebes Wort gibt. Sobald der Rausch verflog, suchte er Frieden.

Moderne BloggerPsychologen preisen solche Wilde Streitereien als Würze der Beziehung, doch Alex Eltern hatten nie ein Psychologiebuch gelesen und lebten nach Instinkt. Ergebnis: neunundvierzig Jahre, wie man sagt, Seele an Seele!

Der Alltag zwischen verfluchter Hexe und lieblicher Liselotte dauerte etwa eine Woche. Auf den Streit folgte ein ebenso episches Versöhnungsritual, danach versammelten sich alle zum Festmahl, um die erhaltene Familienzelle zu feiern. Am nächsten Morgen zogen Alex Eltern wieder ab.

Karin hatte die Invasion der Verwandtschaft stets tapfer ertragen, doch diesmal war alles anders: Wüsste Liselotte von ihren Plänen, würde sie Alex vom Adoptieren abbringen. Er war ja das Mamasohnchen, und ein Abstand von der Schwiegermutter war das einzige, was die Ehe hielt. Wären sie im selben Haus, hätte die Ehe im ersten Jahr geknackt. So war es noch erträglich.

Deshalb durfte Liselotte nicht vor dem geplanten Tag von Lukas erfahren! Nur noch eine Woche blieb, und Karin würde es nicht zulassen, dass alles zerbricht.

Bin ich nicht erwünscht? knurrte Liselotte, biss in das belegte Brot. Der Käse ist wie in der Kantine!

Mama, sprich keinen Unsinn! Wir müssen zum Heim fahren

Warte, unterbrach Karin. Eine Kollegin hat gerade ein Baby bekommen, wir wollen ein Geschenk besorgen.

Ach, wann bekommt ihr endlich selbst ein Kind, schnaufte Liselotte verächtlich, dann kauft ihr wenigstens etwas Vernünftiges auf dem Weg.

Alex zeigte offen seine Verärgerung: Ich finde, die Mutter muss alles wissen.

Oder versteckst du den Lukas bis zum Abschluss? Das ist wichtig, und ich darf das nicht teilen!

Nur noch eine Woche durchhalten, drehte sich in Karins Kopf, während sie überlegte, wie sie Alex beruhigen konnte, bevor er alles ruiniert.

Wohoo, wir haben die Kurve verpasst!

Alex, ich habe doch gesagt, lass mich beim Fahren nicht ablenken! rief Karin, hielt an einem Seitenstreifen an. Wir verbergen nichts. Denk dran, Liselotte ist nach dem Streit mit deinem Stiefvater noch verärgert. Wir geben ihr einfach einen Enkel, dann wird sie beruhigt sein. Eine Woche, dann das Gericht, dann kommt Vladimirs vielleicht wieder zum Frieden. Stell dir vor, wir stellen ihn allen vor. Das ist doch fantastisch!

In Wahrheit hoffte Karin, dass Liselotte bis zum Einzug von Lukas wegziehen würde sie wollte nicht noch einmal seine Drohungen hören: Ich verfluche dich, wenn du fremde Kinder annimmst. Alex ahnte, dass irgendetwas verborgen wurde, doch er hatte kein Alibi, also musste er zustimmen.

Wie erwartet war die Gerichtsverhandlung nur Formalität. Der Richter erlaubte ihnen, Lukas sofort mitzunehmen, ohne auf das Inkrafttreten des Urteils zu warten.

Die glückliche Familie fuhr nach Hause.

Schön, aber was jetzt mit Mama? überlegte Alex laut. Wir hätten ihr alles erzählen sollen.

Vladimirs kam diesmal nicht sofort, um seine Frau zu holen, doch Karin sorgte sich mehr um Lukas Reaktion: Was, wenn die Schwiegermutter etwas Unangenehmes sagt?

Lukas, mein Schatz, begann Karin, bald wirst du Liselotte treffen, deine neue Oma. Verstehst du das? die richtigen Worte fehlten. Erinnerst du dich an das Schokoladenei mit dem ÜberraschungsTransformer?

Ja, meine liebsten Transformer!, jubelte der Junge.

Genau! Und jetzt bist du auch ein Überraschung für Liselotte. Vielleicht schwitzt sie auch ein bisschen.

Lukas nickte, und ein kleines Lächeln erhellte sein Gesicht.

Kommt, wir gehen rein, sagte Alex, während er die Tür öffnete. Willkommen, Liselotte, das ist unser Sohn Lukas.

Überraschung! rief der Kleine, Hallo, Lise Le Ledi!

Liselotte blickte ungläubig.

Warum steht hier alles offen? fragte sie, während Vladimirs im Türrahmen mit einem riesigen Strauß Gänseblümchen erschien. Und das ist der kleine Rabauke?

Ich bin das Geschenk für Ledi, sagte Lukas, die Hand ausstreckend.

Und ich bin wohl Opa Vova, sagte Vladimirs lachend.

Zum ersten Mal seit Jahren verlief das Versöhnungsmahl leise; Liselotte sagte kein Wort. Doch Karin hatte noch einen Trumpf im Ärmel.

Meine Lieben, ich möchte einen Toast aussprechen, begann sie, die Stimme leicht bebend, ich freue mich, dass wir jetzt wirklich eine Familie sind mit Alex, Lukas und euch allen. Ich hoffe, unser Sohn bekommt nicht nur Opa Vova, sondern auch liebe Oma Lisi.

LediDiet!, rief Vladimirs durcheinander.

Nach ein paar Gläsern Sekt brach seine Fröhlichkeit los. Karin fuhr fort: Ich bin dankbar, dass ihr diesen Moment mit uns teilt. Vielleicht gibt es bald einen kleinen Bruder oder eine Schwester in etwa sieben Monaten.

Alex ließ sein Glas fallen.

Wie bitte?

Ja, ich bin schwanger. Acht Wochen Entschuldigt die späte Nachricht, es gab keinen passenden Moment. Jetzt ist die Freude umso größer!

Endlich lächelte Liselotte, ein gutes Zeichen, dass sich alles zum Besseren wendet.

Nun, ein zweiter Enkel, murmelte sie, Tränen fast zurückhaltend, jetzt bin ich die glücklichste Oma der Welt.

Auf der Entlassung aus dem Kreißsaal waren nur die engsten Verwandten anwesend.

Lukas, strich Liselotte dem ältesten Enkel über den Kopf, du musst unser Familienportrait neu malen!

Mache ich gern, Oma! Du wirst die Schönste sein, und Mama auch!

Ein glücklicher Moment für die kleine Einheit das erste von vielen.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Eine Woche durchhalten: Der ultimative Überlebensplan
Zurück nach Hause – und alles steht in Müllsäcken: Mein Mann hat meine Sachen gepackt