Mein Mann Johannes und ich lebten über zwanzig Jahre zusammen. Unser Leben verlief ruhig und geordnet. Wir hatten ein Wochenendhaus im Schwarzwald, zu dem wir jeden Samstag fuhren. Johannes sorgte für Ordnung in der Wohnung, während ich das Essen zubereitete. Ich war sicher, dass wir dieses Leben bis ins hohe Alter gemeinsam führen würden. Doch eines Tages, ganz plötzlich, eröffnete mir Johannes:
Gretchen, es tut mir leid. Ich verlasse dich. Ich habe eine andere Frau kennengelernt, in die ich mich sehr verliebt habe!
Mit meinen 38 Jahren war ich längst nicht auf den Kopf gefallen und hatte schon länger geahnt, dass mein Mann eine andere hatte. Ich wollte daraus jedoch kein Drama machen und war überzeugt, dass Johannes mich niemals wirklich verlassen würde. Hilfreiche Bekannte ließen mir immer wieder Fotos von Johannes und seiner Geliebten zukommen. Ich ertrug es alles still. Doch nun sagte er tatsächlich, dass er geht das traf mich völlig unvorbereitet.
Zum Glück war unsere Tochter zu dieser Zeit mit ihren Freundinnen an der Ostsee. Um nicht allein mit meinem Kummer zu sein, erzählte ich meinen Freundinnen, dass Johannes mich verlassen hatte.
Wir versammelten einen regelrechten Frauenrat. Eine riet mir, abzunehmen und mir schnell einen neuen Mann zu suchen. Eine andere schlug vor, sofort zu einer Wahrsagerin zu gehen und Johannes mit Hilfe eines Rituals zurückzuholen. Die Dritte sagte einfach, ich solle das Leben genießen und mich umsehen.
Aber Hilde sagte Und jetzt lebst du einfach weiter wie bisher! Es wird leichter werden, glaub mir! Ich schaffe das nicht, es tut einfach zu weh! Doch, das musst du. Mit der Zeit vergeht der Schmerz, das weiß ich, nach drei Scheidungen. Putze die Wohnung, koche, geh arbeiten, schau Filme, lies Romane! Für wen soll ich denn kochen? Für wen?… Für uns natürlich! Wir kommen jeden Abend vorbei und essen alles auf!
Ich bedankte mich für all die guten Ratschläge. Doch ich konnte mich lange nicht entscheiden, welcher ich folgen sollte.
Schließlich ging ich zuerst zur Wahrsagerin. Ich nahm ein Foto von Johannes und seiner Neuen mit. Die Kartenlegerin breitete die Karten aus, führte ein Ritual durch und versprach, mein Mann sei in zwei Wochen zurück.
Doch er kehrte weder in zwei Wochen noch in einem Monat zurück. Und nebenbei hatte ich der Frau die Hälfte meines Gehalts gegeben. Mein Herz war schwer vor Einsamkeit und Sehnsucht. Schließlich fing ich an, mir viele Kuchen und Gebäckstücke aus der Bäckerei zu holen. Nach wenigen Wochen stellte ich schockiert fest, dass ich sieben Kilo zugenommen hatte.
Also beschloss ich, mein Leben umzukrempeln. Ich machte eine große Grundreinigung, polierte alles, pflanzte meine Blumen um und stellte die Möbel neu. Plötzlich war meine Wohnung richtig heimelig! Außerdem meldete ich mich in der Tanzschule an ich musste ja das viele Gebäck wieder abtrainieren. Jeden Tag kochte ich eine Suppe, die Johannes immer so gern hatte. Meine Freundinnen aßen sie Abend für Abend restlos auf. Danach schaute ich abends noch eine Folge von Game of Thrones.
Johannes und ich hatten früher oft davon gesprochen, diese Serie zusammenzusehen, doch irgendwie war nie Zeit dafür gewesen. Mir gefiel die Serie sehr und ich genoss die ruhigen Abende. Doch eines Abends, als ich gerade auf dem Sofa saß, ging plötzlich die Tür auf. Johannes stand im Flur. Er sah, wie schön alles war und wie gut es nach seiner Lieblingssuppe roch. Ich saß ganz entspannt auf dem Sofa.
Gretchen, guten Abend. Ich wollte noch die Sachen holen, die ich letztes Mal vergessen habe. Natürlich, ich hab sie schon zusammengestellt. Hast du eine Tasche dabei? Nein! Macht nichts, ich habe eine.
Ich packte ihm seine Dinge ein und gab sie ihm.
Hast du etwa wieder Kartoffelsuppe gemacht? Ja, natürlich! Hast du Hunger? Magst du eine Schüssel? Johannes überlegte kurz, dann nickte er.
Ich schenkte ihm einen tiefen Teller ein. Johannes aß zwei Portionen der Suppe. Danach sagte er: Danke, Gretchen! Ich geh dann. Mach das. Ich muss ohnehin noch die Folge zu Ende schauen! Was schaust du denn? Game of Thrones. Ach, das wollten wir ja immer mal zusammen sehen, erinnerst du dich? Ja, ich erinnere mich gut.
Dann ging Johannes. Erst weinte ich ein wenig, dann schaute ich den Rest der Folge und legte mich schlafen. Zwei Wochen später stand Johannes mit all seinen Sachen vor meiner Tür. Ich konnte gar nicht begreifen, was vorging.
Gretchen, es tut mir leid! Ich liebe dich doch so sehr. Deine Suppen, dein gemütliches Zuhause das alles habe ich so vermisst. Vergib mir, es tut mir leid, dass ich das Junge gesucht habe und so egoistisch war. Hast du also meine Suppe vermisst? Ich habe alles vermisst! Aber dich am meisten! Gut. Dann komm herein. Ich schäme mich so vor dir und auch vor unserer Tochter… Du sagst ihr nichts davon, ja? Schon gut, ich sage nichts. Hast du Appetit? Ja… Vielen, vielen Dank.




