Leon saß in der Ecke und weinte bitterlich. Er verstand einfach nicht, was er falsch gemacht hatte. Warum hatten ihn seine Eltern verlassen und ins Kinderheim gebracht? Dabei hatte Leon seine Eltern immer sehr geliebt und ihnen stets gehorcht.
Seine leibliche Mutter hatte ihn direkt nach der Geburt im Krankenhaus zurückgelassen. Danach adoptierten ihn Claudia und Matthias. Sie hatten keine eigenen Kinder und holten deshalb ein Baby aus dem Heim zu sich. Doch Matthias konnte nie richtig Liebe für den Jungen empfinden. Für ihn blieb Leon immer das Kind von jemand anderem, nie sein Eigenes. Claudia jedoch schloss Leon sofort ins Herz, kümmerte sich herzlich um ihn, wurde aber trotzdem nie wirklich zu seiner Mutter.
Die Jahre vergingen. Leon wuchs in dieser Familie auf, liebte seine Eltern von ganzem Herzen. Eines Tages erfuhr Claudia, dass sie schwanger war. Sie war überglücklich. Als sie Matthias davon erzählte, konnten die beiden ihr Glück kaum fassen.
Von da an beachteten seine Eltern Leon kaum noch. Er fiel ihnen nur noch zur Last, störte sie und brachte sie aus der Fassung. Matthias begann sogar, ihn zu schlagen. Seine Eltern wollten Leon nicht mehr er war ihnen einfach zu viel geworden. Also beschlossen sie, den Jungen wieder ins Heim zu geben. Sie unterschrieben eine Verzichtserklärung, und durch das Gericht wurden ihnen die elterlichen Rechte entzogen.
Nach dem Urteil kam Claudia zu Leon und teilte ihm mit, dass er nun im Kinderheim leben müsse. Leon weinte, rief nach seiner Mama, doch sie drehte sich einfach um und ging. Der Junge war erst fünf Jahre alt und wurde von Menschen, denen er vertraute und die er liebte, verraten zum zweiten Mal: erst durch seine leibliche Mutter, nun auch durch seine Adoptiveltern.
Die Richterin, die das Urteil sprach, stand daneben und sah sich das Geschehen an. Schließlich trat sie zu der Mitarbeiterin des Kinderheims und sagte, sie wolle den Jungen adoptieren. Es brach ihr das Herz, das Kind so verlassen zu sehen. Die Richterin hieß Katharina und sie kümmerte sich schnell um alle notwendigen Unterlagen. Schon bald durfte sie Leon aus dem Heim holen.
Von Anfang an nannte sie ihn liebevoll Leönchen. Leon gewöhnte sich schnell an seine neue Mutter und vergaß bald seine früheren Eltern. Mit den Jahren zeigte sich Leon als ausgezeichneter Schüler. Er schloss das Gymnasium mit dem Abitur und Auszeichnung ab und begann ein Medizinstudium. Als er das Studium beendet hatte, erhielt er eine Stelle in einer angesehenen Klinik.
Eines Tages stand ein Mann vor ihm, den er sofort wiedererkannte: Matthias, sein erster Adoptivvater. Matthias erzählte ihm, dass seine Frau bei der Geburt gestorben war und das Kind tot zur Welt gekommen war. Von da an verfiel er dem Alkohol, doch nach einiger Zeit half ihm eine neue Frau namens Sabine, wieder auf die Beine zu kommen.
So führte ihn sein Weg zurück zu Leon. Obwohl Leon noch jung war, erinnerte er sich gut daran, wie schlecht Matthias ihn behandelt hatte. Doch er hatte den ärztlichen Eid geschworen und half ihm dennoch. Das Schicksal hatte Claudia und Matthias schwer bestraft. Denn in Deutschland sagt man: Waisenkinder darf man niemals kränken. Leon bewies Weisheit: Er übte keine Rache. Das Leben hatte bereits alles Notwendige für ihn geregelt.





