Ich rufe jetzt sofort meinen Mann an!

Und jetzt rufe ich meinen Mann an!

In einer anderen Welt, in einem Traum, wie auf einer märchenhaft verschwommenen Karte, hätte Hannah niemals ihren Ex-Mann angerufen. Schon gar nicht mitten in der Nacht, wenn das Telefon leise brummt, wie ein schlafender Hund im Nebenzimmer.

Fast zwei Jahre hatten sie sich nicht gesehen. In der Realität, in München oder irgendwo zwischen schwäbischer Alb und Berliner Asphalt, wäre Julius kaum erfreut gewesen, ihre Stimme zu hören. Doch dieser Augenblick ließ keine Wahl. Denn nur Julius hatte jene seltsam magischen Fähigkeiten, die Probleme mit links zu lösen. Hannah hoffte, dieses Talent wirkte auch noch im Traum.

Ihr Blick fiel erneut auf die kichernde, verschrumpelte Alte klar, es war die typische Oma Gertrud, wie sie in jedem deutschen Dorf zu finden ist, nicht nett Oma oder dezent Großmutter genannt, sondern eben die Gertrud: grantig und auch ein bisschen spöttisch. Aus ihrer Ledertasche, die mal teuer ausgesehen haben könnte, zog Hannah das Handy und blätterte durch ihre Kontakte, als würde sie im Lexikon nach einem Zauberspruch suchen.

Schon vor zwei Jahren hätte sie die Nummer löschen wollen, aber irgendetwas vielleicht das Gefühl, dass Telefonnummern im Traum doch magische Wegweiser sind hatte sie abgehalten.

Und heute wie durch ein verrücktes Flüstern im Hinterkopf war es so weit. Noch einmal schnell Gertrud gemustert, die inzwischen den staubigen Dorfweg zu dominieren schien, dann tippte Hannah auf Anrufen.

*****

Du reist also nicht mit mir ab? Hannah sah Julius an, als hätte er sie gerade für eine andere verlassen. Dabei war es ihr Traum, den sie nun gegen ihn richtete.

Hannah, du weißt doch, wir haben hier das Grundstück gekauft, wollten unser Haus bauen. Warum weggehen?

Weil ich eine neue Geschichte erleben will. Ich habe es dir schon so oft erklärt, warum muss ich es wiederholen?

Julius schüttelte unzufrieden den Kopf und warf einen prüfenden, fast väterlich-bayerischen Blick: Meinst du, das Leben im Ausland ist anders? Das Gras wächst dort auch nicht grüner.

Seit ich klein bin, träume ich davon, antwortete Hannah. Als ich zum ersten Mal mit meinem Vater nach Zürich fuhr, habe ich im Münchner Hauptbahnhof lautstark protestiert, wollte einfach nicht zurück. Du ahnst gar nicht, wie sehr es mich lockt.

Ich verstehe…

Also, wo mir jetzt eine Chance zugeht, willst du, dass ich sie verpasse?

Ich will nichts ruinieren. Nur, ich will nicht gehen. Hier ist unser Zuhause, mein kleiner Betrieb läuft besser als je zuvor vielleicht gibts bald sogar mehr Gewinn.

Dein Geschäft da, mein Job dort! fuhr Hannah auf. Ein richtig guter Job, das Gehalt mehr als doppelt so hoch. Das kann man sich nicht entgehen lassen! Merkst du das überhaupt?

Sie diskutierten, wie das nur in surrealen Träumen geht, er blieb standhaft, sie wild entschlossen. Scheidung wurde Thema, nicht weil Liebe fehlte, sondern weil ihre Wege sich träumend trennten.

Ihre Mutter war fassungslos, Julius Eltern ebenfalls. Selbst die Freunde, die noch glaubten, Liebe in Bayern sei für die Ewigkeit, schauten verwundert.

Hannah, sagte ihre Freundin beim Spaziergang in den Isarauen, hast du wirklich genug nachgedacht? Wo findest du nochmal so einen wie Julius? Der würde dir das Oktoberfest in die Handtasche packen.

Alles nur Worte!, lachte Hannah. Stolze Versprechen, leere Phrasen. Hätte er mich wirklich geliebt, wäre er mit mir gekommen.

Am Ende drückte sie sämtliche Gefühle in die entfernte Ecke ihres Herzens zum Patenschaft-gründen für seltene Vögel oder so. Als dann das Dokument vom Standesamt auf dem Küchentisch lag, packte sie Koffer und flog nach Wien, dem Versprechen auf einen einmaligen Job und einen Pass in der anderen Tasche.

Aber schon nach eineinhalb Jahren war sie wieder zurück irgendwo zwischen Berliner Vorstadt und Allgäuer Alpen. Das Ausland: eine Mischung aus endlosen grauen Häuserfluchten und schweigenden Gesichtern. Nicht einmal die Hunde wussten, wie man hier richtig bellt.

Am schlimmsten war diese Kollegin, neidisch wie eine hungrige Ziege, die ihr dann den Traumjob vermasselte. Hannah versuchte, sich zu erklären, doch keiner glaubte ihr. Sie blieb die Fremde und Fremde werden in diesen Nächten nicht geliebt.

Dennoch war sie zäh. Verteilen von Werbeflyern durch kalte Münchner Januarluft zwölf Stunden, Tag für Tag. Der Traum der Einbürgerung. Aber es wurde nichts draus. Am tiefsten war die Scham gegenüber Julius. Er hatte nichts falsch gemacht. Nur sie hatte die Brücke verbrannt und stand jetzt barfuß am Isarufer der Entscheidung.

Zurück ins Haus der Mutter, kurz Kraft getankt, dann raus aufs Land zu Oma im Spessart. Frische Luft, Kartoffelpuffer, tageweise Ruhe.

Wenn sie nicht weiterwusste, erinnerte sie sich an Drushko, den Mischlingshund ihrer Oma. Hunde, dachte Hannah, wissen mehr vom Träumen als ihre Besitzer.

Als sie zurückkam, wollte sie keine alten Wege betreten. Das Architekturbüro in München, der gut geflieste, aber langweilige Alltag nein. Stattdessen wurde sie Maklerin, mit einer Portion Wahnsinn und viel Kaffee. Bald klappte alles: Probearbeit, erstes Lob, erste Provision.

Ein andauernder Wechsel zwischen Licht und Schatten: Julius tauchte ab und zu in Gedanken auf, doch anrufen wollte sie ihn nicht. Was sollten Worte, nach all den Jahren? Inzwischen war sie allein. Freundeskreis: zerronnen wie Spreewasser.

*****

An einem Nachmittag bot Hannah ein Grundstück in einem Dorf bei Ingolstadt an. Käufer wollten sich partout nicht finden. Schließlich: ein altes Ehepaar, Franz und Marie, interessiert an einem Leben mit viel Baumschatten und wenig Lärm.

Sie fuhren mit dem Wagen vor, spazierten dann zu Fuß am Bäcker vorbei, um das echte Dorf zu schnuppern. Plötzlich: ein riesiger Hund, zwischen Bernhardiner und Zehn-Mark-Schein, steckte den Kopf durchs Tor und starrte. Dann erkannte er Hannah, sein Schweif wedelte, als hätte er den Lottojackpot gewonnen.

Sie streichelte ihn, um zu zeigen: In dieser deutschen Provinz sind nicht mal die Hunde giftig. Menschen vielleicht schon, Hunde nie.

Ein, zwei Stunden lief man kritisch durch das Haus, sie diskutierten Küche, Garten, Heizung und Nachbarn. Hannah erzählte von den Sonnenuntergängen und den Eigenheiten des Hauses.

Was meinst du?, fragte Hannah nach dem Abschlussrundgang. Könnten Sie sich vorstellen, hier zu leben?

Schön ist es hier schon, sagten beide und baten um Bedenkzeit.

Hannah ahnte, wie das ausgeht ein Nein, höflich in bayerische Höflichkeit verpackt.

Auf dem Rückweg beobachtete sie, wie Gertrud, jene grantige Oma, ihrem Hund eine Schnur an das nächstbeste Straßenschild knotete. Der Hund verstand: Dies ist kein guter Moment.

Hannah schaute zu, bis sie nicht mehr anders konnte. Entschuldigen Sie, warum binden Sie den Hund hier fest?

Willst du ihn mitnehmen, Mädel? Kein Mensch will so eine Bell-Null. Der kann nicht mal bellen hoch degeneriert. Viel Spaß mit so einem Hund!

Hannah wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Schon im Traum wurde aus Gertrud eine Märchengestalt mit dem Sinn für Grausamkeit.

Gertrud grinste: Ich bin gleich dran, mit dem Tierarzt. Der Steffen, der macht das für einen halben Kasten Bier.

Hannah stockte. Sie wollen den Hund einschläfern, weil er nicht bellt?

So siehts aus! Und du, ab in die Stadt, lass mich mit meinen Tiergeschichten in Frieden. Noch so ein Wort und ich weck meinen Sohn. Dem zeig ich mal, wie man Träume zerplatzen lässt!

Hannah überlegte fieberhaft. Klauen? Weglaufen? Hund ins Taxi? Nach Hause? Alles schmeckte nach Märchensalat. Sie schnappte ihr Handy, ihr letzter Joker.

Dann ruf ich eben meinen Mann an!, rief sie ohne nachzudenken.

Ach, du hast einen? Mein Beileid! So viel Wahnsinn geteilt.

Hannah wählte. Innerlich ein Gebet, leise und zitternd wie eine Orgel im Dom: Bitte geh ran, bitte geh ran

Sie hören?, erklang Julius Stimme.

Hannah fuhr zusammen. Er klang wie damals: weich, beruhigend, vertraut.

JuliusI-ich Erkennst du mich?

Natürlich. Deine Stimme zittert immer, wenn du in Not bist.

Sie schilderte knapp die Lage. Hund, Oma Gertrud, drohende Spritze Julius verstand sofort.

Schick mir die Adresse. Bin gleich da.

Zwanzig Minuten später rauschte Julius vor. Gertrud weckte schon ihren Sohn, es wurde laut im Haus, lauter als die Dorfkirchenglocke am Sonntag.

Julius löste wortlos die Leine und der Hund, nennen wir ihn Emil, sprang fröhlich ins Auto. Während drinnen das Chaos eskalierte, entkamen Julius, Hannah und Emil im Kleinwagen. Niemand hielt sie auf, niemand weinte ihnen nach.

*****

Du hast also wirklich das Haus gebaut?, staunte Hannah, als sie in Julius´ Hof auffuhr.

Klar doch, lachte er und zeigte stolz auf einen frisch gebauten, sonnenbeschienenen Anbau.

Während Emil im Garten herumtollte, Tee auf dem Tisch dampfte und aus dem Küchenfenster Licht fiel, saßen sie zusammen zwei Menschen, die einst an verschiedenen Träumen gehängt hatten.

Du bist also wieder da?, fragte Julius nebenbei.

Ja. Es gab viele Gründe dafür. Und nein, ich habe niemand neuen kennengelernt.

Soll auch keiner. Ich warte hier. Für dich. Julius lächelte zurückhaltend.

Plötzlich lief Emil um sie herum, als wollte er sagen: Leute, was ist los? Ihr liebt euch doch. Was hält euch ab?

Halb Jahr später es war eine Nacht, in der das Münchner Rathaus im Regen glitzerte Julius kniete, reichte einen Ring und sagte: Bleib doch.

Hannah nahm den Traum, drehte ihn wie eine Schneekugel, lächelte und sprach ihr: Ja!

Emil wedelte zufrieden. Bald gab es ein Fest mit Apfelstrudel, Bier und vielleicht, in ganz weiter Ferne, Kinderstimmen und einer dicken schwarz-weißen Katze auf dem Fensterbrett.

Die Geschichte löste sich auf, wie Dampf über deutschem Pflasterstein und irgendwo, in diesem märchenhaft-verdrehten Traumland, war alles endlich gut.

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Homy
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