SELBER EIN GESCHENK
Anja Schuster eine attraktive, blauäugige Brünette um die fünfzig mit weiblichen Rundungen, leicht zur Fülle neigend, steht gerade am Fenster einer luxuriösen Suite eines Fünf-Sterne-Hotels in Travemünde. Sie nimmt einen Schluck Haselnusslikör und sinniert:
Na, da bin ich also angekommen Geschiedene Frau mittleren Alters, allein in einem Hotel für Verliebte. Zum Glück ist es wenigstens eine Suite und nicht irgendein Motel mit Ausblick auf den Parkplatz das wäre wirklich die Krönung der Peinlichkeit.
Anja ist überzeugt, dass die Romantik spätestens vor zwanzig Jahren endete ungefähr gleichzeitig mit den letzten knallenden Türen und der Pubertät ihrer Kinder. Männer tauchten zwar immer wieder in ihrem Leben auf, doch jedes Mal endete es in einer Enttäuschung, bei der sie haarscharf an einer Depression vorbeischrammte. Sie beschloss für sich: Beziehungen sind einfach nicht ihr Ding.
Doch dann tauchte ER auf ihr virtueller Verehrer. Seine Nachrichten ließen ihre Wangen erröten und sorgten dafür, dass sie ganz automatisch ihre Haltung verbesserte. Am liebsten hätte sie die Texte eingerahmt und an den Kühlschrank gehängt so hätte sie immer etwas zu lesen und zugleich einen guten Grund, den Kühlschrank geschlossen zu halten. Manchmal denkt Anja, entweder besucht ihr Bewunderer einen Literaturzirkel oder er hat schlicht viel zu viel Zeit.
Wieder wird sie zu Anjelein. Kauft sich ein Kleid, das bei ihren Kolleginnen missgünstige Blicke hervorruft, einen BH, so teuer wie ein Flugticket, und meldet sich sogar im Fitnessstudio an. Ihre Kniebeugen macht sie derart engagiert, als hinge das Schicksal Mitteleuropas davon ab.
Falls ich morgen beim Sport sterbe, bitte im neuen Kleid beerdigen. Da kann mein Ex ruhig eifersüchtig werden!, witzelt sie düster gegenüber ihren Freundinnen.
Das Treffen findet statt und läuft blendend. Mehr Details braucht es nicht, nur so viel: Anja sieht am nächsten Morgen entspannt und um Jahre verjüngt aus, als sie in den Spiegel schaut.
Beim zweiten Date jedoch läuft alles schief. Sie wählen zur Krönung der Romantik das bezaubernde Lübeck, direkt an der Ostsee. Anja plant, freut sich, ist aufgeregt aber kurz vor dem Wiedersehen erwischt ihn ein starker Blutdruckschub und so sitzt sie allein im Hotelzimmer einer fremden Stadt. Solche Dramen gehen scheinbar nicht mehr spurlos an ihr vorbei. Das Schicksal zwinkert ihr zu: Mädel, übertreibs nicht.
Anja setzt sich ans Fenster mit einem Glas Likör und versucht das Ganze nüchtern zu betrachten:
Na und? Was werde ich mal meinen Enkeln erzählen? Oma, wie hast du deinen zweiten Frühling erlebt? Auf dem Flughafenparkplatz und wartend auf einen Kerl mit Blutdrucktabletten. Romantik pur!
Am nächsten Morgen gönnt sie sich einen ausgiebigen Spa-Besuch und entscheidet: So, Schluss jetzt. Ab sofort feiere ich meine Feste, wie sie fallen nur noch für mich! Dort wird ihr versichert, ihre Haut strahle jetzt förmlich. Im Spiegel sieht sie jedoch eher einen dezenten Ölglanz als jugendliche Frische.
Die Stadtführung ist ein Traum. Der Guide groß, grauhaarig, mit weicher Stimme fesselt mit seinen Geschichten. Neben Anja plappert eine ältere Dame im Jogginganzug, doch sie hört nur auf den Guide. Während er von Hanseaten und Hafen-Streitigkeiten erzählt, denkt Anja: Männer führten seit Jahrhunderten Kriege um Städte, Frauen hingegen kämpfen um Aufmerksamkeit. Das Gleichgewicht der Welt bleibt stets erhalten.
Sie müssen unbedingt unseren Apfelstrudel probieren!, drängt der Stadtführer die Gruppe und blickt ihr direkt in die Augen, als er sie ins beste Café der Stadt führt.
Der Strudel ist ein Gedicht. Fast könnte Anja sich verlieben allerdings eher in die buttrige Kruste mit Äpfeln. Auf Apfelstrudel ist halt immer Verlass, bei Männern weiß mans nie, denkt sie amüsiert.
Danach folgt eine Shoppingtour: ein Bernsteinanhänger und ein türkisfarbenes Kleid, so eng, dass sie sich beim Betrachten im Spiegel selbst zublinzelt. Es ist derart gewagt, dass Anja nicht weiß, ob sie sich traut, es je zu tragen. Egal, gekauft ist gekauft.
Im Flieger zurück nach München schaut Anja aus dem Fenster. Die Stadt verschwindet langsam und mit ihr die letzten romantischen Erwartungen.
Was soll’s vielleicht sehen sie sich nochmal, vielleicht auch nicht. Das Leben geht jedenfalls weiter.
Vor ihr warten ein neuer Kleiderschrank, ein paar geplante Urlaube und wer weiß noch ein Strudel. Mit oder ohne Mann.
Und wenn ohne, dann wenigstens mit einer Kugel Vanilleeis dazu, schmunzelt sie und döst entspannt ein.





