Es war einmal vor langer Zeit, da hatte meine Mutter nur ein Auge. Ich schämte mich für sie und hasste sie dafür. Um unsere Familie zu ernähren, arbeitete sie als Köchin in einer Schule. Damals, als ich noch ein Kind war, kam sie eines Tages zu mir in die Klasse. Mir war, als würde der Boden unter mir verschwinden. Wie konnte sie das nur tun? Vor Scham tat ich so, als sähe ich sie nicht, warf ihr einen wütenden Blick zu und rannte davon. Am nächsten Tag spottete ein Klassenkamerad: He, deine Mutter hat ja nur ein Auge! Ich hätte am liebsten den Boden verschluckt. Ich wünschte, sie wäre einfach verschwunden. Als ich sie später sah, fauchte ich sie an: Wärst du nicht lieber tot, als mich immer bloßzustellen?
Sie antwortete nicht. In meinem Zorn dachte ich nicht darüber nach, wie sie sich fühlte. Ich wollte sie nicht bei mir haben. Später arbeitete ich hart, ging zum Studium nach München und gründete eine Familie. Ich kaufte ein Haus, bekam Kinder und war zufrieden. Doch eines Tages stand sie plötzlich vor meiner Tür nach all den Jahren, ohne ihre Enkel je gesehen zu haben. Meine Kinder lachten über sie. Wie konnte sie es wagen, meine Familie zu erschrecken? Verschwinde!, brüllte ich. Leise erwiderte sie: Verzeih mir. Ich muss mich verlaufen haben. Dann war sie fort.
Jahre später erhielt ich eine Einladung zu einem Klassentreffen. Als Vorwand erzählte ich meiner Frau, ich müsse geschäftlich verreisen. Nach dem Treffen trieb mich die Neugier zu unserem alten Haus. Die Nachbarn sagten, meine Mutter sei gestorben. Es berührte mich kaum. Doch dann gaben sie mir einen Brief von ihr:
*Mein liebster Sohn, ich habe immer an dich gedacht. Es tut mir leid, dass ich nach München kam und deine Kinder erschreckte. Als ich hörte, du würdest zum Klassentreffen kommen, war ich so froh doch ich wusste nicht, ob ich noch aufstehen könnte. Es schmerzt mich, dass du dich mein Leben lang für mich geschämt hast. Weißt du noch? Als du klein warst, verlor du bei einem Unfall dein Auge. Ich konnte nicht ertragen, dass du einäugig aufwachsen musstest also gab ich dir meins. Nun bin ich stolz, dass du mit diesem Auge siehst. In Liebe, deine Mutter.*





