**Tagebucheintrag: Damit Oma lange lebt**
Alles im Leben geschieht irgendwann zum ersten Mal. Die erste Lehrerin, die erste Liebe, das erste Date, der erste Kuss. Doch Gisela wird ihre erste Gebetsstunde nie vergessen. Dieses Gefühl begleitet sie ein Leben lang die heilige Liebe zu ihrer Oma Edeltraud und ihr erstes Gespräch mit Gott.
Gisela ist in Rente und lebt allein. Ihre Tochter ist längst verheiratet und wohnt mit ihrer Familie in einer größeren Stadt wie München. Gisela hat ihr ganzes Leben in einem kleinen Dorf verbracht, heiratete dort, und vor acht Jahren begrub sie ihren Mann. Gelegentlich geht sie in die Kirche, zündet Kerzen an und betet für ihre Lieben.
An diesem Tag, als sie sich für den Kirchgang fertig machte, erinnerte sie sich plötzlich an ihre Kindheit und ihr erstes Gebet. Ihre Eltern kannte sie kaum sie starben bei einem Motorradunfall auf dem Heimweg aus der Stadt. Seit ihrem dritten Lebensjahr hatte Oma Edeltraud sie aufgezogen.
Im Herbst, als die Blätter gelb wurden und ein leichter Regen fiel, wurde Gisela krank.
Irgendwo hats dich durchgezogen, sagte Oma und strich ihr über die Stirn. Ich sags doch immer: Setz eine Mütze auf! Der Wind hat dich erwischt, und jetzt liegst du da. Der Herbst
Statt ins Krankenhaus zu fahren, pflegte Edeltraud sie mit Hausmitteln. In der ersten Nacht fieberte Gisela sogar leicht, hatte wirre Träume, wachte auf und schlief wieder ein. Damals war sie acht Jahre alt.
Am Morgen, als Oma merkte, dass sie wach war, nahm sie Fieber:
Gott sei Dank, es ist gesunken. Gisela, mein Schatz, was brauchst du?
Tee, flüsterte das Mädchen und leckte sich über die trockenen Lippen.
Gleich, mein Liebling. Ich mach dir Holundersirup mit Honig, das ist das beste bei Krankheit. Vertreibt jedes Wehwehchen.
Gisela kannte das. Immer wenn sie im Winter krank wurde, behandelte Oma sie so. Sie trank den Tee und aß die bittersüße Masse am Boden der Tasse. Sie mochte den Geschmack. Wenn Oma Zeit hatte, saß sie neben ihr, strickte Socken, sang Lieder oder erzählte Geschichten aus ihrem Leben. Abends betete sie immer manchmal auch tagsüber und bat Gott, dass Gisela bald gesund würde.
Eines Abends, als Gisela zusah, wie Oma vor den Heiligenbildern in der Ecke betete, wo ein kleines Öllämpchen brannte, durchfuhr sie eine plötzliche Angst.
Was, wenn Oma stirbt? Dann bin ich ganz allein. Bisher hatte sie nie darüber nachgedacht, doch jetzt überkam sie die Furcht.
Sie stellte sich vor, wie Oma im Sarg lag. Sie hatte gesehen, wie im Herbst Nachbarin Klara beerdigt wurde. Deren Enkel Stefan war ihr Freund, sie gingen sogar zusammen zur Schule. Mit Oma hatte sie die Nachbarn besucht um Abschied zu nehmen, wie Oma sagte.
Plötzlich fürchtete Gisela sich so sehr, allein zu sein, dass sie weinte. Gerade da kam Oma zu ihr.
Was ist denn, mein Schatz? Warum weinst du? Sie strich ihr sanft über den Kopf.
Oma stirbst du nicht?
Oma war einen Moment sprachlos. Ich? Irgendwann kommt die Zeit. So ist das nun mal auf Erden.
Aber nicht bald?
So, wie Gott es will. Warum fragst du?
Ich weiß nicht Warum müssen Menschen sterben?
Ach, du liebe Güte! Das ist der Lauf der Dinge. So hat es der Herr beschlossen.
Aber warum?
Das, mein Kind, wissen wir nicht, sagte Oma nachdenklich. Und wir brauchen es auch nicht zu wissen. Lebe einfach nach Gottes Geboten, mehr gibts nicht zu tun. Wenn die Stunde kommt, dann kommt sie.
Also bestimmt Gott über unser Leben?
Natürlich.
Kann er auch bewirken, dass jemand lange lebt?
Er kann alles, antwortete Oma, bekreuzigte sich und verließ das Zimmer.
Da kam Gisela ein Gedanke. *Worum betet Oma eigentlich? Bestimmt bittet sie Gott, ihr ein langes Leben zu schenken. Dann sollte ich das auch tun. Ich will nicht allein sein. Oma sagt immer, Kindergebete werden besonders erhört. Aber wie macht man das, ohne dass es jemand hört? Nur Gott darf es mitbekommen.*
Am nächsten Tag ging Oma zur Kirche.
Gisela überlegte. Sie würde beten, wenn Oma weg war vielleicht beim Einkaufen oder bei der Nachbarin. Die Gelegenheit kam schneller als gedacht.
Gisela, ich bin gleich zurück. Soll ich Stefan holen, damit du Gesellschaft hast?
Nein, Oma, ich bleib allein. Stefan kommt eh später.
Wie du willst. Ich geh schnell in die Kirche, ein Gebet sprechen.
Gisela sah vom Fenster aus, wie Oma den Hof verließ und um die Ecke bog, Richtung Kirche. Sie zog die Vorhänge zu, damit niemand sah, wie sie betete.
Auf Omas Andachtsregal standen einige Heiligenbilder. Sie erkannte den Heiligen Nikolaus und die Muttergottes von ihnen hatte Oma oft erzählt. Sie trat vor die Bilder und überlegte. Das Haus war still. Schließlich entschied sie sich für den Heiligen Nikolaus.
Ich kenne kein Gebet, dachte sie.
Die Heiligen schauten sie an, und sie fühlte sich unbehaglich.
Ich will für Oma beten, aber wie fängt man an? Wie redet man mit einem Heiligen?
Plötzlich kam ihr eine Idee.
Wenn ich einfach bitte, dann hört man mich im Himmel schon. Die wissen ja, dass ich noch klein bin und keine Gebete kenne. Aber ich könnte Oma fragen, ob sie mir eines beibringt.
Sie schaute das Bild des Heiligen Nikolaus an und flüsterte:
Bitte sorg dafür, dass meine Oma Edeltraud niemals stirbt Nein, nicht so. Dass sie ganz lange lebt. Ihre Beine tun ihr weh, und ihr Herz Was, wenn sie bald stirbt? Ich hab Angst, allein zu sein. Gib ihr Gesundheit Ich hab sie so lieb. Bitte hilf mir, dass sie lange lebt. Sie ist so gut und betet immer für andere, jetzt ist sie wieder in der Kirche.
Alles, was ihr einfiel, sagte sie leise vor sich hin. Ihr Herz wurde schwer von dem Wunsch, dass der Heilige Nikolaus helfen möge. Dann legte sie sich hin und wartete auf Oma.
Endlich hörte sie, wie die Tür aufging. Oma kam herein und gab ihr ein Stück Schokolade.
Na, wie gehts dir, mein Schatz?
Gut, Oma. Sag mal wie betet man zum Heiligen Nikolaus?
Wie zu allen Heiligen. Warum fragst du?
Gibt es ein besonderes Gebet für ihn?
Natürlich, sagte Oma und sah sie prüfend an. Mehr als eines. Heute Abend zeig ichs dir.
Okay, Oma.
Oma ging in die Küche, um den Ofen anzuheizen, und dachte nach. *Was ist nur mit meiner Gisela? Plötzlich fragt sie nach Gebeten Aber eigentlich ist das gut. Ich werd ihr eines beibringen.*
Am Abend betete Oma Edeltraud wieder, und Gisela sprach einige Worte mit. Als Oma sich zu ihr aufs Bett setzte, fragte sie:
Oma, wenn man den Heiligen Nikolaus um etwas bittet, gibt er es an Gott weiter?
Oma lächelte und strich ihr übers Haar. So ungefähr. Er bittet Gott für uns. Dass es uns gut geht und wir gesund bleiben.
Gisela schlief sofort ein, fest und tief. Noch dachte sie: *Also hab ich richtig gebetet. Oma wird lange leben. So wird es sein.*
In der Nacht träumte sie von einem hohen, alten Mann mit weißem Bart, einem Kreuz auf der Brust und einem aufgeschlagenen Buch in der Hand. Er lächelte sie warmherzig an.
Am Morgen wachte sie gesund auf. Ihr Herz war leicht, und sie dachte: *Sie haben mich gehört. Meine Oma wird lange leben.*
Da kam Oma herein und lächelte.
Wie gehts dir? Sie fühlte ihre Stirn. Kein Fieber, aber lass uns trotzdem messen.
Oma, mir gehts gut. Ich bin gesund.
Wunderbar. Stefan ist schon zur Schule gelaufen und hat nach dir gefragt. Nach dem Unterricht kommt er vorbei. Du solltest auch langsam wieder hingehen.
Ja, Oma. Ich freu mich schon.
Oma Edeltraud wurde achtundachtzig Jahre alt. Gisela heiratete, bekam eine Tochter, und als Oma schließlich bettlägerig wurde, pflegte sie sie mit liebevoller Hingabe. Doch eines Tages, still in der Nacht, kam die Stunde, von der Oma einst gesprochen hatte.
Obwohl Gisela nicht oft in die Kirche geht, besucht sie sie heute. Sie will ihrer Eltern und ihrer geliebten Oma gedenken denn heute wäre Edeltrauds Geburtstag. Diese Erinnerung trägt sie ein Leben lang in sich, zusammen mit der Liebe zu ihrer Oma.
**Was ich daraus gelernt habe:** Gebete mögen nicht immer Wunder bewirken, aber sie halten die Erinnerung und die Liebe lebendig. Manchmal ist das Gebet selbst das Wunder.





